Druckversion
Dienstag, 6.10.2026, 02:01 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/idz-frag-den-staat-gegenrechtsschutz-studie-rechtsextreme-bedrohung-juristische-intervention-klagen-abmahnungen-slapp
Fenster schließen
Artikel drucken
52033

Studie zu rechtsextremen Einschüchterungsklagen: "Sie ver­su­chen, uns damit zu läh­men"

von Antonetta Stephany

20.06.2023

Demonstrant:innen protestieren mit einem Megafon

Demokratie lebt von Meinungsfreiheit - doch immer wieder versuchen rechtsextreme Gruppen andere davon abzuhalten, ihre Meinung zu äußern. Die Mittel dazu sind vielfältig. Foto: Jacob Lund/stock.adobe.com

Hasskommentare, Gewalt auf Demos, Drohnachrichten – das Spektrum an rechtsextremer Bedrohung ist breit. Wie sieht ein Dunkelfeld von Klagen, Abmahnungen und juristische Einschüchterung aus? Dem widmet sich eine aktuelle Studie des IDZ Jena.

Anzeige

Demokratie lebt von Meinungsaustausch. Deshalb wird die Demokratie gefährdet, wenn Gruppierungen in einer Demokratie zur Verstärkung der eigenen Meinung versuchen, Gegenstimmen verstummen zu lassen. 

Dieses Phänomen ist von rechtsextremer Seite immer wieder zu beobachten: In sozialen Netzwerken werden Personen, die sich gegen rechtsextreme Ideen engagieren, mit Hasskommentaren überhäuft und ihre personenbezogenen Daten veröffentlicht. Politiker:innen, Journalist:innen oder andere öffentliche Personen erhalten von rechtsextremer Seite Drohbriefe oder werden sogar Opfer von Gewaltverbrechen. Demonstrant:innen, die sich für die freiheitlichen Werte des Grundgesetzes einsetzen, sind ebenfalls mit verbaler oder physischer Gewalt konfrontiert. 

Strategic Lawsuits Against Public Participation

Ein weiteres Mittel, das aber nicht immer vergleichbare mediale und öffentliche Aufmerksamkeit erhält, ist die juristische Intervention von rechtsextremer Seite. Eine Dimension, die auch die EU-Kommission bereits in einem Vorschlag für eine neue EU-Richtlinie aufgreift, sind dabei so genannte "SLAPPs", Strategic Lawsuits Against Public Participation. Doch die Mittel juristischer Intervention beschränken sich nicht auf Klagen, es sind weitere Formen wie Abmahnungen oder juristische Einschüchterungsversuche über Anwält:innen denkbar. "Sie versuchen, uns damit zu lähmen", beschreibt ein Betroffener das Phänomen.

Inwieweit es sich dabei um ein messbar etabliertes System handelt, war Forschungsfrage einer Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena. Dazu wurden (potentiell) Betroffene, vor allem Journalist:innen, Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Lokalpolitiker:innen befragt. In knapp 25 Interviews und Hintergrundgesprächen, einer Onlineumfrage mit knapp 250 Befragten sowie der Auswertung von gerichtlichen Entscheidungen war Ziel, die Dunkelziffer solcher rechtsextremer juristischer Interventionen zu erhellen, die Folgen solcher Interventionen zu skizzieren und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene auszuloten.

IDZ: Netzwerk rechtsextremer Akteur:innen und Kanzleien

Ergebnis der Studie ist, dass sich ein Netzwerk aus verschiedensten rechtsextremen Akteur:innen und einzelnen Kanzleien entwickelt habe. Dieses setze flächendeckend und auch präventiv juristische Mittel ein, um ein breites Bedrohungsszenario zu schaffen. Dabei seien Opfer insbesondere Personen, die aufgrund mangelnder Vernetzung als vulnerabel gelten, da sie beispielsweise keine ausreichende Unterstützung in psychischer und finanzieller Hinsicht haben, sich gegen solche juristischen Angriffe zu wehren. 

Das IDZ relativiert die Ergebnisse der Studie dabei allerdings ein Stück weit selbst. So wird angemerkt, dass weiterer Forschungsbedarf bestehe, da eben nur Betroffene befragt wurden, Anwält:innen oder andere Akteur:innen im untersuchten Kontext wurden weitgehend nicht erfasst. 

Anzeige

Handlungsempfehlungen: Weitere Forschung und Unterstützungsangebote

Insgesamt empfiehlt das IDZ daher weitere Forschungen, die eben nicht nur Betroffenenperspektiven abfragen, sondern auch das von diesen Betroffenen angesprochene Netzwerk rechtsextremer juristischer Intervention "akteurszentriert" zu untersuchen. 

Darüber hinaus sollte überprüft werden, inwieweit auf juristischer beziehungsweise politischer Ebene Mittel geschaffen werden könnten, allgemein gegen den missbräuchlichen Einsatz juristischer Mittel vorgehen zu können. Aktuell sei hier nur eine negative Feststellungsklage möglich, diese komme in der Praxis aber sehr selten zur Anwendung. 

Schließlich sollten Beratungsstellen und Netzwerke etabliert werden, die Betroffene in entsprechenden Situationen unterstützen, finanziell, psychisch oder durch die Vermittlung von Anwält:innen. Auch sollten diese Stellen bereits präventiv tätig werden und potentielle Betroffenengruppen auf die Bedrohungen aufmerksam machen oder auch einzelne Äußerungen bereits im Vorfeld auf ihre Justiziabilität zu prüfen.

Initiative "Gegenrechtsschutz"

Ein Projekt in diese Richtung ist der "Gegenrechtsschutz", das in Kooperation mit der NGO "FragDenStaat" eingerichtet wurde. "Der Gegenrechtsschutz ist Infrastruktur gegen rechte Angriffe auf die Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit", beschreibt das Projekt sich selbst. In der Praxis sollen Betroffenen gegen Abmahnung oder Klagen von rechtsextremer Seite beraten und unterstützt werden, juristische Expertise zu dem Bereich soll gebündelt werden und es sollen Netzwerke etabliert werden.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Studie zu rechtsextremen Einschüchterungsklagen: . In: Legal Tribune Online, 20.06.2023 , https://www.lto.de/persistent/a_id/52033 (abgerufen am: 06.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Abmahnung
    • Demokratieprinzip
    • Meinungsfreiheit
    • Rechtsextremismus
    • Rechtsschutz
Steffen Augsberg, Christian Heinz, Uwe Becker und Josef Schuster bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin 05.10.2026
Antisemitismus

Neues Gutachten:

Exis­tenz­recht Israels darf geschützt werden

Ist das vom Bundesrat vorgeschlagene Gesetz zum Schutz des Existenzrechts Israels verfassungswidrig? Rechtsprofessor Steffen Augsberg hat jetzt ein Gutachten vorgelegt und hält das Projekt für grundgesetzkonform, berichtet Christian Rath.

Artikel lesen
Ein Demonstrant zerstört eine israelische Flagge mit seinen Schuhen auf einem blauen Davidstern, Beirut, 09.10.2023. 05.10.2026
Antisemitismus

"Leugnung des Existenzrechts des Staates Israel":

Alle Staaten ver­dienen Schutz vor Ver­nich­tungs­auf­rufen

Die "Leugnung des Existenzrechts Israels" unter Strafe stellen: Dieser Impuls aus Hessen ist richtig, seine Umsetzung verstößt aber wohl gegen das Grundgesetz. Einen verfassungskonformen Alternativvorschlag formuliert Daniel Botmann.

Artikel lesen
Hessischer Justizminister Heinz ist klein unter einem hessischen Wappen im Justizzentrum zu sehen 02.10.2026
Richter

Hessischer Justizminister nach offenem Brief zum AfD-Verbot:

Erst Erlass, jetzt: "Richter dürfen sich poli­tisch betä­tigen"

In der hessischen Justiz gab es eine scharfe Auseinandersetzung, nachdem einige Richterinnen und Richter einen offenen Brief zum AfD-Verbot gezeichnet hatten. Justizminister Heinz reagierte erst mit einem Erlass, ruderte aber nun zurück. 

Artikel lesen
Stimmabgabe in einem Hamburger Wahllokal zu zwei Volksentscheiden am 12.10.2025 02.10.2026
Volksabstimmung

Hamburgisches Verfassungsgericht:

Volks­ent­scheid zum Grund­ein­kommen wird nicht wie­der­holt

Vor dem Hamburgischen VerfG rügen die Initiatoren des 2025 gescheiterten Volksentscheids zum Grundeinkommen mehrere Fehler. Das Gericht erkannte zwar Verstöße gegen das Sachlichkeitsgebot. Für eine Wiederholung reichte es aber nicht.

Artikel lesen
Ein Schild mit der Aufschrift “Justiz” vor dem Justizzentrum in Magdeburg 30.09.2026
Nachrichten

OVG Sachsen-Anhalt folgt BVerwG-Rechtsprechung:

Vor­erst kein Refe­ren­da­riat nach rechts­ex­t­remer Ver­gan­gen­heit

Ein wegen diskriminierenden und extremistischen Verhaltens aus der Bundeswehr entlassener Mann will ins Rechtsreferendariat. Daraus wird aber nichts. Das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg lehnte seinen Eilantrag ab.

Artikel lesen
Maja T. bei der Verknüpfung des Berufungsurteils in Budapest 30.09.2026
Nachrichten

Berufungsgericht in Ungarn reduziert Haftstrafe:

Maja T. zu sieben Jahren Haft ver­ur­teilt

Das Berufungsgericht in Ungarn hat die Haftstrafe gegen die non-binäre Person Maja T. von acht auf sieben Jahre verringert. Ihre Auslieferung nach Ungarn hatte das Bundesverfassungsgericht für rechtswidrig erklärt. Die Rücküberstellung ist…

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von IRLE MOSER Rechtsanwälte PartG
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d) – Me­di­en / Pres­se / IP

IRLE MOSER Rechtsanwälte PartG, Ber­lin

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Rechts­an­walt (m/w/d) Steu­er­recht / M&A

Flick Gocke Schaumburg, Mün­chen

Logo von Katholisches Büro Nordrhein-Westfalen
Jus­t­i­tiar/in (m/w/d)

Katholisches Büro Nordrhein-Westfalen, Düs­sel­dorf

Logo von Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb)
JU­RIS­TI­SCHE*R RE­FE­RENT*IN

Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), Pots­dam und 1 wei­te­re

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te für den Be­reich Fi­nan­cial Ser­vices Re­gu­lato­ry und...

Simmons & Simmons, Frank­furt am Main

Logo von WTW & Kollegen
Rechts­an­walt/Rechts­an­wäl­tin

WTW & Kollegen, Mün­chen

Logo von CMS
Se­nior Le­gal En­gineer (m/w/d) AI / De­ve­lop­ment

CMS, Stutt­gart und 7 wei­te­re

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Di­p­lom Kauf­mann (m/w/d) Steu­er­recht / M&A

Flick Gocke Schaumburg, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Fokus

07.10.2026

Bezüge zum Erb- und Familienrecht im Gesellschaftsvertrag – Aktuelle Praxisfragen und Best Practice

06.10.2026

Juristinnen netzwerken … After Work live in Berlin

08.10.2026, Berlin

Rechtskataster neu gedacht: Wie Sie ISO-Audits entspannt bestehen und Fachbereiche entlasten

06.10.2026

FOKUS UNGARN: Erfolgreicher Markteintritt

06.10.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH