Druckversion
Freitag, 12.06.2026, 04:37 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/brandenburg-paritaetsgesetz-tritt-in-kraft-frauen-landtag
Fenster schließen
Artikel drucken
42053

Mehr Frauen ins Parlament: Bran­den­burg startet mit Pari­täts­ge­setz

30.06.2020

Geschlechterparität (Symbol)

Prostock-studio - stock.adobe.com

Seit Dienstag hat Brandenburg eine gesetzlich festgelegte Quote für Kandidatenlisten der Landtagswahlen. In mehreren Ländern wird über ähnliche Regelungen diskutiert. Doch es gibt rechtliche Bedenken.

Anzeige

Hamburg hat die Nase vorn, Sachsen-Anhalt ist Schlusslicht: Wenn es um den Frauenanteil in den Landesparlamenten geht, sind die Unterschiede in Deutschland groß. In der Hamburger Bürgerschaft sind 55 der 123 Abgeordneten weiblich, das entspricht einer Quote von knapp 48 Prozent, in Sachsen-Anhalt sind es nur 19 von 87 also rund 22 Prozent. Brandenburg liegt mit einem Anteil von etwas über einem Drittel im Mittelfeld. Das soll sich ändern: Seit Dienstag ist in Brandenburg das Paritätsgesetz in Kraft.

Die Änderung des Landeswahlgesetzes soll aber erst bei künftigen Landtagswahlen dafür sorgen, dass gleich viele Frauen und Männer auf den Kandidatenlisten der Parteien berücksichtigt werden. Die nächste Landtagswahl ist im Jahr 2024 vorgesehen. Als erstes Bundesland hatte Brandenburg im vergangenen Jahr ein Paritätsgesetz für mehr Gleichstellung bei Wahllisten der Parteien beschlossen. Transgender sollen entscheiden, ob sie auf der Männer- oder Frauenliste antreten. Wegen verfassungsrechtlicher Bedenken bleiben die Direktkandidaten in den Wahlkreisen ausgenommen.

"Gesetzliche Regelungen alleine reichen zwar nicht, sie erhöhen aber den Druck, die Voraussetzungen für Frauen zu verändern", sagt die Brandenburger SPD-Landtagsabgeordnete Elske Hildebrandt. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke betont, das Paritätsgesetz sei überfällig gewesen. "Mit unserem Paritégesetz waren wir bundesweit Vorreiter." Allerdings: "Es ist juristisch umstritten. Wenn man aber niemals mutig ist, wird es nichts."

Mehrere Bundesländer diskutieren Paritätsregelung

Nun entscheidet erstmal das Verfassungsgericht Brandenburg über das Gesetz, das Grüne und die rot-rote Koalition auf den Weg brachten. Die Piratenpartei, die NPD, die AfD und eine Privatperson hatten sich an das Gericht gewandt, sie wollen das Paritätsgesetz kippen. Auch die CDU, damals in der Opposition, hielt das verabschiedete Gesetz für verfassungswidrig.

Thüringen änderte im vergangenen Jahr ebenfalls sein Landeswahlgesetz, um mehr Frauen ins Parlament zu bringen. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) kündigte aber nach seiner Wiederwahl im März an, die Paritätsregelung außer Kraft zu setzen. Damit will er die Pläne für eine vorgezogene Landtagswahl 2021 rechtlich nicht gefährden. Denn auch dort entscheiden erstmal die Verfassungsrichter: Am 15. Juli soll ein Grundsatzurteil fallen, ob Parteien die paritätische Besetzung ihrer Wahllisten mit Frauen und Männern per Gesetz vorgeschrieben werden kann.

In mehreren Bundesländern wird über eine Paritätsregelung diskutiert. So gibt es in Berlin Überlegungen in der rot-rot-grünen Koalition. In Bremen vereinbarte Rot-Grün-Rot im Koalitionsvertrag, ein Gesetz nach Brandenburger Modell zu prüfen. In Hamburg soll sich die neue Bürgerschaft für paritätische Wahllisten einsetzen. In Niedersachsen kündigte die SPD einen Vorschlag an, nachdem Ministerpräsident Stephan Weil für eine Änderung des Wahlrechts plädiert hatte. In Rheinland-Pfalz sprach sich Frauenministerin Anne Spiegel (Grüne) 2019 für ein Paritätsgesetz aus. Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) hält eine solche Regelung dagegen für rechtlich angreifbar.

Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit

Ist es ein Schritt zur gleichberechtigten demokratischen Teilhabe oder ein ungerechtfertigter Eingriff in die Parteienrechte? Das Paritätsgesetz ist umstritten. Die Düsseldorfer Rechtswissenschaftlerin Sophie Schönberger sieht einen sehr intensiven Eingriff in die passive Wahlrechtsgleichheit aus der Landesverfassung: "Man darf als Frau nicht auf einer Männerliste kandidieren und als Mann nicht auf einer Frauenliste, das heißt, man wird nicht gleichbehandelt", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur nach der Entscheidung im Landtag. Zudem sei die Freiheit der Parteien betroffen, weil die Parteien in ihrer Kandidatenaufstellung eingeschränkt würden, wie sie der Neuen Juristischen Wochenschrift sagte.

Noch vor dem Beschluss des Brandenburger Landtags im Januar 2019 erklärte der Parlamentarische Beratungsdienst in einem Gutachten 2018, der Gesetzentwurf verstoße gegen das Verbot der Ungleichbehandlung wegen des Geschlechts, gegen die Wahlrechtsgrundsätze der Freiheit und der Wahlgleichheit und das Demokratieprinzip sowie gegen den Verfassungsstatus politischer Parteien. Er bezieht sich dabei jeweils auf die Landesverfassung und das Grundgesetz.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen zuvor die Berater des Berliner Abgeordnetenhauses. In der Klageschrift zum Organstreitverfahren der Piratenpartei Brandenburg gegen den Landtag heißt es, die Parteienfreiheit, die Chancengleichheit der Parteien sowie die Wahlrechtsgrundsätze der Freiheit und der Wahlgleichheit würden verletzt.

Mit Blick auf die ausstehende Entscheidung des Verfassungsgerichts betont Elske Hildebrandt: Sollten Aspekte unberücksichtigt worden sein, "werden wir die vom Gericht erhaltenen Hinweise in das Gesetz einarbeiten. Am Ziel 50/50 ändert das nichts".

dpa/acr/LTO-Redaktion

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Mehr Frauen ins Parlament: . In: Legal Tribune Online, 30.06.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/42053 (abgerufen am: 12.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Staatsrecht und Staatsorganisationsrecht
    • Chancengleichheit
    • Frauenquote
    • Gleichstellung
    • Landtag
    • Landtagswahlen
    • Parteien
    • Wahlen
    • Wahlrecht
Demo gegen Rechtsextremismus (Symbolbild) 12.05.2026
AfD

VG Lüneburg:

Stadt durfte Flug­blatt gegen die AfD unter­stützen

Das Geheimtreffen von Potsdam rief Massenproteste gegen die AfD hervor. Darf eine Kommune Aufrufe zu solchen Demos unterstützen? Das VG Lüneburg bejaht das: Kommunen seien der Demokratie verpflichtet.

Artikel lesen
Carsten Hütter (M), Bundesschatzmeister der AfD, bespricht sich vor der Verhandlung im Verwaltungsgericht mit seinem Anwalt Christian Conrad (r) und Michael Zischka (l), Justiziar der AfD, im Gerichtssaal. 07.05.2026
Parteien

VG Berlin:

Bun­destag muss AfD-Spende nicht zurück­zahlen

2,3 Millionen Euro für die AfD. Doch das Geld bleibt beim Bundestag. Warum das VG Berlin Zweifel an der Herkunft der Spende hat – und was Österreich damit zu tun hat.

Artikel lesen
Das Gebäude des OLG München, in dem die Zivilsenate sitzen 17.04.2026
Ausbildung

Referendare hören Ausbildergespräch mit:

Mün­chens "Mäu­schen"-Gate

Zwei Dozenten schalten sich in einer Online-Veranstaltung nicht stumm, ihr privates Gespräch hören mehrere Hundert Referendare mit. Einer der beiden bezeichnet Justizmitarbeiterinnen darin als "Mäuschen", die Situation eskaliert überregional.

Artikel lesen
Ein alter Mann stützt sich auf seinem Gehstock ab 16.04.2026
Gleichstellung

Reförmchen statt Reform:

Alles neu im AGG?

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz soll punktuelle Änderungen bekommen. Dahinter verbirgt sich ein echtes Bürokratiesteigerungsprogramm, der Rechtsmissbrauch findet aber keine gesetzliche Klarstellung. Von Michael Fuhlrott.

Artikel lesen
Peter Magyar 09.04.2026
Wahlen

Zur Parlamentswahl am 12. April:

Ungarn wählt – aber wie?

Am kommenden Sonntag wählen die Ungarn ihr Parlament. Aktuell liegt die Opposition vorne, doch das Wahlsystem und die von Orbáns Fidesz-Regierung eingeführten Gesetze machen einen Sieg des Herausforderers und künftige Veränderungen schwer.

Artikel lesen
Logo des AfD Landesverbands Niedersachsen hängt an einer Wand im Saal 01.04.2026
AfD

Verdacht der Untreue und Verstöße gegen das Parteiengesetz:

Ermitt­lungen gegen AfD Nie­der­sachsen werden aus­ge­weitet

Gegen mehrere AfD-Mitglieder laufen neue Ermittlungsverfahren. Es soll um Spardosen bei Parteievents gehen und um Bundestags- und Landtagsabgeordnete. Die Partei tritt den Vorwürfen entgegen.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Becker Büttner Held
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Er­neu­er­ba­re En­er­gi­en und...

Becker Büttner Held, Ber­lin

Logo von Görg
Rechts­an­walt im Be­reich Re­struk­tu­rie­rung (m/w/d)

Görg, Ham­burg

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von MEDIA CENTRAL
Le­gal Coun­sel (m/w/d)

MEDIA CENTRAL, Mön­chen­g­lad­bach

Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) für pri­va­tes Bau­recht

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Logo von Redeker Sellner Dahs
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (m/w/d) Wirt­schafts­straf­recht

Redeker Sellner Dahs, Ber­lin

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent - In­sol­venz­recht /...

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Redeker Sellner Dahs
Rechts­an­wäl­tin/​Rechts­an­walt (m/w/d) Pri­va­tes Bau­recht

Redeker Sellner Dahs, Bonn

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Fortbildung Urheber- und Medienrecht im Selbststudium/ online

12.06.2026

1. ErbR Einsteiger Workshop

18.06.2026, Köln

DISCOVER DENTONS - Inhouse-Karrieremesse

17.06.2026, Frankfurt am Main

Bankrechtstag 2026

26.06.2026, Frankfurt am Main

Webinarreihe „Arbeitsrecht mit KI“-Modul 3: Einsatz von KI im Performance-Management

12.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH