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Bryter hilft Anwälten im Flüchtlingscamp auf Lesvos: Legal Tech meets humanity

von Tanja Podolski

14.12.2019

Rettungswesten und Habseligkeiten am Strand von Lesvos

aalutcenko - stock.adobe.com

Software für Anwälte und Flüchtlinge: Weil die Juristen auf Lesvos mit der Masse an Asylgesuchen heillos überfordert sind, hat das Legal-Tech-Unternehmen Bryter seine Plattform zur Verfügung gestellt.

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Das Flüchtlingslager auf Lesvos ist überfüllt: Für 3.100 Frauen, Männer und Kinder ist es ausgelegt, 13.000 Menschen sind durchschnittlich dort, 65 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. Damit ist das Camp Moria inzwischen einer der dicht besiedeltsten Orte Europas. Und alle Menschen wollen einen Antrag auf Asyl stellen.

Seit 2016 helfen dabei Anwälte aus Europa über das Rechtsberatungsprojekt European Lawyers in Lesvos (Elil). Die inzwischen unabhängige NGO war ursprünglich eine Initiative des Deutschen Anwaltvereins (DAV) unter dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer Dr. Cord Brügmann und der Europäischen Anwaltvereinigung CCBE in Kooperation mit griechischen Anwaltskammern.

Kanzleien aus verschiedenen Ländern Europas, auch aus Deutschland, schicken über diese NGO Anwälte für ein bis drei Monate auf die griechische Insel, um dort Rechtsberatung zu leisten. 172 Anwälte aus 18 Ländern haben inzwischen rund 39.000 Freiwilligenstunden abgeleistet und über 9.200 Menschen bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und jedes Mal, wenn ein Anwalt seine Arbeit auf der Insel beendet, geht bei der Übergabe an Kollegen auch ein gutes Stück juristisches Knowhow und das Wissen um die einzelnen Menschen hinter den Anträgen verloren.

Mit den Smartphones der Schutzsuchenden

Das Berliner Legal-Tech-Unternehmen Bryter, bekannt vor allem als Dienstleister für große Wirtschaftskanzleien, kann diese Situation verändern – und hat es getan. Grundlage dafür waren einfache Fakten: fast jeder Flüchtling hat ein Smartphone und digitales Erfassen der Daten der Menschen geht schneller und effektiver als handschriftliche Notizen zu fertigen und diese später abzutippen. Außerdem können die Flüchtlinge durch selbstständige Dateneingaben effizient an ihren Anträgen mitwirken, indem sie selbst Fotos von Dokumenten zu ihren Fallnummern hochladen. Für die Helfer erleichtert die Plattform die Übergabe an ihre Nachfolger und die langfristige Speicherung von Wissen.

Die Gründer von Bryter sind schon lange in der informellen Task-Force Legal Tech im Deutschen Anwaltverein engagiert und haben dort auch eng mit ihrem ehemaligen Vorsitzenden Cord Brügmann zusammengearbeitet, der sich wiederum bei Elil engagiert. Und so stellte das Berliner Unternehmen eines Tages der NGO Elil kostenlos die Plattform zur Verfügung. Gänzlich neu entwickeln mussten der Anbieter sein Produkt dabei nicht: "Bryter bietet einen Softwarebaukasten als Standardsoftware, vergleichbar wie Microsoft Word oder Power Point, auf dem die Nutzer selbstständig arbeiten und die Plattform nach ihren eigenen Bedürfnissen weiter ausbauen", erklärt Michael Grupp, Managing Director von Bryter.

Was also in den Großkanzleien als Bausatz für Compliance-Prüfungen oder Vertragstypen dient, kommt nun auf Lesvos bei der digitalen Selbstorganisation der Ehrenamtlichen sowie der Digitalisierung der Beratung von Flüchtlingen zum Einsatz. "Elil hat sich auf die Plattform eigene Module gebaut, mit denen sie die Beratung zum Teil automationsgestützt und digital machen können", erklärt Grupp.

Der Einsatz erfolgt in zwei Richtungen: Zum einen setzt die NGO die Plattform projektintern ein, um die Erfassungs- und Bearbeitungsprozesse einfacher und schneller zu organisieren. Im direkten Verhältnis zu den Schutzsuchenden erfolgt die Datenerfassung und die Nutzung als Informationstool – auch, um mit den Schutzsuchenden über das Tool in Kontakt zu treten und ihnen gegebenenfalls mitzuteilen, dass weitere Dokumente beigebracht werden müssen. Sprachbarrieren gibt es dabei kaum, auch wenn das Tool auf Arabisch noch nicht perfekt funktioniert.

Team Bryter fliegt nach Lesvos

Im Januar fliegt ein Team von Bryter nun selbst nach Lesvos. Die Mitarbeiter werden dann Schulungen für die Helfer vor Ort anbieten, damit diese noch besser erfahren, wie das Tool funktioniert. Das ginge zwar auch aus der Ferne per Screen-Share, aber Bryter schätzt hier auch den persönlichen Kontakt: "Man kann das noch besser machen, wenn man sich mal ein zwei Tage Zeit nimmt, die Menschen vor Ort zu trainieren", sagt Michael Grupp.

Geld bekommt das Legal-Tech-Unternehmen für sein Engagement übrigens nicht. Das Unternehmen finanziert die eigenen Reisen nach Lesvos selbst, stellt die Software und wird auch die Trainings für die Helfer und die Perfektionierung der Module ehrenamtlich leisten. "Wir machen das vor allem aus zwei Gründen: Zum einen ist das ein juristisches Projekt des DAV, das wir als Freunde des Vereins natürlich unterstützen. Zum anderen ist es eine ganz klassische Krisensituation dort, die man mit Technologie besser machen kann", sagt Grupp. "Das sehen wir ganz unpolitisch, denn ein humanitärer Einsatz kann gänzlich unpolitisch sein. Wenn es eine Situation gibt, in der man helfen kann, dann machen wir das. Wir haben wenig Aufwand mit einer erheblichen Wirkung und skalieren über das Tool die Unterstützung, die andere Wirtschaftskanzleien vor Ort bereits leisten."

"Die Arbeit vor Ort ist so für die Helfer auf jeden Fall beschleunigt und wirkungsvoller. Die Schutzsuchenden werden nicht mehr stundenlang in Schlagen vor den Zelten der Helfer stehen", weiß Cord Brügmann, der das European-Lawyers-Projekt initiiert hat und selbst schon mehr als zehn Mal vor Ort war, um die Einsätze der anwaltlichen Helfer zu koordinieren. "Derzeit gibt es auf Lesvos allerdings wieder wöchentlich eine vierstellige Zahl an Neuankömmlingen", berichtet er. Die Rahmenbedingungen seien also nach wie vor für alle vor Ort schwierig. Aber: "Die Anwältinnen und Anwälte vor Ort haben die Software etwa seit August im Einsatz", sagt Brügmann. Konkrete Zahlen gebe es noch nicht, "wir merken aber, dass die Bearbeitung schneller geht und wir die Menschen und insbesondere vulnerable Schutzsuchende besser beraten können".

Die Erhebungen von Elil der vergangenen Jahre zeigen übrigens, dass rund 75 Prozent der Flüchtlinge einen Schutzstatus erhalten. "Damit Elil – mal ganz abgesehen von humanitärer Hilfe - die rechtsstaatlich gebotenen Verfahren durchführen kann, ist die NGO auf Spenden angewiesen", erzählt Grupp noch. Eine Aktion läuft derzeit über Bryter.

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Bryter hilft Anwälten im Flüchtlingscamp auf Lesvos: . In: Legal Tribune Online, 14.12.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/39235 (abgerufen am: 11.12.2025 )

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