Druckversion
Donnerstag, 8.10.2026, 08:47 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/verfg-gg-aenderung-resilienz-schutz-richterwahl-blockade-union-ampel
Fenster schließen
Artikel drucken
53798

CDU-Rechtspolitikerin zum BVerfG: "Was für die Funk­ti­ons­fähig­keit rele­vant ist, muss ins Grund­ge­setz"

Interview von Dr. Markus Sehl

05.02.2024

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts. Foto: picture alliance/dpa | Uli Deck

Um das BVerfG vor Blockade bei der Richterwahl zu schützen, schlägt die Vorsitzende des Rechtsausschusses Elisabeth Winkelmeier-Becker einen Bundesrichter-Pool vor. Und sie erklärt, wie sie das "Nein" von Merz zur GG-Änderung verstanden hat.

Anzeige

LTO: Nicht nur in Ungarn und Polen haben Regierungen Verfassungsgerichte entmachtet und damit eine wichtige Kontrollinstanz im Wettbewerb um Regierungsmacht ausgeschaltet. Nun wird in Deutschland politisch über eine Absicherung von wesentlichen Strukturen des Bundesverfassungsgerichts diskutiert, ist das eine gute Idee? 

Winkelmeier-Becker: Ich meine schon. Die aktuelle Diskussion über die Absicherung zentraler Vorschriften zur Struktur des Verfassungsgerichts im Grundgesetz ist aus meiner Sicht berechtigt. 

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat am Mittwoch im Bundestag zum Thema Grundgesetzänderungen in Richtung Ampel gesagt: "Ich stelle Ihnen eine Zustimmung dazu heute grundsätzlich nicht in Aussicht" Sie haben selbst lange Zeit als Richterin gearbeitet, Juristinnen und Juristen dürften bei "heute" und "grundsätzlich" in dem Satz von Merz hellhörig werden. War das ein "Nein" auch zu den Vorschlägen rund um das Bundesverfassungsgericht? 

Ich will das nicht überinterpretieren. Ich gehe davon aus, dass die Aussage grundsätzlich restriktiv gemeint war. Aber sie war meines Erachtens eher auf andere verfassungspolitische Vorschläge bezogen, die in der Sache viel umstrittener sind als die Pläne zur Absicherung des Bundesverfassungsgerichts. Denken sie nur an Vorschläge der Ampel-Koalition zur Veränderung der Schuldenbremse, zum Wahlalter, zu weiteren Sondervermögen oder auch Vorschläge zur Reform einzelner Grundrechte. Auch eine Verbindung mit der insgesamt strittigen Wahlrechtsreform der Ampel halte ich für denkbar. 

Wie groß ist das Risiko, dass die Absicherung des Bundesverfassungsgerichts als Anlass benutzt wird, um andere begehrte Grundgesetz-Änderungen zu realisieren? Stichwort Kindergrundrechte, Streichung von "Rasse" in Art. 3 Grundgesetz. 

Ich halte nichts davon, Änderungen im Grundrechtekatalog mit staatsorganisationsrechtlichen Änderungsplänen zum Bundesverfassungsgericht zu vermischen.  

Sie sind Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag. Wie beschäftigt das Thema den Ausschuss? 

Die Rechtspolitiker der Ampel haben sich offenbar schon gemeinsam damit befasst, und auch wir als Unions-Rechtspolitiker hatten dazu Gesprächsrunden mit Experten aus der Rechtswissenschaft. Im Ausschuss dagegen beschäftigen wir uns vor allem mit konkreten Gesetzentwürfen und Anträgen, nicht mit – noch – allgemeinen rechtspolitischen Diskussionen.  

Einen sehr konkreten Gesetzentwurf für eine Verfassungsänderung haben die Länder nun parteiübergreifend erarbeitet. Wesentliche Vorschriften zur Wahl der Richter und ihrer Amtszeit sollen ins Grundgesetz. Was halten Sie von dem Vorstoß? 

Die Begrenzung der Amtszeit auf zwölf Jahre, die Zweidrittelmehrheit für die Wahl der Richterinnen und Richter, der Ausschluss der Wiederwählbarkeit – das sind die zentralen Aspekte, die die Unabhängigkeit der einzelnen Richter und auch des Gerichts insgesamt garantieren. Man kann auch an die Festschreibung der Struktur mit zwei Senaten denken. Sonst besteht die Gefahr, einfach einen dritten Senat einzurichten, dem man alle wichtigen Verfahren zuschieben und den man mit eigenen Leuten neu besetzen könnte. 

Also im Zweifel eher mehr konkrete Struktur- und Verfahrensregeln in die Verfassung statt weniger? 

Ich plädiere dafür, jetzt in einem Akt alles, was für die Funktionsfähigkeit des Verfassungsgerichts relevant ist, auch abzusichern. Das sind alles Vorkehrungen, die gerade für den Fall gedacht sind, dass in Bundestag bzw. Bundesrat eine Zweidrittelmehrheit nicht zustande kommt. 

Diese Aussicht auf Unveränderlichkeit mag für skeptische Stimmen unter den Abgeordneten gerade beunruhigend wirken – nicht zuletzt in ihrer Fraktion. Das Parlament gibt langfristig ein Teil seiner Gestaltungsmacht über das Gericht aus der Hand. 

Die zentralen Regelungen zum Bundesverfassungsgericht, deren Übernahme ins Grundgesetz nun diskutiert werden, haben sich nun lange Zeit in der Praxis bewährt. Da sehe ich keine Risiken, wenn die einmal in der Verfassung stehen. Dass dann etwa aus der Amtszeit von zwölf Jahren später zehn oder fünfzehn Jahre gemacht werden sollten, sehe ich nicht.

"Eine Ersatzregelung mit dem Ziel, dass sie nicht zur Anwendung kommt."   

(c) Tobias Koch

Als akutes Szenario beschäftigt auch den Länder-Gesetzentwurf: eine Blockade, die entsteht, wenn bereits knapp mehr als ein Drittel der Stimmen in Bundestag oder Bundesrat die Wahl eines neuen Verfassungsrichters oder einer neuen -richterin verhindert.  

Dafür brauchen wir eine nicht manipulierbare Ersatzregelung. Ziel wäre ja gar nicht, dass sie zur Anwendung käme. Allein der Umstand, dass sie vorgesehen ist, soll zeigen: Eine Blockade gegen Richterwahlen funktioniert nicht. Eine Sperrminorität von einem Drittel plus X darf sich nicht dazu eignen, politische Erpressung auf Kosten der Funktionsfähigkeit des Verfassungsgerichts zu betreiben. 

Um eine längerfristige Blockade im Bundestag abzuwenden, wird etwa vorgeschlagen, den Bundespräsidenten oder den Bundesrat als Ersatzverfassungsorgan einzuschalten und entscheiden zu lassen. 

Das überzeugt mich noch nicht. Es könnte auch so kommen, dass eines der anderen Verfassungsorgane geschwächt ist. Ich schlage eine ganz pragmatische und einfache Lösung vor: Es gibt mit den Bundesrichterinnen und Bundesrichtern in Deutschland rund 500 Personen, die die fachliche Befähigung für einen Richterposten beim Bundesverfassungsgericht haben. Man könnte in Blockadefällen nach einem genau festgelegten System aus diesem Pool der Bundesrichter einen Kandidaten ziehen. Die Auswahl des oder der Ersatzkandidatin muss in einem Verfahren erfolgen, das Regelhaftigkeit und Unabsehbarkeit kombiniert. Nur so werden sich Blockierer auf ein solches Verfahren einlassen. 

Wie würde das konkret aussehen? 

Wegen der Altersgrenze von 68 Jahren in § 4 Bundesverfassungsgerichtsgesetz könnten nur Kandidaten bis maximal 55 Jahre in Betracht kommen. Unter diesen könnte etwa auf das Kriterium der längsten Diensterfahrung abgestellt werden. Der so ermittelte Richter oder die Richterin könnte – bei eigener Zustimmung – dann ohne Weiteres, alternativ durch Wahl mit einfacher Mehrheit im Bundestag bzw. Bundesrat das Richteramt am Bundesverfassungsgericht übertragen bekommen. Ein einfaches Verfahren also, das die Handlungsfähigkeit des Gerichts garantieren würde. 

Nun kommen nicht nur Richterinnen und Richter ans Bundesverfassungsgericht, sondern auch Rechtswissenschaftler und Politiker. Die blieben in Ihrem Losverfahren unberücksichtigt. 

Die Auswahl muss dann bei der nächsten freiwerdenden Richterstelle wieder ausgeglichen werden, um die Zusammensetzung des Gerichts ausgewogen zu halten. Wie gesagt, das Instrument würde schon durch seine bloße Existenz die Wirkung entfalten, dass man sich um einen Kandidatenvorschlag bemüht, der die notwendige Zweidrittelmehrheit erreichen kann. Dass die Auffangregelung häufiger zum Einsatz kommt, wäre nach meiner Einschätzung nicht zu erwarten. 

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

CDU-Rechtspolitikerin zum BVerfG: . In: Legal Tribune Online, 05.02.2024 , https://www.lto.de/persistent/a_id/53798 (abgerufen am: 08.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Staatsrecht und Staatsorganisationsrecht
    • BVerfG
    • Grundgesetz
    • Richter
Christina Block steht im Gerichtssaal. Im Hintergrund sind die Richter:innen zu sehen 07.10.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 81:

Ein Tag, den es nicht gebraucht hätte

Nach über 80 Verhandlungstagen hätte man sich den 81. wohl sparen können: Kaum eine halbe Stunde geht er, Beweisprogramm gibt es keins. Für Unruhe sorgen Entwicklungen bei den IT-Asservaten – und die Verhaftung von Ex-BND-Chef Hanning.

Artikel lesen
Ines Schwerdtner, Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, und Luigi Pantisano, Parteivorsitzender der Partei Die Linke 05.10.2026
Neutralitätsgebot

BVerfG muss über Instagram-Post entscheiden:

Linke gegen Reiche

Die Linke wirft Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) wegen eines Instagram-Videos auf der Ministeriumsseite eine Verletzung des Neutralitätsgebots vor. In dem Video behauptet Reiche etwa, die Partei lebe "offen" Antisemitismus.

Artikel lesen
Ein Demonstrant zerstört eine israelische Flagge mit seinen Schuhen auf einem blauen Davidstern, Beirut, 09.10.2023. 05.10.2026
Antisemitismus

"Leugnung des Existenzrechts des Staates Israel":

Alle Staaten ver­dienen Schutz vor Ver­nich­tungs­auf­rufen

Die "Leugnung des Existenzrechts Israels" unter Strafe stellen: Dieser Impuls aus Hessen ist richtig, seine Umsetzung verstößt aber wohl gegen das Grundgesetz. Einen verfassungskonformen Alternativvorschlag formuliert Daniel Botmann.

Artikel lesen
Zwei Männer sitzen an einem Tisch in einem Sitzungssaal, Papiere liegen vor ihnen. 30.09.2026
AfD

Erste Anhörung zu AfD-Verbot:

"Das ist kein Prüf­ver­fahren, das ist ein Par­tei­ver­bots­ver­fahren"

Eine Expertenanhörung im Thüringer Landtag soll klären, ob ein AfD-Verbotsverfahren geprüft werden sollte. Gleichzeitig formieren sich im Bund Mehrheiten für konkrete Schritte Richtung Verbotsantrag.

Artikel lesen
BVerfG-Präsident Stephan Harbarth am Rednerpult zur Veranstaltung 28.09.2026
Gerichte

75 Jahre Bundesverfassungsgericht:

Es ist wohl Zeit für Ver­fas­sungs­pa­trio­tismus

Das Geburtstagslied zur Veranstaltung sang Meret Becker. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief beim Festakt zum Schutz des Bundesverfassungsgerichts auf. Auf den Tribünen blieben viele Plätze frei. Christian Rath war live vor Ort.

Artikel lesen
SWR Rote Roben 28.09.2026
Podcast

ARD-Podcast "Rote Roben" über das BVerfG:

Karls­ruhe zum Mit­fühlen

Zum 75. Jubiläum des Bundesverfassungsgerichts versucht ein ARD-Podcast Entscheidungen des Gerichts im Gespräch mit Verfassungsrichtern und Betroffenen greif- und fühlbar zu machen. Klappt das? 

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Logo von RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) als An­ge­s­tell­te oder in frei­er Mit­ar­beit

RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Logo von Freshfields
As­so­cia­te (m/w/x) - En­viron­ment, Plan­ning, Re­gu­lato­ry

Freshfields, Düs­sel­dorf

Logo von becker bohn rechtsanwälte
Rechts­an­walts­fach­an­ge­s­tell­te (m/w/d)

becker bohn rechtsanwälte, Stutt­gart

Logo von Generali Investments Holding S.p.A.
Stu­den­ti­sche Aus­hil­fe (m/w/d) In­vest­ments Le­gal

Generali Investments Holding S.p.A., Köln

Logo von Gleiss Lutz
Re­fe­ren­dar­sta­ti­on

Gleiss Lutz, Ham­burg

Logo von Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen
Ju­ris­ti­sche Re­fe­ren­tin | Ju­ris­ti­scher Re­fe­rent (m/w/d)

Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen, Düs­sel­dorf

Logo von Gleiss Lutz
Re­fe­ren­dar­sta­ti­on

Gleiss Lutz, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH