Druckversion
Samstag, 18.04.2026, 13:12 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/rechtsgeschichte-silvan-schenkel-deutscher-juristentag-1933-leipzig-nationalsozialismus
Fenster schließen
Artikel drucken
52817

Der Deutsche Juristentag 1933 in Leipzig: "Durch Natio­nal­so­zia­lismus dem deut­schen Volk das deut­sche Recht"

Gastbeitrag von Dr. Sebastian Felz

30.09.2023

Kundgebung vor dem Reichsgericht 1933, heute Sitz des Bundesverwaltungsgerichts

Propagandistisch inszenierter Juristenaufmarsch zum Reichsgericht am zweiten Tag des Juristentages. Foto: www.juristentag-1933.de.

Vor 90 Jahren versammelten sich die deutschen Juristen erstmals unter dem Hakenkreuz. Der Schweizer Rechtshistoriker Silvan Schenkel hat die Tagung untersucht. Sebastian Felz stellt sein Buch vor.

Anzeige

Seit 1860 tagten die deutschen Juristen alle zwei Jahre auf dem "Deutschen Juristentag". Über 70 Jahre begleitete dieser die Staats- und Rechtsvereinheitlichung des Deutschen Reiches. 1931 fand der letzte Juristentag in Lübeck statt. Erst 1949 sollte der wieder gegründete Verein in Köln tagen. Die für den Herbst 1933 in München geplante Tagung wurde "mit Rücksicht auf die noch völlig im Fluss befindliche grundlegende Umgestaltung des deutschen Staats- und Rechtswesens", so die Ständige Deputation des Deutschen Juristentages, abgesagt. 

Ernst Wolff, der stellvertretende Vorsitzende der "Ständigen Deputation", einem der Hauptorgane des Deutschen Juristentages, und sechs weitere Mitglieder des Vorstandes verloren im April 1933 aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung die Möglichkeit der Berufsausübung. 

"Mit selbstverständlicher Ausnahme von Juden"

In diese Lücke stieß Hans Frank. Frank war in der Weimarer Republik als Verteidiger von Nationalsozialisten in vielen Prozessen aufgetreten. Er gründete 1928 den "Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen" (BNSDJ) und wurde im April 1933 zum "Reichskommissar für die Gleichschaltung der Justiz und für die Erneuerung der Rechtsordnung" ernannt. 

Um den "Deutschen Juristentag" als "4. Reichstagung des Bundes Nationalsozialistischer Juristen" vom 30. September bis zum 3. Oktober 1933 zur Großveranstaltung aufzuplustern, wurde von der anfänglichen Teilnahmebedingung einer NSDAP- und BNSDJ-Mitgliedschaft abgesehen. Stattdessen wurde "allen sonstigen mit dem Recht befassten oder an dem Juristentage interessierten Personen" die Teilnahme – "mit selbstverständlicher Ausnahme von Juden" – ermöglicht. Als Hauptziele wurden die Renaissance des deutschen Rechts, die Wiederherstellung der Geschlossenheit des deutschen Juristenstandes sowie die Schließung der Kluft zwischen Volk und Juristen postuliert.

Tag 1: Eröffnungsveranstaltung in der Leipziger Messehalle

Die Eröffnungsveranstaltung mit einer Rede von Hans Frank wurde aufgrund des großen Besucherandranges in die Leipziger Messehalle verlegt. Hitler hatte seine Teilnahme an diesem Tag kurzfristig abgesagt. Im Tagungsband zum Juristentag wird von 12.000 Besuchern gesprochen, die Lokalpresse zählte 30.000 und in den Akten der Stadt Leipzig stehen 16.000 Interessierte. Es handelte sich also um ein Großevent. Viele Gäste kamen aus dem Ausland. 

Nach Frank sprach der Leipziger Oberbürgermeister, Carl Goerdeler. Goerdeler sollte elf Jahre später als Widerstandskämpfer von NS-Staatssekretär Roland Freisler zum Tode verurteilt werden, der zwei Tage später in Leipzig über die Studienreform sprach. Nach Goerdeler referierte Reichsjustizminister Franz Gürtner. Der erste Tag wurde mit einem exklusiven Konzert im Gewandhaus beendet, wo auch Innenminister Wilhelm Frick eine Rede hielt.

Tag 2: Treueschwur auf Adolf Hitler

Am zweiten Tag marschierten SA, SS, Stahlhelmkapellen, Referendare des Referendarlagers "Hanns Kerrl" und die Besucher des Juristentages und Teile der Richterschaft des Reichsgerichts, soweit sie denn der Aufforderung eines Senatspräsidenten Folge leisteten, zum Reichsgericht. Das Präsidium empfing aber nur Hans Frank in der großen Halle des Reichsgerichts.

Reichsgerichtspräsident Erwin Bumke war erkrankt, so dass sein Vertreter, Friedrich Oegg, die Ansprache mit den typischen Floskeln übernahm: Die innere Einheit des deutschen Volkes sei wiederhergestellt worden, die völkische Gesetzgebung müsse deutsches Recht schaffen und das Reichsgericht habe immer den demokratischen Gesetzgeber korrigiert. Es habe keine formale Rechtsprechung ausgeübt, sondern sich an den guten Sitten sowie Treu und Glauben orientiert.

Danach sprach wieder Frank. Er sicherte die "Aufwertung des Richterstandes" zu und garantierte die "richterliche Unabhängigkeit". Gleichzeitig hob er mit Blick auf den laufenden Prozess gegen die angeblichen Brandstifter und Urheber des Reichstagsbrandes hervor, dass die Lücke zwischen Volk und Juristen nur geschlossen werden würde, wenn die Angeklagten verurteilt werden würden. 

Dann traten die Richter in Amtstracht mit Frank vor die aufmarschierten Juristen. Unter dem Banner "Durch Nationalsozialismus dem deutschen Volk das deutsche Recht" verkündete Frank, dass er dem Reichsgericht wünsche, dass "der Nationalsozialismus in ihm für alle Zeiten die Richtschnur der Entscheidung nach Recht und Gewissen" sein werde. Dies war im Hinblick auf den "Reichstagsbrandprozess" ein klarer Hinweis. Am Schluss der Kundgebung vor dem Reichsgericht kam es noch zum Treueschwur auf Adolf Hitler.

Tag 3: "Künder und Wahrer des Rechts"

Am dritten Tag eröffnete Frank die "Fachtagung". Er hielt während des Juristentages insgesamt zwölf Reden, die im Tagungsband mehr als zehn Prozent der Seiten einnahmen. Ebenso wie Rudolf Schraut, hoher Funktionär des BNDSJ und Franks Verbindungsmann im Reichsjustizministerium, oder Helmut Nicolai, bis 1935 Mitarbeiter im Reichsinnenministerium, vertrat Frank einen völkischen-rassischen Führerstaat. Frank propagierte den volksnahen "Rechtswahrer" als Gegenbild zum überakademisierten und paragraphenreitenden Akademiker: "Jeder, der an der Rechtsfindung irgendwie entscheidend mitwirkt, ist Jurist".

Mit Hans Kerrl und Freisler sprachen zwei NS-Funktionäre, die als preußischer Justizminister bzw. preußischer Justiz-Staatssekretär wichtige staatliche Positionen innehatten, wobei Kerrl noch nicht einmal Rechtswissenschaften studiert hatte. In seinen Ausführungen über das "Reichserbhofgesetz" kam es zu typischen Blut-und-Boden-Ausführungen. Seine Ideen zur Rechtserneuerung erschöpften sich in der Entprofessionalisierung des Juristenstandes bei gleichzeitiger Militarisierung. Die Gründung eines "Hanns-Kerl-Referendarlagers" in Jüterborg ist beredetes Beispiel dieser Programmatik. 
Freisler forderte, dass der Jurist über "gediegenes Wissen" verfügen müsse, um als "Künder und Wahrer des Rechts" auftreten zu können. Daneben brauche es aber auch soldatisch-kameradschaftliche Charaktere, denn der Jurist, "der haften bleibt an der Erlernung der Regeln des Rechts", sei "überflüssig".

Der dritte Tag endete mit der Proklamation der "Akademie für Deutsches Recht". Sie war schon einige Wochen zuvor in München gegründet worden. Auch diese Zeremonie wurde von Frank pompös inszeniert. Alle Dekane rechts- und staatswissenschaftlicher Fakultäten, der Reichsjustizminister sowie weitere Minister und die Reichsgerichtsräte im Talar waren anwesend. Frank wollte sich mit dieser Institution seinen Einfluss auf die "nationalsozialistische Rechtserneuerung" sichern, da das Reichsjustizministerium weiterhin bei Franz Gürtner verblieb. Zwar wurde die Akademie 1934 sogar eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, aber große Projekte wie ein "Volksgesetzbuch" blieben unvollendet.

Tag 4: "Volkserhaltung, Rassenschutz und Rassenpflege"

Mit Carl Schmitt referierte am letzten Tag einer der führenden Staatsrechtslehrer. Er verabschiedete die Weimarer Reichsverfassung ("In aller Form ist das alte System gestorben") und die "subjektiven Rechte" sowie die "staatsfreien Sphären". Der bürgerliche Staat mit seiner Dichotomie Staat – Gesellschaft werde durch die nationalsozialistische Dreigliederung "Staat, Bewegung, Volk" abgelöst. Die NSDAP sei sowohl "staatstragend" als auch "volkstragend": "So erkennen wir das erste große Grundgesetz des heutigen nationalsozialistischen Staates, das Gesetz des unbedingten Vorrangs der politischen Führung, wie sie sich in der nationalsozialistischen Bewegung unter ihrem Führer Adolf Hitler darstellt".

Und dieser "Führer Adolf Hitler" kam schließlich um 19.30 Uhr mit dem Flugzeug in Leipzig an. 30.000 bis 40.000 Menschen sollen in der Messehalle 7 der Leipziger Messe auf Hitler gewartet haben. Gegen 20.45 Uhr redete dieser dann. Aber was er genau sagte, ist bis heute ein Mysterium, denn die Rede wurde nie veröffentlicht. Nach Carl Schmitt soll Hitler über den "totalen Staat" sinniert haben. Hans Frank und Helmut Nicolai berichten in ihren Erinnerungen, dass der "Führer" schlecht gelaunt gewesen sei, u. a. deshalb, weil im Publikum auch Frauen saßen. Die Rede sei geprägt gewesen von falschen Betonungen von Eigennamen und Ausdrücken. Der Tagungsband gab die Rede, die 45 Minuten gedauert haben soll, nur paraphrasiert wieder. Hitler habe die "rassische Bedingtheit" des Rechts herausgestellt sowie die Einheit von Volk und Staat und von Recht und Moral. Die Aufgaben der Staatsführung seien: "Volkserhaltung, Rassenschutz und Rassenpflege". Trotz der ausgebliebenen Veröffentlichung der Hitlerrede wurde diese stark in der zeitgenössischen Literatur rezipiert.

Das Buch von Silvan Schenkel, das reich bebildert ist, zeichnet ein facettenreiches Bild einer ins Propagandistische gedrehten Fachtagung, die für die Mobilisierung eines Teils der deutschen Juristenschaft ein wichtiger Katalysator war. Ein sehr lesenswerter Beitrag zur Geschichte der Frühphase der nationalsozialistischen Diktatur.

Silvan Schenkel: Der Deutsche Juristentag 1933. Die kumulative Selbstmobilisierung der juristischen Professionselite in der Formierungsphase des NS-Regimes. Mohr Siebeck (Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts 122), Tübingen 2023, XX, 330 Seiten, 89,00 Euro oder open access.

Der Autor Dr. Sebastian Felz ist Referent in einem Bundesministerium (Bonn) und im Vorstand des Forums Justizgeschichte.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Der Deutsche Juristentag 1933 in Leipzig: . In: Legal Tribune Online, 30.09.2023 , https://www.lto.de/persistent/a_id/52817 (abgerufen am: 18.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Nationalsozialismus
    • Rechtsgeschichte
Kristallkugel und andere Dinge, die ein:e Wahrsager:in so braucht 12.04.2026
Esoterik

Wahrsagerei in der Rechtsgeschichte:

Als der Blick in die Kri­s­tall­kugel strafbar war

Zwar macht sich sogar die amtliche Statistik womöglich über Hellseherei lustig. Doch ist sie noch freundlich im Vergleich zum juristischen Urteil über esoterische Künste. Das zeigt eine Auswahl zum Verhältnis von Justiz und Wahrsagerei.

Artikel lesen
Matthias Moosdorf 2024 bei einer Bundestagssitzung 08.04.2026
AfD

Verhandlung vor der Staatsschutzkammer:

Anklage gegen AfD-Abge­ord­neten Mat­thias Moos­dorf zuge­lassen

Matthias Moosdorf soll einen Parteikollegen im Reichstagsgebäude mit Hitlergruß begrüßt haben. Nun muss der sächsische AfD-Abgeordnete vor Gericht. Der Prozess soll vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts Berlin I stattfinden.

Artikel lesen
Eine Menschenmenge beobachtet den Mauerbau, während Soldaten präsent sind. Ein prägender Moment der deutschen Teilungsgeschichte. 05.04.2026
Feuilleton

UN-Gedenktage, DDR-Flüchtlinge und BRD-Richter:

Hin und wieder ans Gewissen denken

Die Vereinten Nationen haben den 5. April zum "Internationalen Tag des Gewissens" erklärt. Derartige Gedenktage lassen sich leicht kritisieren. Gerade das deutsche Recht verweist jedoch häufiger als man denkt auf diese psychische Instanz.

Artikel lesen
Ein Mitarbeiter platziert am 15.04.2015 in Bonn im Haus der Geschichte den Schabowski-Zettel. 24.03.2026
Rechtsgeschichte

Stiftung nimmt Revision zum BVerwG zurück:

Haus der Geschichte nennt Ver­käufer des Scha­bowski-Zet­tels

Wer verkaufte den legendären Schabowski-Zettel zur Maueröffnung für 25.000 Euro? Lange weigerte sich das Haus der Geschichte, den Namen zu nennen. Jetzt nimmt die Stiftung ihre Revision gegen die letzte OVG-Entscheidung zurück.

Artikel lesen
Herbert Wehner (SPD) am Redepult 22.03.2026
Beleidigung

Verbalinjurien in der Rechtsgeschichte:

Schöner Schimpfen, wenn man schon (selber) arbeiten muss

Ohne erkennbar tieferen Sinn wurde der 22. März in den USA zum "Tag des Faulenzens" erklärt. In Deutschland darf derlei ohnehin nie populär werden. Gedenken wir lieber der vielen Möglichkeiten, über fehlende Arbeitsfreude zu schimpfen.

Artikel lesen
Auf einer Protestveranstaltung fordern Demonstranten die Enteignung der früheren deutschen Fürsten ohne Entschädigung. (Aufnahmedatum: 01.01.1926-31.12.1926) 15.03.2026
Rechtsgeschichte

Entschädigungslose Enteignung zugunsten der Armen?:

Fürsten, Förster & Mätressen

Im Jahr 1926 trat der politische Kampf um Vermögenswerte, die bis 1918 den deutschen Fürsten zugestanden hatten, in eine heiße Phase. Anfang März 1926 wurden erfolgreich Unterschriften für die Volksinitiative über ihre Enteignung gesammelt.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Wolters Kluwer
Ju­ra­stu­dent für LTO-News­desk / Re­dak­ti­on (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth und 1 wei­te­re

Logo von Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte
Rechts­an­walt / Rechts­an­wäl­tin (m/w/d) im Im­mo­bi­li­en­recht

Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte, Hei­del­berg

Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat, Wies­ba­den

Logo von Leibniz Universität Hannover
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (Pro­mo­ti­ons­s­tel­le) auf dem Ge­biet des...

Leibniz Universität Hannover, Han­no­ver

Logo von Mueller.legal
Wis­sen­schaft­li­che:r Mit­ar­bei­ter:in (m/w/d) Ver­brau­cher­recht

Mueller.legal, Ber­lin

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Renneberg Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­walt (m/w/d) im Be­reich Ar­beits­recht

Renneberg Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Ham­burg

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hengeler Mueller
Workshop: Beyond the obvious – Wahrnehmung verstehen, Perspektiven erweitern

12.05.2026, Frankfurt am Main

Realteilung und Spaltung von mittelständischen Personengesellschaften

27.04.2026

Logo von POELLATH
Vom Hörsaal über das Referendariat in die Kanzlei: Wie der Übergang gelingt

30.04.2026, München

RVG: Anrechnung 2 - Vertiefung

27.04.2026

UpDate: Fristverlängerungsanträge – Berufungsbegründung – aktuelle Rechtsprechung des BGH

27.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH