Druckversion
Samstag, 8.08.2026, 17:53 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/justiz/j/staatsanwaelte-weisungsrecht-externes-justizminister-behoerde-unabhaengigkeit
Fenster schließen
Artikel drucken
38331

Politische Weisungen an Staatsanwälte: Gefähr­li­ches Mis­s­trauen

von Dr. Markus Sehl

23.10.2019

Mann im Anzug zeigt mit dem Finger

© Vahe - stock.adobe.com

Wo endet rechtsstaatlich notwendige Kontrolle und wo beginnt politische Lenkung? Die Diskussion um das Weisungsrecht der Justizminister gegenüber der Staatsanwaltschaft kommt nicht zur Ruhe.

Anzeige

Die Staatsanwaltschaft sieht sich gerne als die "objektivste Behörde der Welt". Eines ist sie auf jeden Fall nicht: völlig unabhängig. Staatsanwälte arbeiten als Teil der Exekutive, sie sind damit auch weisungsgebunden, letztlich gegenüber dem Justizminister. Zugleich sollen Staatsanwälte unabhängig und frei von politischer Einflussnahme Strafverfolgung betreiben.

Es ist eine so ausdifferenziertes wie spannungsreiches System, das aber schnell aus dem Gleichgewicht geraten kann. Das machen teils spektakuläre Fälle der jüngeren Vergangenheit deutlich: Am Ende der sogenannten netzpolitik.org-Affäre kostete es den Generalbundesanwalt Harald Range sogar sein Amt. Dieses Jahr sorgte ein Geraer Staatsanwalt für Aufmerksamkeit, der gegen den Kopf der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelte. Die Gruppe hatte in Sichtweite zum privaten Wohnhaus des Thüringer AfD-Partei- und Fraktionschefs Björn Höcke eine Art Kopie des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet. Bald wurde klar, dass für den Vorwurf wenig übrig blieb und überhaupt kaum ermittelt wurde.

Hätte Thüringens Justizminister Dieter Lauinger (Grüne) eingreifen müssen? Und wann wird aus rechtsstaatlicher Disziplinierung politische Lenkung? Kaum wurde die Sache schließlich durch ein Treffen des Justizministers, des Generalstaatsanwalts und des Leiters der Staatsanwaltschaft Gera beendet, kritisierte der justizpolitische Sprecher der CDU die Einflussnahme des Justizministers. Dem MDR sagte er: "Ich finde es schon erschreckend, wenn die linke Seite einmal hustet und der Herr Justizminister sofort über das Stöckchen springt." Dabei betonte Lauinger, er habe keinerlei Einfluss genommen. Der besagte Staatsanwalt soll sich selbst entschieden haben, innerhalb der Behörde keine sensiblen Staatsschutzverfahren mehr zu bearbeiten.

Heikles Instrument

Der Fall aus Gera zeigt wie heikel das sogenannte Weisungsrecht für einen Justizminister werden kann. Ist der Schaden also bereits angerichtet, sobald nur nach dem Weisungsrecht gerufen wird? Ist also das Weisungsrecht selbst das Problem?

In regelmäßigen Abständen sorgen Fälle wie der aus Gera für eine Diskussion darüber, ob das Weisungsrecht nicht abgeschafft gehört oder zumindest grundsätzlich reformiert. Hinzukommt, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Mai 2019 entschieden hat, dass die deutschen Staatsanwaltschaften keine hinreichende Gewähr für Unabhängigkeit gegenüber der Exekutive bieten, um zur Ausstellung eines Europäischen Haftbefehls (EuHB) befugt zu sein. Die Luxemburger Richterkritisierten insbesondere das ministerielle Weisungsrecht im Einzelfall.

In Berlin kamen am Montag Staatsanwälte, Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft, der Justizverwaltung, der Wissenschaft und der Anwaltschaft zusammen, um über die zeitgemäße Ausgestaltung des Weisungsrechts zu diskutieren.

Der Gastgeber, der Berliner Justizsenator, Dirk Behrendt (Grüne) signalisierte im Plenarsaal des Berliner Kammergerichts, dass er am Konzept allgemeiner Weisungen festhalten wollen. Weisungen in Einzelfällen sollten aber strenger dokumentiert werden, um später Transparenz gewährleisten zu können.

Auf Bundesebene hat die FDP-Fraktion im Juni einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, der vorsieht, das externe Weisungsrecht für Einzelfälle abzuschaffen. Die Fraktion der Grünen brachte im September einen ähnlichen Entwurf ein, sie fordert eine Beschränkung des Weisungsrechts auf evidente Ausnahmefälle.

Klageerzwingung statt Weisungsrecht?

Die Strafrechtsprofessorin Dorothea Magnus fasste die zentralen Argumente für und gegen das Weisungsrecht zusammen. Für manch einen Kritiker sei bereits die bloße Existenz des Weisungsrechts dazu geeignet, für ein generelles Misstrauen gegenüber der Staatsanwaltschaft zu sorgen.

Auf der anderen Seite sorge das Weisungsrecht durch die Behörde und schließlich den Minister dafür, dass eine demokratische Verantwortlichkeit hergestellt werden kann. Ansonsten bliebe die Strafverfolgung als Exekutivbereich ohne parlamentarische Kontrolle. Wolle man das Weisungsrecht abschaffen oder weiter beschneiden, könnte als Ausgleich das Klageerzwingungsverfahren gestärkt werden, so Magnus. Bisher kann mit diesem Mittel nur ein Verletzter im Strafprozess verlangen, dass das Gericht eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft überprüft, die ihre Ermittlungen mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt hat. Nicht aber der Staat selbst. Ein solches Klageerzwingungsrecht könnte auch der Justizminister an die Hand bekommen.

So sieht es auch der Vorschlag des Deutschen Richterbunds (DRB) aus dem Jahr 2015 vor. Auf den verwies auch Dr. Udo Weiß, derzeit Staatsanwalt beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe und Mitglied im Landesverband Berlin des DRB. Weiß betonte, dass ein externes Weisungsrecht keinesfalls verfassungsrechtlich geboten sei. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts komme es statt auf die Form der demokratischen Legitimation vor allem auf ihre Effektivität an. Legitimation könnten deshalb auch andere Instrumente vermitteln.

Weiß warnte, dass sich die deutsche Justiz nach der EuGH-Entscheidung zum Europäischen Haftbefehl bald einer ähnlichen Entscheidung zur Europäischen Ermittlungsanordnung gegenübersehen könnte. Das könnte dem EuGH Anlass bieten, seine Kritik an der Ausgestaltung des deutschen Systems der Staatsanwaltschaft noch zu verschärfen. Denn auch in der Richtlinie zur Europäischen Ermittlungsanordnung ist die Rede von "Justizbehörde". Diesen Begriff hatte der EuGH in seiner Entscheidung aus Mai 2019 zum Anlass für seine Ausführungen zur (Un)abhängigkeit der deutschen Staatsanwaltschaft genommen.

Anzeige

Gefahr subtiler Einflussnahme?

Keinen Reformdruck sah dagegen der Strafrechtsanwalt Uwe Freyschmidt, Vorsitzender des Berliner Anwaltvereins. Zudem hielt er das Klageerzwingungsverfahren als Ausgleich für ein Weisungsrecht für unzulänglich. Klageerzwingung sei kein Mittel um kontrollierend auf bereits ausermittelte Fälle einzuwirken, es greife nur im Vorfeld der Klageerhebung.

Auch weitere Transparenzvorgaben wie etwa strengere Berichtspflichten überzeugen Freyschmidt nicht. Vielmehr könne gerade eine Berichtspflicht dazu führen, dass die Politik von Verfahren Kenntnis erhalte, auf die sie dann statt über Weisung auf viel subtilere Art Einfluss ausüben könnte. Ähnliche Sorgen hatte kürzlich auch der Hamburger Generalstaatsanwalt geäußert und strukturelle Probleme zwischen Politik und Staatsanwaltschaft kritisiert.

Für den Umgang mit Europäischen Haftbefehlen nach der EuGH-Entscheidung hat die deutsche Justiz eine pragmatische Lösung gefunden: Kein Europäischer Haftbefehl mehr ohne Richterbeteiligung. Die Diskussion um das Weisungsrecht ist damit jedoch nicht beendet. Bei dem Gespräch im Kammergericht wurde deutlich, dass es um tiefgreifende Fragen zum Selbstverständnis der deutschen Staatsanwälte geht.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Politische Weisungen an Staatsanwälte: . In: Legal Tribune Online, 23.10.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/38331 (abgerufen am: 08.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Justiz
    • Rechtsstaat
    • Staatsanwaltschaft
Gebäude von Landgericht und Staatsanwaltschaft in Hannover 05.08.2026
Kinderpornografie

Panne bei Staatsanwaltschaft nach Kinderpornografie-Verdacht:

Dienst­herr wusste lange nichts von Ermitt­lungen gegen Richter

Ein Richter soll über eine Million kinder- und jugendpornografische Dateien besessen haben. Der Dienstherr wusste davon lange nichts: Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte ein Mitteilungsschreiben gefertigt, es aber versehentlich nicht abgeschickt.

Artikel lesen
Prozess Justizskandal bei Stuttgarter Staatsanwaltschaft 04.08.2026
Staatsanwaltschaft

Mögliche Verbindungen zu versuchtem Auftragsmord:

Mehr­jäh­rige Haft­strafen in Stutt­garter Jus­tizskandal

Das LG Stuttgart hat im Prozess um ein Datenleck in der Justiz Freiheits-, Bewährungs- und Geldstrafen verhängt. Über Jahre sollen interne Ermittlungsdaten verkauft worden sein – mit Verbindungen zu einem versuchten Auftragsmord.

Artikel lesen
Ein Schild vor dem LG Gera, dass Unterstützer der Ex-Richterin Anna K. aufgestellt hatten 03.08.2026
Rechtsbeugung

BGH sieht keine Rechtsbeugung in Corona-Fall:

Frei­spruch für Ex-Probe­rich­terin aus Thüringen

Überraschung aus Karlsruhe: Der BGH hat eine Ex-Proberichterin vom Vorwurf der Rechtsbeugung freigesprochen. Sie hatte ihrem Vater während der Corona-Pandemie Zugang zu einer Palliativpatientin in einem Pflegeheim verschafft.

Artikel lesen
Menschen versammeln sich nach dem gescheiterten Militärputsch am 16.07.2016 an der Bosporus-Brücke in Istanbul. 01.08.2026
Türkei

Zehn Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei:

Wie der Aus­nah­me­zu­stand die Ver­fas­sungs­ord­nung ver­än­derte

Staatspräsident Erdoğan nutzte den gescheiterten Militärputsch, um die Justiz umzubauen. Politische Gegner werden verfolgt, Grundrechte ausgehöhlt, Urteile nicht befolgt. Was man aus dem Fall der Türkei lernen kann, erläutert Yağmur Özkan.

Artikel lesen
Außenansicht des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe 31.07.2026
Richter

Verfassungsbeschwerde erfolgreich:

Reni­tente Fami­li­en­rich­terin muss sich keiner ärzt­li­chen Unter­su­chung unter­ziehen

Wegen auffälligen Verhaltens einer Richterin ordnete der LG-Präsident eine ärztliche Untersuchung an. VG und OVG billigten das – das BVerfG widerspricht: Ein hartnäckiger Streit über Gerichtszuständigkeiten trägt keinen Paranoia-Verdacht.

Artikel lesen
Christina Block ist als Silhouette zu sehen 28.07.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 64:

Doch noch ein Haft­be­fehl gegen Chris­tina Block?

Eskalation im Block-Prozess: Hat die Hauptangeklagte versucht, die Gutachterin ihrer Kinder zu beeinflussen? Die Vorsitzende lässt vor dem Ausschluss der Öffentlichkeit die Bombe platzen. Muss Block auf den letzten Metern noch in U-Haft?

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Rocky Mountain German Law Ltd.
Rechts­an­walt (m/w/d) – Deut­sches Er­b­recht in Cal­ga­ry, Ka­na­da

Rocky Mountain German Law Ltd., Cal­ga­ry (High­field / Burns In­du­s­trial)

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Werk­stu­dent / Stu­den­ti­sche Hilfs­kraft (m/w/d) As­sis­tenz­be­reich Wirt­schafts-...

Flick Gocke Schaumburg, Bonn

Logo von RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB
RECHTS­AN­WALT (M/W/D) ER­B­RECHT

RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB, Stutt­gart

Logo von DLA Piper UK LLP
Re­fe­ren­dar (m/w/x) Ham­burg

DLA Piper UK LLP, Ham­burg

Logo von FEK-MED Krankenhaus-Service GmbH
In­hou­se-Ju­rist/Le­gal Coun­sel (m/w/d)

FEK-MED Krankenhaus-Service GmbH, Ne­u­müns­ter

Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Hengeler Mueller
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) Steu­er­recht in Frank­furt am Main

Hengeler Mueller, Frank­furt am Main

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent - In­sol­venz­recht /...

Wolters Kluwer, Hürth

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
33. Deutscher Jugendgerichtstag 2026 | „jugend(ge)recht“

24.09.2026, Kassel

Green Claims: Umweltaussagen rechtssicher gestalten

11.08.2026

PraxisRadar Verkehrsrecht

11.08.2026

23. Landesanwaltstag Sachsen-Anhalt 2026

28.08.2026, Merseburg

Aktuelles zur Erbschaft-/Schenkungsteuer und Bewertung

11.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH