Druckversion
Donnerstag, 10.09.2026, 22:04 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/deutsches-rechtssystem-aus-buergersicht-umfrage-report
Fenster schließen
Artikel drucken
16312

Deutsches Rechtssystem aus Bürgersicht: Parallel­wertung in der Laien­sphäre

von Marcel Schneider

24.07.2015

Die Legislative im Deutschen Bundestag

© Increa - Fotolia.com

Was weiß der Durchschnittsbürger vom Recht? Im Detail eher wenig. Der deutschen Justiz tritt er trotzdem überwiegend vertrauensvoll entgegen – hat aber auch ein paar dezidierte Kritikpunkte. Dies belegen zwei aktuelle Umfragen.

Anzeige

Die Deutschen vertrauen in ihr Rechtssystem, sehen aber in einigen Punkten erheblichen Verbesserungsbedarf. Zu diesem im Wesentlichen gleichen Ergebnis kommen der Roland Rechtsreport 2015 (Report) und eine Umfrage des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (Umfrage). Die Versicherungsgruppe und der Verband gaben repräsentative Befragungen in Auftrag, bei denen vielfach ähnliche Kritikpunkte an der Judikative laut wurden.

Im Grundsatz stehen die Gerichte aber einigermaßen gut da: Immerhin 63 Prozent der Teilnehmer des Reports haben viel oder sehr viel Vertrauen in sie. Damit liegen sie hinter der Polizei (74 Prozent) und "den Gesetzen" (71 Prozent), aber vor der Bundesregierung und Verwaltung (rund 50 Prozent) sowie der Kirche (35 Prozent) und großen Wirtschaftsunternehmen (34 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr haben die Gerichte allerdings acht Prozentpunkte verloren, vielleicht auch als Reaktion auf die jüngsten justizkritischen Publikationen eines Norbert Blüm oder – mit Blick auf Anwälte - Joachim Wagner.

Befragte haben keine Ahnung von Kosten, halten sie aber für entscheidend

Dabei speist sich der Eindruck nicht nur vom Hörensagen: Laut der Umfrage haben fast sechs von zehn Befragten schon einmal einen Anwalt in Anspruch nehmen müssen. Für den Report gab ein Viertel der Teilnehmer an, in den letzten zehn Jahren schon einmal als Kläger, Beklagter oder Zeuge an einem Gerichtsverfahren beteiligt gewesen zu sein. Dabei scheinen negative Erfahrungen sich vor allem auf einige, spezielle Punkte zu verdichten.

Allen voran der Eindruck, dass eine kostspielig organisierte anwaltliche Vertretung die Erfolgschancen deutlich erhöhe. Bei der Umfrage stimmte jeder Zweite der Aussage zu, dass "jene Recht vor Gericht bekommen, die das meiste Geld für Anwälte zur Verfügung haben." Im Report äußerten sich sogar zwei Drittel der Teilnehmer in diese Richtung. Dort war die These allerdings auch etwas zurückhaltender formuliert – gefragt war, ob "derjenige bessere Chancen auf ein günstiges Urteil hat, der sich einen bekannten Anwalt leisten kann."

Viel Geld, mehr Recht – aber wie viel ist denn "viel"?

Etwa ein Drittel der an der Umfrage Beteiligten gab an, eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, was ein Gerichtsbeistand kostet. Das bestätigte sich bei der Frage nach den Kosten anhand konkreter Fallbeispiele allerdings nicht. Im Ergebnis schätzten rund 80 Prozent die Anwalts- und Gerichtskosten zu niedrig ein. Von 100 Befragten waren nur sechs in der Lage, eine realistische Einschätzung abzugeben. Beinahe niemand (ein Prozent) veranschlagte ein zu hohes Budget.

Was die Wirtschaftlichkeit der Klage angeht, bewegten sich die sparsamen Deutschen wieder auf sicherem Grund: Übersteigen die Kosten die gerichtlich verfolgte Forderung, erklärte knapp jeder Zweite, lieber auf sein Recht zu verzichten anstatt in Gefahr zu laufen, das Verfahren zu verlieren und "minus" zu machen. Rechtsverlust des lieben Geldes wegen – und das gleich in doppelter Hinsicht.

Gerichte zu langsam und zu lasch – Mediation oft unbekannt

Noch schärfer als die monetäre Chancenungleichheit kritisierten die Reportbefragten die häufig langwierigen Prozesse vor deutschen Gerichten. 78 Prozent sind der Meinung, dass die Verfahren viel zu lange dauern. Einen Grund dafür liefern sie gleich mit: Immerhin 71 Prozent denken, dass die Gerichte heutzutage viel zu viel Arbeit haben und schlicht überlastet sind.

Und wenn dann endlich ein Urteil fällt, ist es vielen nicht hart genug. So halten 44 Prozent der Deutschen die Urteile der nationalen Gerichte oft für zu milde. Insbesondere gegenüber Jugendstraftätern könnte nach ihrem Geschmack ruhig ein Gang zugelegt werden. 57 Prozent der Befragten wünschen sich ein resoluteres Durchgreifen der Gerichte bei jugendlichen Gesetzesbrechern.

Als Alternative zum Gerichtsverfahren wurde den Befragten die Mediation vorgeschlagen. Ein Drittel gab daraufhin an, im Rahmen des Reports zum ersten Mal davon zu hören. Nachdem den Teilnehmern den Begriff der Mediation erklärt und der Ablauf skizziert worden war, glaubten 45 Prozent, dass auf diesem Wege viele rechtliche Streitigkeiten beigelegt werden können.

Von denjenigen, denen diese Form der außergerichtlichen Einigung bekannt war, glaubte sogar etwas mehr als jeder Zweite, dass Mediation viele Konflikte günstig und vor allem zeitig lösen kann. Den Befürwortern aus beiden Lagern stehen mit jeweils rund 40 Prozent auch eine große Zahl von Skeptiker gegenüber. Diese halten es für eher unwahrscheinlich, dass ein handfester Rechtsstreit mit verhärteten Fronten gütlich außergerichtlich beigelegt werden kann. Nur ein kleiner Teil der Probanden gab keine Einschätzung zum Mediationsverfahren ab.

Anzeige

Komplizierte Gesetze und der Ruf nach Volksabstimmungen

Das rechtspolitische Interesse der Deutschen ist groß – auch wenn sie häufig nicht genau wissen, wie Gesetze zustande kommen. Gerade einmal ein Fünftel sagte für den Report aus, ziemlich genau über das hiesige Gesetzgebungsverfahren Bescheid zu wissen. Die breite Masse sprach davon, eine "ungefähre Vorstellung" zu haben, während ein Viertel gestand, keine beziehungsweise kaum Kenntnisse darüber zu haben. Einigkeit bestand aber darüber, dass die Gesetze, die letztlich verabschiedet werden, zu kompliziert sind. 55 Prozent der Teilnehmer fanden, dass die nationalen Normen und Regelungen als "normaler Bürger" nicht zu verstehen seien.

Das könnte auch den Wunsch nach Volksabstimmungen erklären: Immerhin 45 Prozent würden es begrüßen, wenn zu den großen und für alle relevanten Themen die Bürger direkt befragt würden. Dabei votierten insbesondere diejenigen, die sich nach eigenen Angaben gut mit dem Gesetzgebungsprozess in Deutschland auskennen, für eine direktere Form der Demokratie.

Übrigens: Das am häufigsten genannte Thema für eine Volksabstimmung war die Einführung der PKW-Maut.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Deutsches Rechtssystem aus Bürgersicht: . In: Legal Tribune Online, 24.07.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/16312 (abgerufen am: 10.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Staatsrecht und Staatsorganisationsrecht
    • Zivil- und Zivilverfahrensrecht
    • Strafrecht
    • Bürgerbegehren
    • Justiz
    • Rechtsberatung
    • Rechtsschutz
    • Rechtsstaat
    • Vertrauen
    • Volksabstimmung
Symbolbild einer Abschiebung: Beamte der Bundespolizei und von Frontex eskortieren einen Mann in einem Flugzeug. 04.09.2026
Gerichte

Abschiebung trotz Hängebeschlusses:

Aus­län­der­be­hörde mis­sachtet Ver­wal­tungs­ge­richt – und ver­s­trickt sich in Wider­sprüche

Eine Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein schob einen Mann ab, obwohl das dortige VG dies untersagt hatte. Der Landkreis teilt mit, man habe das Gericht nicht missachten wollen – doch zeigt die Antwort, dass man genau das bewusst tat.

Artikel lesen
Ein Gerichtssaal am Landgericht Bielefeld, man wirft einen Blick durch die fast geschlossene Tür auf verschwommene Personen 02.09.2026
Skurriles

Wende in Bielefelder Prozess:

Frei­spruch für Richter, der als "Anwalt" auf­trat

Mehrere Strafgerichte verurteilten einen Richter, der "Anwaltsschreiben" verschickt haben soll. Nun aber die überraschende Wende: Das LG Bielefeld sprach den Familienrichter frei. Ein Ende findet der rätselhafte Fall damit aber noch nicht.

Artikel lesen
Karin Angerer steht in einem Treppenhaus des Bamberger Oberlandesgerichts 01.09.2026
Personalien

Ernennung durch den Bundespräsidenten:

Karin Angerer tritt Amt als Prä­si­dentin des BGH an

Wechsel an der BGH-Spitze: Dr. Karin Angerer hat das Amt als Präsidentin des Bundesgerichtshofs angetreten. Sie folgt auf Bettina Limperg.

Artikel lesen
Ulrich Siegmund (AfD) 01.09.2026
AfD

Umfrage zur Arbeit im Staatsdienst in Sachsen-Anhalt:

AfD-Regie­rung absch­re­ckend für Nach­wuchs­ju­risten

Welchen Effekt hätte eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt auf die Nachwuchsgewinnung der Justiz? Damit hat sich eine Umfrage befasst – die Ergebnisse sind deutlich.

Artikel lesen
Prof. Dr. Jürgen Ellenberger 31.08.2026
BGH

Vizepräsident des BGH:

Jürgen Ellen­berger geht in den Ruhe­stand

Der Vizepräsident des Bundesgerichtshofs, Jürgen Ellenberger, tritt in den Ruhestand. Er war Vorsitzender des XI. Zivilsenats und über 20 Jahre am BGH tätig.

Artikel lesen
AfD-Spitzenkandidat Siegmund bei einer Veranstaltung auf der Bühne, im Hintergrund ein Plakat, das ebenfalls Siegmund zeigt. 29.08.2026
Podcast

Sachsen-Anhalt / KI an Unis / Fall Kavala / Weihnachtsbaum:

AfD vor Wahl­sieg in Sachsen-Anhalt: Justiz auf Linie?

Kann die AfD in Sachsen-Anhalt die Justiz auf ihre Linie bringen? Wie viel KI darf in die juristische Hausarbeit? Die Türkei brüskiert den EGMR – was muss jetzt passieren? Und: der Gärtner mit dem Weihnachtsbaum. LTO-Podcast, Folge 67.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Flick Gocke Schaumburg
Di­p­lom-Fi­nanz­wirt (m/w/d) Steu­er­straf­recht

Flick Gocke Schaumburg, Bonn und 3 wei­te­re

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (w/m/d) Ge­werb­li­cher Rechts­schutz...

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP
As­so­cia­te (m/w/d) Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on

Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Steu­er­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Mün­chen

Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Becker Büttner Held
Rechts­an­walt (m/w/d) für All­ge­mei­nes En­er­gie- und En­er­gie­wirt­schafts­recht...

Becker Büttner Held, Köln

Logo von HUK-COBURG
Ju­rist Pro­dukt­ent­wick­lung / Kfz-Ver­si­che­rung (w/m/d)

HUK-COBURG, Co­burg

Logo von Morrison & Foerster LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/x/m) Ar­beits­recht

Morrison & Foerster LLP, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
24. Jahresarbeitstagung des Notariats

17.09.2026, Berlin

Die modernisierte rechtsfähige GbR

17.09.2026

1x1 des GNotKG für alle, die Gebührenrecht verstehen wollen

17.09.2026

Erbe trotz Scheidung – Gestaltungsmaßnahmen zum Schutz der Erbschaft vor dem geschiedenen Ehegatten

17.09.2026

Logo von IHK Akademie München und Oberbayern gGmbH
Zertifikatslehrgang zur Schiedsrichter/-in für Wirtschaftsstreitigkeiten

18.09.2026, Feldkirchen-Westerham

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH