Druckversion
Samstag, 10.10.2026, 02:07 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/boerries-freiherr-von-muenchhausen-ein-gottbegnadeter-unter-den-dichterjuristen
Fenster schließen
Artikel drucken
2809

Börries Freiherr von Münchhausen: Ein "Gott­be­g­na­deter" unter den Dich­ter­ju­risten

Ass. jur. Jürgen Seul

20.03.2011

Der Jurist Börries Albrecht Conon August Heinrich Freiherr von Münchhausen gehört zu den bedeutendsten Balladendichtern Deutschlands. Als 1933 mit Thomas Mann und anderen die künstlerische Elite Deutschland verließ, trat unter anderem der dichtende Freiherr in das entstandene Vakuum. Er wurde auch in Hitlers "Gottbegnadeten-Liste" ausgesuchter Künstler aufgenommen.

Anzeige

Börries Freiherr von Münchhausen wurde am 20. März 1874 in Hildesheim geboren. Er war das älteste Kind des Kammerherrn Börries von Münchhausen-Moringen und seiner Frau Clementine von der Gabelentz. Zu den Vorfahren dieses niedersächsischen Adelsgeschlechtes gehörte auch der als "Lügenbaron" bekannte Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen.

Bevor der junge Freiherr mit dreizehn Jahren auf die Klosterschule Ilfeld ging, verbrachte er seine Kindheit auf verschiedenen elterlichen Gütern. Zwischen 1895 und 1901 studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Heidelberg, München, Göttingen und Berlin. Seine Referendarprüfung legte er in Celle ab. Zwischenzeitlich promovierte er 1899 mit dem Thema "Über die Pflicht zur Anzeige" in Leipzig zum Doktor der Rechtswissenschaften.

Im Ersten Weltkrieg war Münchhausen zunächst Oberleutnant im Königlich Sächsischen Garde-Reiter-Regiment und wechselte 1916 zur Auslandsabteilung der Obersten Heeresleitung. Nach Kriegsende bewirtschaftete er sein Gut in Windischleuba bei Altenburg.

Der Balladendichter

Seit der Schulzeit verfasste Münchhausen eigene Balladen. 1897 erschien sein erster Band "Gedichte". Im Jahr darauf rief er den "Göttinger Musenalmanach" ins Leben, worin er die Ballade als das "schlummernde Königskind der deutschen Dichtung" verherrlichte und ihr ein Forum bot.

Münchhausens Balladen feiern vergangenes Rittertum und die germanische Sagenwelt. Ihre Verklärung traf den Zeitgeist und machte sie so beliebt. Aber er dichtete auch Stücke, die sich mit zeitgenössischen Themen befassten und sie in bunten Bildern darstellten. 1922 erhielt er den Schillerpreis.

Der Künstler im Dritten Reich

Seit den 20er-Jahren verlor sich Münchhausens literarische Reputation allmählich. Dennoch verfolgte er mit Vehemenz das Ziel, sich wieder an die Spitze der nationalen Dichterelite zu bringen.

Nach Hitlers Machtübernahme wurde Münchhausen im Mai 1933 in die "gesäuberte" Preußische Akademie der Künste berufen, nachdem viele bisherige Mitglieder wie Thomas Mann ihre Mitgliedschaft aufgaben oder zur Aufgabe gezwungen worden waren. Im Oktober 1933 gehörte Münchhausen zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben. Ein Jahr später erfolgte seine Ernennung zum Senator der Akademie.

Die Verklärung des Vergangenen wie die Heroisierung germanischer Sagen – etwa die Balladen aus dem Nibelungenumkreis wie "Hagen und die Donaufrauen" (1920) oder "Kind Hagen" (1931) mögen verbunden mit seiner Ablehnung der modernen Literatur ein Grund für die positive Grundhaltung der Nationalsozialisten gegenüber der Dichtung Münchhausens gewesen sein.

Trotz seiner im Dritten Reich genossenen Vorteile blieb Münchhausens Verhältnis zum Nationalsozialismus in mehrfacher Hinsicht zwiespältig. Zum einen befürwortete er Hitlers Machtpolitik, doch beanspruchte er andererseits auch den Schutz der dichterischen Freiheit. Er förderte einzelne jüdische Künstler und hegte gleichzeitig jedoch auch antisemitisches Gedankengut.

Als Hermann Göring im Juli 1937 das Amt des Protektors der Preußischen Akademie übernahm, schwand Münchhausens Einfluss auf die Literaturszene. Anfang der 40er-Jahre zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Als Dichter war er unbedeutend geworden.

Anzeige

Der Jurist im Dritten Reich

Börries von Münchhausen meldete sich während des Dritten Reiches in fataler Weise auch als Jurist zu Wort. So schlug er im Herbst 1936 dem NS-Reichsinnenminister Wilhelm Frick in einen Brief vor, den Juden "deutsche Namen" wegzunehmen, um "in Zukunft das Erkennen der Juden leichter" zu machen. Man solle den Juden ihre deutschen "Tarnnamen", hinter denen sie sich versteckten, "entreissen". Frick nahm den Vorschlag begeistert auf und zog Konsequenzen: "Auf Grund eines Briefes des Dr. Börries Freiherr v. Münchhausen, in dem die Frage der Entdeutschung von Judennamen angeschnitten wird, ist Rücksprache über den Gesetzentwurf angeordnet worden."

Letztlich scheiterte Münchhausens Vorschlag. Stattdessen sah die später verabschiedete "Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen" vom 17. August 1938, vor, deutsche Juden anhand ihrer Vornamen (Israel oder Sara) kenntlich zu machen.

Trotz seiner geschwundenen Bedeutung als Dichter erfuhr Münchhausen 1944 noch die zweifelhafte Ehre, in die so genannte "Gottbegnadeten-Liste" aufgenommen zu werden. Es handelte sich dabei um eine vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und  Hitler zusammengestellte Liste, in der die wichtigsten Künstler des NS-Regimes aufgeführt waren. Bei diesen Künstlern handelte es sich um die auf Anordnung Hitlers erwünschten Künstler wie Schriftsteller, Musiker und Schauspieler, die als unabkömmlich galten und vom Fronteinsatz freigestellt waren, um sich hauptsächlich der Propaganda des Nationalsozialismus widmen zu können.

Als sich alliierte Truppen seinem Gut Windischleuba näherten, nahm sich Börries Freiherr von Münchhausen mit einer Überdosis Schlaftabletten  am 16. März 1945 das Leben. Noch heute ist Münchhausen Ehrenbürger von Göttingen – eine Ehrenbezeugung, die er ursprünglich mit Hitler und Frick teilte, die diesen jedoch nach dem Ende des NS-Regimes wieder aberkannt wurde.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

Mehr auf LTO.de

Claus Roxin: Ein Grenzgänger zwischen Strafrecht und Literatur

Zum Todestag von Paul Cézanne: "Weh mir, ich schlug des Rechts gewundene Pfade ein."

Robert Schumann zum 200. Geburtstag: "Ein Kampf zwischen Musik und Jus"

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Börries Freiherr von Münchhausen: . In: Legal Tribune Online, 20.03.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2809 (abgerufen am: 11.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Dichter
    • Nationalsozialismus
Blumen liegen neben einem Stolperstein vor dem Rathaus in Heidenau 07.10.2026
Holocaust

Rechtliche Grundlagen von Kunst im öffentlichen Raum:

Das Ende der Stol­per­steine in Hei­denau

Heidenau will keine weiteren Stolpersteine. Eine Initiative erwägt, zu klagen. Doch die Verlegung braucht eine zivilrechtliche Gestattung der Gemeinde – und zu der kann sie kaum gezwungen werden, meint Patrick Heinemann.

Artikel lesen
Auf einem Banner von VVN-BdA steht "AfD-Verbot jetzt - Nazi-Parteien verbieten, bevor es zu spät ist" 01.09.2026
Steuern

Wegen Kampagne für AfD-Verbotsverfahren:

Finanzamt hin­ter­fragt Gemein­nüt­zig­keit von Naziop­fer­ver­band

Hinterbliebene der Opfer des Nationalsozialismus sprechen sich für ein AfD-Verbotsverfahren aus. Muss ihnen deshalb die Gemeinnützigkeit abgesprochen werden? Das Finanzamt Berlin will es prüfen.

Artikel lesen
Eingang der Bundeswehrkaserne in Dornstadt mit dem Schriftzug "Rommel Kaserne" 19.07.2026
Rechtsgeschichte

Traditionspflege bei der Bundeswehr:

Wenn der Zap­fen­st­reich doch wenigs­tens beim Hüft­gold wei­ter­hülfe

An Kasernennamen und sonstiger militärischer Traditionspflege entzündet sich oft Streit, der arg weltfremd wirkt und ohne juristische Vermittlung nicht auskommt. Die Konzentration aufs militärische Kerngeschäft würde ihn überflüssig machen.

Artikel lesen
Deutsche Ausgabe des "Anne Frank Tagebuchs" in einem Bücherregal der Stadtbibliothek in Pirna 09.07.2026
Urheber

EuGH sieht Geoblocking als wirksame Schutzmaßnahme:

Anne-Frank-Tage­buch darf im Internet stehen

Die Werke von Anne Frank sind in den Niederlanden noch urheberrechtlich geschützt, in anderen Staaten sind sie gemeinfrei. Dort dürfen sie ins Internet gestellt werden – wenn der Zugang etwa mittels Geoblocking beschränkt wird, so der EuGH.

Artikel lesen
Bayerns Justizminister Georg Eisenreich, Harald Frießner (Preisträger), Matthias Burghardt (Preisträger), Michael Frederic Fischbaum, Bayerns Innenstaatssekretär Sandro Kirchner. 08.07.2026
Nationalsozialismus

Justizunrecht in der NS-Zeit:

For­schung­s­pro­jekt am Land­ge­richt Bay­reuth aus­ge­zeichnet

Fünf Jahre Forschung zur NS-Justiz in Bayreuth: Für die Aufarbeitung des Unrechts, welches das Sondergericht und später der Volksgerichtshof gesprochen haben, erhält Landgerichtspräsident Matthias Burghardt den Fritz-Neuland-Gedächtnispreis.

Artikel lesen
Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden. 26.06.2026
Sachenrecht

BGH zum Familienarchiv der Zeugen Jehovas:

Gut­gläu­biger Erwerb trotz Abhan­den­kommen?

Seit Jahren streiten die Zeugen Jehovas mit dem deutschen Staat um ein Familienarchiv aus der NS-Zeit. Dabei zentral: die Frage nach dem gutgläubigen Erwerb. Der BGH gab ihnen jetzt teilweise recht – und gab der Vorinstanz Hausaufgaben auf.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von CMS
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) für den Be­reich Ban­king & Fi­nan­ce

CMS, Ham­burg

Logo von Freshfields
Smart Chal­len­ge – Früh­jahr­s­prak­ti­kum­s­pro­gramm 2027

Freshfields, Frank­furt am Main

Logo von Bundesamt für Justiz
Voll­ju­ris­tin­nen bzw. Voll­ju­ris­ten (m/w/d)

Bundesamt für Justiz, Bonn

Logo von Wolters Kluwer
Mit­ar­bei­ter An­zei­gen­dis­po­si­ti­on & Ver­triebs­un­ter­stüt­zung (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Wolters Kluwer
Me­dia Sa­les Ma­na­ger (m/w/d) für Le­gal Tri­bu­ne On­li­ne - re­mo­te

Wolters Kluwer, Hürth und 6 wei­te­re

Logo von White & Case
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d), Em­p­loy­ment / Ar­beits­recht

White & Case, Frank­furt am Main

Logo von Deutsches Patent- und Markenamt
Voll­ju­ris­tin­nen und Voll­ju­ris­ten (w/m/div)

Deutsches Patent- und Markenamt, Mün­chen

Logo von Landkreis Emsland
Kreis­rä­tin / Kreis­rat (m/w/d)

Landkreis Emsland, Mep­pen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Noerr
NextGen Lawyers

11.11.2026, Berlin

Logo von A&O Shearman
LL.M. Tour am 4. und 5. Dezember 2026

04.12.2026, Washington, D.C.

Zertifikatslehrgang Tax Technology Officer

19.10.2026

Logo von Freshfields
Freshfields NextGen AI

06.11.2026, Brüssel

Karriere-Powerworkshops: Erfolgsfaktor Personal Branding

20.10.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH