Druckversion
Donnerstag, 13.08.2026, 05:52 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/hartz-iv-reform-forderungen-nach-bverfg-urteil-kuerzungen-maximal-30-prozent
Fenster schließen
Artikel drucken
39517

Nach BVerfG-Urteil: Debatte um Hartz-IV-Reform

06.01.2020

Agentur für Arbeit, Nürtingen

(c) Jürgen Fälchle/stock.adobe.com

Im neuen Jahr will die Regierung das Hartz-IV-System reformieren, nachdem das BVerfG Leistungskürzungen für teils verfassungswidrig erklärt hat. Doch nicht allen reicht es, bloß die Karlsruher Vorgaben umzusetzen.

Anzeige

Hartz-IV-Bezieher sollen nicht mehr besonders hart sanktioniert werden können. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hatte im November die Leistungskürzungen für Hartz-IV-Bezieher für teilweise verfassungswidrig erklärt. Die Richter hatten entschieden, dass der Staat Hartz-IV-Bezieher für Pflichtverstöße zwar abstrafen darf, Leistungskürzungen sind aber nur noch in Höhe von bis zu 30 Prozent erlaubt, zuvor war unter Umständen sogar die Streichung der gesamten Leistungen über mehrere Monate möglich.

Die Jobcenter dürfen auch nicht mehr pauschal sanktionieren, sondern müssen sich jeden Fall einzeln anschauen - wenn nötig im Rahmen einer persönlichen Anhörung, so das BVerfG. Nun geht die Debatte los.

Arbeitsagentur will in Zukunft Beispielkataloge verwenden

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, fordert nun eine rasche Verabschiedung eines Gesetzes zum künftigen Umgang mit den Sanktionen. "Wir wünschen uns eine möglichst rechtssichere Auslegung dieses Urteils des Bundesverfassungsgerichtes", sagte Scheele der Deutschen Presse-Agentur. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte für das neue Jahr bereits ein entsprechendes Gesetz angekündigt. "Das ist eine Gelegenheit, in dieser Koalition das gesamte System bürgerfreundlicher zu machen und zu reformieren", sagte Heil im Dezember.

Scheele kündigte an, seine Behörde wolle für die Mitarbeiter mit Beispielkatalogen arbeiten. Diese sollten diverse Fragen klären, so etwa "was ist Mitwirkung, was ist ein Härtefall". "Die Kollegen in den Jobcentern haben Interesse daran, so etwas zu haben." Sie müssten im Gespräch mit den Leistungsbeziehern erklären können, warum etwa kein Härtefall vorliege.

Nach Einschätzung Scheeles befriede die Regelung, dass die Regelleistung nicht um mehr als 30 Prozent gekürzt werden dürfe, die Diskussion. "Uns reicht das", sagte Scheele. Die Gruppe derer, die möglicherweise nun darauf spekulierten, die anderen 70 Prozent als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen anzusehen, sei verschwindend klein. "Da muss man sich keine Sorgen machen."

Wie weit soll die Hartz-IV-Reform reichen?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte eine weitergehende Hartz-Reform. "Wir fordern für Hartz-IV-Empfänger ein Recht auf Weiterbildung und bessere finanzielle Rahmenbedingungen während der Teilnahme", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann. "Stattdessen gibt es Fehlanreize wie Ein-Euro-Jobs, die sich für Hartz-IV-Bezieher oft eher lohnen als beispielsweise eine Weiterbildung." Hartz-IV-Bezieher bräuchten Brücken in den ersten Arbeitsmarkt. "Die Realität mit Hartz IV ist aber viel zu oft Armut und massive Verunsicherung." Die Sanktionen seien eine Drehtür in prekäre Beschäftigung, weil jedes Angebot angenommen werden müsse.

Hoffmann warnte: "Man darf nicht nach zwölf Monaten ins Hartz-IV-System abrutschen, wie es heute ist." Auf den Prüfstand gehörten auch die Regelsätze für die Grundsicherung. "Die sind heute viel zu gering. Dazu sollte eine Sachverständigenkommission eingerichtet werden", forderte er.

Nach Ansicht des sozialpolitischen Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober, sollte bei einer grundlegenden Reform eine Veränderung der Zuverdienstregeln im Vordergrund stehen: "Erwerbstätige Hartz-IV-Empfänger müssen künftig mehr vom selbst verdienten Geld behalten dürfen", erklärte er. "Daneben muss Scheele endlich den längst überfälligen Bürokratieabbau in den Jobcentern angehen, damit die Mitarbeiter wieder mehr Zeit für die Vermittlung der Langzeitarbeitslosen haben."

dpa/ast/LTO-Redaktion

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Nach BVerfG-Urteil: . In: Legal Tribune Online, 06.01.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/39517 (abgerufen am: 13.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Sozialrecht
    • BVerfG
    • Hartz IV
    • Reform
  • Gerichte
    • Bundesverfassungsgericht (BVerfG)
Außenansicht des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe 31.07.2026
Richter

Verfassungsbeschwerde erfolgreich:

Reni­tente Fami­li­en­rich­terin muss sich keiner ärzt­li­chen Unter­su­chung unter­ziehen

Wegen auffälligen Verhaltens einer Richterin ordnete der LG-Präsident eine ärztliche Untersuchung an. VG und OVG billigten das – das BVerfG widerspricht: Ein hartnäckiger Streit über Gerichtszuständigkeiten trägt keinen Paranoia-Verdacht.

Artikel lesen
Eine Collage, die ein Bild vom Zweiten BVerfG-Senat und LTO-Redakteur Hasso Suliak enthält 23.07.2026
Gesetzgebung

BVerfG verneint "Tempolimit" für Gesetzgebung:

Keine Sand­kas­ten­spiele mit der Par­la­ments­mehr­heit

Das BVerfG hat es abgelehnt, der Parlamentsmehrheit Vorgaben zu machen, in welchem Tempo sie Gesetze berät und beschließt. Die Entscheidung ist richtig und dürfte dem Senat in Zukunft viel Arbeit mit ähnlich gelagerten Verfahren ersparen.

Artikel lesen
Fünf Personen stehen auf einer Bühne und applaudieren, während ein Mann am Mikrofon spricht. 22.07.2026
AfD

Diskussion um Verbot von Landesverbänden der AfD:

Wehr­hafte Demo­k­ratie darf präzise sein

Die wehrhafte Demokratie muss nicht immer zur schärfsten Waffe greifen. Ein Verbotsantrag gegen einzelne AfD-Landesverbände ist nach geltender Rechtslage bereits heute zulässig, meinen Ulrich Karpenstein und Roya Sangi.

Artikel lesen
Links: Die Justizministerkonferenz im Juni 2026 / Rechts: Portrait von Prof. Dr. Matthias Kilian 22.07.2026
Jurastudium

Reform der Juristenausbildung:

Hilfe muss von außen kommen

Der demografische Wandel hat noch nicht voll zugeschlagen und wir bilden schon jetzt zu wenige Volljuristen aus. Matthias Kilian zeigt anhand der Zahlen, wo die Probleme liegen, und was wir jetzt eigentlich tun müssten, um diese zu lösen.

Artikel lesen
Der Landtag in NRW 15.07.2026
Reform

Anhörung im NRW-Landtag:

Sach­ver­stän­dige sehen Nach­bes­se­rungs­be­darf bei Arbeits­ge­richts­re­form

Die geplante Reform der Arbeitsgerichte in NRW stößt in der Expertenanhörung auf Kritik. Streitpunkte sind die Gerichtstage und weite Wege. Auch gibt es Sorge, dass Mitarbeitende die Justiz verlassen, wenn Gerichte zusammengelegt werden.

Artikel lesen
Plenarsaal des Bundesrats 10.07.2026
Reform

Reformpakete der Bundesregierung:

Bun­desrat winkt Hei­zungs­ge­setz und Gesund­heits-Spar­paket durch

In der letzten Sitzung vor der Sommerpause hatte der Bundesrat viele Themen zu besprechen. Der Fokus lag auf dem kontrovers diskutierten Gesundheits-Sparpaket und dem neuen Heizungsgesetz. Beide winkte der Bundesrat nun durch.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Logo von Redeker Sellner Dahs
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt im Ar­beits­recht mit Be­ruf­s­er­fah­rung (m/w/d) –...

Redeker Sellner Dahs, Bonn

Logo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP
As­so­cia­te (m/w/d) Ca­pi­tal Mar­kets

Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von FernUniversität Hagen
Wis­sen­schaft­li­che*n Mit­ar­bei­ter*in (w/m/d) am Lehr­stuhl für Bür­ger­li­ches...

FernUniversität Hagen, Ha­gen

Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Unabhängiger Kontrollrat
Voll­ju­ris­tin­nen oder Voll­ju­ris­ten (w/m/d) als Re­fe­ren­tin oder Re­fe­rent für...

Unabhängiger Kontrollrat, Ber­lin

Logo von CMS
Er­fah­re­ne/r Rechts­an­walt (m/w/d) Ar­beits­recht

CMS, Ham­burg

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Das Telefon – die Visitenkarte der Kanzlei

13.08.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
DAIvent: Aktuelles Arbeitsrecht an der Ostsee - Meinungsfreiheit, Mobiles Arbeiten und Homeoffice

13.08.2026, Lübeck

Streitiges Vorsorge- und Betreuungsrecht – Erbrecht beginnt vor dem Erbfall

13.08.2026

Logo von White & Case
Exklusives Kaiserseminar

26.08.2026, Frankfurt am Main

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
DAIvent: Aktuelles Arbeitsrecht an der Ostsee Kündigungsschutzrecht 2026

14.08.2026, Lübeck

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH