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Legal Design Thinking: Denken für die Nutzer

Gastbeitrag von Lina Krawietz und Viktoria Kraetzig

02.08.2021

Menschen im Unternehmen

(c) peshkova - stock.adobe.com

Unternehmensjuristen können für ihre Innovationsprozesse auf Legal Design Thinking zurückgreifen. Die Methode orientiert sich an den Bedürfnissen der Nutzer. Wie das funktioniert, erklären Lina Krawietz und Viktoria Kraetzig. 

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Der technische Fortschritt, die globalisierte Welt und die Tatsache, dass Unternehmen immer schneller, vernetzter und digitaler agieren, bringen täglich neue Herausforderungen auch für Unternehmensjuristen mit sich: umfangreiche Regulierung, komplexe Risiken, veränderte Bedürfnisse, Erwartungen und Gewohnheiten von Kundinnen und Kunden, Beschäftigten und Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern.  

Auch Rechtsabteilungen müssen auf diese Entwicklungen reagieren. Dabei gilt es, so effizient wie möglich zu arbeiten, keine unnötigen Kosten zu verursachen und Risiken erfolgreich abzuwehren. Rechtsabteilungen, die das auf Dauer gewährleisten wollen, müssen ihre Prozesse kontinuierlich anpassen und optimieren. Das erfordert nicht nur technische Neuerungen. 

Vielmehr hängen Integrität und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen mittel- bis langfristig davon ab, wie gut es gelingt, Innovation zu einem Wesensmerkmal auch der juristischen Arbeit zu machen. Innovativ zu sein bedeutet dabei nicht nur, digital zu arbeiten, sondern in der Lage zu sein, regelmäßig neuartige und gleichzeitig nützliche Lösungen zu finden, sei es digital oder analog. 

Auf die Bedürfnisse der künftigen Nutzer:innen kommt es an

Im Kontext dieser Aufgabe taucht in der Rechtsbranche vermehrt das Konzept des "Legal Design Thinking" auf.  

Design Thinking ist ein agiler und interdisziplinärer Innovationsansatz, der die Prinzipien, Vorgehensweisen und Methoden von klassischen Designern adaptiert, um notwendige Veränderungsprozesse zu identifizieren, strategisch anzugehen und im Ergebnis nutzerfreundliche, ganzheitliche und nachhaltige Lösungen für komplexe Probleme zu entwickeln. Wird Design Thinking im Rechtsbereich angewandt, spricht man von Legal Design Thinking.  

Neben der technischen Realisierbarkeit und wirtschaftlichen Machbarkeit stehen beim Legal Design Thinking die Nützlichkeit und die Nutzbarkeit im Zentrum. Der spezifische Fokus liegt auf den Bedürfnissen der künftigen Nutzer – das können für eine Rechtsabteilung die Vorgesetzten, Kollegen und Kolleginnen anderer Abteilungen oder Kunden und Kundinnen bzw. Geschäftspartner und Geschäftspartnerinnen sein.

Qualitative Bedarfsanalyse deckt Ursachen von Problemen auf 

Dreh- und Angelpunkt von Legal Design Thinking ist demnach zunächst eine umfassende qualitative Nutzerrecherche – etwa zur Wirksamkeit eines bestehenden Compliance-Konzepts. 

Meistens fokussieren sich Rechtsabteilungen auf quantitative Umfragen, um Bedarfe zu ermitteln.  Abgefragt wird dann beispielsweise die Kenntnis der Compliance-Prozesse, die Bereitschaft zur Meldung von Verstößen und diesbezügliche Vorkommnisse in der Vergangenheit. Auf diese Weise tritt – beschränkt auf den Rahmen des Abgefragten –zutage, was nicht funktioniert wie gewünscht.  

Eine qualitative Bedarfsanalyse kann darüber hinaus aufzeigen, wo die tatsächliche Ursache von Problemen bei der Anwendung eines bestehenden Compliance-Programms liegt. Ein Gespräch mit zehn Personen kann dabei unzählige Dinge aufdecken, derer man sich zuvor noch nicht bewusst war. Daraus ergeben sich neue Erkenntnisse, die oft unerlässlich sind, um fundierte Design-Entscheidungen bei der Gestaltung von Lösungen treffen zu können. 

Was funktioniert in der Praxis wirklich? 

Sobald das zugrundeliegende Problem – das oft nicht dem ursprünglich Vermuteten entspricht – aus Nutzerperspektive analysiert und definiert ist, können die Juristen und Juristinnen mit Hilfe verschiedener Brainstorming- und Gestaltungs-Methoden mögliche Lösungen erarbeiten.  

Die vielversprechendsten Lösungsansätze werden in einem frühen Stadium an potenziellen Nutzerinnen und Nutzern getestet. Das geschieht in Form von einfachen Prototypen, welche die wesentlichen Funktionen einer Idee greifbar machen. Das kann alles sein: von einer Bleistiftskizze eines Prozesses bis hin zu einem digitalen Click-Dummy einer Software.  

Ziel ist es, die eigene, oft sehr subjektive Vorstellung dessen, was eine gute Lösung sein könnte, so früh wie möglich auf den Prüfstand zu stellen und im Praxistest zu lernen, was wirklich funktioniert - und was nicht. Auf diese Weise entstehen in mehreren Iterationsschleifen die Dokumente, Services, Tools, Kommunikationskonzepte oder Strukturen, mit denen eine Rechtsabteilung zeitgemäß und effizient arbeiten kann.  

Zwar bedeutet eine design-orientierte, mensch-zentrierte und fortlaufende Herangehensweise an Innovation stets Investitionen. Im Verhältnis zu den Kosten bei falschen Veränderungen oder Stagnation ist dieser Aufwand jedoch marginal. 

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Rechtsabteilungen als künftige Innovationstreiber? 

Naheliegende Anwendungsfälle für Legal Design Thinking sind neben den Compliance-Prozessen etwa eine effiziente Neugestaltung von Verträgen und Vertragsprozessen oder Kommunikationskonzepten.  

Der Legal Design Thinking Ansatz bewahrt davor, am Bedarf vorbei zu entwickeln und fördert einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen. Da es sich bei Legal Design Thinking um eine agile, interdisziplinäre, kollaborative und datengetriebene Herangehensweise handelt, entstehen dabei nicht nur Innovationen. Vielmehr noch: Rechtsabteilungen legen mit Legal Design Thinking einen wichtigen Grundstein für eine neue, zeitgemäße Art, zu arbeiten. 

Ob Rechtsabteilungen einmal die Rolle von Innovationstreibern zuteilwerden wird bzw. werden soll, ist umstritten. Mit Legal Design Thinking wäre es machbar.

Die Autorin Lina Krawietz ist Juristin und Design Thinking Expertin. Als Mit-Gründerin und Geschäftsführerin der Innovationsberatung This is Legal Design begleitet sie Innovationsvorhaben in Rechtsabteilungen, Kanzleien und Startups. 

Die Autorin Viktoria Kraetzig ist Rechtsanwältin in der Kanzlei Nordemann in Berlin. Vor ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin war sie als Justitiarin in einem Unternehmen tätig.  

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Zitiervorschlag

Legal Design Thinking: . In: Legal Tribune Online, 02.08.2021 , https://www.lto.de/persistent/a_id/45623 (abgerufen am: 12.05.2026 )

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