Druckversion
Dienstag, 8.09.2026, 23:38 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/usa-weyrauch-jurastudium-nasa-ethnologie-soziologie-florida-rechtsgeschichte
Fenster schließen
Artikel drucken
47214

Jurist mit ethnologischer Brille: Einer, der auszog, das Recht im Ver­bor­genen zu suchen

von Martin Rath

16.01.2022

Das Ziel von Walter Otto Weyrauch: die USA.

Das Ziel von Walter Otto Weyrauch: die USA. Bild: Zerophoto - stock.adobe.com

Er gehörte zu den ersten, die fürs Jurastudium in die USA reisten, ohne politischer Flüchtling aus Deutschland zu sein: Walter Otto Weyrauch. Obwohl er sogar für die NASA forschte, ist er heute kaum noch bekannt.

Anzeige

Es war ein schönes juristisches Argument, das im Jahr 1964 dazu beitrug, eine Kampagne gegen vermeintliche Kommunisten und Homosexuelle in Florida unmöglich zu machen.

Der vom Staatssenator Charley Johns (Demokrat, 1905–1990) zur Untersuchung insoweit befürchteter unamerikanischer Umtriebe geführte Ausschuss hatte die Verbreitung der Broschüre "Homosexuality and Citizenship in Florida" veranlasst. Gegen diese in hoher Auflage gedruckte, teils aufklärend, aber auch etwas voyeuristisch gestaltete Druckschrift zum Sexualstrafrecht wurde vorgebracht, dass ihr Bildmaterial obszön und damit vom Versand mit der US-Bundespost auszuschließen sei.

In einem ausführlichen biografischen Interview, das der deutsche und amerikanische Jurist Walter Otto Weyrauch (1919–2008) im März 1993 als Professor in Florida gab – übrigens ein nachahmenswertes Beispiel der "oral history"-Tradition – ist die Affäre nur ein lustiges Detail unter vielen. 

Weyrauch, geboren in Lindau am Bodensee, hatte dank einer Erkrankung nur rund ein halbes Jahr als Soldat in der Wehrmacht dienen müssen. Das erlaubte ihm, sein Jurastudium in Frankfurt/Main zu Ende zu bringen – u. a. dazu, wie seine Professoren seinerzeit die Vermittlung des NS-Staatsrechts vermieden, gibt er kurz Auskunft. 

Als Sohn eines früh verstorbenen Kunstmalers mit mehrfachem Migrationshintergrund – eine Großmutter war in Russland geborene Belgierin – hatte Weyrauch generell eine gesunde Distanz gegenüber dem, was er nach einem zweiten Jurastudium in den USA kritisch als deutsches Kirchturmdenken beschrieb. 1945 durch den Stillstand der deutschen Rechtspflege zunächst beschäftigungslos geworden, suchte er beispielsweise im Auftrag der US-Besatzungsmacht den Zugriff auf die Kartei, die von der Frankfurter Gestapo über ihre V-Leute geführt worden war. Sein Bericht zu den Gestapo-Spitzeln zählt zu den ersten, nicht juristischen, sondern soziologischen Studien zur Zusammensetzung dieser Personengruppe – von dem er 1993 mit feiner akademischer Ironie erklärte, er sei später von der DDR-Staatssicherheit evaluiert worden. 

Persönliche Atlantikbrücken werden gebaut 

Zunächst in der Kanzlei von Max Ludwig Cahn (1889–1967) mit Rechtsfragen von überlebenden Frankfurter Juden beschäftigt, dann in eigener Sozietät tätig, wurde Weyrauch 1950 erstmals als Experte für fünf Monate in die USA eingeladen, die seinerzeit die Liberalisierung der seit Jahrzehnten von dicht verwobenen Kartellen geprägten deutschen Volkswirtschaft in Gang bringen wollten – nicht zuletzt mit Blick auf deren Rolle in den vorangegangenen beiden Weltkriegen. 

Zu seiner Überraschung erhielt Weyrauch, der nebenbei den Fragebogen für ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in den USA ausgefüllt hatte, 1952 ein Visum, das er nach Absprache mit seinen Frankfurter Sozii zunächst testweise nutzen wollte. 

Einmal dort angekommen, studierte Weyrauch ein zweites Mal und erwarb nach dem Bachelor das juristische Berufsdoktorat, gefolgt von einer weiteren, wiederum soziologisch geprägten Arbeit: 1962 veröffentlichte die Yale University Press seine Studie "The Personality of Lawyers. A Comparative Study of Subjective Factors in Law, based on Interviews with German Lawyers". Im Rückblick erklärte Weyrauch 1993: "Im Wesentlichen behauptete ich, dass Juristen bestimmte Eigenschaften mit Menschen teilen, die Zwangsneurotiker sind, zum Beispiel zwanghafte Rituale durchführen und so weiter." 

Gegen den Vorwurf, er bewege sich als Jurist mit solchen Aussagen auf einem psychologisch heiklen Terrain, unterstützte ihn erfolgreich der promovierte Psychiater Jacob Katz (1922–2008), der später zu den bekanntesten Kritikern der ethisch fragwürdigen Tuskegee-Syphilis-Studie an afroamerikanischen Bürgern zählte. 

Weyrauch hatte nach einer in Ethnologie und Soziologie durchaus anerkannten Methode 70 deutsche Juristen frei assoziierend über ihren Beruf und ihre Weltsicht sprechen lassen und dabei das Bild einer weitgehend in Versorgungs- und anderem Kirchturmdenken gefangenen Profession gewonnen – was sich der große deutsch-amerikanische Zivilrechtslehrer Max Rheinstein (1899–1977) nur damit erklären mochte, dass Weyrauch ihnen nicht den einen oder anderen fachlichen Gesprächsimpuls gegeben hatte. Rheinstein, der 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland exiliert war, hatte die Erfahrung gemacht, dass deutsche Juristen nach 1945 weniger über ihren Status als Opfer der Zeitumstände jammerten, sobald man sich ihnen fachlich als Kollege offenbarte. 

Blick auf das Recht und jene, die es veranstalten 

An der kleinen Rechtsschule der Universität von Florida – eine Berufung nach Stanford nahm Weyrauch nicht an, weil das Angebot zehn Tage später kam – wurde der an deutschen Juristen und Gestapo-V-Leuten erstmals erprobte soziologische Blick produktiv – im Rechtsunterricht zum strategischen Vorgehen bei Gericht. 

Nicht nur Buchstabe und Auslegung des Gesetzes zu lehren, sondern auch die Einstellungen derer systematisch zu thematisieren, die es anzuwenden haben, ist zwar keine Erfindung Weyrauchs. Doch ohne das Zutun der europäischen Neulinge, der ungezählten deutschen, meist jüdischen Juristinnen und Juristen der Exiljahre oder auch des Nachkriegsemigranten Weyrauch, hätte sich diese Perspektive wohl schwerer getan. 

Es wurden dabei nicht nur die Geschworenenbank oder der Spruchkörper des U.S. Supreme Court ihrer mehr oder weniger bloß unterstellten juristischen Erhabenheit  entkleidet. Weyrauch konnte dank seiner Spezialisierung auf die strategische Analyse und Lehre juristischer Handlungspraxis auch noch einen Beitrag zum US-Raumfahrtprogramm leisten, der ungleich sympathischer war als die Geschichte des erst zum amerikanischen Helden umgearbeiteten Wernher von Braun (1912–1977).  

Weil noch nicht absehbar war, wie weit die Weltraumreisen gehen sollten, wurden ab Dezember 1965 im Auftrag der NASA neun Freiwillige in einem Penthouse auf dem Gelände der Universität Berkeley isoliert, betreut von rund 30 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Hauptziel war die Kontrolle der Nahrung – für den Aufbruch in die unendlichen Weiten ausreichend, aber sparsam im Gewicht. Weyrauch war für die Analyse der spontanen Bildung von Regeln, wenn nicht sogar von Recht, zwischen den abgesonderten Probanden zuständig ("Law in Isolation the Penthouse Astronauts"). 

Rechtsverhältnisse kleiner Völkerschaften und isolierter Gruppen 

Für die NASA zu erforschen, welche Normen in einer isolierten Gruppe als verbindlich anerkannt oder ausgehandelt werden – das klingt ein wenig nach der popkulturellen Selbstvermarktung, mit der die amerikanischen Universitäten auf einem hart umkämpften Markt die begabtesten Köpfe auf ihren kostenpflichtigen Campus locken wollen. 

Im biografischen Interview erzählte Weyrauch 1993 jedoch, dass sich gar kein anderer Jurist gefunden hatte. Auch fügt sich das Vorhaben in seine weitere Forschungstätigkeit zum informellen Rechtsleben kleiner oder isolierter Gruppen von Menschen ein. 

In einem Überblicksartikel unter dem Titel "Unwritten Constitutions, Unwritten Law" aus dem Jahr 1999 ging er beispielsweise auf die grundlegenden Rechtsvorstellungen der aus dem britischen Kolonialreich zusammengekommenen Menschen auf der einsamen Atlantikinsel Tristan da Cunha ein – heute rund 240 Einwohner.  

Von Bedeutung ist insbesondere Weyrauchs gemeinsam mit Maureen Anne Bell vorgelegte Darstellung des Romaniya, also der Verhaltensnormen, die in ciganiden Ethnien Europas und Nordamerikas – "Zigeunern", Gypises, Sinti oder Roma – als verbindlich gelten. 

Während in Deutschland die staatlichen Rechtsquellen stets fest im Blick behalten werden und durch urwüchsig demokratische Übung anerkannte Nomen oft zum Gegenstand fremdenfeindlicher Rhetorik werden, galt Weyrauchs freundliches Interesse den normativen Bindungen aller isolierten Gruppen. 

Selbst heute dürfte es sehr provokativ wirken, wollte jemand die im meist unbeobachteten Raum etablierten, womöglich über Generationen tradierten Normen beispielsweise einer ungarischen Roma-Gruppe mit jenen unter den rumänischen Vertragsarbeitern der Schlachthöfe von Rheda-Wiedenbrück und jenen der wissenschaftlichen Hilfskräfte des berühmten "3. Senats" beim Bundesverfassungsgericht auf Gemeinsamkeiten hin untersuchen. 

Juristen und Ethnologinnen dürften in Deutschland doch eher zweisam in der Familienplanung als im wissenschaftlichen Interesse zusammenfinden. 

Anzeige

Migrant erzählt US-Geschichte 

Neben dieser provokativen Einladung an juristische Normwissenschaftler, einmal die ethnologische Brille aufzusetzen, lässt sich bei Walter Otto Weyrauch auch ein wenig Entspannung finden. 

Als er in den 1950er Jahren in den USA ankam, stand nicht nur der Kulturkampf gegen die imaginierten Umtriebe von Kommunisten und Homosexuellen auf der Tagesordnung. Weyrauch erinnerte sich 1993 daran, dass diese Kampagne in Florida tragikomische Züge annahm, weil etliche konservative Gelehrte einen Karriereknick erlebten – natürlich nicht, weil sie als heimliche Kommunisten enttarnt wurden. 

Mit allerlei Tricks, z. B. verschärfte Immatrikulationsregeln, habe sich, erzählt Weyrauch, die Universität von Florida auch gegen einen ersten afroamerikanischen Studenten zu wehren versucht. Weibliche Jurastudenten gab es zunächst nicht – die einzige Frau unter 300 jungen Männern wurde bei jeder Gelegenheit von einem Fußscharren ihrer Kommilitonen begleitet, einer wohl aus dem US-Strafvollzug entlehnten Verhaltensweise. Daraufhin ließ die Hochschule Teppich legen. 

Fast allen schlecht behandelten Studierenden standen übrigens hervorragende Karrieren bevor. 

Bekanntlich verkaufen sich apokalyptische Erzählungen von den USA heute wieder sehr gut. Bei Weyrauch liest man dagegen, wie diese respektable Republik seinerzeit – in deutlich härteren Konflikten – eine gute Entwicklung nahm. 

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Jurist mit ethnologischer Brille: . In: Legal Tribune Online, 16.01.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47214 (abgerufen am: 08.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Ausland
    • Rechtsgeschichte
    • USA
    • Weltraumrecht
Carsten Brosda (SPD), Senator für Kultur und Medien, spricht während der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus. 06.09.2026
Rechtsgeschichte

Abgeordnetenrechte:

Vom Charme des bei­nahe impe­ra­tiven Man­dats

Ist die Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Parteien ein Problem oder zwingende Konsequenz der modernen Demokratie und ihres Wahlrechts? Ein gewitzter Jurist aus Hamburg fand 1926 eine schmerzhaft realistische Antwort.

Artikel lesen
Tupac Shakur in seiner Rolle als Ezekiel 'Spoon' Whitmore im Film Gridlock'D. 01.09.2026
Mord

Mord an Rapper Tupac Shakur:

Mut­maß­li­cher Draht­zieher schuldig gespro­chen

Der Mord an dem Rapper Tupac Shakur schockierte 1996 die Öffentlichkeit - und warf viele Fragen auf. 30 Jahre später haben die Geschworenen ihr Urteil gefällt.

Artikel lesen
Ein Handy, auf dem die Apps der Meta-Angebote Facebook und Instagram zu sehen sind 27.08.2026
Social Media

Vergleich in den USA:

Meta zahlt 17 Mil­li­arden Dollar im Streit um Social-Media-Sucht

Mehrere US-Bundesstaaten werfen dem Meta-Konzern vor, Kinder nach Instagram und Facebook süchtig gemacht zu haben. Meta weist das zurück – und schon eine Woche nach Prozessbeginn kommt es zu einem milliardenschweren Vergleich.

Artikel lesen
Der Angeklagte Atallah Y. vor Prozessbeginn am Landgericht Berlin I, 02.04.2026. 26.08.2026
Brandstiftung

Hatte er doch Brandstiftungsvorsatz?:

BGH hebt mildes Urteil gegen "Raketen-Influ­encer" auf

Der BGH hebt das Urteil gegen einen Influencer auf, der eine Silvesterrakete durch ein Fenster in eine Berliner Wohnung schoss. Das LG habe den Versuch einer Brandstiftung fehlerhaft verneint. Kommt es in Berlin zu einem neuen Prozess?

Artikel lesen
Mitarbeiter des Wahlamts sortieren die per Briefwahl eingegangenen Stimmzettel für die Vorwahlen in Kalifornien. 25.08.2026
Wahlrecht

Streit um Briefwahl in den USA:

Trumps Dekret wirkt vor­läufig weiter

Ein amerikanisches Bundesgericht hatte Trumps Pläne gestoppt, die Regeln für die Briefwahl in den USA zu verschärfen. Nun hat der Supreme Court diese einstweilige Verfügung aufgehoben. Eine Entscheidung in der Sache steht jedoch noch aus.

Artikel lesen
Ein Mann in Uniform trinkt Bier, im Vordergrund sein Schützenhut 23.08.2026
Föderalismus

Briten schaffen "Nordrhein/Westfalen":

Wie ein sau­er­län­di­scher Schüt­zen­ve­rein sein Fest­zelt verlor

Auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht entstanden zum 23. August 1946 drei neue Länder, darunter "Nordrhein/Westfalen". Im strikt geordneten Deutschland sorgte das für viel Wirrwarr, denn Eigentum wie Zuständigkeiten gingen verloren.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Technische Universität München
Voll­ju­rist/in (m/w/d) im Per­so­nal­ma­na­ge­ment der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät...

Technische Universität München, Mün­chen

Logo von Paul-Ehrlich-Institut
Voll­ju­ris­tin / Voll­ju­ris­ten (m/w/d)

Paul-Ehrlich-Institut, Lan­gen

Logo von Kölner Anwaltverein e.V.
Ge­schäfts­füh­re­rin / Ge­schäfts­füh­rer (m/w/d)

Kölner Anwaltverein e.V., Köln

Logo von Klinikum Region Hannover GmbH
Spe­zia­list*in Com­p­li­an­ce (m/w/d)

Klinikum Region Hannover GmbH, Han­no­ver

Logo von Paul-Ehrlich-Institut
Voll­ju­ris­tin / Voll­ju­ris­ten (m/w/d) in Teil­zeit (23,4 h/​Wo­che)

Paul-Ehrlich-Institut, Lan­gen

Logo von RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB
RECHTS­AN­WALT (M/W/D) ER­B­RECHT

RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB, Stutt­gart

Logo von Katholisches Büro Nordrhein-Westfalen
Jus­t­i­tiar/in (m/w/d)

Katholisches Büro Nordrhein-Westfalen, Düs­sel­dorf

Logo von Rechtsanwalt Dr. Dr. Thomas Ruppel
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d) mit In­ter­es­se am Me­di­zin­recht

Rechtsanwalt Dr. Dr. Thomas Ruppel, Lü­beck

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Online-Trainingsabend: Netzwerkpflege mit Strategie

15.09.2026

Logo von Deloitte Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
EU-Geldwäscheprävention-Maßnahmenpaket im Fokus

16.09.2026

Allgemeine Grundlagen des Umwandlungsrechts für Vertragsvorbereitungen im Notariat

15.09.2026

Das Supervermächtnis in der notariellen Gestaltungspraxis

15.09.2026

Nießbrauchs- und Wohnungsrechte aus zivil-, pflichtteils-, bewertungs-, ertragsrechtlichen Sicht etc

15.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH