Druckversion
Montag, 9.03.2026, 06:05 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/rechtsgeschichte-1913-rhetorik-eisenbahn-militaer
Fenster schließen
Artikel drucken
8762

Rechtsgeschichten 1913: Katz, Maus und Rhetorik für Stoiber

von Martin Rath

19.05.2013

Symbolbild: Bayerischer Dampflokführer und Heizer um 1913

Symbolbild: Bayerischer Dampflokführer und Heizer um 1913, Quelle: Wikimedia

Von Eisenbahnern, die nach den Regeln der juristischen Kunst an einem "Schreck" sterben, über militärischen Richter-Verstand zum Reichsgerichtssound auf Schlagzeug – auch im Mai 1913 hatte das Justizwesen Unterhaltsames zu bieten. Mit einer Rhetorik, die Edmund Stoibers Augen zum Leuchten brächte, sinniert Martin Rath.

Anzeige

Die Welt ist klein. Jeder kennt jemanden, dem Nelson Mandela schon einmal die Hand geschüttelt oder huldvoll zugelächelt hat. Jedenfalls kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, dem das widerfuhr. Zumindest kennt jeder jemanden, der das "Free Nelson Mandela"-Konzert am 11. Juni 1988 gehört hat. Wem das zu kompliziert ist, es wird sprachlich gleich noch wilder.

Die Welt ist aber nicht nur klein, sondern auch kurz. Im Jahr 1913 erhielt in Südafrika ein junger deutschstämmiger Mann namens Oswald Pirow (1890-1959) nach Schul- und Studentenjahren in Itzehoe, Kiel und London die Zulassung als Rechtsanwalt. Pirow machte Karriere als, so würde man heute sagen, rechtsextremistischer Politiker, wurde Justizminister, später Ankläger im "Treason Trial", in dem 1956 Nelson Mandela und Genossen wegen Verrats angeklagt waren.

Was juristisch im Mai 1913 geschah

Während Florian Illies in seinem Bestseller "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" für den Mai 1913 als Marginalie zu berichten weiß, dass der 15-jährige Bertholt Brecht (1898-1956) unter Herzproblemen litt, mit der Folge, dass er wieder in Mutters Bett schlüpfte, nahmen sich das Reichsgericht zu Leipzig und der britische Innenminister in London allerlei Körperleid von Rechts wegen an.

Ende April 1913 war für das Vereinigte Königreich der "Prisoners (Temporary Discharge for Ill-health) Act, 1913" erlassen worden, der es dem Innenminister erlaubte, Strafgefangene mit Rücksicht auf gesundheitliche Beschwerden vorübergehend aus der Haft zu entlassen – um sie bei hinreichender Genesung wieder einsitzen zu lassen.

Mit dem Gesetz reagierte seiner Majestät Georg V. Regierung auf die zahlreichen Hungerstreiks inhaftierter Suffragetten, bürgerlicher Damen, die für das Frauenwahlrecht mit teils nicht zimperlichen Methoden protestierten. Ihren Kampf führten die Damen von Gesellschaft unter Einsatz von Leib und Leben. Die Hungerstreiks waren nicht zuletzt eine Reaktion auf den mittelalterlich verrotteten britischen Justizapparat.

Englischer Hungerstreik, preußischer Rückenmarksschreck

Den "Prisoners (Temporary Discharge for Ill-health) Act, 1913" nannte man wegen des Drehtür-Strafvollzugs bald auch boshaft "Cat and Mouse Act": Damen von Format in feucht-kalten Kerkern zu halten, sie zwangsweise zu ernähren, war einerseits anstößig. Andererseits war dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Das Ergebnis war ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Überzeugungstäterinnen. Dem nicht zuletzt autoaggressiven Protest der britischen Frauenbewegung nahm ab 1914 der Weltkrieg etwas den Schwung, als die Damen sich unter anderem für die Einwerbung von Kriegsanleihen für den Staat einsetzten.

Das Reichsgericht in Leipzig war derweil am 2. Mai 1913 um die Versorgung einer rheinpreußischen Offiziers- und Beamtenwitwe besorgt (Az. III 548/12): Am 13. November 1910 war ein beamteter Eisenbahnassistent verstorben. Witwe und Waisen machten einen erhöhten Versorgungsanspruch gegen den preußischen Fiskus geltend, weil sein Tod unter anderem auf einen "Schreck" zurückzuführen sei, den er beim Zusammenstoß zweier Züge am 31. Dezember 1906 um 4 Uhr früh erlitten haben soll.

Das Urteil des Reichsgerichts dreht sich um die Frage, wann "eine den Anspruch begründende Folge des Unfalls erst später bemerkbar geworden" sei. Der Eisenbahnassistent hatte sich zu Lebzeiten bei den Ärzten nicht mit dem Gedanken durchsetzen können, der "Schreck" sei ursächlich für seine Erkrankung, die Kausalität aber "erst später" bemerkbar gewesen. Die Reichsgerichtsräte mochten ihm beziehungsweise seiner Witwe die daraus folgende späte Anmeldung seines Versorgungsanspruchs nicht anlasten: "Eine den Anspruch begründende Unfallfolge ist vielmehr erst dann 'bemerkbar geworden', wenn der 'Verletzte' nach sorgfältiger Prüfung gemäß seinem Urteilsvermögen zu der gewissenhaften Überzeugung kam oder kommen mußte, sein Leiden sei durch den Unfall verursacht […]."

Seite 1/2
  • Seite 1:

    Damen von Format in feucht-kalten Kerkern

  • Seite 2:

    Das Reichtsgericht als Rhetorik-Vorbild

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichten 1913: . In: Legal Tribune Online, 19.05.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8762 (abgerufen am: 10.03.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Rechtsgeschichte
Überreichung der Ernennungsurkunde und der Vereidigung der 24 Richter des Bundesverfassungsgerichts in der Villa Hammerschmidt in Bonn. 08.03.2026
Gleichberechtigung

Erna Scheffler, ihr Lebenswerk und das Familienrecht der Gegenwart:

Die deut­sche Ruth Bader Gins­burg?

Als erste Richterin am BVerfG prägte Erna Scheffler maßgeblich das Familienrecht. Dank ihr haben Männer in Familienfragen nicht mehr das letzte Wort. Das Machtgefälle im Recht zugunsten von Männern spüren Frauen aber auch heute noch.

Artikel lesen
Ein Mitarbeiter platziert im Haus der Geschichte den Schabowski-Zettel. 23.02.2026
Auskunftsrecht

Ein Zettel, viele Fragen:

Streit um den Scha­bowski-Zettel geht vors Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt

25.000 Euro kostete das Stück Zeitgeschichte zur Maueröffnung. Doch wer verkaufte den legendären Schabowski-Zettel? Das Haus der Geschichte will das nicht preisgeben. Der Rechtsstreit geht nun vor das Bundesverwaltungsgericht.

Artikel lesen
Eine stark befahrene Straße in München im Jahr 1970. 15.02.2026
Rechtsgeschichte

Von Kautschuk über das Dritte Reich bis zum Verkehrsgerichtstag:

Rad der Zeit, gut ver­drängt

Der 15. Februar 1936 war ein besonderes Datum in der Geschichte der Kfz-Bereifung: Synthetisches Gummi wurde praxistauglich. Zum vermeintlich harmlosen Reifen lassen sich gleich mehrere juristische "Krimis" erzählen – eine Auswahl.

Artikel lesen
Soldaten der in Deutschland stationierten britischen Armee kühlen am 04.08.1961 in einem See auf der Bundesgartenschau in Stuttgart ihre Füße. 08.02.2026
Rechtsgeschichte

Diskussionen und Rechtstreitigkeiten um die Alliierten:

Bade­mäntel und Damen­k­leider auf Besat­zungs­kosten

Noch in den 1990er-Jahren waren Rechtsfragen zu den Kosten der alliierten Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg zu klären. Bereits der erste Deutsche Bundestag stritt jedoch emsig und überraschend selbstbewusst über diese Angelegenheiten.

Artikel lesen
Ein schwarz-weiß Bild, auf dem Kinder im Mai 1955 auf dem hagener Spielplatz zu sehen sind, der in der Nähe des verseuchten Brunnens lag. 01.02.2026
Rechtsgeschichte

Typhus und Justiz:

Aus dem Land der win­ter­lich damp­fenden Gruben

Vor 70 Jahren entschied der BGH zu den Folgen einer Typhus-Epidemie in Bayern. Nicht nur der Freistaat war betroffen. In den 1950er Jahren trat die Infektionskrankheit immer wieder in skandalösem Ausmaß auf.

Artikel lesen
Mehrere Brockhaus-Bände stehen nebeneinander in einem Regal. 18.01.2026
Rechtsgeschichte

Heute Wikipedia, gestern Brockhaus:

Welt­wissen aus der Gerichts­bi­b­lio­thek

Vor 25 Jahren wurde die Wikipedia gegründet, über deren Wert sich bis heute streiten lässt. Lange Zeit griffen Gerichte zum großen Konversationslexikon. Was etwa der "Brockhaus" erläuterte, galt als belastbar und Teil allgemeiner Bildung.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit oder Re­fe­ren­da­riat (m/w/d) im Ko­rea-Team

Gleiss Lutz , Mün­chen

Logo von DGUV - Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
Lei­tung der Ab­tei­lung Im­mo­bi­li­en

DGUV - Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung , Ber­lin

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Re­fe­ren­dar (w/m/d) Da­ten­schutz­recht

Osborne Clarke GmbH & Co. KG , Ham­burg

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit oder Re­fe­ren­da­riat (m/w/d) im Ko­rea-Team

Gleiss Lutz , Ham­burg

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Rechts­an­walt mit Be­ruf­s­er­fah­rung (w/m/d) Kar­tell­recht

Osborne Clarke GmbH & Co. KG , Köln

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit oder Re­fe­ren­da­riat (m/w/d) im Ko­rea-Team

Gleiss Lutz , Düs­sel­dorf

Logo von orka Partnerschaft mbB
Rechts­an­walt (m/w/d/*) im Be­reich Pri­va­tes Bau­recht

orka Partnerschaft mbB , Düs­sel­dorf

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit oder Re­fe­ren­da­riat (m/w/d) im Ko­rea-Team

Gleiss Lutz , Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Aktuelles zum Übergang vom Arbeitsleben in die Rente

17.03.2026

Rechtsfragen rund um das Arbeitsentgelt

17.03.2026

Die Pünktlichkeit der Mietzahlung im modernen Zahlungsverkehr und Verzugskündigung

17.03.2026

Praktische Auskünfte, Verzeichnisse und Ansprüche – Grenzlinienfestlegung durch den BGH

17.03.2026

Grundlagen des Arbeitszeitrechts und aktuelle Entwicklungen

17.03.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH