Vom ersten Semester an richtig studieren: Bottle-Partys und die Frage nach dem Warum

von Andrea Tiedemann

22.10.2014

Plötzlich geht das Jurastudium los, und auf die Studenten strömen ungeahnte Stoffmassen ein. Zwischen BGB AT, Strafrecht AT und Verwaltungsrecht bleibt wenig Zeit, die grundlegenden Fragen zu klären. Zum Beispiel, warum man sich das eigentlich alles antut. Um Sinnkrisen vorzubeugen und Lerntechniken zu vermitteln, bieten einige Unis inzwischen spezielle Einstiegsveranstaltungen an.

 

Warum mache ich das eigentlich? Warum tue ich mir das an? Viele der Erstsemester, die in diesem Herbst ins Jurastudium starten, stellen sich früher oder später diese Fragen. Spätestens dann, wenn sie die erste Klausur, mit mehr Korrekturbemerkungen als eigenem Text, in Händen halten. Wer dann eine Antwort auf die Warum-Frage hat, steckt Frustrationen leichter weg als andere.

"Die intrinsische Motivation ist schon sehr wichtig", sagt Julia Speierer, Mitarbeiterin der Juristischen Fakultät Regensburg. Die Wahrscheinlichkeit, durchzuhalten, steige, wenn der Student eine "Ahnung hat, wo es hingeht". Die Universität Regensburg bietet daher gleich zu Beginn des Studiums Kurse zur Orientierung an. "Rund 40 Prozent der Teilnehmer haben genaue Vorstellungen", sagt Speierer. Der eine möchte in die Wirtschaftskanzlei, ein anderer ins Ausland, der nächste zu einer Stiftung. Doch es gibt auch Jurastudenten, die das Fach als "Ausweichmanöver" wählen. Weil das Abi für Medizin nicht gereicht hat. Oder weil die Eltern Juristen sind. Oder schlicht, weil sie gehört haben, dass sich mit Jura viel Geld verdienen lässt.

Doch wenn sich der Lernstoff auftürmt, können solche Motive schnell ihre Wirkung verlieren. Wer noch nicht weiß, wo die Reise hingehen soll, kann im Regensburger Kurs zunächst mal probehalber einen Beruf auswählen, sich in ihn hineinversetzen und das Berufsbild den anderen Studenten vorstellen. Und oft liegen die Studenten mit ihrer Wahl gar nicht schlecht: "Viele sagen hinterher, dass sie jetzt wüssten, wofür sie das machten", sagt Speierer. Und die Frage, wo man hin will, kann nicht nur fürs Durchhalten, sondern auch für die konkrete Studienplanung wichtig sein: Brauche ich eine bestimmte Note für den Staatsdienst? Brauche ich Zusatzqualifikationen oder sogar Kenntnisse aus einem anderen Studienfach? "So kommt man von der Vier-gewinnt-Mentalität weg", sagt Speierer.

Drehbuch hilft bei der Arbeitsgruppe

Die Bucerius Law School in Hamburg klärt die Motivationsfrage ihrer Bewerber bereits vor dem Studium, im mündlichen Teil des Auswahlverfahrens. Wer  keine Vorstellung hat, warum er sich für das Studium begeistert, hat dort schlechte Karten. Da die Betreuung an der Bucerius Law School sehr viel individueller als an vielen Unis ist, sind Studenten von Anfang an gut eingebunden. Im Propädeutikum, das zwei Wochen vor dem ersten Trimester beginnt,  werden die Studenten ins juristische Denken und Arbeiten eingeführt.

Auch an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bielefeld, die seit zwei Jahren das Projekt "Richtig einsteigen" durchführt, widmet man sich im Erstsemesterkurs der Motivation. "Die kann helfen, lernschwache Zeiten durchzustehen", sagt Helena Bertrams, wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ein anderer wichtiger Aspekt sei, sich möglichst schnell zu vernetzen. In Bielefeld gibt es dafür so genannte "Bottle-Partys" für Juristen. Dabei sollen Studenten in lockerer Partystimmung einen passenden Lernpartner finden.

"Jeder bringt ein Getränk mit", beschreibt Bertrams die akademische Abendveranstaltung,  "und stellt sich dann mithilfe einer Karteikarte vor". Bin ich pünktlich? Was ist mein Noten-Ziel? Welchen Rechtsbereich mag ich besonders gern, welchen nicht? Hier ist Ehrlichkeit gefragt, um am Ende in einer gut zusammengestellten Gruppe zu landen. "Wir geben den Studenten dann noch so genannte Drehbücher mit, die sie durch die ersten Gruppentreffen leiten sollen", sagt Bertrams. Denn nicht selten verkommen private Arbeitsgruppen zu Klatschrunden am Kaffeeautomaten. Kein Wunder, meint Bertrams, schließlich fehle den "manchmal erst 17-Jährigen" doch häufig ein "festes Setting".

In den Einführungsveranstaltungen geht es allerdings um noch weit mehr als Motivation und die passende Arbeitsgruppe. Neben Zeitmanagement und Studienplanung soll auch das Lernen an sich gelehrt werden. "Viele fragen sich, warum sie sich nach dem Abitur damit noch einmal auseinandersetzen sollen", sagt Bertrams. Doch eine systematische Herangehensweise, mit der man die immense Stofffülle bis zum Examen behalten kann, sei für die meisten dann doch neu. Wie arbeitet mein Gehirn? Wie schreibe ich eine sinnvolle Karteikarte? Wie mache ich die Vorlesung für mich nutzbar? "Natürlich kann man sich die Powerpoint-Präsentation einfach runterladen, aber wenn man den Stoff für sich selber noch einmal strukturiert, reflektiert man ihn währenddessen", sagt Bertrams, die sich bei der Konzeption von "Richtig einsteigen" an dem Buch "Jurastudium erfolgreich" von Barbara Lange orientiert hat.

Zitiervorschlag

Andrea Tiedemann, Vom ersten Semester an richtig studieren: Bottle-Partys und die Frage nach dem Warum. In: Legal Tribune Online, 22.10.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/13543/ (abgerufen am: 28.05.2017)

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