Jurastudium und Referendariat mit Kind: Mit dem Kinderwagen zur Klausurrückgabe

Ein dicker Bauch zeugt bei Jurastudentinnen eher von zu viel Zeit am Schreibtisch oder am Schokoautomaten als von einer baldigen Geburt. In kaum einer anderen Fachrichtung kommen so wenige Kinder während des Studiums zur Welt – was auch am strengen juristischen Prüfungsrecht liegt. Eine Übersicht über die wichtigsten Fragen für werdende Juristen, die sich dennoch für die frühe Elternschaft entscheiden.

 

Ein Baby-Bett kaufen, einen Kinderarzt auswählen, die Tasche fürs Krankenhaus packen: In den Monaten vor der Geburt müssen angehende Eltern eine lange Checkliste abarbeiten. Kriegen sie ihr Kind während des Studiums, können sie gleich noch die Schlagworte "Urlaubssemester" und "Bafög-Erhöhung" ergänzen.

Jurastudenten und Referendare sollten vielleicht gleich einen zweiten Zettel drankleben. Zwischenprüfung, Freiversuch, Unterhaltsbeihilfe: Wer vor dem Zweiten Staatsexamen eine Familie gründet, muss zusätzlich Ausbildungsgesetz und Prüfungsordnung im Auge behalten – und bei deren Auslegung auf eine großzügige Verwaltungspraxis der Prüfungsämter hoffen.

Die Geburt – ein "wichtiger Grund" für eine Fristverlängerung?

Die erste Anlaufstelle für studentische Eltern ist die Universität selbst. Denn wer sein Kind vor dem letzten Uni-Schein bekommen hat, muss mit der juristischen Fakultät absprechen, wie sich Mutterschutz und Erziehungszeiten mit deren Studienordnung vereinbaren lassen. In Baden-Württemberg schreibt die Ausbildungsordnung beispielsweise landesweit vor, dass die Zwischenprüfung bis zum vierten Semester abgelegt werden muss. Welche Semester hierbei (nicht) mitgezählt werden, entscheidet jedoch die jeweilige Universität.

Die Zwischenprüfungsordnung der Universität Heidelberg etwa erlaubt aus wichtigem Grund eine Fristverlängerung. Semester, in denen eine Studentin beispielsweise wegen der Geburt beurlaubt war, bleiben aber außen vor. Ähnliche Regelungen finden sich in vielen anderen Studienordnungen – eine gründliche Lektüre lohnt sich also. Wer sich im Dschungel der unbestimmten Rechtsbegriffe, Regelbeispiele und Generalklauseln nicht zurechtfindet, kann bei der Fachstudienberatung oder allgemeinen Beratungsstellen für Eltern an der Universität oder beim Studierendenwerk um Unterstützung bitten.

Kinderbetreuung: Ein "nicht zu vertretender Grund" für eine Studienpause?

Steht das Erste Examen an, ist dagegen das Justizprüfungsamt des Landes zuständig – zumindest für den staatlichen Teil. Hier gilt es, so früh wie möglich Kontakt aufzunehmen. Das Prüfungsrecht sieht schließlich in allen Bundesländern (unterschiedlich) strenge Fristen für Examenskandidaten vor. Wer etwa in Bayern länger als zwölf Semester studiert hat, wird grundsätzlich so behandelt, als sei er durch den Staatsteil gefallen. Ausnahme: Er war beurlaubt oder sein Studium verzögerte sich aus "nicht zu vertretenden Gründen". Solche Gründe liegen aber nicht bei jeder Kinderbetreuung, sondern nur dann vor, wenn der Antragsteller das Kind "hauptsächlich versorgt" hat, so das Justizministerium.

Auch in anderen Bundesländern ist die Studiendauer nach oben begrenzt – zumindest für jene Eltern, die ihr Examen im Freiversuch schreiben wollen. Die magische Grenze für den sogenannten "Freischuss" liegt dabei grundsätzlich bei acht Semestern. Doch wer während dieser Zeit ein Kind bekommen oder betreut hat, kann sich meist ebenfalls auf eine Ausnahmeregelung in der Prüfungsordnung berufen: Semester, in denen Eltern aus diesen Gründen am Studium gehindert waren, können für den Freiversuch außer Betracht bleiben.

"Das gesetzgeberische Interesse: Studierende zum zügigen Studienabschluss motivieren"

In manchen Bundesländern ist das ausdrücklich im Gesetz geregelt. In Berlin und Brandenburg zum Beispiel wird nicht nur der Mutterschutz ausgenommen. Auch Semester, in denen Eltern "wegen der Erziehung und Betreuung eines Kindes im Alter von bis zu drei Jahren" ausgesetzt haben, müssen laut Ausbildungsordnung nicht gezählt werden. In anderen Ländern müssen Eltern begründen, warum ihr Fall unter einen der unbestimmten Rechtsbegriffe subsumiert werden kann. In Nordrhein-Westfalen etwa muss ein zwingender Grund vorliegen, der sie nachweislich am Studium gehindert hat. Ob die Betreuung eines Kindes ausreicht, sei eine Frage des Einzelfalls, heißt es aus dem Justizministerium.

Ein Kind zu bekommen, jahrelang zu pausieren und dann den Freischuss zu schreiben ist allerdings in keinem der Bundesländer möglich. In der Regel dürfen Studenten maximal vier Semester aussetzen, wenn sie in den Genuss des Freiversuchs kommen wollen. Wer zum Beispiel ein Auslandssemester gemacht hat, bekommt auch dieses angerechnet und kann so nur noch drei Semester für sein Kind pausieren.

"Das gesetzgeberische Interesse ist es, die Studierenden zu einem zügigen Studienabschluss zu motivieren. Das muss in einen angemessenen Ausgleich mit dem Bestreben gebracht werden, auf solche Situationen Rücksicht zu nehmen, in denen der Studierende sein Studium nicht angemessen vorantreiben kann", erklärt Eberhardt Pfeiffer vom Thüringer Justizministerium.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Jurastudium und Referendariat mit Kind: Mit dem Kinderwagen zur Klausurrückgabe. In: Legal Tribune Online, 01.12.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/13967/ (abgerufen am: 25.09.2016)

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Kommentare
  • 01.12.2014 11:36, Christoph Smets

    Danke für diesen Artikel, der auch ein wenig vom Gefühl befreit, mit Kind "the odd one out" zu sein...

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  • 01.12.2014 12:13, lola

    Ich habe vor dem Ref. mein erstes Kind bekommen und im Ref. das Zweite. In Berlin war das kein Problem: Eltern-AGs, einigermaßen verständnisvolle Stationsleiter und gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten machen die Vereinbarung von Referendariat und Kindern durchaus möglich. Es hat mir auch geholfen, direkt vor dem 2. Examen noch einmal 3 Monate (unbezahlte) Elternzeit zu nehmen, um mich ausreichend auf die Prüfungen vorzubereiten. Knackig ist es allerdings trotzdem: durchwachte Nächte, wenig Zeit und geringe zeitliche Flexibilität erfordern sehr viel Disziplin beim Lernen.

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  • 01.12.2014 21:00, Cindy

    Ich habe nach der Zwischenprüfung meine Große und im Ref meine kleine Dame bekommen. Ich komme aus Thüringen und hatte während des Studiums und auch im Ref immer die volle Unterstützung von Uni und und im Ref von meinem "Arbeitgeber".... Trotzdem darf man das zu absolvierende Pensum nicht unterschätzen! Manchmal war es kaum zu schaffen und ich nah dran, alles hinzuschmeißen. Aber Dank der Unterstützung - insbesondere meiner Familie - habe ich im November 2014 die 2. Staatsprüfung bestanden!

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  • 05.12.2014 12:54, Chris

    Eine Frage hätte ich an alle, die vor dem Referendariat Eltern geworden sind (dies ist nämlich bei uns der Fall): kann ich während des Referendariats weiter Elterngeld beziehen, wird also die Vergütung für das Referendariat als ausbildungsabhängige Vergütung gewertet und unterliegt somit nicht der Anrechnungspflicht auf's Elterngeld? Zum Hintergrund: ich war während des 1. Staatsexamens schwanger und möchte meine nun mittlerweile 6 Monate alte Tochter nächstes Jahr in die Krippe geben um dann im April mit dem Referendariat anzufangen. Elterngeld könnte ich theoretisch noch bis Juni 2015 beziehen. Hat da schon jemand Erfahrungen gemacht?

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    • 14.01.2015 12:57, Nina

      Hallo, also bei mir war es ähnlich und es war dann so, dass ich den Sockelbetrag von 300€ bekam zusätzlich zum Ref-Gehalt. Es fällt nicht ganz weg, weil Ref als Ausbildung gilt, aber es wird halt der Höhe nach angerechnet, sodass im Regelfall die 300€ bleiben.

  • 06.12.2014 10:09, Anton

    Zitat "Wer sich im Dschungel der unbestimmten Rechtsbegriffe, Regelbeispiele und Generalklauseln nicht zurechtfindet, kann bei der Fachstudienberatung oder allgemeinen Beratungsstellen für Eltern an der Universität oder beim Studierendenwerk um Unterstützung bitten. "

    Der Satz sollte heißen: "Wer sich im Dschungel der unbestimmten Rechtsbegriffe, Regelbeispiele und Generalklauseln nicht zurechtfindet, studiert das falsche Fach ..."

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  • 23.01.2015 15:15, Referedar

    Sehr interessanter Beitrag!

    Ich hab im November in NRW das Referendariat begonnen und überlege, während des Referendariats ein Kind zu bekommen.

    Könnt ihr eure Erfahrungen berichten, wie ihr zb. mit der Unterbrechung und der Examensvorbereitung klar gekommen seid? Wie war die Wiederaufnahme des Refs nach der Elternzeit?

    lg

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    • 24.01.2015 21:10, Cindy

      Ich habe 11 Monate Elternzeit genommen, um nicht zu lange das Ref zu unterbrechen. Es war für mich am Anfang nicht immer einfach, aber da bis zum Examen (wie auch geplant ;-)) noch ein Jahr Zeit war, ist es - aus heutiger Sicht - gut zu schaffen gewesen. Allerdings nur mit der Unterstützung meiner Familie! Mein Mann hat oft die Wochenenden mit den Kiddies verbracht und ich habe gelernt bzw. Akten bearbeitet. Zusammengefasst: den inneren Schweinehund überwinden und lernen, wenn die Kiddies schlafen etc. und feste Lernzeiten planen (die dann auch eingehalten wurden, auch wenn die Kleinen lieber bei mir gewesen wären, als mit Papa die Gegend unsicher zu machen). Klingt ein bisschen wie Rabenmutter? Quatsch, es waren 2 stressige Jahre für uns alle, aber jetzt profitieren auch alle davon: Ich habe meinen Berufswunsch verwirklicht, arbeite als Rechtsanwältin, bin relativ frei, wann und wo ich meine Sachen bearbeite und kann die Zeit mit meiner Familie jetzt richtig genießen!

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