Einzelrepetitorien: Jura unter vier Augen

von Jens Kahrmann

06.11.2012

Die meisten Jurastudenten stellen sich früher oder später die R-Frage: Nicht ob, sondern zu welchem Repetitor sollen sie gehen? Ein kleiner Teil von ihnen wählt die Variante des Individualunterrichts und legt dafür stolze Summen auf den Tresen. Wir wollten mehr wissen über die Einzelrepetitorien und bekamen bei der Recherche so manches Vorurteil widerlegt.

 

Für einen Jahreskurs bei einem der herkömmlichen großen Repetitoren mit Präsenzveranstaltungen muss man zwischen 1.500 und 2.000 Euro einplanen. Eine ganze Menge für einen durchschnittlichen Studenten, vor allem wenn man bedenkt, dass man dafür wahlweise eine Komplettausrüstung von Apple oder einen zweiwöchigen Luxusurlaub in Dubai bekommt.

Schon im Preis unterscheidet sich das Einzelrepetitorium deutlich von den herkömmlichen kommerziellen Lernveranstaltungen: 7.800 Euro verlangt  etwa das Hannoveraner Repetitorenehepaar Muhs & Riesen für einen 130-stündigen Examenskurs. Und ein vier bis achtstündiger Nachhilfetag beim Repetitorium "Jura individuell" kostet 360 Euro – bundesweiter Hausbesuch inbegriffen. Wieder andere wie Hemmer in Hamburg verzichten ganz auf konkrete Preisangaben und verweisen auf individuelle Vereinbarungen.

Doch was bekommt der Jurastudent für sein Geld?

Maßgeschneiderte Betreuung

Wer zumindest einmal bei den großen Repetitoren Probe gehört hat, der weiß, dass sich der dortige Betrieb von klassischen Vorlesungen nur teilweise unterscheidet. Auch dort sitzen je nach Standort bis zu 50 Leute in einem Raum und können somit während der Präsenzveranstaltungen auf Berieselungsmodus umschalten – mit entsprechend geringem Lerneffekt.

Bei Einzelrepetitorien kann man sich naturgemäß nicht zurücklehnen, sondern muss mitmachen. Wesentlicher Vorteil eines solchen Repetitoriums ist laut Alexander Muhs außerdem, dass die Teilnehmer ganz individuell gefördert werden könnten, und dass dabei auf persönliche Schwächen eingegangen werden kann. Apropos individuell: Viele Einzelrepetitorien spulen kein starres Kursprogramm ab, sondern orientieren sich an den Wünschen des Nachwuchsjuristen.

Aber auch ganz grundlegende Arbeit wird vom Einzelrepetitor geleistet: Peter Rellensmann von Jura Individuell etwa sieht als eine seiner Aufgaben die Erstellung eines Lernplanes. "Es geht zudem viel um Begleitung der Eigenarbeit, indem man zum Beispiel als Ansprechpartner zur Verfügung steht."

Schließlich spielt die omnipräsente Angst unter den Examenskandidaten eine große Rolle. "Bei mir sind viele Studierende, die eigentlich fachlich fähig sind, aber große Prüfungsangst haben und dadurch am Lernfortschritt gehindert werden. Im Individualunterricht kann man darauf eingehen", so Rellensmann.

Einzelrep nicht nur für Wackelkandidaten und Schnösel

Das verbreitete Vorurteil, dass Einzelrepetitorien primär von leistungsschwachen Nachwuchsjuristen in Anspruch genommen würden, ist allerdings falsch. Muhs & Riesen etwa werden nach eigenen Angaben nur zu einem Drittel von Studenten besucht, die bereits einen erfolglosen Examensversuch hinter sich haben. Daneben gebe es eine Reihe von Kursteilnehmern, die früher ihr Glück bei einem der großen Repetitoren versucht  hätten und nun für den Verbesserungsversuch das individuelle Programm beanspruchen.

Der promovierte Rechtsanwalt Uwe Schlömer aus Hamburg, der unter anderem Hemmer-Individualkurse betreut, sagt uns außerdem, dass auch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Teilnehmer sehr unterschiedlich seien. "Man kann also nicht sagen, dass wir nur Teilnehmer aus bestimmten Schichten hätten" Ein Befund, den uns auch die anderen beiden Einzelrepetitoren bestätigen. So viel zum Gerücht, dass der Individualunterricht nur von den Reichen besucht würde.

Auch sonst ist der Teilnehmerkreis heterogener als man vermuten würde, denn nicht nur Examenskandidaten buchen den Individualunterricht: Peter Rellensmann hat die Erfahrung gemacht, dass inzwischen auch immer mehr Studierende während des Studiums zur Vorbereitung auf bestimmte Klausuren gezielt seine Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Besonders gefragt seien dabei zivilrechtliche Themen und dort insbesondere das Schuldrecht.

Überraschend ist auch die bisweilen nicht unerhebliche Rolle der Eltern bei der Organisation des Studiums. Laut Rellensmann kommt es durchaus öfter vor, dass sich besorgte Eltern von jungen Nachwuchsjuristen bei ihm melden und längerfristige Arrangements initiieren – mitunter sogar schon zu Beginn des Studiums.

Individualunterricht als Wachstumsbranche

Klar ist, dass das Angebot einer individuellen und fortlaufenden Betreuung gerade von öffentlichen Universitäten nicht geleistet werden kann. Auf der anderen Seite bieten immer mehr Universitäten zumindest so genannte Klausurenkliniken an. Auch dort werden die Studenten in Bezug auf die schriftlichen Prüfungsleistungen individuell beraten – kostenlos.

Dennoch boomt das Geschäft mit der Bildung: Uwe Schlömer von Hemmer im Hamburg verrät uns, dass die Individualkurse besser laufen als je zuvor. Warum das so ist, wisse er selbst nicht genau. "Vielleicht liegt es an den abgeschafften Studiengebühren. Es scheint aber allgemein so zu sein, dass Studierende bereit sind, mehr Geld in ihre Ausbildung zu investieren."

Angesichts der angespannten Lage auf dem juristischen Arbeitsmarkt ist das nicht unverständlich. Und in Zeiten hoher Inflationsraten, niedriger Basiszinsen sowie eines angespannten Arbeitsmarktes ist das Investment ins eigene Hirn womöglich die ertragreichste Anlagemöglichkeit. Aber genau wie echte Geldanlagen wollen auch hohe Investitionen für die Weiterbildung wohlüberlegt sein.

Zitiervorschlag

Jens Kahrmann, Einzelrepetitorien: Jura unter vier Augen. In: Legal Tribune Online, 06.11.2012, http://www.lto.de/persistent/a_id/7477/ (abgerufen am: 08.12.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 06.11.2012 17:16, Sven

    Etwas kritischere Berichterstattung kann man denke ich schon erwarten. Wie soll sich denn die Kundschaft nicht aus einer bestimmten Schicht zusammmensetzen? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass jemand, der keinerlei Unterstützung von den Eltern bekommt, mal eben 7000 € locker machen kann. Und wer schon bei Schuldrecht ein Rep braucht, der sollte lieber mal anfangen das Lernen zu lernen, als die Probleme auszulagern.

    Sven K. (12 Pkt ohne Rep...)

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    • 07.11.2012 18:43, Kommentar

      Ich möchte mich Sven anschließen.
      Ich kenne Studenten, die sich aus finanziellen Gründen nicht einmal den "normalen" Rep-Kurs leisten konnten und noch mehr, denen die 130 € im Monat jeglichen finanziellen Spielraum geraubt haben. In einem Fall konnte die Kommilitonin sich etwa nicht mehr leisten mittags in der Mensa zu essen.
      Die Erklärung dafür, dass laut dem Bericht nicht nur die Reichen das Individualrepititorium besuchen, könnte in der Definition von "reich" liegen. Das sind ja oft aus Sicht des Sprechenden die, die mehr verdienen, als er selbst.

    • 10.11.2012 09:44, Alexandra

      Ich finde oben genannte Ansichten zum einen sehr arrogant, zum anderen sind sie nicht besonders differenziert: Ich habe bei Kommilitonen oft erlebt, dass sie unter individueller Betreuung zu richtigen think Tanks wurden... Sie brauchten nur jemanden zu finden, der ihnen mit seinen Worten - und sei es - das Schuldrecht erklärt hat, und dabei eine wahre Initialzündung losgeschossen hat. Der Vorlesungsstil an den Universitäten kann ja gar nicht alle unterschiedlichen Lerntypen ansprechen und wenn sie dann keinen richtigen Zugang zu einer Materie aus einem Lehrbuch bekommen, sind das noch lange keine unfähigen Juristen. Manchmal muss man eben fuer die ersten Schritte an die Hand genommen werden und kann dann alleine Berge erklimmen. Insofern halte ich diese Art von Einzelbetreuung fuer durchaus sinnvolll!

  • 09.11.2012 12:16, kljhkjh

    Einen Repetitor in Anspruch zu nehmen, ist unnötig. Leider stellt kaum einer der Kandidaten es in Frage, ob überhaupt ein Repetetitorium notwendig ist. Ich habe damals immer als Antwort gehört: "Ich brauche jemanden, der mir den Lernstoff gliedert und aufbereitet und bei dem ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht hingehe." Aha. Wer kurz vor dem ersten Examen steht, der hat schon viel schwierigere Aufgaben gemeistert, als „Lernstoff gliedern“. Zur Not reicht auch ein Blick in Repetitionsbücher oder Skripten. Da ist doch schon alles gegliedert und aufbereitet. Bleibt also nur der Faktor Eigenmotivation übrig. Wer sich nicht selbst motivieren kann, der zahlt also 2000 Euro damit er sich selbst zwanghaft motiviert? Kurios.

    Für je 2000 Euro konnte ich mich (für beide Examen) ganz gut selbst motivieren. Ich hätte auch ein ziemlich schlechtes Gewissen gehabt zu sagen „Papa, ich kann mich nicht aufraffen, kannst du nicht bitte 2000 Euro latzen, damit mir es mir _nochmal_“
    jemdand erklärt...?“

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  • 10.11.2012 10:54, FF

    Das ist ein Werbewaschzettel für Repetitoren, der suggeriert, dass es nicht völlig irre wäre, für so etwas 7000€ zu latzen... selbstverständlich kann soetwas nur in bestimmten Schichten vorkommen. 7000€! Sowas kann technisch nicht einfach jeder locker machen.

    Und allein schon der Anreißertext: "vor allem wenn man bedenkt, dass man dafür wahlweise eine Komplettausrüstung von Apple oder einen zweiwöchigen Luxusurlaub in Dubai bekommt." Dies ist vielsagend. Dass man von so einem Betrag auch 2-3 Monate leben kann, in denen man sich dem Lernen statt dem Arbeiten widmen könnte, ist da natürlich nicht entscheidend. Apple und Dubai!

    Je häufiger mir solch völlig unkritisches auffällt, desto weniger Spaß habe ich an LTO; fast nur noch die Kolummnen von M. Rath sind lesenswert. Hier sollte von der Redaktionen hier gegensteuern, um von der Zielgruppe weiter ernstgenommen zu werden (oder sind die höheren Kindern in den letzten Unimonaten die einzige Zielgruppe?)

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  • 10.11.2012 15:35, Maximilian

    Ich will mich der Meinung Alexandras anschließen.
    Es ist schon teilweise sehr einseitig wie hier Stellung zum Einzelunterricht genommen wird. Das liegt bestimmt teilweise daran, dass der nötige Bezug zu dieser Thematik fehlt.

    Ich selber habe in München Jura studiert. Eine riesige Uni. Alles viel zu groß und unübersichtlich. Als Student fühlt man sich allein gelassen und ist froh, wenn man schnellst möglich durchkommt und jemanden hat, der einen durch das Examen führt. Man zahlt riesige Mieten, Studiengebühren und die sonstigen Lebenshaltungskosten sind auch sehr sehr hoch.

    Um das Examen gut und schnell abzulegen, habe ich mich für ein Einzelrepetitorium entschieden und habe mich nach dem 6 Semester, als ich fast alle Scheine hatte, an einen Einzelrepetitor gewannt und habe mit ihm einen Plan ausgearbeitet, wie ich schnellstmöglich den letzten Schein bekomme und schnellstmöglich das Examen hinter mich bringen kann.

    Ich habe dann erfolgreich zum Ende des 8 Semester sowohl den staatlichen als auch den universitären Prüfungsteil mit einer zweistelligen Punktzahl (in Bayern) abgelegt gehabt. Meine Kommilitonen sind meist immer noch nicht fertig und brauchen 10 oder 11 Semester.

    Zwar klingt die Zahl 8.000€ sehr groß, aber was 2 oder 3 Semester Studienkosten (Lebensunterhalt, Miete Studiengebühren,usw.) beinhalten, brauche ich hier keinem erzählen. Da liegt man deutlich über den 8.000€. Und man muss auch sehen, für ein herkömmliches Repetitorium hätte man auch 2.000€ ausgegeben und wäre nicht individuell vorbereitet worden.

    Ich kann nur jedem empfehlen ein solches Repetitorium in Anspruch zu nehmen und die Oma oder die Eltern zu fragen, ob sie so etwas finanzieren. Meine Eltern haben auch geschluckt als sie die Summe gehört haben und haben selbst auf den Kauf eines neuen Auto erst einmal verzichtet müssen, damit sie mir das Repetitorium finanzieren können, weil nach ihrer Ansicht die Bildung eines Kindes das höchste Gut ist und weil sie dadurch 2 bis 3 Semester weniger Unterhalt an mich zahlen mussten.

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  • 10.11.2012 16:24, Studi

    Ich bin zwar erst im dritten Semester, habe mich für eine Klausur aber auch schon einmal nach Nachhilfe umgesehen. Ich habe die Übung dann alleine bewältigt, aber ich habe einige kennengelernt, die nach einem Jahr Rep auch nochmal mit nem Privatdozenten gepauckt haben. Aber die waren jedenfalls so schlau und haben gehandelt. Ganz ehrlich, am Ende haben die bestimmt die Hälfte gezahlt. Es kommt doch immer auf individuelle Vereinbarungen an und wie oft und wie viel man mit dem Privatdozenten nacharbeiten möchhte. Meine Freunde haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht, deshalb erwäge ich es auch. Aber nicht für 7000€!

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  • 06.07.2013 13:59, Neric

    Jeder ist ein anderer Lerntyp. Manche müssen eine Weile lang ausprobieren, bis sie etwas gefunden haben, das für sie passt. Sicherlich haben die meisten ein Problem damit, dass es an der Uni nicht wie in der Schule zugeht. Aus diesem Grund behaupte ich, dass es egal ist, wie man zum Erfolg kommt, solange man letztlich Erfolg hat. Ich schließe daher auch ein Privatlehrer nicht kathegorisch aus.

    Die Kosten hängen in der Regel mit der Nachfrage zusammen. Warum soll ein Privatlehrer nicht soviel verdienen, wie ein deutscher Handwerker? Schon mal geschaut, was so ein Monteur verlangt - insbesondere wieviel er für die An-/Abfahrt berechnet? Mit anderen Worten, so eine Veranstaltung wird teuer.

    Das einzige Problem sehe ich darin, wenn schwache Kandidaten unglaublich viel Geld bezahlen, um letztlich mittelmäßige Ergebnisse zu erreichen. Da würde ich sagen, dass das Geld zum Fenster rausgeschmissen ist. Viel Geld sollte man nur bezahlen, um absolute Spitzennoten zu machen.

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  • 26.04.2016 21:17, Lennart

    Natürlich könnte man jetzt ein Höchstmaß an Kritik an den Tag legen und Grundsatzfragen nach der Notwendigkeit irgendeines Repititoriums stellen, jedoch würde man verkennen das die Mehrheit der Absolventen mit 5 Punkten abschneidet. Vielen fällt Jura schlicht schwer. Auch wird nicht die Relation eines solchen Investments zum späteren Jahresgehalt angesprochen. Neben der Frage, wie eine Investition in Bildung überhaupt ein Fehler sein kann, ist eben zu bedenken, dass ein Prädikatsjurist unter Umständen über einen Betrag von 7000€ lacht. Das ist das Weihnachtsgeld Jungs. Alles was Ergebnisse bringt ist meiner Ansicht nach absolut legitim.

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