Assessmentcenter für Richter: Kein Hauen und Stechen

von Daniel Grosse

31.05.2013

Wer sich im Richterdienst auf Probe beweisen möchte, muss gute Noten mitbringen. In immer mehr Bundesländern werden daneben Assessmentcenter abgehalten, wie man es bisher aus der Wirtschaft kannte. Bei Rollenspiel und Präsentation wollen die Auswahlkommissionen an den OLG einen authentischen Eindruck von den Bewerbern gewinnen.

 

"Nein, es gibt in unserem Bundesland kein förmliches Assessmentcenter (AC) für die Einstellung in den Richterdienst, und es ist auch nicht beabsichtigt, solche einzuführen." Fragt man bei den Landesjustizministerien nach, ist das eine sehr häufige Antwort. Was die Wirtschaft seit Jahrzehnten praktiziert, findet seinen Weg in die Justiz nur langsam. Erst recht, wenn es um das Thema "Richter werden" geht. "Richter ist eine Zielgruppe, bei der traditionell ACs wenig eingesetzt werden", sagt auch Dirk Seiferth, Director und Partner des Beratungsunternehmens Kienbaum Management Consultants.

Erstaunlich, kommt Richtern doch eine verantwortungsvolle Rolle zu. Und das lässt sich zumindest ansatzweise im Vorfeld simulieren. "AC für den Richterdienst müssen weniger Fachliches abklopfen, sondern vielmehr kommunikative Fähigkeiten der künftigen Richter, ihren Außenauftritt. Wie gehen sie mit Medien um, wie belastbar sind sie? Denn Richter werden zunehmend zu Medienmanagern. Sie brauchen Medienkompetenz", fordert Seiferth. Einen Case, einen Fall, eine Situation müssten sie durchspielen und das realitätsnah. Das wirke sich letztlich auch auf die Qualität der Justiz aus.

Gute Note reicht nicht aus

Natürlich weisen junge Richter ihre fachliche Qualifikation durch die Note ihres Staatsexamens nach. "Dies reicht aber nicht aus, um ein guter Richter zu werden", sagt Jens Gnisa, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Richterbundes. Schließlich gehe es im Berufsalltag darum, Streitigkeiten ausgleichen und verständlich auf die Bürger zugehen zu können. "Die dafür notwendigen Qualifikationen müssen nun über ACs nachgewiesen werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Richter über derartige kommunikative Fähigkeiten verfügen", so Gnisa.

Nordrhein-Westfalen ist so etwas wie der Vorreiter in Sachen Richterdienst-AC. Dort gibt es drei Oberlandesgerichte (OLG), die jeweils selbstständig über die Einstellung von Richtern auf Probe entscheiden: Köln, Düsseldorf und Hamm, wobei letztgenanntes das größte OLG in ganz Deutschland ist. ACs finden bei allen drei OLGs statt.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat geregelt, dass für den richterlichen Probedienst neben Juristen mit einem Prädikatsexamen im Zweiten Examen auch solche Bewerber zu einem Auswahlgespräch eingeladen werden, die weniger als 9 Punkte aber mindestens 7,76 Punkte erreicht haben und sich durch besondere persönliche Eigenschaften auszeichnen. Das können Leistungen im Abitur, im Studium im Ersten Examen sein oder besondere Leistungen im Referendariat sein.

Kleine Situationen aus dem Berufsalltag

Beim OLG Hamm sind nach Auskunft des Justizministeriums Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren in der Regel nur Bewerber mit einer Note von deutlich über 7,75 Punkten im Zweiten Examen zu den AC-Verfahren eingeladen worden.

Bei dem Vorstellungstermin werden grundsätzlich vier Bewerber eingeladen, die sich einer Auswahlkommission vorstellen. Zunächst müssen sie nacheinander eine Präsentation halten, die nicht länger als zehn Minuten dauern soll und für die sie eine Vorbereitungszeit von 15 Minuten haben. Die Vorträge können einen Fall aus dem richterlichen Berufsalltag oder ein justiz- oder rechtspolitisches Thema zum Gegenstand haben. Im Anschluss daran folgen Einzelinterviews mit jedem Bewerber, die bis zu einer Stunde dauern können. Im Laufe des Tages haben die Kandidaten eine praktische Arbeitsprobe mit 15 Akten aus einem amtsgerichtlichen Dezernat zu bearbeiten. 45 Minuten darf das dauern.

Fälle, mit denen Bewerber im AC rechnen müssen, drehen sich um kleine Situationen aus dem richterlichen Berufsalltag. Aus einem anderen Bundesland ist dieses Beispiel für ein Rollenspiel bekannt: Jemand kommt mit einem Anliegen zu Gericht und wünscht eine bevorzugte Behandlung. Aber bei Gericht gibt es einen Geschäftsverteilungsplan.

Zitiervorschlag

Daniel Grosse, Assessmentcenter für Richter: Kein Hauen und Stechen. In: Legal Tribune Online, 31.05.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8775/ (abgerufen am: 24.09.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.05.2013 23:46, Mike M.

    "Was die Wirtschaft seit Jahrzehnten praktiziert..."

    Wer hat heute noch AC? Bei allem ist der ÖD hinten dran. Die Wirtschaft hat schon längst erkannt, dass besser die Fachabteilungen ihre Leute aussuchen. Als ob man in der Zufälligkeit eines AC-Tests feststellen könnte, wer gute kommunikative Fähigkeiten hat.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 02.06.2013 13:54, Florian K.

      Der ÖD hat AC weil nach Art 33 Abs. 2 GG Chancengleichheit beim Zugang zu öffentlichen Ämtern zu herrschen hat. Das lässt sich bestmöglich durch AC gewährleisten, keinesfalls aber durch Gemauschel innerhalb kleiner Organisationseinheiten, wo sich oftmals der Abteilungsleiter aussucht, was er gerne hätte. Vetternwirtschaft läßt grüßen.

      Für flächendeckende AC in der Justiz wird es höchste Eisenbahn. Die Examensnoten sind keine Gewähr dafür, dass die Kandidatin/der Kandidat
      1. die Arbeitsbelastung zu bewältigen vermag
      2. eine Verhandlung führen kann
      3. die erforderlichen sozialen Kompetenzen hat.

      In meiner Zeit als Anwalt habe ich mehrere junge Richter erlebt, die schlichtweg mit der Praxis überfordert waren. Die Dezernate soffen ab und das hat sich auch nicht mehr geändert. Solche Leute werden dann zum "Wanderpokal" im Gerichtsbezirk und leisten nichts für ihr Geld.

  • 02.06.2013 22:40, Mike M.

    Die Examensnote, gebildet aus meist 8 Klausuren, anonym korrigiert von 16 Korrektoren, sowie einer mündlichen Prüfung mit 4 Prüfern (alles zusammen verwaltungsgerichtsfest begründet), spiegelt allemal besser die fachlichen Fähigkeiten eines Richterkandidaten wieder als die Zufälligkeit von drei bis vier fachlichen Fragen in einem Vorstellungsgespräch. Weitere Anhaltspunkte bieten die diversen Stationszeugnisse. Und wenn der Proberichter trotz guter Noten sich doch nicht in der Praxis bewährt (solche Fälle gibt es natürlich ab und an), kann man ihn ja auch rauswerfen.

    Rollenspiele sind dagegen einfach nicht jedermans Sache. Solange man Bewerber ist, ist man eben Bewerber und wird sich nicht unbedingt verhalten wie ein Richter. M.E. haben insoweit gerade die falschen Vorteile, nämlich diejenigen die sich besonders gut verstellen können. Gerade unter dem Stichwort vermeintlicher "sozialer Kompetenz" lässt sich zudem am ehesten "Vetternwirtschaft" betreiben. Der vermeintlich sozial kompetente Sohn der Staatssekretärin mit 8,03 Punkten ...

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 29.08.2013 16:50, strafakte.de

    strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
    Ausführlich in Legal Tribune Online: Assessmentcenter für Richter

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