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"Würde" von Andrew Brown: Stolz und Vorurteile am Kap

von Ass. jur. Jean-Claude Alexandre Ho, LL.M.

27.07.2010

An einem weißen arrivierten Anwalt zeigt der Jurist und Schriftsteller Andrew Brown exemplarisch, dass ein Teil des weißen Südafrikas auf demselben Kontinent und doch Lichtjahre vom Rest der Bevölkerung entfernt lebt. Sein Roman "Würde" hebt sich wohltuend ab von der Masse an Südafrika-Stoffen, die die Verlage zur WM veröffentlicht haben.

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Buchcover Würde

T.I.A. - "This is Africa": Es gilt als ausgemachte Wahrheit, dass das Afrika ist, wenn etwas nicht rund läuft auf dem Kontinent. Richard Calloway hält das für irgendeinen beschissenen Spruch aus Hollywood. Der Protagonist aus "Würde" ruft während einer Dinnerparty mit seiner Ansicht einen Eklat hervor. "Was wissen wir schon von diesem Kontinent?", hält er seinen Gästen und sich vor.

Bei ihm mehren sich die Anzeichen für eine Midlife Crisis. Von den anderen Partnern seiner Kanzlei fühlt sich der Strafverteidiger nur noch geduldet; zu Hause führt er eine leidenschaftslose Ehe. Da ist es für Calloway nur ein kleiner Schritt, sich die Spannungen aus diesem Leben wegmassieren zu lassen. Im erotischen Massagesalon "Touch of Africa" lernt er Abayomi kennen und dann lieben.

Sie ist aus Nigeria geflohen, als ihr Bruder gegen die Militärdiktatur opponierte. Sie bittet Calloway um Hilfe – für ihren Ehemann Ifasen, wie er später herausfindet. Weil Polizisten eher den Lügen eines arroganten Südafrikaners glaubten, landete Ifasen wegen Drogenhandels in Pollsmoor – dem übelsten Gefängnis von Kapstadt, wie Autor Andrew Brown der Süddeutschen Zeitung (SZ) erklärte. Er selbst war dort nach einer Demonstration gegen die Apartheid inhaftiert.

In Pollsmoor kämpft Ifasen weiter mit Vorurteilen – für die Amtsträger gelten nigerianische Migranten vor allem als Drogendealer.

Zuflucht ohne Respekt

Die Menschenwürde ist nach der Verfassung Südafrikas geschützt. Afrikanische Migranten werden dort jedoch nicht immer würdevoll behandelt. Laut amnesty international wurde 2009 immer wieder gegen deren Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verstoßen und ihr Eigentum zerstört.

Und dennoch bietet dieses Südafrika Zuflucht, "Refuge", wie der Roman im Original heißt. Das schlimmste Vergehen etwa der Richter bestehe darin, dass sie zu viel tränken, schreibt Brown, während sie in Nigeria bestechlich seien. Durch Abayomis Mund appelliert der Autor daher: "Deshalb dürft ihr uns nicht verurteilen, wenn wir dieser Hölle entrinnen wollen."

Zuflucht ist Südafrika aber auch für einen Mandanten Calloways. Der russische Kriminelle wird angeklagt, nachdem er einen Jungen überfahren haben und dann vom Unfallort geflohen sein soll. Als die Kaution wegen Verdunklungsgefahr widerrufen werden soll, paukt Calloway ihn geschickt heraus, nur um am Ende selbst in eine Falle zu laufen.

Andrew Browns Roman kommt wohltuend unspektakulär daher: Nicht Ritualmorde oder Kannibalen fährt er auf, sondern lediglich eine Fahrerflucht. Dabei weiß der als Anwalt und Richter tätige Jurist seine Rechtskenntnisse einzuflechten.

Weniger Krimi als Entwicklungsroman

Anders als Browns letztes Buch, ist "Würde" im Grunde weniger Krimi denn Gesellschafts- und Entwicklungsroman: Calloway steht für ein weißes Südafrika, das den Rest des Kontinents gerne ignoriert, doch am Ende in seiner Person diese Haltung zu überwinden anfängt. Wie in "Schlaf ein, mein Kind" stellt Brown gerne Vorurteile bloß.

Den Vorurteilen begegnet Brown auch dadurch, dass er Ausdrücke in der Originalsprache verwendet. Wie schon in seinem Erstling "Inyenzi" über den Völkermord in Ruanda möchte er dem Leser so einen besonderen Sinn für den Reichtum des Landes vermitteln.

Brown erklärte im SZ-Gespräch, es gehe in seinem Buch auch darum, mit seinen Mitmenschen zu reden. "Reden Sie mit Flüchtlingen in Deutschland", appelliert er. Nur bietet Deutschland seit dem Asylkompromiss von 1993 kaum noch Zuflucht für Flüchtlinge.

Andrew Brown, Würde (aus dem Engl. von Mechthild Barth), btb Verlag, Berlin 2010, 384 Seiten, € 19,95, 978-3-442-75278-2.

Der Rezensent Jean-Claude Alexandre Ho ist freier Journalist mit juristischem Fokus und Verfasser u.a. von Publikationen zum Thema Recht und Literatur.

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Jean-Claude Alexandre Ho, "Würde" von Andrew Brown: . In: Legal Tribune Online, 27.07.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1051 (abgerufen am: 24.01.2026 )

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