Druckversion
Dienstag, 8.09.2026, 18:14 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/rechtsgeschichte-judicial-committee-of-the-privy-council-british-empire
Fenster schließen
Artikel drucken
10138

Judicial Committee of the Privy Council: Verschwundener Glanz eines Imperialgerichts

von Martin Rath

24.11.2013

Flagge des British Empire

© Tony Baggett - Fotolia.com

In diesem Herbst wurde das "Judicial Comittee of the Privy Council" 180 Jahre alt, ein Gericht, das in den Hochzeiten des britischen Imperiums die letzte Instanz in allen überseeischen Gebieten war. Eine ähnliche Entscheidungsgewalt in der Fläche wie im juristischen Detail hat bis heute vielleicht kein anderes Gericht erhalten.

Anzeige

Ausgerechnet Richard Haldane (1856-1928), ein liberaler Anwalt, Lord und Politiker von eher linker Gesinnung, erzählte eine "Missionar-im-Kochtopf"-Geschichte von einem Reisenden, der im hinterwäldlerischen Teil Britisch-Indiens auf einen Stamm getroffen sei, der einem unbekannten Gott Dankesopfer darbrachte. Auf die Frage, was das für eine Gottheit sei, antworteten die Eingeborenen: "Wir wissen es nicht, außer dass es ein sehr mächtiger Gott ist, denn er griff in unsere Auseinandersetzung mit der indischen Regierung ein und gab uns unser Land zurück, das uns die Regierung genommen hatte. Und was wir sonst von ihm wissen ist, dass der Name des Gottes 'Judicial Committee of the Privy Council' lautet."

In seiner Funktion als Lordkanzler war Haldane selbst Mitglied dieses Komitees, was der etwas chauvinistischen Anekdote auch noch den Beigeschmack der Selbstbeweihräucherung gibt.

"Letzte Instanz" für "indische Götter und afrikanische Häuptlinge"

Zwischen seiner Gründung 1833 und dem Ende des britischen Weltreichs nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Judicial Committee of the Privy Council (JCPC) eine Kompetenz, die durchaus heute noch Eindruck macht.

Jedem Angehörigen des britischen Weltreichs, so die stolze Formel, stehe das Recht zu, sich gegen ein Urteil der örtlich zuständigen Gerichtsbarkeit mittels Appellation an die Königin oder den König "in Council" zu wenden, abgesehen nur von den Untertanen im Mutterland, für die im Wesentlichen die Law-Lords des Oberhauses die "letzte Instanz" bildeten.

Durch königlichen Erlass von 1865 wurde außerdem etwa ein Supreme Court for China mit regulärem Sitz in Shanghai etabliert, in dessen Zuständigkeit Rechtssachen britischer Staatsangehöriger im chinesischen Kaiserreich fielen. Über dem Supreme Court for China fungierte das JCPC als Appellationsgericht.

In seinem juristischen Fachbuch "The Practice of The Privy Council in Judcial Matters", das man heute wie einen Rudyard-Kipling-Roman lesen kann, bekennt Norman Bentwitch (1883-1971) stolz, dass es die Appellationsmacht in jedem Winkel des britischen Reichs etabliert habe und berufen sei "jedes denkbare Rechtssystem" zu handhaben. Es sei einzigartig "in der Bandbreite seiner Prozessparteien, zu denen nicht nur Untertanen aus jedem Teil des Imperiums zählen, sondern auch indische Götter, afrikanische Häuptlinge und Prinzen aus Vasallenstaaten".

Appellationsinstanz für ein Weltreich

Bentwitch freute sich, dass aus dem feudalen Institut für prozessuale Sonderprobleme der einst normannischen Kanalinseln die Appellationsinstanz für das britische Weltreich geworden war. Und er sah, zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg optimistisch, in einem "föderal organisierten Imperium" große Aufgaben für die Zukunft der juristischen Privy-Council-Abteilung.

Tatsächlich zeichnet sich ein buntscheckiges Bild ab, das dem romantisch-optimistischen Zukunftsglauben Nahrung bot. Wenn sich beispielsweise zwischen dem 4. März und dem 7. April 1897 Sri Raja Viravara Thodhramal Rajya Lakhsmi Devi Garu mit Sri Raja Viravara Thodhramal Surya Narayana Dahtrazu Bahadur Garu vor dem JPC zu London darüber stritt, wem das Recht an einem hindurechtlichen Vermögensgegenstand namens "Zemindari" zustehe (offenbar eine Art Steuerpachtinstitut, das einem gemeinsamen Vorfahren 1803 von der Familie zugewiesen worden war), lässt sich eine internationalere Legitimation durch Verfahren kaum vorstellen.

Anzeige
Seite 1/2
  • Seite 1:

    Einer Gottheit gleich

  • Seite 2:

    Integrative Wirkung

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Judicial Committee of the Privy Council: . In: Legal Tribune Online, 24.11.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/10138 (abgerufen am: 08.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Gerichte
    • Rechtsgeschichte
Carsten Brosda (SPD), Senator für Kultur und Medien, spricht während der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus. 06.09.2026
Rechtsgeschichte

Abgeordnetenrechte:

Vom Charme des bei­nahe impe­ra­tiven Man­dats

Ist die Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Parteien ein Problem oder zwingende Konsequenz der modernen Demokratie und ihres Wahlrechts? Ein gewitzter Jurist aus Hamburg fand 1926 eine schmerzhaft realistische Antwort.

Artikel lesen
Symbolbild einer Abschiebung: Beamte der Bundespolizei und von Frontex eskortieren einen Mann in einem Flugzeug. 04.09.2026
Gerichte

Abschiebung trotz Hängebeschlusses:

Aus­län­der­be­hörde mis­sachtet Ver­wal­tungs­ge­richt – und ver­s­trickt sich in Wider­sprüche

Eine Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein schob einen Mann ab, obwohl das dortige VG dies untersagt hatte. Der Landkreis teilt mit, man habe das Gericht nicht missachten wollen – doch zeigt die Antwort, dass man genau das bewusst tat.

Artikel lesen
Eingang zu einem Gebäude mit der Aufschrift "Amtsgericht" 03.09.2026
Praktika

Pflichtpraktikum im Jurastudium:

Welche Mög­lich­keiten gibt es?

Die meisten Bundesländer schreiben für ihr Jurastudium Pflichtpraktika vor. So mancher Student findet das lästig, doch wer sich die Mühe macht, vorab die Angebote in seiner Region zu prüfen, kann richtig etwas mitnehmen.

Artikel lesen
Karin Angerer steht in einem Treppenhaus des Bamberger Oberlandesgerichts 01.09.2026
Personalien

Ernennung durch den Bundespräsidenten:

Karin Angerer tritt Amt als Prä­si­dentin des BGH an

Wechsel an der BGH-Spitze: Dr. Karin Angerer hat das Amt als Präsidentin des Bundesgerichtshofs angetreten. Sie folgt auf Bettina Limperg.

Artikel lesen
Prof. Dr. Jürgen Ellenberger 31.08.2026
BGH

Vizepräsident des BGH:

Jürgen Ellen­berger geht in den Ruhe­stand

Der Vizepräsident des Bundesgerichtshofs, Jürgen Ellenberger, tritt in den Ruhestand. Er war Vorsitzender des XI. Zivilsenats und über 20 Jahre am BGH tätig.

Artikel lesen
Bettina Limperg spricht im Badischen Staatstheater beim Festakt im Rahmen der Feierlichkeiten "75 Jahre Bundesgerichtshof und Bundesanwaltschaft", 30.10.2025. 27.08.2026
BGH

Scheidende BGH-Präsidentin Bettina Limperg:

"Die Justiz ist keine Wagen­burg"

Nach zwölf Jahren endet die Amtszeit von BGH-Präsidentin Bettina Limperg. Im Abschieds-Interview spricht sie über die Kraft des Vergleichs, Kuschel-Justiz-Vorwürfe, die Resilienz-Diskussion und den attraktiven Streit der BGH-Anwälte.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von ADVANT Beiten
Re­fe­ren­da­re (w/m/d) – Brüs­sel

ADVANT Beiten, Brüs­sel

Logo von Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen
Rich­ter/Rich­te­rin (m/w/d) in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit des Lan­des...

Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Müns­ter

Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te In­tel­lec­tual Pro­per­ty (w/m/d)

Noerr, Mün­chen

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Steu­er­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Mün­chen

Logo von PwC Legal AG
Se­nior Rechts­an­walt Öf­f­ent­li­ches Wirt­schafts­recht (w/m/d)

PwC Legal AG, Frank­furt am Main

Logo von GvW Graf von Westphalen
Re­fe­ren­da­riat - Kar­tell- und Wett­be­werbs­recht

GvW Graf von Westphalen, Düs­sel­dorf

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) Li­ti­ga­ti­on

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf und 1 wei­te­re

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Cor­po­ra­te/M&A

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Online-Trainingsabend: Netzwerkpflege mit Strategie

15.09.2026

Logo von Deloitte Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
EU-Geldwäscheprävention-Maßnahmenpaket im Fokus

16.09.2026

Allgemeine Grundlagen des Umwandlungsrechts für Vertragsvorbereitungen im Notariat

15.09.2026

Das Supervermächtnis in der notariellen Gestaltungspraxis

15.09.2026

Nießbrauchs- und Wohnungsrechte aus zivil-, pflichtteils-, bewertungs-, ertragsrechtlichen Sicht etc

15.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH