Druckversion
Mittwoch, 15.07.2026, 11:55 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/neue-medien-kritik-juristen-rechtsgeschichte
Fenster schließen
Artikel drucken
15745

Rechtsgeschichte: Wie der Jurist Ahas­verus Fritsch die Medien­kritik erfand

von Martin Rath

07.06.2015

Lügenpresse

© Marco2811 - Fotolia.de

Juristen, die sich als Verteidiger der hergebrachten Ordnung verstehen, tun sich schwer mit "neuen Medien". Zu früheren Zeiten forderten sie etwa Ausweisung, Peitsche oder Kerker für Redakteure, die bewusst lügen, erzählt Martin Rath.

Anzeige

Wer bei der Verbreitung von Nachrichten bewusst lügt, den "muß man zu den Betrügern und Gaunern zählen". Die Rechtsfolge, analog zu anderen Vermögensdelikten, müsse daher "nach der Schwere der Vergehen jeweils Kerker, Ausweisung, Auspeitschung" sein. Auf den Verstoß gegen ein amtliches Publikationsverbot, selbst bei wahren Nachrichten, solle der Richter je nach Ermessen bis zur Todesstrafe gehen können.

Diese Forderung stammt nicht etwa von einem überdrehten Liebhaber der "Lügenpresse"-Beschimpfung, wie sie in den letzten Monaten vermehrt in Fußgängerzonen umherstampften, sondern von einem der anerkanntesten und wohl auch berühmtesten Juristen seiner Zeit, dem trotz seines drolligen Namens heute fast gänzlich vergessenen Ahasverus Fritsch (1629-1701). Der gab im Jahr 1676 mit seiner gelehrten "Abhandlung von den Nachrichtenblättern, genannt Neue Zeitungen und ihrem Gebrauch und Mißbrauch heutzutage" ein gewichtiges Wort in der medienpolitischen Grundsatzdiskussion seiner Zeit in den Druck (Originaltitel: "Discursus de Novellarum, quas vocant Neue Zeitunge / hodierno usu et abusu").

Therapie: Peitsche und Kerker für Medienleute

Mit dem Vorschlag, die Verbreitung falscher Nachrichten als Betrugsdelikt zu handhaben, betrat Ahasverus Fritsch in zweierlei Hinsicht medienrechtliches Neuland: Zunächst waren gedruckte "Zeitungen" mit Nachrichten neu, im 17. und 18. Jahrhundert wurden überwiegend bessere Flugblätter verbreitet. Auflagenstarke Blätter im Format von "FAZ" und "Zeit" erschienen erst, seit die Londoner "Times" 1814 mit Dampfantrieb gedruckt wurde. Zu Fritschs Lebzeiten stand das Wort "Zeitung" noch nicht zwingend für das bedruckte Papier selbst, sondern auch synonym für die gesprochene oder gedruckte Neuigkeit. Über die rechtliche Behandlung von gedruckten Neuigkeiten, jedenfalls als Ausdruck von Gegenwartsberichterstattung, hatte man in Juristenkreisen offenbar noch nicht allzu viele Umstände machen müssen.

Der zweite Aspekt des rechtlichen Neulands bei Ahasverus Fritsch: Man kannte seinerzeit zwar von Rechts wegen konkrete Täuschungs- und Bereicherungsdelikte, beispielsweise Münz- oder Eichvergehen. Doch von einem abstrakten Betrugstatbestand, wie ihn unser heutiges Strafgesetzbuch formuliert, war man noch weit entfernt. Die bis ins 19. Jahrhundert relevante Halsgerichtsordnung, der Strafrechtskodex Kaiser Karls V. von 1532, kannte keine entsprechende Norm. Freilich war das Verbot strafbegründender Analogien noch aufgeklärte Zukunftsmusik.

Daher formuliert Ahasverus Fritsch zwar die denkbaren Rechtsfolgen zwischen Kerker und Peitsche, die Arbeit am Tatbestand konnte er getrost straflustigen Richtern überlassen.

Diagnose: Deutsche leiden an Zeitungssucht

Mangels dogmatischer Vorarbeit standen dem prominenten Rechtsgelehrten im Deutschland des Jahres 1676 keine genuin juristischen Argumente entgegen, wollte er seiner moralischen Entrüstung gegen das aufkommende neue Medium "Zeitung" Luft verschaffen. Die Deutschen seien von einer Neuigkeitengier, einer Zeitungssucht erfasst, heißt es in Fritschs "Discursus". Sogar einfache Leute vom Land würden sie lesen "oder denen, die solche lesen, aufmerksam zuhören. Ja einige sind so schrecklich neugierig und auf Neue Zeitungen so erpicht, daß sie sich nicht scheuen, sie sogar in den Kirchen während der heiligen Handlungen zu lesen oder verlesen zu hören sowie in Amtstuben bei noch wichtigeren Beschäftigungen", beklagt sich Fritsch.

Auch als früher Diagnostiker noch heute anzutreffender Mediensucht lässt sich Ahasverus Fritsch zitieren: "Kaum haben sie den Fuß aus dem Haus gesetzt, fragen sie gewöhnlich, wen immer sie treffen: Was gibt’s Neues? Was Neues? Es ist doch verwunderlich, ja höchst befremdlich, daß die Menschen so verrückt darauf sind, Neuigkeiten zu lesen und zu hören, zumal die Zeitungen meist traurigen, erschütternden, ruchlosen und scheußlichen, nicht selten auch falschen Inhalts sind."

Anzeige
Seite 1/2
  • Seite 1:

    Peitsche und Kerker für die Lügenpresse…

  • Seite 2:

    …forderte Ahasverus Fritsch im 17. Jahrhundert

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichte: . In: Legal Tribune Online, 07.06.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/15745 (abgerufen am: 15.07.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Medien
    • Rechtsgeschichte
Berlin: Werbung für Nius auf einer Reklametafel von Ströer. Darauf steht: "Morgens um 6 schon wissen, was einem abends um 8 verschwiegen wird." 13.07.2026
Medien

Eilbeschluss des VG Berlin:

BVG muss Wer­be­an­zeigen von Nius dulden

Erfolg für Nius vor dem VG Berlin: Das Portal darf weiter in Bussen und Bahnen der BVG werben. Proteste Dritter rechtfertigten keinen Abbruch der Kampagne. Zudem untersagte das Gericht der BVG zwei Aussagen über einen Reichelt-Tweet.

Artikel lesen
Bayerns Justizminister Georg Eisenreich, Harald Frießner (Preisträger), Matthias Burghardt (Preisträger), Michael Frederic Fischbaum, Bayerns Innenstaatssekretär Sandro Kirchner. 08.07.2026
Nationalsozialismus

Justizunrecht in der NS-Zeit:

For­schung­s­pro­jekt am Land­ge­richt Bay­reuth aus­ge­zeichnet

Fünf Jahre Forschung zur NS-Justiz in Bayreuth: Für die Aufarbeitung des Unrechts, welches das Sondergericht und später der Volksgerichtshof gesprochen haben, erhält Landgerichtspräsident Matthias Burghardt den Fritz-Neuland-Gedächtnispreis.

Artikel lesen
Eine der hochumstrittenen Aktionen der "Letzten Generation" im Hafen von Neustadt, Holstein 08.07.2026
Gerichte

Verwaltungsgericht zwingt Landgericht:

"Letzte-Gene­ra­tion"-Beschluss ist trotz Sorge vor Straf­ver­fol­gung her­aus­zu­geben

Das LG Flensburg wollte aus Sorge, dass sich seine Sprecher oder Mitarbeiter strafbar machen könnten, einen Beschluss nicht veröffentlichen. Das muss es aber, entschied das örtliche VG. Es sieht das Zitierverbot für Medien kritisch.

Artikel lesen
Björn Höcke und Ben Berndt im Podcast "ben unscripted" 06.07.2026
Medien

"Ben Unscripted" und die Landesmedienanstalt NRW:

Wann wird Schweigen im Pod­cast zum Sorg­faltspf­licht­pro­blem?

Die Medienanstalt NRW hat den Podcaster Ben Berndt nach seinem Interview mit Björn Höcke angeschrieben. Der spricht von Zensur und meint, er sei kein Journalist. Beides klar falsch. Warum der Fall trotzdem spannend ist, erklärt Wolfgang Schulz.

Artikel lesen
Ein politischer Redner mit Fokus auf die AfD und deren Kontroversen im Kontext gesellschaftlicher Debatten. 05.07.2026
Meinung

AfD-Verbot / Social Media ab 13 / Ulmen vs. Spiegel:

Die AfD ver­bieten, weil sie poli­ti­schen Geg­nern mit Straf­ver­fol­gung droht?

Überzeugt das Gutachten der GFF zum AfD-Verbot? Sollte man Kindern unter 13 Jahren soziale Medien verbieten? Geht das überhaupt? Außerdem im LTO-Podcast: Der Fall Christian Ulmen und was die Niederlage für den Spiegel bedeutet.

Artikel lesen
Oldtimer 04.07.2026
Medien

Teste Dein Jura-Wissen:

Kannst Du den „Daniel-Gün­ther-Fall“ recht­lich lösen?

Kann ein Online-Medium vom Land Unterlassung verlangen, wenn der Ministerpräsident es im Fernsehen scharf kritisiert – oder spricht er dort als Parteipolitiker? Ein Fall, der auch im Examen kommen könnte. 

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/x) für den Be­reich IT &...

Covington & Burling LLP, Frank­furt am Main

Logo von Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz
Re­fe­rent (m/w/d)

Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz, Spey­er

Logo von HSA Rechtsanwälte Hentschke & Partner PartmbB
Rechts­an­wäl­te (m/w/x) Um­welt- und Pla­nungs­recht, öf­f­ent­li­ches...

HSA Rechtsanwälte Hentschke & Partner PartmbB, Pots­dam

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger Print & On­li­ne (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/x) für den Be­reich Ge­sell­schafts­recht &...

Covington & Burling LLP, Frank­furt am Main

Logo von Notare Matthias Frohn und Dr. Miriam Strack
Jus­ti­ziar (m/w/d) im No­ta­riat

Notare Matthias Frohn und Dr. Miriam Strack, Pots­dam

Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/x) für den Be­reich Ar­beits­recht

Covington & Burling LLP, Frank­furt am Main

Logo von Universität Kassel
Wis­sen­schaft­li­che:r Mit­ar­bei­ter:in (m/w/d) für DFG-Pro­jekt zu Rechts­fra­gen...

Universität Kassel, Kas­sel

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Fortbildung Versicherungsrecht im Selbststudium/ online

24.07.2026

Green Claims: Umweltaussagen rechtssicher gestalten

28.07.2026

EU AI Act Compliance im Griff – Schritt für Schritt zur Umsetzung

28.07.2026

Logo von Hengeler Mueller
Chancen@Hengeler Stipendium 2026

01.10.2026

Spezielle Testamentsklauseln und ihre Verwendung in der Praxis

03.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH