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Zur Netflix-Serie "Dahmer": Wie weit darf ein True-Crime-Spek­takel gehen?

Gastbeitrag von Tim Nicklas Festerling

22.10.2022

Dahmer

Grausam, gruselig, gut gemacht: Evan Peters spielt Dahmer in der Netflix-Verfilmung. Wie weit darf True Crime gehen? Foto: Netflix

"Dahmer – Monster" ist vor wenigen Wochen auf Netflix erschienen und mittlerweile in 92 Ländern in den Top 10. Für Tim Nicklas Festerling Grund genug, sich das Bewegtbild um die Geschichte eines Serienmörders genauer anzusehen.

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Die am 21. September 2022 erschienene Netflix-Serie "Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer" befindet sich mittlerweile weltweit in 92 Ländern in den Top 10 Serien-Charts des Streaming-Anbieters Netflix.

Der Titel verrät bereits ihren Inhalt: Es geht um die Geschichte des Jeffrey Dahmer. Falls dieser Name noch nicht bekannt ist, lässt der Zusatz "Dahmer – Monster" erahnen, dass Netflix bereits hier auf den Gruselfaktor setzt: Im Netflix-Menü erscheint neben dem Titel das Gesicht von Dahmer (gespielt von Evan Peters), der mit leerem Blick aus dem TV schaut. Auf dem Bild trägt er gelbe Kontaktlinsen, damit er seinem Vorbild, dem Imperator Palpatine aus "Die Rückkehr der Jedi-Ritter", ähnlicher sieht.

Netflix selbst beschreibt die Serie mit den Worten "Psycho, Düster und Horror" und empfiehlt das Einschalten erst ab einem Alter von 18 Jahren. Dieser Empfehlung ist zuzustimmen. Doch worum genau geht es in der zehnteiligen Miniserie? Evan Peters verkörpert den verurteilten US-amerikanischen Mörder Jeffrey Dahmer und begleitet das Publikum erschreckend nah und detailreich durch dessen gesamtes Leben und natürlich auch dessen grauenvolle Taten. Diese umfassen insgesamt 17 von Dahmer gestandene Morde, die zwischen den Jahren 1978 und 1991 begangen wurden.

Hierbei ging er häufig nach einem bestimmten Muster vor: Er lockte die Opfer in seine Wohnung, setzte sie unter Drogen, übte sexuelle Gewalt aus und erwürgte sie anschließend. Danach kam es zu nekrophilen Handlungen sowie zu der Zerstückelung des Leichnams, welche er mit einer Sofortbildkamera dokumentierte. Einige der Leichenteile entsorgte er, andere bewahrte er auf oder aß sie.

Serienmörder vs. Londoner High Society

Das klingt zunächst nicht nach einer Serie für einen entspannten TV-Abend, sondern nach ziemlich hartem Tobak. Und trotzdem wurde die Serie seit Ausstrahlungsbeginn 824,15 Millionen Stunden (Stand: 18.10.2022, 19.46 Uhr) lang gestreamt und überholte damit die Netflix-Serie "Bridgerton", welche bis dahin den Platz zwei der erfolgreichsten Netflix-Serien besetzte und mit den Worten "Schmettlerlingsgefühle, Bewegend und Romantisch" beschrieben wird.

Doch wieso begleiten wir lieber einen Serienmörder bei seinen entsetzlichen Taten als pompös gekleidete Charaktere der Londoner High Society während der Ballsaison?

Adrenalinkick auf der Couch

Die Geschichte Dahmers wird zwar nicht rein sachlich-dokumentarisch nacherzählt, beruht aber gleichwohl auf wahren Begebenheiten. Genau hier setzt die Serie auch einen Schwerpunkt: Sie hält sich recht nah an den tatsächlichen Geschehensabläufen, zeigt wichtige Schlüsselmomente des Falles und lässt Evan Peters mit der Person des Jeffrey Dahmer verschmelzen. Eine Umfrage von YouGov und Statista kam zu dem Ergebnis, dass gerade die Behandlung von echten Kriminalfällen den größten Reiz von True-Crime-Formaten (üblicherweise bezogen auf Podcasts) ausmacht.

"Dahmer - Monster" treibt dieses Verlangen nach echten Verbrechen durch schauspielerisches und künstlerisches Geschick an die Grenze zur Realität. Als Zuschauer erhält man scheinbar tiefe Einblicke in das Leben von Dahmer,  die Linie zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmt beinahe.

Während Dahmer junge Männer im Club anspricht und man ihnen am liebsten zurufen möchte, dass sie nicht mit ihm mitgehen sollen, er exzessive Gewalthandlungen begeht oder einem in Frischhaltefolie eingewickelten, abgetrennten Kopf einen Kuss gibt, sitzt man zwar extrem aufgewühlt und schockiert, aber doch sicher im heimeligen Wohnzimmer. Diese Kombination aus extrem bildstarker Gewalteskalation, von der man weiß, dass sie wirklich so passiert sein könnte, und gleichzeitig gemütlicher Sicherheit sorgt für einen gezielten und steuerbaren Adrenalinkick.

Ein weiterer Aspekt für die True-Crime-Faszination liegt in dem tiefen Bedürfnis, die Taten irgendwie erklären zu wollen. Dieses Bedürfnis versucht die Serie dadurch zu befriedigen, dass Ausschnitte aus der Kindheit Dahmers, die genauen Lebensumstände oder die innere Zerrissenheit und seine Vorstellungen visualisiert werden. Das lässt genügend Raum, sich selbst Gedanken zu machen oder eigene Begründungsansätze zu bilden – warum tickt Dahmer nur, wie er es tut?

Geht die Serie über die bloße Faszination True Crime hinaus?

Zugegeben: Die Faszination am echten Verbrechen klingt bis hierhin wirklich ziemlich sensationslüstern und voyeuristisch, dessen filmische Umsetzung somit nach einer Kommerzialisierung des Schrecklichen zu bloßen Unterhaltungszwecken. Allerdings könnte man Netflix mit wohlwollender Interpretation auch einen darüberhinausgehenden Anspruch an die eigene Serie – auch wenn dieser sicher nicht primärer Natur sein dürfte – unterstellen. Bei der Serienvorstellung schreiben sie unter anderem: "Wie konnte er der Verhaftung so lange entgehen?".

Damit spricht die Serienbeschreibung einen wichtigen Punkt an: Im Verlauf der Jahre gab es von Beginn an eine Reihe von Situationen, in denen Dahmer hätte auffliegen können. Weitere Morde wären zu verhindern gewesen. Bereits 1987 hätten zum Beispiel während einer Verkehrskontrolle die Leichenteile seines ersten Opfers in den Müllsäcken auf der Rückbank seines Autos gefunden werden können, überlebenden Opfern wurde kein Glauben geschenkt oder die Polizei kam ihren Aufgaben nicht ordnungsgemäß nach. Dies gipfelte in einem Fall, in welchem ein unter Drogen gesetztes minderjähriges und später getötetes Opfer nach der Flucht unter Beisein der Polizei zurück in die Wohnung von Dahmer gebracht wurde, in welcher sich zu diesem Zeitpunkt eine weitere Leiche befand. Dahmer wurde dabei weder im Polizeisystem überprüft noch wurde seine Wohnung inspiziert oder seine Geschichte, dass es sich bei dem Jungen um einen volljährigen Liebhaber handele, überprüft.

An dieser Stelle legt die Serie einen Finger in die Wunde. Die Mordopfer waren größtenteils homosexuell oder waren People of Color. Jeffrey Dahmer hingegen war weiß und wurde – wie die Szene einer Verhandlung zeigt, in der der Richter sagt, dass jemand "wie er" ja gar nicht ins Gefängnis gehöre – deswegen häufig besser behandelt.  Oder er genoss unberechtigter Weise ein großes Vertrauen bei den Behörden. Dies war mit ein Grund dafür, dass – anders als bei bekannten Serienmördern – die Taten Dahmers erst mit seiner Verhaftung 1991 und dessen Geständnissen bekannt wurden, da die Gruppe von Opfern nicht im Fokus der Ermittlungsarbeit der Behörden stand.

Das Aufzeigen dieser vorurteilsbehafteten und rassistischen Motive und Ermittlungsmängel gelingt der Serie sehr gut. Auch wenn diese Behördenversäumnisse bereits einige Zeit zurückliegen, sind die aufgezeigten Mängel nicht minder aktuell und rücken dies in das Bewusstsein des breiten und globalen Publikums.

Echte Taten – echte Opfer

Die Serie erzählt allerdings nicht nur die Geschichte Dahmers, sondern legt auch immer wieder einen Fokus auf einige seiner Opfer und deren Geschichten. Hierdurch erreicht sie ein noch höheres Maß an emotionaler Involviertheit und beleuchtet – aus kriminologischer Sicht sehr begrüßenswert – die häufig vernachlässigte Opferperspektive.

Allerdings darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass die Taten tatsächlich begangen wurden. Die Opfer hinterließen Freunde und Familien, die nun erneut mit den Taten konfrontiert werden und diesen Serien-Hype dergestalt miterleben, dass sich – morbide ausgedrückt – ein weltweites Publikum an den Taten Dahmers ergötzt. So lautet auch die berechtigte Kritik von Angehörigen via Twitter.

Wer will, kann in den original FBI-Akten Details nachlesen

Braucht es also eine derartige schauspielerische Darstellung solch brutaler Taten in all ihren Details? Sicherlich nicht. Die Taten sind ausreichend dokumentiert und lassen sich bei entsprechendem Interesse sogar in den original FBI-Akten nachlesen. Man sollte sich deshalb ab und an ins Gedächtnis rufen, dass das börsennotierte Unternehmen Netflix mit dem Werk des Regisseurs Ryan Murphy, welcher 2018 übrigens einen 300 Millionen Dollar schweren Produktionsvertrag mit Netflix abgeschlossen hat, primär kommerzielle Ziele verfolgt und genau weiß, welche – kritischer zu hinterfragende – Faszination True Crime weltweit auslöst.

Darstellerisch ist "Dahmer - Monster" in jedem Falle gut gemacht: Es gelingt der Serie leicht, sehr tief in die real-fiktive Welt des Serienmörders einzutauchen, sodass man nach dem Anschauen schockiert und nachdenklich im heimeligen Wohnzimmer zurückgelassen wird. Der Gruselfaktor True Crime und der damit erzeugte Adrenalinkick erklären den Serien-Hype. Ob man sich diesem aussetzen möchte oder doch lieber der heiratswilligen High Society beim Suchen der besten Partie zuschaut, ist glücklicherweise jedem selbst überlassen.

Der Autor Dipl.-Jur. Tim Nicklas Festerling ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie und Rechtssoziologie an der Universität Leipzig bei Prof. Dr. Katrin Höffler.

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Zur Netflix-Serie "Dahmer": . In: Legal Tribune Online, 22.10.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/49958 (abgerufen am: 12.12.2025 )

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