Online-Forderungsbörse Debitos: "Manche Titel schlummern seit Jahrzehnten im Archiv"

Interview mit Hajo Engelke

20.01.2014

Die Möglichkeit, Forderungen zu verkaufen, die schwer eintreibbar oder noch nicht fällig sind, gibt es schon lange. Doch das Portal Debitos bringt Forderungskäufer und -verkäufer erstmals in einer Art Online-Börse zusammen. Wie das Angebot funktioniert, und warum es sich auch bei Anwälten einiger Beliebtheit erfreut, erklärt Geschäftsführer Hajo Engelke.

 

LTO: Herr Engelke, was unterscheidet Debitos von bisherigen Möglichkeiten des Forderungs(ver)kaufs?

Engelke: Natürlich haben Anwälte schon immer die Möglichkeit gehabt, Forderungen selbst zu vollstrecken oder an externe Inkassodienstleister auszulagern. Allerdings unterscheidet sich unsere Online-Forderungsbörse grundlegend von beiden Ansätzen.

Im Vergleich zur eigenen Beitreibung werden beim Verkauf über Debitos keine weiteren Ressourcen gebunden. Anders als im klassischen Inkasso bieten wir auch keinen Einzug von Forderungen im Namen Dritter an, sondern bringen über einen einzigen Kanal Verkäufer und Käufer von Forderungen zusammen. Da diese im direkten Wettbewerb zueinander stehen, profitiert jeder Verkäufer neben vollständiger Transparenz bei der Preisfindung auch von maximalen Verkaufserlösen. Bei einem erfolgreichen Verkauf fließt dann ein einziger Betrag anstelle laufender Zahlungen aus der Langzeitüberwachung.

LTO: Und wie viel Prozent des Nominalbetrags einer Forderung erhalten Verkäufer bei Ihnen üblicherweise?

Hajo EngelkeEngelke: Dies lässt sich leider nicht so einfach sagen, da sich jedes Angebot von vorherigen unterscheidet. Es gibt allerdings inzwischen eine Vielzahl von Erfahrungswerten aus erfolgreichen Transaktionen. Die realisierten Preise hängen in erster Linie von dem Status ab, in dem sich die Forderung befindet. Für künftig fällige Forderungen gegen Unternehmen sind 95 bis 99 Prozent des Nominalwerts realistisch, kaufmännisch ausgemahnte Forderungen werden zwischen 35 bis 65 Prozent gehandelt, titulierte Forderungen hingegen erzielen zwischen 5 bis 12 Prozent des Nominalwerts.

Da wir die Quoten sämtlicher Verkaufspreise in den verschiedenen Kategorien natürlich kennen, geben wir unseren Verkäufern bei Einstellung des Mindestpreises für ihr Angebot jeweils einen Hinweis auf die korrespondierende Verkaufswahrscheinlichkeit. So erhalten Verkäufer bereits vor Beginn der Auktion ein Gefühl für den zu erwartenden Erlös.

LTO: Was sind die wichtigsten Faktoren für die Werthaltigkeit einer Forderung?

Engelke: Zunächst richtet sich die Werthaltigkeit der Forderung nach dem Status, sprich, ob die Forderung erst in der Zukunft fällig ist oder bereits kaufmännisch ausgemahnt oder tituliert vorliegt. In jeder dieser Kategorien beeinflusst zudem das Alter der Forderung deren Wert. Darüber hinaus beachten unsere Käufer den Grund der Forderung, die Bonität des Schuldners, die Postleitzahl des Wohnorts und, soweit relevant, die Rechtsform.

LTO: Von wie vielen Personen wird Debitos genutzt, und wie viele davon arbeiten als Anwälte?

Engelke: Anwälten kommt auf unserer Online-Forderungsbörse eine besondere Rolle zu. Der Verkauf eigener Mandantenforderungen ist ganz explizit in §49b Abs. 4 der Bundesrechtsanwaltsordnung erlaubt. Diese Möglichkeit nutzt die Mehrzahl der auf Debitos registrierten Anwälte. Allerdings haben sie auch ein berechtigtes Interesse daran, Forderungen anderer Unternehmen zu kaufen. Auf diese Weise generieren Anwälte auf der Suche nach Mandanten und Aufträgen über die Forderungsbörse neue Geschäftsmöglichkeiten.

Insgesamt sind knapp über 1.000 Kunden auf Debitos registriert, von denen etwa 200 einen Zugang als Käufer haben. Von allen Verkäufern sind circa fünf Prozent Anwälte, bei den Käufern sind es circa 15 Prozent. Wir haben also etwa 40 Anwaltskanzleien, die über Debitos Forderungen verkaufen, während um die 30 Käufer Anwälte sind. Letztere kaufen aufgrund ihrer speziellen Expertise vor allem Einzel- sowie strittige Forderungen.

LTO: Das Problem nicht eintreibbarer Forderungen hat fast jeder Anwalt von Zeit zu Zeit, aber nicht jeder macht vom Forderungsverkauf Gebrauch. Für welche Situationen ist dies besonders sinnvoll?

Engelke: Der Verkauf von Altforderungen macht für jeden Anwalt Sinn, der kein ausgefeiltes eigenes Mahnwesen betreibt. Debitos lohnt sich besonders bei Altforderungen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten – ein Vollstreckungstitel hat 30 Jahre Gültigkeit – in den Archiven schlummern. Idealerweise sollte die Summe der Forderungen ein Volumen von mindestens 25.000 Euro erreichen.

LTO: Wie lang dauert es üblicherweise, bis man einen Käufer für seine Forderungen findet?

Engelke: Der Verkäufer kann die Laufzeit seines Angebots in jeder Kategorie stets individuell bestimmen. Bei Forderungen gegen Unternehmen mit Zahlungsziel in 30 Tagen sehen wir typischerweise drei bis fünf Tage, bei längeren Zahlungszielen auch längere Laufzeiten. Kaufmännisch ausgemahnte und titulierte Forderungen werden in der Regel in drei bis vier Wochen verkauft.

LTO: Welche Gebühren verlangt Debitos?

Engelke: Debitos ist ein rein erfolgsbasiertes Modell, so dass Verkäufer ausschließlich eine Gebühr bezahlen, wenn ihre Forderungen erfolgreich veräußert wurden. Dabei berechnen sich die Gebühren anhand des realisierten Verkaufspreises. Bei Erfolg erhält Debitos eine Fixgebühr von 15,00 Euro sowie ein Prozent bei künftig fälligen, sechs Prozent bei kaufmännisch ausgemahnten und neun Prozent bei titulierten Forderungen.

Hajo Engelke ist Geschäftsführer bei Debitos.

Die Fragen stellte Arthur Vorreiter.

Zitiervorschlag

Hajo Engelke, Online-Forderungsbörse Debitos: "Manche Titel schlummern seit Jahrzehnten im Archiv". In: Legal Tribune Online, 20.01.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/10710/ (abgerufen am: 29.05.2016)

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