Druckversion
Dienstag, 9.06.2026, 16:55 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/berlin-hochschulgesetz-unis-antisemitismus-exmatrikulation
Fenster schließen
Artikel drucken
54210

Nach Angriff auf jüdischen Studenten: Ber­liner Senat führt Exma­tri­ku­la­tion als Ord­nungs­maß­nahme wieder ein

26.03.2024

Demonstration FU Berlin

Bei der Demo in Solidarität mit Lahav Shapira an der FU Berlin waren unter anderem auch prominente Bundespolitiker anwesend. Foto: picture alliance / Sipa USA | PRESSCOV

Ein Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin durch einen Kommilitonen sorgte im Februar für Entsetzen. Nun zieht der Senat rechtspolitische Konsequenzen, Kritiker warnen vor "Universitätsjustiz".

Anzeige

Berliner Hochschulen sollen Studenten nach schweren Straftaten künftig wieder exmatrikulieren können. Eine entsprechende Änderung des Hochschulgesetzes beschloss der schwarz-rote Senat am Dienstag bei einer Sitzung in Neukölln. Das Vorhaben ist eine Konsequenz aus einem Angriff eines Kommilitonen auf einen jüdischen Studenten der Freien Universität (FU) vor knapp zwei Monaten. Es wird nun im Abgeordnetenhaus weiter beraten und soll dort voraussichtlich noch vor der Sommerpause verabschiedet werden. 

Die Möglichkeit einer Exmatrikulation war erst 2021 von Rot-Grün-Rot abgeschafft worden. Seither ist Berlin nach früheren Angaben das einzige Bundesland ohne eine solch scharfe Sanktionierung; das geltende Hochschulgesetz sieht höchstens ein dreimonatiges Hausverbot vor. In anderen Bundesländern wie NRW und Niedersachsen ist die Exmatrikulation dagegen unter bestimmten Voraussetzungen möglich; Bayern überlässt den Hochschulen selbst, entsprechende Exmatrikulationsgründe per Satzung zu regeln.

Kernpunkt der Gesetzesnovelle ist nach Angaben von Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) die Wiedereinführung des Ordnungsrechts an Hochschulen. Geplant sind abgestufte Ordnungsmaßnahmen, je nach Art und Schwere der Störung. Dazu zählen eine Rüge, die Androhung der Exmatrikulation und ein Verbot, bestimmte Einrichtungen der Hochschule einschließlich ihrer digitalen Infrastruktur zu benutzen. Als weitere mögliche Maßnahmen werden der Ausschluss von einzelnen Lehrveranstaltungen bis zu einem Semester und schließlich die Exmatrikulation genannt.

Hochschulen als "sichere und diskriminierungsfreie Orte"

Ziel sei, einen gewalt- und angstfreien Hochschul- und Studienbetrieb zu gewährleisten, so Czyborra. Zudem müssten Mitglieder und Angehörige der Hochschulen vor Übergriffen und Diskriminierungen geschützt werden. "Wir wollen, dass die Hochschulen sichere und diskriminierungsfreie Orte sind", sagte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU). "Die Änderung des Hochschulgesetzes bietet dafür die besten Voraussetzungen."

Eine Exmatrikulation soll der Senatorin zufolge nur bei Gewalttaten greifen – und zwar nach einer Verurteilung des Betroffenen durch ein Gericht. Es soll aber eine Ausnahme geben: Übt der Verdächtige nach einer ersten schweren Straftat, wegen der gegen ihn ermittelt wird, weitere Gewalt aus, kann er laut Gesetzentwurf auch schon vor einem Urteil von der Hochschule exmatrikuliert werden.

Czyborra betonte, dass es bei dem Gesetzesvorhaben nicht darum gehe, politische Meinungsäußerungen oder andere Freiheitsrechte einzuschränken. Es gehe vielmehr darum, Meinungsfreiheit und Räume für Diskurs zu schützen. Die Jüdische Studierendenunion Deutschland sowie Hochschulgruppen von CDU/CSU, Jusos, Liberalen und Grünen hatten sich am Montag für die Pläne des Senats ausgesprochen, die "Kampagne gegen Zwangsexmatrikulationen" hatte dagegen zu Protesten aufgerufen.

Kritik von Linken, Grünen und TU Berlin

Tatsächlich kamen am Dienstag Demonstranten vor dem Roten Rathaus zusammen, um vor "politisch motivierten Exmatrikulationen" zu warnen. Die Kampagne gegen Zwangsexmatrikulationen kritisierte auch mangelnde Transparenz im Examtrikulationsverfahren. Der Gesetzentwurf sieht die Einsetzung eines neuen Gremiums vor, das über den Ausschluss entscheiden soll.

Auch die Linke lehnt das neue Hochschulgesetz ab. "Der Senat schießt weit über das Ziel hinaus und bleibt beim Aktionismus", erklärte der wissenschaftspolitische Sprecher der Linke-Fraktion, Tobias Schulze. Das Ziel des Schutzes von Gewaltopfern werde nicht erreicht: "Eine mögliche Exmatrikulation würde erst viele Monate oder gar Jahre nach der Tat erfolgen." Auch die Grünen bezweifelten, dass das Gesetz effektiven und rechtssicheren Schutz vor Gewalt oder Antisemitismus bietet.

An den Berliner Unis fallen die Reaktionen ebenfalls unterschiedlich aus: Während sich die Präsidien von FU und Humboldt-Universität sich grundsätzlich positiv äußerten, befürchtet die Präsidentin der Technischen Universität Geraldine Rauch "Verdachtsurteile". Für sie seien Gerichte für derartige Sanktionen zuständig; das geplante Verfahren nannte sie "Universitäts-Justiz", wie die Berliner Morgenpost vor zwei Wochen berichtete.

Anzeige

Angriff auf Lahav Shapira als Auslöser

Auslöser für die Gesetzesnovelle war eine mutmaßlich antisemitisch motivierte Gewalttat Anfang Februar: Der jüdische FU-Student Lahav Shapira kam damals mit Knochenbrüchen im Gesicht ins Krankenhaus. Ein propalästinensischer Kommilitone soll ihn auf einer Straße in Berlin-Mitte geschlagen und getreten haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einem gezielten Angriff und einem antisemitischen Hintergrund aus.

Der Fall setzte die Leitung der FU wie auch Czyborra seinerzeit stark unter Druck. Die Senatorin sah sich mit Rücktrittsforderungen etwa des Zentralrats der Juden konfrontiert. Dieser kritisierte vor allem, dass sie zunächst keinen Anlass für eine Änderung des Berliner Hochschulgesetzes gesehen habe. Die FU belegte den mutmaßlichen Angreifer für zunächst drei Monate mit einem Hausverbot. Für ihn selbst kann die Novelle keine Anwendung finden, da Gesetze nicht rückwirkend gelten.

dpa/jb/LTO-Redaktion

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Nach Angriff auf jüdischen Studenten: . In: Legal Tribune Online, 26.03.2024 , https://www.lto.de/persistent/a_id/54210 (abgerufen am: 09.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Öffentliches Recht
    • Verwaltungsrecht
    • Antisemitismus
    • Universitäten und Hochschulen
Ein Demo-Teilnehmer in Tunis, Tunesien hält eine Baby-Puppe hoch, dahinter wird eine Hamas-Flagge geschwenkt. 05.06.2026
Einbürgerung

VG Berlin zum neuen Staatsangehörigkeitsgesetz:

Entzug der Staats­bür­ger­schaft wegen Hamas-Post recht­mäßig

Zwei Monate nach der Einbürgerung wird Abdallah A. die Staatsbürgerschaft wieder entzogen. Denn: Er hat mutmaßliche Hamas-Kämpfer als "Helden" gefeiert. Das VG Berlin bestätigt dies nun. A. habe bei der Einbürgerung arglistig getäuscht.

Artikel lesen
Eine Hand hält eine Kette mit einem Davidstern (Symbolbild) 03.06.2026
Justiz

Richterliche Verfügung falsch verstanden?:

Jus­tiz­wacht­meister for­dern Jüdin auf, Davids­tern-Kette abzu­legen

In einem Strafprozess um einen antisemitischen Aushang muss eine Zuschauerin ihre Davidstern-Kette ablegen. Die Gerichte sprechen von einer "Unklarheit in der Kommunikation" über eine gerichtliche Verfügung und drücken ihr Bedauern aus.

Artikel lesen
Sina Dörr 03.06.2026
Most Wanted

Köpfe:

LTO Most Wanted mit Sina Dörr

Richterin zu sein, ist für Sina Dörr einer der besten Jobs der Welt. Sie erzählt, was an ihrer Arbeit trotzdem nervt, welchen Nutzen sie in moderner Technologie sieht und warum sie mit KI-Halluzinationen entspannt umgeht.

Artikel lesen
Antisemitischer Aushang im Geschäft des Angeklagten in Flensburg 01.06.2026
Antisemitismus

Flensburger Händler wegen Volksverhetzung verurteilt:

Laden­in­haber hängte Schild mit "Haus­verbot für Juden" auf

Ein antisemitischer Aushang in einem Flensburger Geschäft sorgte vergangenes Jahr für Entsetzen. Nun wurde der Mann zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Er muss auch eine Geldbuße an eine KZ-Gedenkstätte zahlen.

Artikel lesen
Die deutsche und die israelische Flagge wehen vor der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin 29.05.2026
Volksverhetzung

Gutachten zur "Leugnung des Existenzrechts Israels":

Hes­sens Gesetz­ent­wurf ver­fas­sungs­recht­lich "schwer begründbar"

Hessen will über den Bundesrat erreichen, dass die "Leugnung des Existenzrechts Israels" unter Strafe gestellt wird. Verletzt der Gesetzentwurf die Meinungsfreiheit? Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags tendiert zu einem "Ja".

Artikel lesen
Volker Beck beim festlichen Abendessen zur Würdigung des 60-jährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel 21.05.2026
Bundesanwaltschaft

Bundesanwaltschaft erhebt Anklage:

Ira­ni­sche Mord­pläne gegen Volker Beck und Josef Schuster?

2025 wird in Dänemark ein Mann festgenommen. Er soll für den Iran Juden und jüdische Einrichtungen ausgespäht haben - betroffen auch Josef Schuster und Volker Beck. Der GBA erhebt Anklage gegen den Festgenommenen und einen mutmaßlichen Komplizen.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von CMS
Rechts­an­wäl­­te (m/w/d) für den Be­reich Pu­b­lic &...

CMS, Düs­sel­dorf

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Ban­king & Fi­nan­ce

A&O Shearman, Mün­chen und 1 wei­te­re

Logo von HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB
Stu­die­ren­de m/w/d (1. – 3. Fach­se­mes­ter)

HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB, Ber­lin

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Ka­pi­tal­markt­recht

A&O Shearman, Frank­furt am Main

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Cor­po­ra­te/M&A

A&O Shearman, Mün­chen und 3 wei­te­re

Logo von A&O Shearman
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) im Be­reich Cor­po­ra­te/M&A

A&O Shearman, Mün­chen und 3 wei­te­re

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) Pa­tent Li­ti­ga­ti­on

A&O Shearman, Mün­chen

Logo von A&O Shearman
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) im Be­reich Ka­pi­tal­markt­recht

A&O Shearman, Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Halbjahresupdate Erbrecht 2026 – Highlights aus der Rechtsprechung des BGH und der Obergerichte

09.06.2026

PraxisRadar Verkehrsrecht

09.06.2026

Logo von Fieldfisher
Kündigungsrisiken und Pflichtenkatalog bei Whistleblower-Hinweisen – Was jetzt zu beachten ist

09.06.2026

Deutsche Compliance Konferenz 2026

10.06.2026, Frankfurt am Main

Sicherheiten im Bauvertragsrecht

09.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH