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Interview mit "Kiffen und Kriminalität"-Autor Müller: "Der Glaube an die Macht der Strafe ist die Sozial­ro­mantik der Kon­ser­va­tiven"

von Constantin Baron van Lijnden

11.09.2015

Joints und Cannabis

Bild: © Picture Partners - fotolia.com

In "Schluss mit der Sozialromantik" forderte Andreas Müller schnellere und konsequentere Strafen für junge Täter. Nun hat der "härteste Jugendrichter Deutschlands" ein Buch über Cannabis geschrieben. Ein vehementes Plädoyer für eine Legalisierung.

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LTO: Herr Müller, in Ihrem letzten Buch haben Sie sich für ein härteres Vorgehen gegen jugendliche Straftäter eingesetzt, nun fordern Sie eine Legalisierung von Cannabis. Wie verträgt sich das?

Müller: Bestens. Der Ruf als besonders drakonischer Richter, den manche mir andichten wollen, war ohnehin immer Unsinn. Ich habe mich in meinem letzten Buch nicht für ein härteres Jugendstrafrecht eingesetzt, sondern für ein besseres. Mir ging es vor allem darum, Verfahren gegen jugendliche Täter schneller zu betreiben und sie früher mit – kurzen! – Arrest- oder Haftstrafen zu belegen, statt die ersten zehn Delikte einzustellen oder zur Bewährung abzuurteilen, um dann, wenn die Täter schon jeden Respekt vor der Justiz verloren haben, auf einmal zu einer relativ langen Haftstrafe greifen zu müssen.

Richter Andreas MüllerDer Glaube, man könne diese Leute durch gutes Zureden und die vermeintlich beeindruckende Wirkung eines Strafverfahrens erreichen, ist Teil der linken Sozialromantik, mit der ich in meinem ersten Buch abrechne. Genauso gibt es aber auch eine konservative Sozialromantik.

LTO: Worin besteht die konservative?

Müller: In der naiven Vorstellung, alles durch möglichst umfassende Verbote und Strafen regeln zu können. Das Strafrecht ist als Mittel zur Verhaltenslenkung nur begrenzt geeignet, und es funktioniert umso schlechter, je mehr es grundlegenden menschlichen Bedürfnissen entgegensteht.

"Die abschreckende Wirkung des Verbots ist gleich null."

LTO: Zu kiffen ist so ein grundlegendes Bedürfnis?

Müller: Sich zu berauschen ist eines. Das gilt zwar nicht für alle, aber für sehr viele Menschen, und zwar kultur- und epochenübergreifend quer durch die Geschichte.

LTO: Diebstahl, Betrug, Mord und Totschlag gab es auch kultur- und epochenübergreifend.

Müller: Die sind im Gegensatz zu Cannabiskonsum aber fremd- und nicht selbstschädigend. Außerdem sind das keine grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, sondern fehlgeleitete Verhaltensweisen, die man unter anderem mit dem Strafrecht relativ gut eindämmen kann. Beim Cannabiskonsum ist die abschreckende Wirkung des Strafrechts jedoch nachweislich gleich null.

LTO: Sie denken also, im Falle einer Legalisierung würde auch nicht mehr als sonst gekifft?

Müller: Dazu müssen Sie nur bis nach Holland schauen. Der Konsum ist dort nicht höher als hier, obwohl die Droge legal ist. Ich finde es deshalb auch so absurd, wenn aus dem konservativen Lager gefordert wird, man müsse erst einmal Studien einholen über die zu erwartende Wirkung einer etwaigen Legalisierung. Wir haben seit vielen Jahren eine Studie mit 18 Millionen Probanden – wie viel größer hätten Sie es denn gern?

"Mein Bruder und Vater sind an Drogenmissbrauch gestorben."

LTO: Ihre eigene Familiengeschichte ist von Drogenmissbrauch bestimmt. Ihr Vater ist durch übermäßigen Alkoholkonsum gestorben, Ihr Bruder nach einer Karriere als Cannabisdealer für mehrere Jahre in den Knast  gekommen, später  dann  heroinabhängig geworden  und infolge der Sucht zu früh gestorben. Müssten da nicht gerade Sie die Einstiegs- und Signalwirkung einer Legalisierung fürchten?

Müller: Im Gegenteil. Die Mär von der Einstiegsdroge ist seit Jahrzehnten widerlegt, auch wenn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sie zwischen den Zeilen immer noch formuliert.

Auch mein Bruder hat ja nicht angefangen, Heroin zu nehmen, weil er vorher Cannabis konsumiert und verkauft hat, sondern weil er nach mehreren Jahren im Schwererziehbarenheim  und später im Gefängnis seelisch zu Grunde gerichtet, und danach noch jahrelang als "der Knasti" stigmatisiert war. Wäre Cannabis legal gewesen, wäre er nicht in Haft gekommen und sein Leben wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Was meinen Vater betrifft: Er war einer von Hunderttausenden, die wir jedes Jahr schulterzuckend an die legalen Drogen Alkohol und Nikotin verlieren. Die Anzahl von Drogentoten durch Cannabiskonsum liegt derweil konstant bei null.

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Seite 1/2
  • Seite 1:

    Wirkungslosigkeit des Strafrechts, menschliche Bedürfnisse und familiäre Trauerfälle

  • Seite 2:

    Kiffen als Richter, gute und schlechte Abgabesysteme, Umdenken in der Politik

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Constantin Baron van Lijnden, Interview mit "Kiffen und Kriminalität"-Autor Müller: . In: Legal Tribune Online, 11.09.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/16880 (abgerufen am: 12.09.2026 )

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