Druckversion
Samstag, 14.02.2026, 11:27 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/diskussion-nsu-verfassungsschutz-koelner-anwaltverein-eva-hoegl-hans-leyendecker
Fenster schließen
Artikel drucken
7441

Diskussionsrunde zum NSU und dem Verfassungsschutz: "Schnelle Hilfe nach acht Jahren?"

von Claudia Kornmeier

01.11.2012

Der Vorsitzende des NSU-Ausschusses, Sebastian Edathy (SPD) neben einem mit Akten gefuellten Schrank

Der Vorsitzende des NSU-Ausschusses, Sebastian Edathy (SPD). Copyright: dapd/Michael Gottschalk

Am vergangenen Halloweenabend stellten sich Kölner Studenten und Anwälte nicht Hexen, Vampiren und Geistern, sondern Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Gemeinsam mit der SPD-Politikerin Högl, dem SZ-Journalist Leyendecker und dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Keupstraße diskutierten sie über die Arbeit des U-Ausschusses, den Einsatz von V-Leuten und die Fantasielosigkeit der Ermittler.

Anzeige

"Neonazis beobachten Neonazis und werden dafür vom Staat bezahlt." Mit diesen Worten eröffnete der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Instituts für Strafrecht und Strafprozessrecht der Universität Köln, der Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler, die Diskussionsrunde zu der sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl und der SZ-Journalist Hans Leyendecker eingefunden hatten. Auf dem Programm stand der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), das Versagen des Verfassungsschutzes und die Rolle der V-Leute. Geladen hatte neben dem Förderverein der Kölner Anwaltverein; und so saßen außer Studenten vor allem Anwälte im Publikum.

Am 13. November jährt sich der Haftbefehl gegen Beate Zschäpe, das letzte lebende mutmaßliche Mitglied der rechtsextremistischen Vereinigung NSU. Zschäpe stellte sich der Polizei, nachdem sich ihre Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im November 2011 bei einem Polizeieinsatz nach einem Banküberfall im thüringischen Eisenach das Leben genommen hatten.
Seitdem ermittelt die Bundesanwaltschaft. Die Gruppe wird verdächtigt, die Mordserie in den Jahren 2000 bis 2006 an ausländischen Gewerbetreibenden, das Nagelbomben-Attentat in Köln im Jahr 2004 sowie den Polizistenmord in Heilbronn im Jahr 2007 begangen zu haben. "Die Mordserie war ein Anschlag auf unsere Demokratie. Wir waren alle zu recht entsetzt", sagte Högl am Mittwochabend.

Högl: Aktenschreddern nährt Verschwörungstheorien

Immer wieder berichteten Medien, Verfassungsschutzbehörden hätten zumindest über V-Männer Kontakt zu den NSU-Mitgliedern gehabt. Die Morde hätten sehr viel früher aufgeklärt, wenn nicht gar verhindert werden können. Im Bundestag sowie in den Landtagen von Bayern, Sachsen und Thüringen wurden Untersuchungsausschüsse eingerichtet, um die Versäumnisse der Verfassungsschutzämter zu klären.

Högl ist Obfrau der SPD-Fraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags.  Zu Beginn sei sie skeptisch gegenüber der Einrichtung eines Untersuchungsausschusses gewesen. "Das ist ja eigentlich ein Kampfinstrument der Opposition. Das Thema eignet sich aber nun wirklich nicht für parteipolitischen Streit." Hinzu seien die Zweifel gekommen, ob elf Abgeordnete überhaupt etwas herausfinden und ausrichten können. Nach neun Monaten Arbeit zeigt sich die promovierte Volljuristin aber zufrieden: "Ich denke, wir konnten wirklich etwas zutage fördern."

Die "Aktion Konfetti" – das Aktenschreddern eines Beamten des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) am 11. November 2011 in Köln – das sei nach der unaufgedeckten Mordserie ein zweiter Skandal gewesen, der vielleicht sogar noch viel nachhaltiger das Vertrauen der Bürger in den Verfassungsschutz zerstört habe. "So etwas nährt Verschwörungstheorien."

Högl will den Verfassungsschutz dennoch nicht auflösen. Die Skepsis, die eine Strafverteidigerin aus dem Publikum äußerte, teilte sie nicht. Sie wisse nicht, wer die Arbeit sonst übernehmen könne. Eine Ansicht die der Journalist Leyendecker wohl nicht ganz teilte. "Man muss schon fragen, ob wir bestimmte Ämter noch brauchen."

Detaillierte Kriterien für Einsatz von V-Leuten

Auch eine Zentralisierung der Verfassungsschutzämter hält die SPD-Politikerin für keine gute Lösung, obwohl sich der NSU den Föderalismus zu Nutzen gemacht habe. Die politischen Verantwortlichkeiten müssten klar sein; am besten sollte der Verfassungsschutz als Abteilung in die Innenministerien eingegliedert werden. Mehr parlamentarische Kontrolle, das sei außerdem entscheidend.

Ebenso wenig will sie die V-Leute abschaffen, also die Vertrauenspersonen, die den Strafverfolgungsbehörden nicht angehören, diese aber bei der Aufklärung von Straftaten auf längere Zeit unterstützen. Ihre Identität bleibt grundsätzlich geheim. In der Regel erhalten sie Geld für die Informationsbeschaffung. "Bisher hat noch niemand eine bessere Idee gehabt, wie man sonst an Informationen aus der Szene herankommen kann." Es müsse aber klarere Kriterien geben: "Wer wird angesprochen, wie viel wird wofür gezahlt, wer führt die V-Leute."

Ende August präsentierte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ein Hintergrundpapier, in dem er detaillierte und einheitliche Vorgaben für die Werbung und Führung von V-Personen fordert. Als zentrale Stelle soll das BfV dienen, das einen Überblick über die von Bund und Ländern eingesetzten V-Leute haben soll. Die G-10-Kommission soll den Einsatz der V-Leute parlamentarisch kontrollieren. Kurz zuvor hatte die SPD ähnliche Vorschläge gemacht. Der hessische Landtag diskutierte bereits einen Entwurf zur Reform des Landesverfassungsschutzes. Eine Rechtsgrundlage für den Einsatz von V-Leuten enthielt der Entwurf allerdings nicht.

Seite 1/2
  • Seite 1:

    "Aktion Konfetti", Verschwörungstheorien, Kriterien für Einsatz von V-Leuten

  • Seite 2:

    Fantasielose Ermittler, mehr als Enttäuschung in der Keupstraße, Anklage noch dieses Jahr

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Claudia Kornmeier, Diskussionsrunde zum NSU und dem Verfassungsschutz: . In: Legal Tribune Online, 01.11.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/7441 (abgerufen am: 16.02.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Öffentliches Recht
    • Strafrecht
    • Nationalsozialismus
    • Verfassungsschutz
    • Zwickauer Terrorzelle
Ein junger Mann sitzt bei der Gründungsveranstaltung der Generation Deutschland in Schleswig Holstein im Publikum 03.02.2026
Parteien

Bundesinnenministerium:

AfD-Jugend hat sich nicht gemä­ßigt

Vor wenigen Monaten hat die AfD mit der "Generation Deutschland" eine neue Jugendorganisation gegründet. Das Innenministerium erkennt weder eine personelle noch eine inhaltliche Abgrenzung vom extremistischen Vorgänger "Junge Alternative".

Artikel lesen
Der am 31. Mai 1857 als Achille Ratti geborene Papst Pius XI. in einer zeitgenössischen Aufnahme. 21.12.2025
Nationalsozialismus

Abfall vom Glauben staatlich verordnet:

"Gott­gläu­bige" Nazis vor Gericht

Sich aus den christlichen Kirchen zu verabschieden, doch an irgendetwas zu glauben, ist heute alltäglich. Bis in die 1970er-Jahre schauten die Gerichte aber manchmal darauf, für welche Haltung im Leben dieses "irgendetwas" stand.

Artikel lesen
Studierende arbeiten konzentriert an Laptops, während das Thema Extremismus und erforderliche Gesetzesänderungen diskutiert wird. 24.11.2025
Rechtsextremismus

OVG-Beschluss sorgt für Aufruhr:

Säch­si­sche Refe­ren­dare for­dern stren­gere Gesetze gegen Ext­re­misten

Ein Bewerber mit offen rechtsextremer Vergangenheit darf in Sachsen ins Referendariat. Zwei Referendarinnen wollen das nicht hinnehmen – und fordern per offenem Brief Gesetzesänderungen. Ihr Aufruf zählt bereits über 500 Unterstützer.

Artikel lesen
Beginn der Nürnberger Prozesse am 20.11.1945 20.11.2025
Rechtsgeschichte

80 Jahre Nürnberger Prozesse:

Nazi-Pro­mi­nenz endet am Strang

Rudolf Heß, Martin Bormann, Hermann Göring: Die Liste der Angeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess las sich wie das Who is Who der Nazis. Vor 80 Jahren schrieb Nürnberg Justizgeschichte.

Artikel lesen
Überwachungskamera auf einem Hochschulcampus (Symbolbild) 19.11.2025
Verfassungsschutz

Disziplinarverfahren gegen hessischen Professor:

Nur weil er bei Jürgen Elsässer über­nach­tete?

Wegen enger Kontakte in die rechtextreme Szene schlug der hessische Verfassungsschutz Alarm, die Hochschule suspendierte den Professor. Der VGH Hessen hob das Lehrverbot nun auf. Warum das kein Freispruch ist, analysiert Fabian Endemann.

Artikel lesen
Ein Schild „Sächsisches Oberverwaltungsgericht“ steht vor dem Gebäude auf dem Gelände der Ortenburg 10.11.2025
Referendariat

Sächsisches OVG verpflichtet Freistaat:

Bewerber mit rechts­ex­t­remer Ver­gan­gen­heit darf Jurist werden

Das sächsische OVG hat entschieden, dass ein Bewerber trotz früherer Aktivitäten in rechtsextremen Organisationen vorläufig zum juristischen Vorbereitungsdienst zugelassen werden muss. Ohne strafbares Verhalten kein Ausschluss.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Hil­des­heim

Logo von REDEKER SELLNER DAHS
Re­fe­ren­da­rin­nen/Re­fe­ren­da­re

REDEKER SELLNER DAHS , Mün­chen

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Bü­cke­burg

Logo von Wolfgang Metzner GmbH & Co KG
Fach­lek­tor (m/w/d)

Wolfgang Metzner GmbH & Co KG , Ber­lin

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Sta­de

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
Prak­ti­kan­ten

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB , Mün­chen und 1 wei­te­re

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
Prak­ti­kan­ten

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB , Köln

Logo von Görg
Prak­ti­kan­ten­pro­gramm GÖRG law ta­l­ents

Görg , Köln

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
§ 15 FAO - Rechtssichere Gestaltung von Arbeitsverträgen

23.02.2026, Hamburg

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Exportkontrollrecht

23.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Kartellrecht

23.02.2026

Logo von ARQIS
ARQIS Spring School 2026 – Das Praktikantenprogramm

23.02.2026, Düsseldorf

Logo von CMS Deutschland
Update Vergaberecht - Schwellenwerte und Relevanz des Auftragswerts

25.02.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH