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1928

Zum Geburtstag von R. L. Stevenson: Der Dich­ter­an­walt ohne Fälle

Ass. jur. Jürgen Seul

13.11.2010

Mit großem Stolz brachte der Verfasser der berühmten "Schatzinsel" im Sommer 1875 ein Messingschild mit der Aufschrift "R.L. Stevenson, Advocat" an seinem Haus Nr. 17 Heriot Row in Edinburgh an. An der Übernahme rechtsanwaltlicher Mandate war Robert Louis Stevenson jedoch nicht interessiert. Er wollte lieber Schriftsteller sein.

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stevenson

Porträt R. L. Stevenson, 1892

Als Robert Louis Balfour Stevenson am 13. November 1850 als Sohn des Leuchtturmingenieurs Thomas Stevenson in Edinburgh zur Welt kam, schien sein berufliche Weg vorgezeichnet: Neben dem Vater waren auch der Großvater, zwei Onkel, zwei Cousins und ein Großcousin ebenfalls Ingenieure und Leuchtturmbauer gewesen. Tatsächlich beschritt auch der spätere Erfolgsschriftsteller zunächst diesen Weg, als er sich im November 1867 nach einer wohlbehüteten Kindheit und Jugend an der Fakultät für Ingenieure der Universität Edinburgh immatrikulierte.

Schon zu jener Zeit verkehrte Stevenson in einem Edinburgher Intellektuellenzirkel und galt recht bald angesichts seiner frühen literarischen Arbeiten als "junger Heine". Während ihn Literatur und Theater begeisterten, erwies er sich als gänzlich untalentiert für sein Ingenieursstudium:

"Es ist furchtbar," klagte er seinem Vater, "wie langsam ich zeichne [...]. Wenn ich fertig mit dem Zeichnen bin, stelle ich stets fest, dass ich irgend etwas nicht gemessen oder, falls doch gemessen, dann nicht notiert habe oder nicht finden kann, wenn ich es notiert habe." Schockiert musste der Vater im April 1871 zur Kenntnis nehmen, dass sein Sohn mit der beruflichen Familientradition brach und sein Ingenieurstudium ohne Abschluss beendete, um Schriftsteller zu werden.

Das Jurastudium als Absicherung

Thomas Stevenson bestand jedoch auf einem erfolgreich absolvierten Jurastudium, bevor sich der Lebenstraum des Sohnes erfüllen durfte. Nur mit einer soliden Berufsausbildung für den Fall des Misserfolgs sah er die Existenz eines Schriftstellers nicht in den allerdüstersten Farben. Robert akzeptierte und wechselte auf die juristische Fakultät der Universität Edinburgh.

Auch dem Jurastudium allerdings brachte Stevenson wenig Leidenschaft entgegen. In seiner Freizeit widmete er sich dafür umso engagierter der schottischen Historie, zumal er im Rahmen seines Studiums ohnehin Verfassungsgeschichte belegen musste. Die hierbei erworbenen Kenntnisse sollten ihm später in seinen Romanen (z.B. "Entführt - Die Abenteuer des David Balfour") zugute kommen, die allesamt im achtzehnten oder zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts spielen.

Ohne große Prüfungsvorbereitungen bestand er am 16. Juli 1875 im "House of Parliament" von Edinburgh das juristische Examen und wurde zur "Scottish Bar" - der niedergelassenen Anwaltschaft - zugelassen. Eine Cousine berichtete später: "Die Aufregung und Freude, als wir hörten, er habe tatsächlich bestanden, war kolossal. Nun war er ein echter Anwalt! Wir fuhren in einem großen, offenen Landauer [viersitzige und vierrädrige Kutsche], und nichts machte Lou mehr Vergnügen, als auf dem Kutschbock sitzend mit den Füßen auf den Sitzen zwischen seinem Vater und seiner Mutter den Hut zu schwenken und allen Leuten, egal, ob er sie kannte oder nicht, zuzurufen – als ob er nicht ganz beisammen wäre."

Der Erwerb des Status eines Rechtsanwalts erfüllte Stevenson mit gewaltigem Stolz – obwohl er sich zu keinem Zeitpunkt mit der Absicht trug, den Beruf tatsächlich auszuüben. Es genügte ihm völlig, als frischgebackener Barrister ein paar Tage lang mit schwarzer Robe und weißer Perücke in den Wandelgängen des Edinburgher Justizpalastes umher zu stolzieren. Schon immer war er von dem georgianischen Kostüm, das die schottischen Anwälte trugen, fasziniert gewesen.

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Schriftstellerei statt Mandate

Das Wichtigste für ihn war es, die Übereinkunft mit dem Vater erfüllt und einen ordentlichen Beruf erlernt zu haben. Zwar hatte Thomas Stevenson zu Anfang noch gehofft, das sein Sohn doch noch ein ernsthafter Jurist werden würde. Doch als dieser beharrlich jeden angetragenen Rechtsfall ablehnte, war auch ihm klar, dass das Anwaltschild an der Hauswand lediglich ein Zierrad bildete.

Finanziell unterstützt von den Eltern verbrachte Robert Louis Stevenson die nächsten Jahre mit Vergnügungsreisen im Sommer, Literaturstudien und Essayschreiben im Winter. Während einer Frankreichreise lernte er die Frau seines Lebens, die verheiratete Amerikanerin Fanny Osbourne, kennen. Die Beziehung zu ihr führte zu einem zeitweiligen Bruch mit dem Elternhaus, der erst wieder gekittet wurde, als der Dichter am 19. März 1880 in San Francisco die inzwischen geschiedene Fanny Osbourne, die 2 Kinder in die Ehe mitbrachte, heiratete. Gemeinsam kehrte man nach Schottland zurück.

Aus Gesundheitsgründen (eine angegriffene Lunge, die ihn fast schon sein ganzes Lebens lang peinigte) hielt sich Stevenson mit seiner Familie zwischen 1881 und 1884 abwechselnd zum Kuraufenthalt im schweizerischen Davos als auch zur Sommerfrische in den schottischen Hybriden auf. 1883 erschien schließlich der Welterfolg "Die Schatzinsel" - ein Buch, das er ursprünglich nur zur Unterhaltung für seinen Stiefsohn geschrieben hatte. Den literarischen Höhepunkt erlangte Stevenson 1886 mit seiner auch kriminalanthropologisch faszinierenden Novelle "Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mister Hyde". In seinen Werken wurden auch regelmäßig juristische Themen, etwa die Problematik der Todesstrafe, behandelt.

Aus gesundheitlichen Gründen in die Südsee ausgewandert, starb der Dichteranwalt am 3. Dezember 1894 auf der Insel Upolu (Samoa) an einem Gehirnschlag.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

 

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