Druckversion
Dienstag, 9.06.2026, 08:15 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/emrk-geschichte-recht-imperialismus-grossbritannien-england-kolonialismus
Fenster schließen
Artikel drucken
19305

Geschichte der Europäischen Menschenrechtskonvention: Mister Ste­wart stellt die rich­tige Frage

von Martin Rath

05.05.2016

Patrick Stewart in seinem Videoclip

Bild: Youtube-Screenshot

Der Star-Trek-Darsteller Patrick Stewart macht sich dieser Tage in einem Videoclip über die Haltung seiner Regierung zur EMRK lustig. Doch hat die ihrerseits komische Seiten und Auswüchse angenommen, wie die Geschichte zeigt.

Anzeige

Der ehedem kommandierende Offizier des Raumschiffs Enterprise spielt in dem viralen Video einen konservativen Politiker, der im Kreis zunächst folgsamer Parteifreunde pathetisch fragt, was die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) "je für uns getan" habe.

Am Ende erfährt der von Stewart gespielte Politiker, dass es die Briten selbst gewesen seien, die nach 1945 Wesentliches dazu geleistet hätten, die EMRK zu etablieren.

Es mag auf den ersten Blick etwas unfein sein, die Pointe zu verraten. Doch geht der Witz noch ein gutes Stück weiter als es das kleine Video darstellt.

Ungeliebte Entscheidungen aus Straßburg

Ein mitunter skurriles Verhältnis zu Straßburg pflegten britische Politiker schon lange bevor sie sich in den 1970er Jahren darüber empören konnten, dass der Prügelstrafe an den Schulen des Königreichs mit Hilfe des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) ein Ende bereitet werden könnte. Oder darüber, dass der britische Parlamentarismus sein hohes Ansehen in der Welt dadurch einbüßen musste, weil Strafgefangenen nicht mehr pauschal das Wahlrecht entzogen werden durfte. Die Richter im fernen Elsass hätten sich wohl nur noch dann unbeliebter machen können, hätten sie der britischen Upper-Class auch noch die Fuchsjagd verboten.

In einem 2001 publizierten Aufsatz erklärt der britische Rechtshistoriker A.W.B. Simpson (1931–2011) das im Stewart-Video karikierte Engagement der britischen Regierung während der Gründerjahre der EMRK mit dem Stillstand der Menschenrechtspolitik innerhalb der Vereinten Nationen. Bald nach der rechtlich eher unverbindlichen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 hätten die Briten sich auf das europäische Feld verlegt, um weiter an diesem Renomee verheißenden rechtspolitischen Prozess teilzuhaben.

Briten verbreiten EMRK-Geltung

Während die beiden anderen Supermächte, USA und Sowjetunion, aus machtpolitischen Gründen die Bindung an internationale Menschenrechtsnormen zu vermeiden suchten, band sich das Vereinigte Königreich weitgehend unbedacht im europäischen Rahmen.

Durch Schlamperei britischer Uperclass-Politiker, die Simpson zudem als Amateure mit Oxford- beziehungsweise Cambridge-Abschluss beschreibt, wurde von der Möglichkeit großzügig Gebrauch gemacht, abhängige Gebiete nach Artikel 63 der EMRK in ihren Geltungsbereich einzubeziehen.

Mit einem am 23. Oktober 1953 beim Europarat hinterlegten Dokument erklärte die Regierung ihrer Majestät, dass die EMRK nicht nur für so naheliegende Gebiete wie die Inseln Man, Jersey oder Guernsey anwendbar sei. Unter dem Schutz der Konvention standen von nun an auch die Menschen in Britisch-Somaliland und an der Goldküste, dem heutigen Ghana, sowie diejenigen im südafrikanischen Swasiland oder in Singapur.

Der fernste Punkt, der jemals unter dem Schutz der EMRK stand, findet sich dank britischer Herrschaftskunst knapp 17.000 Kilometer von Straßburg entfernt: Auch für das Königreich Tonga, ein britisches Protektorat in der Südsee, wurde die Anwendbarkeit der EMRK erklärt (PDF).

Anzeige

Imperialistische Herrschaft unter EMRK-Geltung?

In London durfte man zunächst davon ausgehen, dass sich das wirtschaftlich bankrotte britische Weltreich trotzdem nicht mit vorlauten Menschenrechtsanwälten in den afrikanischen, asiatischen oder pazifischen Herrschaftsgebieten würde beschäftigen müssen.

Dabei wurden die althergebrachten Brutalitäten imperialer Herrschaft durchaus justizförmig inszeniert. Im Zuge des sogenannten Mau-Mau-Aufstandes, einer vor allem von Angehörigen der Kikuyu-Ethnie getragenen Rebellion, verhängten die "Special Emergency Assize Courts" der britischen Machthaber in Kenia binnen dreieinhalb Jahren über 1.500 Todesurteile, von denen zwei Drittel unverzüglich und ohne Berufungsmöglichkeit durch öffentliches Erhängen vollstreckt wurden.

Kenia aber war EMRK-Gebiet. Dass kein afrikanischer Untertan von Elizabeth II. den Weg nach Straßburg fand, war einem Verhandlungserfolg ihrer Majestät Regierung zu verdanken: In der Londoner Whitehall hatte man sich gegen eine vorrangige Kompetenz eines Gerichtshofs ausgesprochen, der dann neben dem primären Entscheidungsorgan – der Europäischen Kommission für Menschenrechte – tatsächlich rund 20 Jahre vergleichsweise bedeutungslos blieb. Auch den Weg zur Individualbeschwerde beim EGMR öffnete das Vereinigte Königreich erst, als es sein Empire 1965 weitgehend verloren hatte.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson erkannte diese Zusammenhänge unlängst, als er US-Präsident Obama wegen dessen positiver Einstellung zu den europäischen Institutionen einen Halb-Kenianer mit Abscheu gegenüber dem Empire nannte. Um die Zusammenhänge so zu sehen, muss man schon die sensible Seele eines britischen Poltikers haben.

Seite 1/2
  • Seite 1:

    Ein Video stellt die richtige Frage

  • Seite 2:

    Die Griechen verpetzen die Briten

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Geschichte der Europäischen Menschenrechtskonvention: . In: Legal Tribune Online, 05.05.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19305 (abgerufen am: 09.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Europa- und Völkerrecht
    • Menschenrechte
    • Politik
    • Rechtsgeschichte
Illustration: Der Hohepriester Kaiphas verhört Jesus 07.06.2026
Rechtsgeschichte

Strafbare Verletzung religiöser Gefühle:

"Got­tes­läs­te­rung" als Kul­tur­kampf­spek­takel

Wegen angeblicher Beschimpfung des christlichen Bekenntnisses wurde dem Dramatiker Carl Einstein und dem Verleger Ernst Rowohlt 1922 der Prozess gemacht. Damals neu, wirkt die Inszenierung des Skandals heute sattsam bekannt.

Artikel lesen
Das Bild zeigt eine große Menge an Menschen, die mit Regenbogenflaggen fröhlich durch Dresden ziehen, um ihre Vielfalt zu feiern. 04.06.2026
Versammlungen

Sächsisches OVG zu CSD Dresden:

Wann Feiern auch Demon­s­trieren ist

Der CSD Dresden kann nun doch mit Straßenfest stattfinden. Das Sächsische OVG stellt neben der Demo auch das mehrtägige Fest unter den Schutz der Versammlungsfreiheit – anders als zuvor das VG Dresden.

Artikel lesen
Zusammenschnitt aus einem Porträt von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem LTO-Kommentarautor Max Kolter 29.05.2026
Beleidigung

Beleidigung von Kanzler Merz als "Lackaffe":

Wieder macht der Rechts­staat eine sch­lechte Figur

Staatsanwaltschaft und Amtsgericht Heilbronn halten "Lackaffe" für eine strafbare Politikerbeleidigung. Zwar wurde das Verfahren nun gegen Geldauflage eingestellt, doch liegt die Justiz wie im "Schwachkopf"-Fall daneben. Und nicht nur sie.

Artikel lesen
Ein Mann steht im Gerichtssaal, während im Hintergrund das Wappen Niedersachsens sichtbar ist. 27.05.2026
Justiz

"Justizskandal" in Niedersachsen?:

Unter­su­chungs­aus­schuss zu "Maul­wurf"-Staats­an­walt

Warum konnte ein Staatsanwalt, der Ermittlungen an die Drogenmafia verriet, über Jahre weiterarbeiten? Das soll ein Untersuchungsausschuss klären - und welche Rolle Justizministerin Wahlmann dabei spielte.

Artikel lesen
Vier Personen diskutieren konzentriert, offenbar im Zusammenhang mit der Einigung über zusätzliche Richter im Rechtsstaatspakt. 27.05.2026
Justiz

Durchbruch bei "Rechtsstaatspakt":

Länder vor Eini­gung über 240 Mil­lionen Euro für 2.000 neue Richter

Nach LTO-Informationen steht der Bund-Länder-Pakt für den Rechtsstaat nach einigem Streit nun doch kurz vor dem Abschluss. Darauf haben sich die Länderspitzen bei einem Treffen in Berlin verständigt – mit konkreten Zahlen und einem neuen Kompromiss.

Artikel lesen
Bauarbeiter isolieren eine Hausfassade 27.05.2026
Städtebau

Bundesregierung bringt BauGB-Novelle auf den Weg:

Zu wenig Woh­nungen, des­halb soll sch­neller gebaut werden

Nach dem "Bau-Turbo" sollen mit dem Gesetz zur Modernisierung des Städtebau- und Raumordnungsrechts umfassende Änderungen am Baugesetzbuch kommen. Hauptanliegen von Ministerin Verena Hubertz: mehr Wohnungsbau.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von A&O Shearman
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) im Be­reich Ka­pi­tal­markt­recht

A&O Shearman, Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Pa­tent­recht

Hogan Lovells International LLP, Mün­chen

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Ka­pi­tal­markt­recht

A&O Shearman, Frank­furt am Main

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Im­mo­bi­li­en­recht

A&O Shearman, Frank­furt/M. und 1 wei­te­re

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) im Be­reich Cor­po­ra­te/M&A

A&O Shearman, Mün­chen und 3 wei­te­re

Logo von A&O Shearman
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) Pa­tent Li­ti­ga­ti­on

A&O Shearman, Mün­chen

Logo von A&O Shearman
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) Pa­tent Li­ti­ga­ti­on

A&O Shearman, Mün­chen

Logo von Dentons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te (m/w/d) Cor­po­ra­te / M&A

Dentons, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Neue oder alte Grundsicherung? SGB II Einkommens- und Vermögensschutz 2026

16.06.2026

Logo von Schweitzer Fachinformationen
8. Schweitzer Zukunftsforum – Legal Tech

16.06.2026

Controlling im Notariat – Der Weg zur wirtschaftlichen Unternehmensführung

16.06.2026

Logo von eagle lsp
Green Claims: Umweltaussagen rechtssicher gestalten

16.06.2026

Logo von Deloitte Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Digitale Souveränität: Hype oder Paradigmenwechsel?

17.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH