Juristische Hörbücher & Podcasts
Wer nicht lesen will, muss hören
18.12.2010

© Jaimie Duplass - Fotolia.com
Christoph Maria Herbst liest "BGB: Das Beste aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch". Dieses Hörbuch haben sich manche Käufer wohl ganz anders vorgestellt: "Was bitte ist an den gelesenen Vorschriften des BGB witzig?" schreibt etwa ein Kunde auf Amazon.de. Tatsächlich trägt der "Stromberg"-Star die Passagen aus dem Gesetzbuch originalgetreu vor, ihr Humorpotenzial erschließt sich nicht jedem.
Herbst legt die Betonungen auf besonders skurrile Formulierungen und setzt gekonnt bedeutungsschwangere Pausen. Juristische Kalauer sucht man hier allerdings vergebens. "Ich wollte meinem Mann ein lustige CD zum Geburtstag schenken. Leider liest Herr Herbst das Gesetzbuch einfach nur vor. Wer möchte bitte ein Gesetzbuch vorgelesen bekommen?" meint auch eine andere Amazon-Bestellerin. Nun, selbst den meisten Juristen erschließt sich der Sinn dieser eingesprochenen Gesetzestexte nicht. Aber andere Fachinhalte können als Audio-Angebot für die Aus- und Weiterbildung durchaus sinnvoll sein.
Der Lerntyp entscheidet
Wer nicht lesen will, muss hören – das ist die Ausgangssituation für alle Audio-Angebote: "Wer die Nase vom Lesen voll hat, weil er das bereits mehrere Stunden am Tag getan hat, kann dann in den auditiven Sinneskanal wechseln und ein Hörbuch nutzen", sagt Jan Niederle von niederle media. Der Fachverlag für Studienliteratur bietet seit einigen Jahren – auf CD sowie MP3 – eine breite Auswahl an Hörbüchern an, die sich vor allem dem Basiswissen widmet. Niederle: "Diese Grundlagen benötigt man vor allem in den Klausuren und in der mündlichen Prüfung im ersten und zweiten Staatsexamen."
Für die eigentliche Zielgruppe, also Studenten, ist das Medium Hörbuch eine sinnvolle Ergänzung von Skripten und Fachliteratur. Doch nicht jeder profitiert davon gleichermaßen: "Das Problem ist schlichtweg, dass jeder anders ist und anders lernt", sagt Jan Niederle. "Es gibt Menschen, die lernen durch Hören. Andere wiederum durch Sehen." Zu diesen beiden Lerntypen kommen außerdem der "kommunikative", der gerne in der Gruppe lernt, sowie der "motorische", der beim Pauken am liebsten herumspaziert.
Der Aufwand bei der Produktion eines Hörbuchs ist nicht gering: Zunächst muss die Materie audiogerecht aufbereitet werden. Im Falle des Angebots von niederle media ist das ein Frage-Antwort-Schema. Das Einsprechen übernehmen professionelle Radiosprecher, wobei sich Frauen- und Männer-Stimme jeweils abwechseln, um den Hörer "bei der Stange" zu halten.
Reich wird man mit juristischen Hörbüchern nicht: Je nach Titel verkaufe man zwischen 50 und 150 Exemplare pro Jahr, so Jan Niederle. "Dass sich dies auf Dauer nicht rechnet, weil kaum die Kosten für den Texter, die Sprecher, das Studio und das CD-Presswerk eingespielt werden, dürfte auf der Hand liegen." Denn auch Fachverlage haben mit dem legeren Umgang mit Urheberrechten ein Problem: "Wenn ein Hörbuch neu erschienen ist, verkauft es sich besser", sagt Niederle. "Aber schon nach wenigen Monaten scheint ein reger Datei-Austausch unter den Studenten stattzufinden, so dass die Verkaufszahlen stark zurückgehen."
Aktuelle Urteile
Mit diesem Problem haben die Macher des NJW-Podcasts dagegen nicht zu kämpfen – er ist ohnehin kostenlos. Seit knapp drei Jahren bietet die "Neue Juristische Wochenschrift" wöchentlich acht bis zehn Audio-Kurzbeiträge an. Zu finden sind diese unter anderem auf der Homepage und auf iTunes.
Entstanden ist die Idee zu einem regelmäßigen Podcast über Umwege: "Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass Anwälte immer weniger Zeit zum Lesen langer Beiträge haben", sagt Rechtsanwalt und NJW-Redakteur Stefan Fahrmeier. Aus diesem Grund habe man das "NJW Spezial" ins Leben gerufen. Die Beilage zum jeweils aktuellen Heft beinhalte "kurze Urteilsanmerkungen, die den allgemein tätigen Anwalt beschäftigen, etwa mit Familien-, Miet- oder Verkehrsrecht", so Fahrmeier. Der Schritt zum Podcast war kein großer, da sich diese Kurztexte auch bestens als Hörbeiträge geeignet hätten.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Jurist kann sich mit dieser (aktuellen) Fachmaterie bequem in der Bahn, im Auto oder beim Joggen auseinandersetzen – Lesestoff wartet in der Kanzlei ohnehin genug auf ihn. Genutzt wird der NJW-Podcast hauptsächlich von jungen Anwälten und Studenten. "Es ist tatsächlich eine Generationsfrage", meint Stefan Fahrmeier. "Die Jüngeren haben weniger Berührungsängste und sind auch ganz einfach vertrauter mit Begriffen wie Podcast oder MP3." Auch die Nutzung des NJW-Podcasts entspreche dem mobilen Zeitgeist: "Ich glaube nicht, dass irgendjemand zu Hause sitzt und sich den Podcast auf den PC herunterlädt, sondern gleich auf das Smartphone oder den MP3-Player", sagt Fahrmeier.
Das Audio-Angebot der NJW soll künftig ausgebaut werden. Von Planen könne zwar noch keine Rede sein, man habe aber schon einige Ideen, so Fahrmeier. Denkbar sei beispielsweise ein Video-Podcast: "Aber hier reden wir wirklich über noch ungelegte Eier". Konkreter sind dagegen die Überlegungen zum bereits bestehenden Podcast: "Wir wollen nicht mehr nur die Zweitverwertung des NJW Spezial machen, sondern aktueller werden, etwa durch originäre und auf den Podcast zugeschnittene Auswertung der Pressemitteilungen der Gerichte."
Wer übrigens zu Weihnachten ein juristisches Hörbuch verschenken will, dem seien die von der NJW herausgegebenen "Urteile zum Schmunzeln" empfohlen. Über exhibitionistische Gartenzwerge, Schnecken im Salat oder Schweine in der Mietwohnung wird auch der BGB-geplagte Ehemann lachen können.
Der Autor lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Zwischen 1996 bis 2009 war Witold Pryjda unter anderem als Redakteur für Digital-Lifestyle-Themen bei der Kleinen Zeitung in Graz und beim Internet-Magazin Tomorrow tätig.
Zitiervorschlag
Witold Pryjda, Juristische Hörbücher & Podcasts: Wer nicht lesen will, muss hören. In: Legal Tribune ONLINE, 18.12.2010, http://www.lto.de/persistant/a_id/2181/ (abgerufen am 21.05.2012)
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