Druckversion
Sonntag, 19.04.2026, 16:30 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/thueringen-fdp-cdu-afd-ministerpraesident-neuwahlen-landtag-verfassung
Fenster schließen
Artikel drucken
40155

Kritik an FDP-Ministerpräsident in Thüringen: Neu­wahl oder nichts?

von Dr. Markus Sehl

06.02.2020

Thomas Kemmerich (FDP)

picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Die Rufe nach einem Rücktritt des auch durch die AfD gewählten FDP-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich werden lauter. Was aber, wenn der nicht aufgeben will? Auf kurz oder lang wird es Neuwahlen geben, meint ein Verfassungsrechtler.

Anzeige

Update am Tag der Veröffentlichung, 14.28 Uhr: Die Thüringer FDP gab bekannt, dass Kemmerich sein Amt niederlegen werde und die Fraktion zu diesem Zweck die Auflösung des Landtags beantragen wolle.

Am Donnerstagmorgen beginnt der Tag für Thomas Kemmerich (FDP) als Ministerpräsident von Thüringen - wirklich regieren kann er aber nicht. Er hat keine eigenen Minister, möglicherweise keine ausreichende Unterstützung im Landtag und seit dem Vorabend sieht er sich einem bundesweiten Shitstorm ausgesetzt.

Nun schaltete sich am Morgen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ein, die Wahl müsse rückgängig gemacht werden, sagte sie von ihrem Staatsbesuch in Südafrika aus. Die Wahl zum Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD sei "unverzeihlich".

Kemmerich war am Mittwoch im Thüringer Landtag überraschend mit den Stimmen von Liberalen, CDU und AfD zum Regierungschef gewählt worden. Der Kandidat der FDP, die im Herbst nur knapp den Sprung in den Landtag geschafft hatte, setzte sich gegen den bisherigen Regierungschef Bodo Ramelow von den Linken durch. Kemmerich erhielt 45 Stimmen, Ramelow 44, der AfD-Kandidat null.

Es war das erste Mal, dass die AfD einem Ministerpräsidenten ins Amt half. Das rief bei SPD, Grünen, Linken, aber auch bei Teilen der Union massive Empörung hervor. Kemmerich schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD aus, er will nun eine Minderheitsregierung mit CDU, SPD und Grünen bilden. SPD und Grüne haben aber bereits abgesagt.

Kemmerichs Rücktritt gefordert

Die Entwicklungen in Thüringen belasten die große Koalition in Berlin. Die SPD wertet die Wahl mit Stimmen der AfD als "Dammbruch" und verlangt ein Machtwort von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer. Die warnte ihre Thüringer Parteifreunde vor einer Zusammenarbeit mit dem neuen Ministerpräsidenten Kemmerich. "Dieser Ministerpräsident hat keine parlamentarische Mehrheit, er muss sich immer auf der AfD abstützen", sagte Kramp-Karrenbauer im ZDF-heute-Journal.

Sie plädierte für eine Neuwahl – und forderte Kemmerichs Rücktritt: "Und ich finde, es wäre richtig, wenn dieser Ministerpräsident zurücktreten würde."

In Bedrängnis gerät die FDP auch aus sich heraus, der Kurs der Liberalen in Thüringen ist auch intern umstritten. Die Parteispitze in Schleswig-Holstein forderte den Rücktritt Kemmerichs und Neuwahlen. Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Alexander Graf Lambsdorff. Der rheinland- pfälzische FDP-Chef Volker Wissing twitterte: "Einen Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD kann und darf es nicht geben. Wenn demokratische Kräfte die Zusammenarbeit ablehnen, braucht Thüringen Neuwahlen."

Auch die ehemalige Justizministerin und FDP-Präsidiumsmitglied Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sprach sich auf Twitter für den Rücktritt Kemmerichs aus. "Der Spuk in Thüringen muss sofort beendet werden, bevor er zum Albtraum wird", twitterte sie.

Verfassungsrechtler: "Völlig rätselhaft", wie Kemmerich regieren will

"Wie ein Ministerpräsident, dessen Fraktion nur fünf Landtagsabgeordnete stellt, eine Regierung bilden und Politik machen will, ist völlig rätselhaft", sagt der Verfassungsrechtler Prof. Dr. Christoph Schönberger, Lehrstuhlinhaber Öffentliches Recht an der Uni Konstanz gegenüber LTO. Eine Regierungsbildung mit der CDU dürfte für Kemmerich auch nicht wahrscheinlicher geworden sein, nachdem Kanzlerin Merkel am Donnerstagmorgen ebenfalls sagte, ihre Partei dürfe sich so nicht an der Thüringer Regierung beteiligen. Was also sind die Möglichkeiten?

Der gewählte Ministerpräsident Kemmerich könnte selbst den Anstoß für einen Neuanfang geben, indem er seinen Rücktritt erklärt. Damit ändert sich aber erstmal an der aktuellen Lage nichts. Kemmerich ist nach Art. 75 der Landesverfassung Thüringens sogar dazu verpflichtet, die Geschäfte bis zum Amtsantritt eines Nachfolgers fortzuführen. Kemmerichs Amt endet erst dann, wenn in Thüringen ein neu gewählter Landtag zusammentritt. Für die Thüringer Wähler geht es dann wieder von vorne los, sie müssten noch einmal wählen.

Kemmerich könnte aber auch im Landtag die Vertrauensfrage stellen. Wenn er damit scheitert, wäre nach Art. 50 der Landesverfassung ebenfalls der Weg frei für vorzeitige Neuwahlen. Um dem Ministerpräsidenten das fehlende Vertrauen auszusprechen, reicht bereits die Mehrheit der Mitglieder im Landtag. SPD, Linke und Grüne verfügen zusammen über 42 Stimmen, sie bräuchten für die absolute Mehrheit unter allen Landtagsmitgliedern 46.

Zurzeit scheint die Vertrauensfrage für Kemmerich aber ohnehin nicht in Frage zu kommen. "Die Arbeit beginnt jetzt", sagte der FDP-Politiker am Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Kemmerich selbst schloss einen Rücktritt aus, er sei in geheimer Wahl gewählt worden. 

Aber der Druck auf ihn wächst - spätestens nachdem sich nun auch die Kanzlerin eingeschaltet hat und einige Parteikollegen, die ihn zunächst noch unterstützten, nun auch den Kurs gewechselt haben, wie etwa der FDP-Vize Wolfgang Kubicki, der am Mittwoch noch von einem "großartigen Erfolg" sprach.

Weitere Möglichkeiten: Selbstauflösung des Landtags oder Misstrauensvotum

Kemmerich scheint auf eine FDP/CDU-Minderheitsregierung zu setzen und darauf zu vertrauen, dass die AfD mitspielt. "Ich glaube kaum, dass sich das Land so regieren lassen wird. Über kurz oder lang wird es zu Neuwahlen kommen müssen", sagt Verfassungsrechtler Schönberger dazu. "Dafür gibt es nach der thüringischen Verfassung neben der gescheiterten Vertrauensfrage die Selbstauflösung des Landtags."

Sollte Kemmerich nicht selbst den Weg für Neuwahlen frei machen, könnte sich der Landtag also auch selbst auflösen. Dafür bräuchte es aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Auch das ergibt sich aus Art. 50 der Landesverfassung. "Da die AfD gegen eine Neuwahl ist, wären dafür Stimmen aus der CDU-Fraktion nötig", sagt Schönberger.

Eine einfache Mehrheit reicht dagegen beim sogenannten konstruktiven Misstrauensvotum. "Der Landtag kann dem Ministerpräsidenten das Mißtrauen nur dadurch aussprechen, daß er mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt", heißt es in Art. 73 der Landesverfassung. Damit ginge aber im Landesparlament alles nur wieder von vorne los.

Für die Abgeordneten würde damit wieder die mühsame Suche nach einer Mehrheit für einen neuen Ministerpräsidenten beginnen. Aus genau dieser schwierigen Situation heraus, wurde Kemmerich überhaupt nur plötzlich Ministerpräsident. Nun wäre es gut vorstellbar, dass sich nach der heftigen Diskussion die Meinung bei so manchem Landtagsabgeordneten inzwischen verändert hat. Ob das aber ausreicht um - ohne die demokratische Absicherung einer Neuwahl - plötzlich völlig neue Koalitionen möglich zu machen, scheint wenig wahrscheinlich.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Kritik an FDP-Ministerpräsident in Thüringen: . In: Legal Tribune Online, 06.02.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/40155 (abgerufen am: 19.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Öffentliches Recht
    • AfD
    • Landtagswahlen
    • Parteien
    • Politik
    • Politiker
    • Wahlen
Peter Magyar 09.04.2026
Wahlen

Zur Parlamentswahl am 12. April:

Ungarn wählt – aber wie?

Am kommenden Sonntag wählen die Ungarn ihr Parlament. Aktuell liegt die Opposition vorne, doch das Wahlsystem und die von Orbáns Fidesz-Regierung eingeführten Gesetze machen einen Sieg des Herausforderers und künftige Veränderungen schwer.

Artikel lesen
Teilnehmer einer Kundgebung für die Menschenrechtsorganisation "Memorial" halten vor der russischen Botschaft Schilder mit der Aufschrift "Hände weg von Memorial" hoch. 09.04.2026
Russland

Auf Antrag des Justizministeriums:

Russ­land ver­bietet Men­schen­rechts­gruppe Memo­rial

Memorial erforscht die politischen Repressionen seit der Sowjetunion und setzt sich für Menschenrechte ein. Nun ist die Organisation in Russland verboten. Ein Gericht stufte sie als extremistisch ein, sie zu unterstützen, kann strafbar sein.

Artikel lesen
Matthias Moosdorf 2024 bei einer Bundestagssitzung 08.04.2026
AfD

Verhandlung vor der Staatsschutzkammer:

Anklage gegen AfD-Abge­ord­neten Mat­thias Moos­dorf zuge­lassen

Matthias Moosdorf soll einen Parteikollegen im Reichstagsgebäude mit Hitlergruß begrüßt haben. Nun muss der sächsische AfD-Abgeordnete vor Gericht. Der Prozess soll vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts Berlin I stattfinden.

Artikel lesen
Logo des AfD Landesverbands Niedersachsen hängt an einer Wand im Saal 01.04.2026
AfD

Verdacht der Untreue und Verstöße gegen das Parteiengesetz:

Ermitt­lungen gegen AfD Nie­der­sachsen werden aus­ge­weitet

Gegen mehrere AfD-Mitglieder laufen neue Ermittlungsverfahren. Es soll um Spardosen bei Parteievents gehen und um Bundestags- und Landtagsabgeordnete. Die Partei tritt den Vorwürfen entgegen.

Artikel lesen
Trump gestikuliert leidenschaftlich während einer Ansprache über die anstehenden Wahlregelungen, Einflussnahme auf Bundesstaaten thematisierend. 01.04.2026
Trump

Einflussnahme auf Bundesstaaten?:

Trump ändert Regeln für Wahlen per Dekret

US-Präsident Donald Trump unterzeichnet ein Dekret mit neuen Wahlregeln, darunter für die Briefwahl. Demokraten und Experten äußern verfassungsrechtliche Bedenken, Kalifornien kündigt Klage an. 

Artikel lesen
Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration des Christopher-Street-Day in Dresden. Eine Person hält ein Schild "CSD statt AfD" mit Regenbogenfarben hoch. 31.03.2026
Versammlungen

CSD soll Versammlungseigenschaft verlieren:

Zu viel Party für Politik? Sachsen und Dresden streiten über CSD

Sachsens Landesdirektion versucht seit Jahren, Teilen des CSD die Versammlungseigenschaft zu entziehen. Nun will sie Dresden per Weisung dazu zwingen. Was daran problematisch sein könnte und wie die Dresdener Politik reagiert.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hengeler Mueller
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) im Be­reich ­E­n­er­gie­recht / Er­neu­er­ba­re En­er­gi­en /...

Hengeler Mueller, Frank­furt am Main

Logo von DLA Piper UK LLP
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (m/w/x) Mün­chen

DLA Piper UK LLP, Mün­chen

Logo von Freshfields
As­so­cia­te (m/w/x) - Phar­ma, Li­fe Sci­en­ces, Med­Tech

Freshfields, Düs­sel­dorf und 1 wei­te­re

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Frank­furt am Main

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Mün­chen

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Ber­lin

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Rechts­an­walt (m/w/d) Ver­ga­be-, Bei­hil­fe- und För­der­recht

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG, Frank­furt am Main

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Ham­burg

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hengeler Mueller
Workshop: Beyond the obvious – Wahrnehmung verstehen, Perspektiven erweitern

12.05.2026, Frankfurt am Main

Realteilung und Spaltung von mittelständischen Personengesellschaften

27.04.2026

Logo von POELLATH
Vom Hörsaal über das Referendariat in die Kanzlei: Wie der Übergang gelingt

30.04.2026, München

RVG: Anrechnung 2 - Vertiefung

27.04.2026

UpDate: Fristverlängerungsanträge – Berufungsbegründung – aktuelle Rechtsprechung des BGH

27.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH