Druckversion
Samstag, 13.12.2025, 05:12 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/sicherungsverwahrung-die-koalition-zwischen-rechtsstaat-und-sicherheit
Fenster schließen
Artikel drucken
1152

Sicherungsverwahrung: Die Koalition zwischen Rechtsstaat und Sicherheit

Sven Rebehn

06.08.2010

Die Reform der Sicherungsverwahrung ist das heikelste rechtspolitische Vorhaben der schwarz-gelben Koalition. FDP und Union haben sehr unterschiedliche Antworten auf die grundlegenden Fragen, die die europäische Rechtsprechung der Bundesrepublik aufgab. Sven Rebehn stellt die Pläne vor und erklärt, wo die Unterschiede liegen.

Anzeige

Die nach der Rechtsprechung des EGMR erforderliche Neuregelung der deutschen Sicherungsverwahrung muss in erster Linie die quälende Frage beantworten, inwieweit ein Rechtsstaat gefährliche Straftäter trotz verbüßter Haft zum Schutz der Bürger weiterhin einsperren darf.

Sie muss aber auch einen gangbaren Weg bieten, wie diese Antwort zwischen Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit umgesetzt werden soll. Hierüber streiten die Koalitionspartner seit Monaten, am Freitag findet ein Bund-Länder-Treffen statt. Einen ersten Gesetzentwurf der liberalen Bundesjustizministerin konterte die Union mit einem eigenen Positionspapier.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger will die nachträgliche Sicherungsverwahrung abschaffen, die noch während der Haftzeit angeordnet werden kann, auch wenn sie im Urteil nicht angeordnet worden war. Lediglich für Altfälle soll die jetzige Rechtslage fortgelten. Zur Begründung verweist die Justizministerin darauf, dass die nachträgliche Sicherungsverwahrung in der Praxis kaum eine Rolle spiele. Tatsächlich hat der Bundesgerichtshof eine Anordnung wegen der hohen verfassungsrechtlichen Hürden nur in knapp einem Dutzend Fälle seit 2004 gebilligt, in fast 100 Fällen hingegen abgelehnt.

Die Pläne der Union: Nachträgliche Unterbringung ja - aber anders

CDU und CSU wollen hingegen grundsätzlich an der nachträglichen Sicherungsverwahrung festhalten. Nach ihrem Konzept soll sie aber durch eine verstärkt auf Therapie ausgerichtete Sicherheitsunterbringung ersetzt werden, die in einem eigenen Bundesgesetz neu eingeführt würde.

Die Union will auch speziell besetzte Gerichte einrichten, die künftig über den Freiheitsentzug zum Schutz der Allgemeinheit entscheiden. Die Richter sollen bei ihren Prognosen zur Gefährlichkeit der Täter fachlich von erfahrenen Psychologen beraten werden.

Ferner wollen CDU und CSU im Zuge einer Reform die gegenwärtigen Hürden für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung Jugendlicher und Heranwachsender absenken.

Konsens bei vorbehaltener Sicherungsverwahrung

Weitgehende Einigkeit besteht in der Koalition hingegen über einen Ausbau der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung. Den Gerichten soll hier deutlich mehr Spielraum gegeben werden.

So soll ein Vorbehalt der Sicherungsverwahrung künftig auch möglich sein, wenn ein gefährlicher Ersttäter betroffen ist. Zudem werden die Anforderungen an die Prognose der Gefährlichkeit des Verurteilten abgesenkt. Es soll ausreichen, dass das Gericht zum Zeitpunkt des Urteils einen Hang zu erheblichen Straftaten für "wahrscheinlich" hält.

Schließlich wird der Zeitpunkt, bis zu dem endgültig über die Sicherungsverwahrung zu entscheiden ist, nach hinten verlagert. Künftig soll die Entscheidung bis zum Ende der Haftzeit möglich sein, um eine möglichst aktuelle Beurteilung der Gefährlichkeit des Täters vornehmen zu können.

Einigung bei primärer Sicherungsverwahrung in Sicht 

Die Liberalen wollen die primäre Sicherungsverwahrung, die bereits im Strafurteil angeordnet wird, deutlich beschränken. Künftig soll nicht mehr jede vorsätzliche Straftat ausreichen, um bei Wiederholungstätern die "Haft nach der Haft" anordnen zu können. Der Anwendungsbereich der Vorschrift würde auf Sexual- und Gewaltstraftäter eingeengt, Seriendiebe und -betrüger oder Täter anderer Vermögensdelikte blieben außen vor.

Die Union hält das für diskutabel, dringt aber zugleich auf zwei Verschärfungen. Erstens will sie ändern, dass länger als fünf Jahre zurückliegende Vortaten nicht herangezogen werden dürfen, wenn über eine Sicherungsverwahrung zu entscheiden ist. Diese Frist soll auf 15 bis 20 Jahre verlängert werden. Zweitens fordern CDU und CSU, künftig auch gegen Heranwachsende ohne Reifedefizit eine primäre Sicherungsverwahrung verhängen zu können.

Schärfere Führungsaufsicht: Knackpunkt Wohnung

Als vierter Baustein einer Reform soll die Führungsaufsicht für rückfallgefährdete Straftäter verstärkt werden. Die Pläne Leutheusser-Schnarrenbergers eröffnen die Möglichkeit, aus der Haft oder Sicherungsverwahrung entlassene Schwerkriminelle (etwa Verbrecher oder Sexualstraftäter) anzuweisen, eine elektronische Fußfessel zur ständigen Kontrolle ihres Aufenthaltsortes zu tragen.

Dieser Punkt der Reform zielt insbesondere auf jene Gefangenen ab, die nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vor der Entlassung stehen, weil ihre Sicherungsverwahrung zu Unrecht rückwirkend verlängert wurde. Das Straßburger Gericht sieht darin einen Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot der Menschenrechtskonvention.

Das Positionspapier der Union geht indes weiter als die Pläne der Ministerin. So sollen die Behörden zum Beispiel auch die Befugnis bekommen, mit richterlicher Erlaubnis die Wohnung eines überwachten Straftäters zu betreten und zu kontrollieren.

Die Justizministerin ist mit ihren Plänen bei den Stichworten Führungsaufsicht und vorbehaltene Sicherungsverwahrung deutlich auf die Union zugegangen. Es ist kaum vorstellbar, dass CDU und CSU eine Reform dennoch scheitern lassen. Dafür steht zu viel auf dem Spiel – für die Sicherheit der Bürger und den Rechtsstaat.

Der Autor Sven Rebehn ist Assessor und Redakteur mit den Schwerpunkten Rechts- und Innenpolitik.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Sicherungsverwahrung: . In: Legal Tribune Online, 06.08.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1152 (abgerufen am: 13.12.2025 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Öffentliches Recht
    • Strafrecht
    • Sicherungsverwahrung
Der mutmaßliche Täter wird aus dem Amtsgericht zurück in ein Fahrzeug der Polizei gebracht 15.10.2025
Sicherungsverwahrung

Prozessauftakt:

So läuft das Siche­rungs­ver­fahren gegen Aschaf­fen­burg-Ver­däch­tigen

Im Januar attackierte ein Mann in einem Aschaffenburger Park eine Kindergartengruppe. Zwei Menschen starben. Nun soll die Tat vor Gericht aufgearbeitet werden - wegen der wahrscheinlichen Schuldunfähigkeit nicht in einem klassischen Strafprozess.

Artikel lesen
Der Solingen-Attentäter Issa Al Hasan beim Prozessauftakt 11.09.2025
Terrorismus

Lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung:

Solingen-Atten­täter legt Revi­sion ein

Nur einen Tag nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung legt der Solinger-Attentäter Revision ein. Über die noch ausstehende Begründung muss dann der BGH entscheiden.

Artikel lesen
Angeklagter mit gesenktem Kopf im OLG Düsseldorf 09.09.2025
Terrorismus

Urteil gegen Solingen-Attentäter am Mittwoch erwartet:

Ver­tei­diger: Unklar, was ihn dazu gebracht hat

Im Prozess um den islamistischen Terroranschlag von Solingen stellen sich die Verteidiger einer lebenslangen Haftstrafe nicht entgegen. Nur die Sicherungsverwahrung geht ihnen zu weit. 

Artikel lesen
Der Angeklagte beim Prozessauftakt 02.09.2025
Strafverfahren

Psychiatrischer Gutacher vor dem OLG Düsseldorf:

Mut­maß­li­cher Solingen-Atten­täter "voll schuld­fähig"

Der Mann, der auf dem Solinger Stadtfest drei Menschen getötet haben soll, ist nach Ansicht des Psychiaters voll schuldfähig. Derzeit gehe von ihm eine hohe Rückfallgefahr aus. Für das Gericht kommt damit eine Sicherungsverwahrung in Betracht.

Artikel lesen
Der Angeklagte Syrer Issa Al H. beim Prozessauftakt 27.05.2025
Terrorismus

Prozessauftakt nach Messeranschlag in Solingen:

"Ich habe schwere Schuld auf mich geladen"

Gegen den mutmaßlichen Täter des Messerangriffs in Solingen begann der Prozess in Düsseldorf. Der Angeklagte gestand die Morde. Die Mitgliedschaft im IS als terroristische Vereinigung gab er nicht zu.

Artikel lesen
Beamte und Rettungskräfte stehen an der Straße, während der Bereich nach der Amokfahrt in Volkmarsen gesichert wird. 27.05.2024
Sicherungsverwahrung

Urteil zu Amokfahrt in Volkmarsen abgeändert:

Lebens­lange Haft, aber keine Siche­rungs­ver­wah­rung

2020 fuhr ein Mann beim Rosenmontagszug in Volkmarsen in die Zuschauermenge, er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Nachdem der Fall beim BGH war, musste nun das LG Kassel erneut ran: In Sicherungsverwahrung muss der Mann nun nicht mehr.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Ber­lin

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Ver­den (Al­ler)

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Frank­furt am Main

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Han­no­ver

Logo von Technische Universität München
Wis­sen­schaft­li­che/r Mit­ar­bei­ter/in (m/w/d) im Be­reich Le­gal Tech,...

Technische Universität München , Mün­chen

Logo von Bundesamt für Justiz
Lei­te­rin bzw. Lei­ter (m/w/d) für die Ab­tei­lung VIII (Ver­brau­cher­schutz;...

Bundesamt für Justiz , Bonn

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Sullivan & Cromwell LLP
Designing Careers – S&C Women’s Event in München

29.01.2026, München

Logo von Hagen Law School in der iuria GmbH
Fortbildung Familienrecht im Selbststudium/ online

26.12.2025

Revision in Steuerstrafsachen

29.01.2026

Jahresplanungs- und Zielsetzungsworkshop 2026

30.12.2025

Logo von Hagen Law School in der iuria GmbH
Fachanwaltslehrgang Familienrecht im Fernstudium/ online

02.01.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH