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Rezension zu Tonio Walters "Vollbefriedigend": Erwe­ckung­s­er­leb­nisse an der Jura-Fakultät

Gastbeitrag von Prof. Dr. Arnd Koch

15.08.2020

Buch

imaginando - stock.adobe.com

Ein Jura-Professor vergibt gute Noten und Stellen gegen Sex, die Studenten tanzen zu "Tainted Love" Disco-Fox. Arnd Koch hat den Campusroman und Krimi des Strafrechtslehrers und Richters Tonio Walter nicht nur mit Vergnügen gelesen.

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Wir befinden uns im Wintersemester 2006/2007, im Jahr fünf nach der Schuldrechtsreform. Während der Professor für Zivilrecht und römisches Recht in der Erstsemestervorlesung "BGB AT" über gekappte Stränge des deutschen Zivilrechts zum Römischen Recht räsoniert, schweifen Thomas Krögers Gedanken ab. Gelehrte Ausführungen über die Wiege europäischer Rechtskultur werden zum Hintergrundrauschen, seine Aufmerksamkeit gilt seinen Kommilitoninnen, besonders jener "Tussi" mit einem Muttermal an der Wange, dessen Form ihn an "eine Mischung aus Spermium und Ridley Scotts Alien" erinnert.

Erst wenige Wochen zuvor war der hoffnungsfrohe Jungjurist mit zwei Freunden in dem namenlosen süddeutschen "Städtchen" eingetroffen, von dem jeder Neuankömmling wegen seines "permanenten Liebreizes" sogleich entzückt ist. Unschwer zu erkennen, hinter der Hauptfigur des Romans verbirgt sich – in Anspielung auf Thomas Manns Novelle "Tonio Kröger" – der Autor selbst. Tonio Walter studierte im "Städtchen", das leicht als Freiburg i.Br. zu identifizieren ist, später arbeitete er am dortigen Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht, heute ist er Inhaber eines Lehrstuhls für Strafrecht an der Universität Regensburg.

An der renommierten Juristischen Fakultät trifft Thomas auf ein wahres Bestiarium von Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Eitelkeiten und Begehrlichkeiten aller Art harren, auch mit unlauteren Mitteln, der Befriedigung, vom "Preis für gute Lehre" über den Bezug zusätzlicher Lehrstuhlmittel bis hin zur zugeschanzten Ehrendoktorwürde. In den Worten der Romanfigur Prof. Bock, "der in seinem Selbstverständnis das Erbe der deutschen Strafrechtsdogmatik" verkörperte: "Und das war es doch, was zählte: Renommee, Reputation, der bedeutende Lehrer, die bedeutende Fakultät, auf den Strafrechtslehrertagungen neben den richtigen Leuten sitzen, am Tisch derer, die den Ton angaben."

"Übermaß an vorpubertären Schlüpfrigkeiten und Altherren-Zoten"

In dieses Treiben reiht sich die Frauenbeauftragte der Fakultät nahtlos ein, die nicht nur an den grauen Schläfen des Rektors Gefallen findet, sondern auch an der Vorstellung, von diesem zur Prorektorin der Universität ernannt zu werden. Die satirische Beschreibung der Absurditäten des Fakultätsalltags zählt zweifellos zu den besten Ab¬schnitten des Romans. Kennern wird es Freude bereiten, die zumeist aus mehreren Vorbildern amalgierten Romanfiguren zu entschlüsseln. Ein süffisant-liebevolles Portrait gelingt Walter mit der Figur des genialischen Assistenten Dr. Jens Drib (Palindrom: Bird), mithin des 2013 verstorbenen Strafrechtslehrers Joachim Vogel.

Der Campusroman ist verwoben mit zwei Handlungssträngen. Es geht um verbotene Medikamententests an der Medizinischen Fakultät sowie um einen Juraprofessor, der sich von Studentinnen Hilfskraftstellen und Noten mit Sex bezahlen lässt. Am Ende ereilen Thomas, so viel sei verraten, sowohl in der Liebe als auch in der Wissenschaft Erweckungserlebnisse, während sich die Schurken mit suizidaler Absicht in einem Eisenbahntunnel wiederfinden (unausgesprochene Pointe: einem Tunnel der sogenannten "Höllentalbahn").

Als vor Klischees nicht zurückschreckender Universitäts- und Wissenschaftsroman ist "Vollbefriedigend" von den Klassikern des Genres wie Vladimir Nabokovs "Pnin" oder John Williams' "Stoner" zwar so weit entfernt wie jene verhärmte, altjüngferliche W2-Professorin von dem Ruf auf das ersehnte Ordinariat. Ähnlich wie Dieter Schwanitz' "Der Campus" hätte der Roman dennoch eine vergnügliche Sommerlektüre abgeben können. Der Spaß wird indes getrübt durch ein Übermaß an vorpubertären Schlüpfrigkeiten und Altherren-Zoten, einem sexualisierten Blick, der fast allen Romanfiguren vom Studenten über den Professor bis zur Frauenbeauftragten zu eigen ist. Doch verlassen wir hier die Jurastudenten des "Städtchens" – und lassen sie zu "Tainted Love" weiter ihren Disco-Fox tanzen.   

Tonio Walter, Vollbefriedigend, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 2020. 338 Seiten, 24,80 Euro

Rezensent Prof. Dr. Arnd Koch ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Risiko- und Präventionsstrafrecht sowie Juristische Zeitgeschichte an der Universität Augsburg.

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Rezension zu Tonio Walters "Vollbefriedigend": . In: Legal Tribune Online, 15.08.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/42497 (abgerufen am: 23.04.2026 )

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