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Die neue DAV-Hauptgeschäftsführerin: "Die ersten 100 Tage wird es nur um Corona gehen"

Interview von Pia Lorenz

31.03.2020

Verlassener Schreibtisch mit Computer, Desinfektionsmittel und Hygienehandschuhen

(c) photoart/stock.adobe.com

Sylvia Ruge wird am Mittwoch allein in ihrem neuen Büro sitzen. Mit LTO sprach die erste Frau an der organisatorischen Spitze des DAV über die Zukunft des Rechtsmarkts und warum sie hofft, bald nicht mehr über ihr Geschlecht reden zu müssen.

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LTO: Sie fangen am 1. April als neue Hauptgeschäftsführerin beim Deutschen Anwaltverein (DAV) an – mitten in der Coronakrise. Werden Sie an Ihrem ersten Arbeitstag ins Büro gehen?

Dr. Sylvia Ruge: Ja, ich werde am Mittwoch ins Büro gehen, auch wenn die meisten Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice sein werden. Ich finde, dass man am Tag des Dienstantritts im Haus sein muss – selbst unter diesen Umständen. Im DAV wird digital gearbeitet..

Was werden Sie zuerst tun? Eine virtuelle Konferenz anberaumen mit den rund 80 neuen Kollegen beim DAV? Oder wie wollen Sie mit ihnen warm werden, wenn jetzt alle im Homeoffice sitzen?

Dr. Sylvia RugeViele der Kolleginnen und Kollegen kenne ich schon aus meiner langjährigen Tätigkeit als Geschäftsführerin der Schlichtungsstelle. Und ich konnte im März auch mit ein paar Kollegen schon persönlich sprechen, die ich vorher nicht kannte.

Natürlich möchte ich mit jeder und jedem einzeln sprechen, und das ganz bald – ob das nun eine Skypekonferenz mit 80 Teilnehmern sein wird, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Nach meiner Erfahrung schweißt die Sondersituation in der Krise alle eher zusammen: Teams wachsen stärker zusammen, Menschen nehmen große Rücksicht aufeinander.

"Systemrelevant für den Zugang zum Recht"

Wie sehen Sie die Rolle des DAV in der Corona-Krise?

Diese Krise fordert uns alle - die Anwaltschaft insgesamt, aber auch unsere Mandantinnen und Mandanten, und jeden Einzelnen beruflich wie auch persönlich. Der DAV ist auch in dieser Krise die freie Stimme der Anwaltschaft. Er bündelt seine Kräfte dabei in zwei Richtungen: einerseits die Unterstützung der Anwältinnen und Anwälte, andererseits die Verteidigung des Rechtsstaats, auf die wir gerade in der Krise pochen müssen.

Der DAV setzt sich auch dafür ein, dass die Anwälte für systemrelevant erklärt werden. Teilen Sie die Auffassung, dass das so sein sollte?

Ja, Anwältinnen und Anwälte leisten einen zentralen Beitrag zum funktionierenden Rechtsstaat und sichern  den Zugang zum Recht. Das Recht muss auch und gerade in einer Krise funktionieren.

"Ich kenne den Anwaltsberuf aus allen Perspektiven"

Frau Dr. Ruge, wer sind Sie? Warum hat der Job beim DAV Sie gereizt?

Er scheint mir die perfekte Verbindung von allem zu sein, was ich bisher gemacht habe. Ich kenne den Anwaltsberuf aus allen Perspektiven, bin aber auch mit der Verbandsarbeit sehr vertraut.

Ich war zunächst angestellt in einer medizinrechtlichen, überörtlich aufgestellten Boutique. Danach war ich 10 Jahre Sozia einer kleinen medizinrechtlichen Sozietät und im Anschluss daran als Einzelanwältin tätig. Ich war aber auch Justiziarin bei der Psychotherapeutenkammer in Berlin und habe nach dieser ersten Verbandserfahrung die Schlichtungsstelle der Bundesrechtsanwaltskammer mit aufgebaut und geleitet.

Nun werden Sie nach der eher beschaulichen Schlichtungsstelle mit 15 Mitarbeitern ein 80-Personen-Team führen. Haben Sie Respekt?

Respekt sollte man immer haben, auch bei einem Team von 15 Leuten. Aus meiner Sicht wird die größte Herausforderung sein, für alle ansprechbar zu sein – nicht nur in diesen Zeiten.

Spielt es für Sie eine Rolle, dass Sie die erste Frau in der Position sind?

Für mich selbst spielt das keine große Rolle. Unabhängig davon, dass ich eine Frau bin, werde ich im Rahmen meiner Möglichkeiten daran mitarbeiten, Rahmenbedingungen für Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen und weiterzuentwickeln  – so dass solche Fragen irgendwann nicht mehr nötig sind.

"Beschleunigte Fragen der Digitalisierung"

Die berühmten 100 Tage: Was sind Ihre ersten drei Ziele?

Die kommenden 100 Tage werden von Corona bestimmt werden. Es wird darum gehen, die Anwältinnen und Anwälte zu unterstützen - in der Krise, vor allem aber auch in der Zeit danach. Und natürlich: der Einsatz für den Rechtsstaat und für die wichtigen, durch die Krise gerade massiv beschleunigten Fragen der Digitalisierung.

Das klingt ja noch nicht sehr konkret…

Zahlenmäßige Ziele habe ich mir in der aktuellen Situation nicht gesetzt. Es wird in erster Linie um Corona gehen und damit werde ich mich beschäftigen; alles andere wäre unrealistisch.

Die Präsidentin des DAV, Edith Kindermann, ist dafür bekannt, sich für die Anwälte in der Fläche einzusetzen und auf die Erhöhung der Anwaltsvergütung nach dem RVG zu pochen. Wofür stehen Sie?

Natürlich unterstütze ich die Präsidentin dabei und setze mich ebenfalls mit aller Kraft dafür  ein. Aber auch die Zukunftsfähigkeit, insbesondere die Herausforderungen der Digitalisierung und die Veränderungen im Rechtsdienstleistungsmarkt sind mir ein Anliegen.

"Anwaltliche Core values bewahren und den Weg in die digitale Welt finden"

Welche Veränderungen im Rechtsdienstleistungsmarkt meinen Sie? Die aktuelle Krise zeigt ja gleich zwei Dinge: wie bitter Digitalisierung nötig ist und wie wenige Schritte die Anwaltschaft bisher gegangen ist.

Die letzte einschneidende Veränderung, an die derzeit wohl jeder beim Thema denkt, war sicherlich das Urteil, mit dem der Bundesgerichtshof das Geschäftsmodell des Legal-Tech-Unternehmens Wenigermiete.de gebilligt hat. Es wird den Markt verändern, wenn neue Anbieter, die anderen Anforderungen unterworfen sind als die Anwaltschaft, im Markt mitspielen dürfen.

Die Anwaltschaft muss einen Weg finden zwischen der Bewahrung der Core values und den Anforderungen einer immer schneller werdenden digitalen Welt, und konkret: dem Willen des Mandanten. Menschen wollen heute schnell, digital und unkompliziert beraten werden, das können wir nicht ignorieren.

Es gibt die bekannte Studie des DAV „Anwaltsmarkt 2030“, sie stammt aus dem Jahr 2013. Mit dem Wissen des Jahres 2020: Wie sieht der Anwaltsmarkt Ihres Erachtens nun in 10 Jahren aus?  

Digitaler. Der Rechtsdienstleistungsmarkt wird sich insgesamt wandeln, aber die Vielfalt der Anwaltschaft sollte – und wird, davon bin ich überzeugt - erhalten bleiben. Es wird nicht nur Großkanzleien geben, die digital arbeiten, sondern auch den Anwalt in der Fläche, zu dem Menschen hingehen können. Aber auch und gerade für die Kolleginnen und Kollegen in der Fläche wird es um mehr Kooperation und größere Vernetzung gehen, auch interdisziplinär. Ich bin optimistisch, dass die Anwaltschaft - natürlich mit Unterstützung des DAV - diese Aufgabe meistern und die darin liegenden Chancen wahrnehmen wird.

Frau Dr. Ruge, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Die neue DAV-Hauptgeschäftsführerin: . In: Legal Tribune Online, 31.03.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/41158 (abgerufen am: 14.04.2026 )

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