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Faktencheck zur ARD-Serie "Asbest": Alles nur Vor­ur­teile?

Gastbeitrag von Dr. Lorenz Bode

08.05.2023

Standbild aus der ARD-Serie "Asbest"

In der ARD-Serie Asbest geht es hinter Gittern besonders hart zur Sache. Foto: Pantaleon Films / ARD

Die ARD-Serie "Asbest" ist ein neoklassisches Gangsterdrama: Zu sehen sind unter anderem prügelnde Vollzugsbedienstete und ein florierender Drogenhandel hinter Gittern. Wie sehr trifft die Serie die Realität? Lorenz Bode mit einem Realitätscheck.

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"Asbest" steht in der Tradition von Serien wie "4 Blocks" und "Dogs of Berlin". Neben der bekannten Erzählung von sogenannter Clankriminalität, bei der auch hier Menschengruppen recht pauschal in ein integrationsfeindliches Licht gerückt werden, sowie dem Vorurteil, Staatsdiener seien in aller Regel manipulativ und korrupt, bekommt auch der Justizvollzug sein Fett weg: Gewalttätige Justizbeamte, eine medikamentenabhängige Anstaltsleiterin, ein florierender Drogenhandel und eine an mittelalterliche Kerker erinnernde Gefängnisarchitektur. So weit, so schlimm. Aber was ist wirklich dran, an diesen Vorurteilen?

Vorurteil 1: Prügelnde Vollzugsbedienstete

Als der 19-jährige Momo nach seiner Verurteilung im Gefängnis landet, ist der Schock groß. Zur Begrüßung wird er von einem Vollzugsmitarbeiter bedrängt und geprügelt. Das Ganze setzt sich fort. Momo sieht sich als Gefängnisneuling immer wieder der Härte und Willkür des Personals ausgesetzt, die ihn – statt zu schützen – den anderen Gefangenen sogar ausliefern. Bei derart überzogenen Bildern muss man sagen: Eine mehr als nur übertriebene Darstellung. Zwar kann es sicherlich in Einzelfällen zu menschlichem Fehlverhalten aufseiten der Beamtinnen und Beamten kommen. Doch die Darstellung von willkürlich prügelnden Vollzugsbediensteten, die kollusiv zusammenwirken und andere Gefangene misshandeln lassen, ist – heute anders als früher – unrealistisch.

Vollzugsmitarbeitende müssen regelmäßig ein besonderes Auswahlverfahren mit psychologischen Tests durchlaufen, bei dem gerade die charakterliche Eignung eine Rolle spielt. Und diese Eignung wird bereits dann infrage gestellt, sollte es einmal außerdienstlich zu strafrechtlich relevantem Fehlverhalten kommen. Es gibt aus der Praxis viele anschauliche Beispiele, in denen sich das Anstaltspersonal intensiv um die Resozialisierung der Gefangenen bemüht, etwa im Rahmen des Projekts "Podknast" in Nordrhein-Westfalen.

Vorurteil 2: Eine medikamentenabhängige Anstaltsleiterin

Auch die Anstaltsleiterin macht in der Serie keine gute Figur. Sie ist offensichtlich desillusioniert von ihrem Beruf, versteckt sich seit Jahren schon in ihrem Büro und übersteht den Tag nur mit Medikamenten. Vom Anstaltsleben bekommt sie nichts mit.

Anstaltsleitungen tragen eine große Verantwortung für zum Teil viele Hundert Menschen – Personal, Gefangene, Ehrenamtliche etc. Dafür werden sie erstaunlich schlecht bezahlt. Ihre Motivation ist also nicht Geld, sondern sie folgt in aller Regel aus der Tätigkeit selbst. Im Strafvollzug etwa heißt das: Resozialisierung von gefangenen Menschen. Gleichzeitig gehört es zu den Aufgaben der Anstaltsleitung, für Sicherheit zu sorgen. Wenn man sich diese Tätigkeitsfelder sowie den Verantwortungsbereich bewusst macht, dann ist klar, dass im Job als Anstaltsleiterin oder Anstaltsleiter im wahren Leben nur bestehen kann, wer vor allem körperlich und geistig voll auf der Höhe ist und menschenorientierte Führungskraft besitzt. Die Darstellung der Anstaltsleiterin in "Asbest" folgt einer rein dramaturgischen Logik.

Vorurteil 3: Florierender Drogenhandel hinter Gittern

Der Hauptfigur Momo wird schnell klar, dass der Handel mit Drogen im Gefängnis ein äußerst lukratives Geschäft ist. Und tatsächlich: Es gibt in Deutschland wohl kaum ein Gefängnis, das komplett drogenfrei ist. Dafür gibt es einfach zu viele Schmuggelwege, auf denen illegale Drogen in die Anstalt gelangen können – sei es etwa durch Mauerüberwürfe, Drohnen oder beim Besuchsverkehr.

Doch die Art der Drogen ist im Wandel begriffen. Anders als in der Serie stellen aktuell nicht herkömmliche Drogen, sondern vor allem sogenannte neue psychogene Stoffe den Vollzug vor Herausforderungen. Dabei handelt es sich um Substanzen, die zumeist auf Papierschnipsel geträufelt werden und über Postsendungen in die Anstalten gelangen. Für die Gefangenen wie auch für die Vollzugsbeamtinnen und -beamten sind diese Stoffe eine Gefahr. Sie lassen sich nur schwer erkennen und dosieren. Es kommt daher vermehrt zu Überdosierungen und lebensgefährlichen Situationen.

Vorurteil 4: Mittelalterlich anmutende Gefängnisarchitektur

Als Momo zu seinem Haftraum geführt wird, läuft er durch einen dunklen, engen Gang, von dem rechts und links die Türen abgehen. Dahinter befinden sich die Zellen. Das Setting erweckt den Eindruck, man sei in einem mittelalterlichen Kerker – überall Eisen und nur schwaches Licht. Mit dieser Architektur wirkt das Gefängnis bedrohlich, kalt und lebensfeindlich. Also in Wahrheit alles anders? Zwar sind im letzten Jahrzehnt in Deutschland viele Haftanstalten entweder neu gebaut oder modernisiert worden. Dennoch haben diese Bilder insofern etwas Wahres, als es immer noch ältere Gefängnisse (etwa die JVA Kassel I) mit einer panoptischen Bauweise gibt, die den Charme der längst vergangenen Preußenzeit versprühen. Für Menschen, die dort inhaftiert sind, wirkt das alles andere als resozialisierungsfreundlich. Mehr noch: Das von der Serie vermittelte Bild von menschenunwürdigen Zuständen im Gefängnis trifft – wegen Überbelegungsproblemen und Sanierungsstau – wohl auch heute noch teilweise zu.

Fazit

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Serie "Asbest" vor allem, was die gewalttätigen Vollzugsbeamten angeht, ein falsches Bild von der Realität vermittelt. Im Rahmen einer fiktionalen Geschichte ist dies natürlich von der Kunstfreiheit gedeckt. Doch ist eine derartig vorurteilsbehaftete Darstellung der Verhältnisse im Gefängnis gleichwohl zu bedauern. Vollzugsbedienstete und Anstaltsleitung derart zu diffamieren, schafft ein falsches Bild, schürt Misstrauen und schadet damit nicht zuletzt der Erfüllung des Resozialisierungsauftrags.

Dr. Lorenz Bode ist Proberichter in Sachsen-Anhalt und derzeit abgeordnet an das Justizministerium Sachsen-Anhalt.

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Faktencheck zur ARD-Serie "Asbest": . In: Legal Tribune Online, 08.05.2023 , https://www.lto.de/persistent/a_id/51714 (abgerufen am: 19.04.2026 )

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