Druckversion
Sonntag, 25.01.2026, 03:38 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/letztes-urteil-saal-600-lg-nuernberg-fuerth-rechtsgechichte-justiz
Fenster schließen
Artikel drucken
40373

Berühmter Gerichtssaal in Nürnberg: Letztes Urteil im his­to­ri­schen Saal 600

19.02.2020

Der Schwurgerichtssaal 600 im Justizpalast Nürnberg

picture alliance/Geisler-Fotopress

Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und zahlreiche Kinofilme machten ihn weltberühmt: Kein Gerichtssaal der Welt wurde so oft gefilmt oder fotografiert wie der Saal 600 im Nürnberger Justizpalast. Jetzt fällt dort das letzte Urteil.

Anzeige

Es ist (vermutlich) der berühmteste Gerichtssaal der Welt: Mit 246 Quadratmetern Fläche so groß wie zwei Einfamilienhäuser, mit 6,7 Metern Raumhöhe so hoch wie eine Sporthalle, steht der mächtige Saal 600 im historischen Nürnberger Justizpalast für ein Jahrhundert deutscher Justizgeschichte. In diesen Tagen erlebt der "600er", wie die Juristen sagen, nach mehr als 100 Jahren sein letztes Urteil. Danach ist der Saal nur noch Museum - als Teil des Nürnberger Memoriums, das an die Kriegsverbrecherprozesse nach 1945 erinnert. Sollte der Plan von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der Nürnberger Stadtväter aufgehen, wird er irgendwann zum Weltkulturerbe gekürt. 

Luftwaffen-Kommandeur Hermann Göring, Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, Reichspräsident Karl Dönitz - 24 Köpfe der obersten Nazi-Prominenz nahmen in diesem Saal vom 20. November 1945 an Platz - auf einer von einem US-Ingenieur angefertigten Anklagebank, die angeblich bei längerem Sitzen besonders unbequem gewesen sein soll. Zwölf Nazi-Obere wurden von dem eigens eingerichteten Internationalen Militärgerichtshof - bestehend aus Richtern und Anklägern der vier Siegermächte - verurteilt. 

Wohl kein anderer Gerichtssaal hat eine solch wechselvolle Geschichte hinter sich. In vier Gesellschaftssystemen wurde in dem von schweren Eichenvertäfelungen gesäumten Raum Recht - und auch Unrecht - gesprochen. Eingeweiht 1916 noch vom bayerischen König Ludwig III., wurde der Raum in der Weimarer Republik als Schwurgerichtssaal genutzt. Bei einem für damalige Zeiten aufsehenerregenden Prozess sagte 1925 Adolf Hitler als Zeuge aus - es ging um Beleidigung, geklagt hatte der damalige Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe gegen den Herausgeber der Hetzschrift "Der Stürmer", Julius Streicher.

Unrecht zur Zeit des Nationalsozialismus

Später machten sich die Nationalsozialisten den Saal zu eigen und inszenierten bei einem ihrer über 70 "Sondergerichte" Urteile, etwa gegen politisch unbequeme Bürger. Das Nürnberger Sondergericht, das meist im Saal 600 tagte, galt als besonders brutal. Mehr als 80 Todesurteile sind überliefert, unter anderem von Richter Oswald Rothaug, genannt "der Scharfrichter".

Er soll unter anderem einen polnischen Zwangsarbeiter allein wegen dessen angeblicher Zugehörigkeit "zum Untermenschentum" zum Tode verurteilt haben, wie der Publizist Wolf Stegemann schreibt. Berühmt wurde auch Rothaugs Todesurteil gegen Leo Katzenberger wegen "Rassenschande" - ein Verhältnis zu einer nicht-jüdischen Frau wurde dem Angeklagten angelastet.

1947 saß Rothaug im Saal 600 selbst auf der Anklagebank und wurde in einem Nachfolgeprozess gegen Nazi-Verbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verfahren unter anderem gegen Rothaug wurden vor allem durch den US-Kinofilm "Urteil von Nürnberg" berühmt.

Der Neubau wartet schon

Nach den Kriegsverbrechern folgten unter bayerischer Justizhoheit und bundesrepublikanischem Recht wieder "normale" Verbrecher, die auf der Anklagebank Platz nahmen. Der Saal ähnelt heute nur noch grob dem Raum, der unter alliierter Führung 1945 in aller Welt bekannt war. Die Amerikaner hatten die Rückwand herausnehmen und eine Zuschauertribüne einbauen lassen, die Kronleuchter wurden durch Neonlichter ersetzt. Nach Ende der Prozesse wurde vieles zurückgebaut. Wer heute genau hinsieht, kann noch helle Flecken in der Wandvertäfelung erkennen - dort hatten die Alliierten einst Öffnungen anbringen lassen. 

Trotz des Umbaus in den 1960er Jahren und ständiger Modernisierungen ist der Saal 600 nie ein moderner Gerichtssaal geworden - nicht nur wegen des überdimensionierten Kruzifixes über der Richterbank. Die Vorsitzende der Schwurgerichtskammer am Landgericht (LG) Nürnberg-Fürth, Barbara Richter-Zeininger, verlässt den Saal deshalb mit gemischten Gefühlen. Das gesamte Ensemble, inklusive des Besprechungszimmers für Richter, sei einzigartig.

Aber es gebe auch gravierende Nachteile. "Manche Zeugen sind von der Wirkung des Raumes erst einmal beeindruckt", sagt die Richterin. Auch auf manche Angeklagte wirke der Saal zunächst beängstigend. "Für sie ist das sehr belastend", erinnert sich die Juristin. Unter anderem können wegen der baulichen Voraussetzungen auch die Verteidiger nicht neben den Angeklagten sitzen - ein Umstand, der nach deutscher Rechtsprechung nur noch mit Sondergenehmigung möglich ist.

Der letzte der im Saal 600 von Barbara Richter-Zeininger seinen Urteilsspruch erfahren wird, ist am heutigen Mittwoch ein Mann, der versucht haben soll, seine Frau zu erwürgen.

Der Neubau des Strafjustizzentrums an der Westseite des Nürnberger Justizgebäudes ist fertig gestellt. Ab März dieses Jahres werden dort die Strafprozesse der großen Strafkammern des LG Nürnberg-Fürth in insgesamt sieben modern ausgestatteten Sitzungssälen stattfinden. Im Erdgeschoss ist der neue Schwurgerichtssaal untergebracht.

dpa/acr/LTO-Redaktion

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Berühmter Gerichtssaal in Nürnberg: . In: Legal Tribune Online, 19.02.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/40373 (abgerufen am: 25.01.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Justiz
    • Nationalsozialismus
    • Rechtsgeschichte
Frau mit Kopftuch in einem Gerichtssaal 22.01.2026
Neutralitätsgebot

Staatliche Neutralität:

Warum die Justiz beim Kopf­tuch im Gerichts­saal streng sein sollte

Kopftuchverbote für Richterinnen beschäftigen erneut die Gerichte. Warum das Neutralitätsgebot in der Justiz enger zu verstehen ist als in der Schule– und warum damit keine "Laizität durch die Hintertür" einhergeht, dazu Jonas von Zons.

Artikel lesen
Mehrere Brockhaus-Bände stehen nebeneinander in einem Regal. 18.01.2026
Rechtsgeschichte

Heute Wikipedia, gestern Brockhaus:

Welt­wissen aus der Gerichts­bi­b­lio­thek

Vor 25 Jahren wurde die Wikipedia gegründet, über deren Wert sich bis heute streiten lässt. Lange Zeit griffen Gerichte zum großen Konversationslexikon. Was etwa der "Brockhaus" erläuterte, galt als belastbar und Teil allgemeiner Bildung.

Artikel lesen
Manfred Genditzki 14.01.2026
Wiederaufnahme

13 Jahre zu Unrecht im Gefängnis:

Jus­ti­zopfer Gen­ditzki mit 1,3 Mil­lionen Euro ent­schä­digt

Mehr als ein Jahrzehnt war Manfred Genditzki in Haft – unschuldig. Nun steht fest, in welcher Höhe er dafür vom Freistaat Bayern entschädigt wird. Und welche Lehren aus den Fehlern gezogen werden.

Artikel lesen
Protest gegen ICE in Washington, D.C. 14.01.2026
USA

Wegen tödlichen ICE-Schüssen:

Staats­an­wälte treten aus Pro­test gegen Trump zurück

Nach dem tödlichen Schuss eines Beamten der Einwanderungsbehörde in Minnesota verlassen sechs Staatsanwälte ihre Posten. Grund sei die Entscheidung, nicht den Schützen, sondern die Witwe zu prüfen.

Artikel lesen
Yashar G. vor dem LG Hannover 12.01.2026
Staatsanwaltschaft

Wende im Kokain-Maulwurf-Prozess:

Staats­an­walt Yashar G. will offenbar gestehen

Der Staatsanwalt aus Hannover hielt die Vorwürfe, Ermittlungsgeheimnisse und Durchsuchungen an die Drogenmafia verraten zu haben, bislang für eine Verschwörung gegen ihn. Nun deutet sich ein Deal an – offenbar zu einem Geständnis am Dienstag.

Artikel lesen
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) 07.01.2026
Justiz

Gemeinsame IT-Infrastruktur in Bund und Ländern:

Ein­heit­liche Jus­tiz­c­loud soll Anfang 2027 kommen

Seit Jahren laufen in der Justiz Digitalisierungsprojekte. Nun bringen Bund und Länder mit der Justizcloud ein weiteres Vorhaben an den Start: Die Arbeiten an der 2024 auf dem Digitalgipfel beschlossenen Justizcloud beginnen.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Deutsche Kreditbank AG
Voll­ju­rist Schwer­punkt Wert­pa­pier­recht (m/w/d)

Deutsche Kreditbank AG , Ber­lin

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te im Be­reich Ar­beits­recht (w/m/d)

Simmons & Simmons , Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Real Es­ta­te

Hogan Lovells International LLP , Düs­sel­dorf

Logo von Clarios Germany GmbH & Co. KG
Rechts­re­fe­ren­dar (m/w/d) für die Wahl­sta­ti­on

Clarios Germany GmbH & Co. KG , Han­no­ver

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Rechts­an­walt (w/m/d) Di­gi­ta­le Re­gu­lie­rung, E-Com­mer­ce und IT-Recht

Osborne Clarke GmbH & Co. KG , Köln

Logo von CMS Deutschland
Rechts­re­fe­ren­dar (m/w/d) für die Wahl­sta­ti­on im CMS EU Law Of­fice in...

CMS Deutschland , Brüs­sel

Logo von Gleiss Lutz
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on

Gleiss Lutz , Frank­furt am Main

Logo von Latham & Watkins LLP
Rechts­an­wält*in­nen im Be­reich IP/IT (3-5 Jah­re Er­fah­rung)

Latham & Watkins LLP , Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von White & Case
White & Case LLP - London Open Day

07.02.2026, London

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Schieds­verfahren

02.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Energierecht

03.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: AGB- und Vertragsrecht

03.02.2026

Der Steuerfahndungsfall: Effektive Mandatsführung bei Steuerhinterziehung

02.02.2026, Hamburg

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH