Wolters Kluwer über neue Technologien für den Rechtsmarkt: "Der Anwalt soll erst ansetzen, wenn seine juris­ti­sche Kom­pe­tenz gefragt ist"

Interview von Daniel Schönwitz

17.07.2018

Der Wissensdienstleister Wolters Kluwer Deutschland treibt die digitale Transformation voran. Im Interview erklären Martina Bruder, Christian Lindemann und Stephanie Walter, wie sie Anwälte effizienter und erfolgreicher machen wollen.

Wolters Kluwer hat angekündigt, im Herbst eine neue juristische Rechercheanwendung auf den Markt zu bringen. Mittelfristig wollen Sie dem Anwalt gar technisch basierte Entscheidungsprognosen für seine Fälle anbieten. Diese ambitionierten Pläne führen aber zunächst zu einer ganz anderen Frage: Was wird aus der Rechercheanwendung "Jurion", weshalb betreibt Wolters Kluwer, zu dem auch LTO gehört*, sein Prestigeprojekt nicht mehr in der jetzigen Form weiter?  

Bruder: Jurion ist mit der Ambition gestartet, ein möglichst breites Informationsangebot mit eigenen Inhalten sowie Inhalten von Partnerverlagen aufzubauen. Das ist nicht gelungen und wir ändern das nun im Rahmen einer umfassenden Neuausrichtung. Wir verabschieden uns von diesem breiten Ansatz und konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz: hochrelevante Inhalte in klar definierten Rechtsgebieten.

Mit anderen Worten: Sie haben auf Masse statt auf Klasse gesetzt?

Martina BruderBruder: So würde ich das nicht sagen. Unsere Inhalte waren stets hochwertig. Darauf setzen wir mit unserer neuen Strategie auf. Aber statt weiter zu versuchen,  in die Breite zu gehen, vertiefen wir unser Angebot dort, wo wir erwiesenermaßen eine starke Expertise haben.  

Walter: Dank traditionsreicher Verlagsmarken wie Carl Heymanns oder Werner haben wir in zentralen Rechtsbereichen eine hohe Glaubwürdigkeit. Das wollen wir in Zukunft besser nutzen. Den Wettbewerb um das breiteste Angebot überlassen wir gerne anderen.

Neue Rechercheanwendung: "moderner, intuitiver, schneller"

In die Tiefe statt in die Breite – wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Lindemann: Als ersten Schritt planen wir – auf Basis unserer bestehenden Inhalte – eine neue Rechercheanwendung, die - wie künftig all unsere digitalen Angebote - auf unserem Portal "Wolters Kluwer Online" zu finden sein wird. Sie wird zahlreiche innovative Funktionalitäten und Features enthalten, die Rechtsanwälten die Arbeit erleichtern.

Bruder: Im zweiten Schritt folgen neue praxisnahe Expertenlösungen, die – neben der Recherche – auch den weiteren Arbeitsprozess vereinfachen und teilweise automatisieren. Damit entwickeln wir uns vom Informations- und Wissensdienstleister zum Lösungsanbieter.

Bleiben wir zunächst bei der neuen Rechercheanwendung: Welche Vorteile bietet sie den Anwälten – auch im Vergleich zu Jurion?

Christian Lindemann Lindemann: Wir starten im Herbst mit einer Basisversion, die moderner gestaltet, intuitiver zu bedienen und vor allem deutlich schneller ist. Darüber hinaus wird es beispielsweise die Möglichkeit geben, zwei Dokumente gleichzeitig anzusehen, verschiedene Versionen zu vergleichen und Dossiers anzulegen.

Klingt gut, aber noch nicht nach einem großen Wurf.

Walter: Wir sind überzeugt, dass bereits die Basisversion ein großer Fortschritt ist. Denn wir haben die neue Datenbank nicht am Reißbrett, sondern in engem Austausch mit Rechtsanwälten entwickelt – und Ideen, die bei ihnen nicht ankamen, konsequent wieder verworfen.

Bruder: Ja, da gilt bei uns das Prinzip "fail fast". Aber Sie haben insofern Recht, als wir an weiteren Funktionalitäten arbeiten, deren Innovationsgehalt noch deutlich höher ist. Wir gehen davon aus, dass sie im Laufe des nächsten Jahres einsatzfähig sind.

"Software kann bedingte Erfolgswahrscheinlichkeit eines Rechtsstreits prognostizieren"

Können Sie schon Beispiele nennen?

Lindemann: Neben individuellen Alerts und der Möglichkeit, Dokumente mit eigenen Notizen zu versehen und zu teilen, arbeiten wir an einer neuen Suchfunktion, die ein zentrales Problem lösen wird: Bisher geben Anwälte bei der Suche nach Urteilen in der Regel Stichworte ein – und erhalten dann eine lange Liste mit Entscheidungen, von denen viele nur rudimentär mit ihrem Sachverhalt zusammenhängen.

Stephanie WalterWalter: Bei unserer neuen Ähnlichkeitsanalyse geben Anwälte dagegen den Sachverhalt in die Suchmaske ein – und bekommen dann ausschließlich Urteile angezeigt, die auf vergleichbaren Sachverhalten beruhen. Das wird ihnen viel Zeit sparen. 

Bruder: Die neue Suchfunktion bietet aber nicht nur die Chance, effizienter zu arbeiten – sondern auch erfolgreicher.

Inwiefern?

Lindemann: Wenn die Software Urteile mit ähnlichen Sachverhalten herausfiltert, kann sie zugleich ermitteln, wie die Entscheidungen ausgefallen sind – und auf dieser Basis eine bedingte Erfolgswahrscheinlichkeit für den jeweiligen Rechtsstreit ermitteln.

Walter: Darüber hinaus wird unser Programm auswerten, welche Besonderheiten und Argumente den Ausgang eines Rechtstreits in der Vergangenheit beeinflusst haben. Die Prognosefunktion hilft Anwälten also nicht nur bei der Entscheidung, ob sie vor Gericht ziehen oder lieber einen Vergleich anstreben sollen – sondern auch dabei, ihre Argumentation zu schärfen.

"Anwälte sollen erst ansetzen, wo ihre juristische Kompetenz gefragt ist"

Wir haben bislang über den ersten Pfeiler Ihrer Digitalisierungsstrategie gesprochen, mit dem Sie nach eigenen Angaben "Inhalte zu Wissen" machen wollen. Im zweiten Schritt soll dann "Wissen zu Lösungen" werden. Was ist damit gemeint?

Bruder: Wir wollen nicht nur die Recherche, sondern den gesamten Arbeitsalltag vereinfachen. So wird es auf unserem Portal "Wolters Kluwer Online" schon bald möglich sein, in einem weitgehend automatisierten Prozess Dokumente wie zum Beispiel Verträge zu erstellen.

Lindemann: Das Portal wird eine vollständige Version entwerfen und Anwälte danach im Dialog bis zur Fertigstellung führen. Sie erhalten dabei automatisch Hinweise, wo Anpassungsbedarf besteht, welche Varianten möglich sind und welche rechtlichen Folgen das hat. Sie kommen deshalb sehr schnell zu den entscheidenden Punkten – also dahin, wo ihre juristische Kompetenz gefragt ist.

Sie planen auch außerhalb der Datenbank neue Tools und treiben dazu derzeit unter anderem ein Pilotprojekt mit dem Arbeitstitel "Baumeister" voran. Was steckt dahinter? 

Lindemann: Anwälte im Baurecht kämpfen bei fast jedem Fall mit einer wahren Flut von Dokumenten. Wer hat wann was beauftragt, gerügt und erwidert? Gerade bei größeren Bauprojekten ist es ein riesiger Aufwand, die Dokumente zu strukturieren. Das soll künftig unsere Software übernehmen – im Rahmen eines automatisierten Legal Case Managements.

Was heißt das genau?

Walter: Das Programm strukturiert digitalisierte Dokumente und extrahiert die relevanten Daten – wie beteiligte Personen und deren Rollen, Daten, die Art eines Vorgangs, das betroffene Gewerk usw. Die Dokumente können dann automatisch entlang eines Zeitstrahls aufbereitet werden, was gerade im Baurecht enorm wichtig ist, um keine Fristen zu verpassen. Zudem finden Anwälte Dokumente, die sie suchen, sehr viel schneller.

Lindemann: Auch im weiteren Prozess wird diese Expertenlösung die Arbeit erleichtern. So können Anwälte per Klick Urteile abrufen, die der Gegner im elektronischen Dokument zitiert. Zudem können sie automatisiert notwendige Dokumente erstellen lassen, zum Beispiel eine Mängelrüge.

"Auch als Global Player: Lösungen fürs deutsche Recht"

Automatische Strukturierung von Fällen, automatische Vertragserstellung, automatische Mängelrügen. Klingt fast, als wollten Sie den Anwalt überflüssig machen?

Bruder: Selbstverständlich nicht, ich bin vielmehr überzeugt: Unsere Expertenlösungen werden dazu beitragen, Kanzleien effizienter und erfolgreicher zu machen. Und nicht zuletzt wird der Anwaltsberuf interessanter, weil die Technik Routineaufgaben übernimmt. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass sich die Befürchtung, die in Ihrer Frage mitschwingt, gelegt hat. Anwälte reagieren viel offener als noch vor einigen Jahren, wenn es um Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz geht.

Walter: Das kann ich bestätigen. Wenn wir mit Anwälten über unsere Datenbank und die geplanten Tools sprechen, spüren wir keine Vorbehalte mehr, sondern großes Interesse. Und dieses Interesse wächst, weil wir zeigen können, was Digitalisierung konkret bedeutet und welche Vorteile sie bringt.  

Was macht Sie zuversichtlich, dass Wolters Kluwer tatsächlich neue technologische Standards setzen kann? Haben Sie als Wissensdienstleister dafür genug Knowhow?

Bruder: Vergessen Sie nicht, dass wir seit mehr als 40 Jahren Software für Kanzleien entwickeln. Zudem sind wir Teil eines globalen Unternehmens, das schon heute 88 Prozent seines Umsatzes mit digitalen Lösungen macht, weltweit mehr als 1.000 Technologiespezialisten beschäftigt und sich zunehmend als Technologieunternehmen versteht. 

Lindemann: Das erlaubt uns im Übrigen auch, die hohen Investitionen zu stemmen. Denn wir profitieren von Synergieeffekten bei den Entwicklungskosten sowie von Skaleneffekten, weil wir Innovationen nicht nur in einem Land auf den Markt bringen.  

Besteht nicht die Gefahr, dass sie "one-size-fits-all"- Lösungen entwickeln, die nicht ausreichend auf spezifische Bedürfnisse von Anwälten in Deutschland zugeschnitten sind?

Lindemann: Nein, überhaupt nicht. Es geht bei den Synergien um Grundfunktionalitäten, also sozusagen um die technische Basis für innovative Funktionalitäten und Tools.

Bruder: Um das ganz klar zu sagen: Wir übernehmen nicht einfach fertige Lösungen aus anderen Ländern. Die Produktideen entwickeln wir hier in Deutschland im engen Austausch mit deutschen  Rechtsanwälten. Unsere Technik-Experten bekommen dann klare Vorgaben – und profitieren bei der Umsetzung von dem internationalen Netzwerk, auf das wir als Global Player zurückgreifen können. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Martina Bruder ist CEO von Wolters Kluwer Deutschland, Stephanie Walter und Christian Lindemann sind Geschäftsführer des Bereichs Legal.

*Anm. der Redaktion: Wir von LTO haben uns entschlossen, ein Interview mit unserer Geschäftsleitung zu den Produkten und Visionen zu führen, mit denen Wolters Kluwer den Rechtsmarkt verändern will. Um den Anschein zu vermeiden, dass dieses unter anderen Vorzeichen stattfände als ein Gespräch mit einem anderen Player im Rechtsmarkt, hat das Gespräch der freie Wirtschaftsjournalist Daniel Schönwitz geführt und verschriftlicht. Er steht zu Wolters Kluwer in keiner Verbindung.

Zitiervorschlag

Daniel Schönwitz, Wolters Kluwer über neue Technologien für den Rechtsmarkt: "Der Anwalt soll erst ansetzen, wenn seine juristische Kompetenz gefragt ist" . In: Legal Tribune Online, 17.07.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29803/ (abgerufen am: 12.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 17.07.2018 13:49, RHGAnwalt

    ... und was passiert mit meinem geliebten JURION wenn ich den neuen Schnickschnack nicht brauche, wohl aber meine gut sortierte elektronische Bibliothek?

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 17.07.2018 14:06, Bibliothek

      Na die Bibliothek wird es mit der neuen Rechercheanwendung ja weiterhin geben auf Wolters Kluwer Online.

    • 17.07.2018 14:18, RHGAnwalt

      Sicher? Ich befürchte, das klassische Angebot wird ausgedünnt und der Umstieg ist mit Mehrkosten verbunden - Garantien für Bestandskunden suchte ich im Interview vergeblich

    • 17.07.2018 14:21, Bibliothek

      Steht hier: https://www.wolterskluwer.de/news/details/unser-neues-digitalangebot-fuer-recht-und-verwaltung-ab-herbst-2018/

    • 17.07.2018 14:57, RHGAnwalt

      „Wir stellen einen verlässlichen und reibungslosen Wechsel sicher. Dazu wird es unter anderem auch einen längeren Parallelbetrieb geben.“
      Und danach? Doch der Wechsel? Doch eine neue Kostenstruktur?

    • 17.07.2018 15:41, Bibliothek

      "Selbstverständlich können JURION-Kunden ihre Fachmodule (z.B. Privates Baurecht, Insolvenzrecht, Anwaltspraxis) und Einzeltitel auf Wolters Kluwer Online unmittelbar weiter nutzen."

      Die Abos, die man hat, laufen ganz normal weiter.

    • 17.07.2018 17:29, RHGAnwalt

      Das habe ich in der Einleitung der PM auch gelesen - aber dahinter steht die Anmerkung, dass es (nur) einen längeren Parallelbetrieb geben wird. Das bedeutet aber, dass das die bisherigen Fachmodule eben nicht in die neue Umgebung integriert werden und dort gegebenenfalls neue Funktionen hinzugekauft werden können, sondern das heißt lediglich, dass, solange der Parallelbetrieb (der nur länger sein soll, also irgendwann endet) noch läuft, die Fachmodule weiter genutzt werden können.

      Garantiert wird dann ein verlässlicher und reibungsloser Wechsel - vermutlich in der Laufzeit des Parallelbetriebes.
      Nochmals: Mich interessiert, ob und wie sich die Konditionen bei einem über kurz oder lang unausweichlichem Wechsel verändern werden.
      Ich sehe schon den Satz "Sie werden sicherlich Verständnis haben, dass wir aufgrund des Mehrwerts, den unsere neue Umgebung bietet, unsere Kosten adäquat anpassen müssen. Wir haben durchaus Verständnis für Ihre Zweifel, nutzen Sie aber bis zum XX.XX. die Möglichkeit einer kostenlosen und individuellen online-Schulung, damit Sie alle Vorzüge des neuen Systems umfassend zu Ihrem Vorteil nutzen können."

    • 17.07.2018 17:32, Bibliothek

      Es steht aber doch da "...auf Wolters Kluwer Online weiter nutzen." Ist für mich eindeutig und ich freue mich eher, dass die Inhalte dann in einer moderneren Umgebung sein werden.

    • 17.07.2018 17:44, RHGAnwalt

      Ihr Wort in Gottes Ohr. Ich bin mal gespannt.....

  • 17.07.2018 14:11, M.D.

    "Der Wissensdienstleister Wolters Kluwer Deutschland treibt die digitale Transformation voran."....sagt die LTO, die zu Wolters Kluwer gehört. Einen Mangel an Selbstbewusstsein kann man sich jedenfalls nicht vorwerfen.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 17.07.2018 15:59, M

    Ein Artikel, in dem die Objektivität aus jeder Zeile tropf.
    Mein anfänglicher Verdacht, es könnte sich um Werbung in eigener Sache handeln, wurde durch den Hinweis am Schluss des Artikels auf die Mitarbeit eines unabhängig Beschäftigten (oder so ähnlich?) vollständig ausgeräumt.
    Jetzt verstehe ich auch, warum es nicht angebracht gewesen wäre, einen Hinweis (etwa: „sponsored article“) in die Überschrift aufzunehmen.
    Jetzt freue ich mich auf das neue Zeitalter der Digitalisierung, die schon im Herbst anfängt. Pünktlich zum Beginn des Wintersemesters wird sich der deutsche juristische Nachwuchs nun fragen müssen, ob ein IT-Studium nicht zukunftsträchtiger wäre.
    Danke LTO

    P.S.: Und auch Danke dafür, dass die Kommentierfunktion hier, anders als bei den in den letzten Tagen erschienenen Artikeln über die „Erosion des Rechtsstaats“, geöffnet wurde ;)

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