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Repetenten-AG für das Zweite Staatsexamen: Die Pechvögel, die Naiven und die Schwachen

von Marie Landsberg

12.08.2014

Durch das 2. Staatsexamen zu fallen, ist ein ziemlicher Schock. Damit der sich nicht wiederholt und zum Trauma auswächst, bieten die Gerichte sogenannte Repetenten-AGs an, die Referendare für den zweiten Anlauf fit machen sollen. Wer dort üblicherweise landet, und wie man sich für den zweiten Versuch am besten wappnet, verrät ein langjähriger AG-Leiter.

"Elefantenrunde" wird er oft genannt, die offizielle Bezeichnung ist etwas sperriger: Ergänzungsvorbereitungsdienst. Dort landet, wer im ersten Anlauf durch das Zweite Staatsexamen gefallen ist. Die Ausgestaltung variiert im Detail von Bundesland zu Bundesland, die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Lage in Nordrhein-Westfalen, gelten aber in ähnlicher Form auch für die übrigen Länder.

Der Ergänzungsvorbereitungsdienst wird von den Oberlandesgerichten organisiert und beträgt vier Monate, von denen die ersten drei zur Vorbereitung und der letzte zum erneuten Schreiben der Examensklausuren genutzt werden. In dieser Zeit ist der Repetent einem praktischen Ausbilder seiner Wahl zugewiesen. Daneben findet eine Repetenten-Arbeitsgemeinschaft (AG) statt. Die Teilnahme ist freiwillig, nach Zusage jedoch verpflichtend.

Beim Oberlandesgericht (OLG) Köln gibt es fortlaufende Repetenten-AGs in den drei Kerngebieten (wöchentlich Zivilrecht sowie im Wechsel entweder Öffentliches oder Strafrecht). Die AG ist als Klausurenkurs aufgebaut und findet zwei Mal pro Woche statt. Es werden wöchentlich Klausuren geschrieben, über den Zeitraum von drei Monaten insgesamt ca. 12 bis 15.

Drei Referendars-Gruppen, die häufig durchfallen

Nach zweijähriger Ausbildung mit unzähligen AG-Stunden und Klausurenwochen sollte man meinen, dass Referendare hervorragend auf das zweite Examen vorbereitet wären. Die Durchfallquoten zeichnen jedoch ein anderes Bild: Im Jahr 2013 scheiterten nach den Zahlen der Landesjustizprüfungsämter (LJPA) etwa 18,19 Prozent der nordrhein-westfälischen Referendare am Examen, in Bayern waren es 13,86 und in Niedersachsen 17,46 Prozent. Einige von ihnen landen anschließend bei Dr. Peter Thurn, Vorsitzender Richter am OLG Köln, Prüfer beim LJPA Düsseldorf und seit zehn Jahren Leiter der Repetenten- AG in Köln.

Seiner Meinung nach gibt es drei Gruppen von Referendaren, die im Zweiten Staatsexamen scheitern: Die Pechvögel, die Naiven und die Schwachen. Im Examen spielten Glück bzw. Zufall eine Rolle, und die erste Gruppe habe diese Faktoren schlicht nicht auf ihrer Seite gehabt. Die Naiven hingegen würden die Anforderungen unterschätzen. Das Erste Examen hätten sie ja bereits bestanden, und so näherten sie sich dem Zweiten frei nach dem rheinländische Motto: "Et hätt noch emmer joot jejange." Die dritte Gruppe seien die Schwachen. Für sie sei es schwer, das Examen zu bestehen, denn ihnen fehle es an Wissen und an juristischen Fertigkeiten.

Thurn selbst warnt davor, den eigenen Misserfolg im Examen ausschließlich auf mangelndes Wissen zurück zu führen. Dies sei zwar psychologisch einfacher zu akzeptieren, jedoch nicht immer die alleinige Ursache. Sein Tipp: "Es ist wichtig, die Menschen in dem Fall zu verstehen. Was wollen sie, um was geht es? Es muss vermieden werden, beim Lesen der ersten Zeilen des Aktenstückes vermeintlich bekannte Schubladen zu öffnen."

Zitiervorschlag

Marie Landsberg, Repetenten-AG für das Zweite Staatsexamen: Die Pechvögel, die Naiven und die Schwachen . In: Legal Tribune Online, 12.08.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12866/ (abgerufen am: 14.08.2020 )

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Kommentare
  • 12.08.2014 11:31, Fab

    "Nach Angaben des LJPAs Düsseldorf wurden im Jahr 2013 in NRW 201 Prüflinge im ersten Wiederholungsversuch geprüft. Davon hätten 90 die Prüfung erneut nicht bestanden. Von 99 Prüflingen des zweiten Wiederholungsversuchs hätten 27 bestanden. Grund genug also, sich auch nach einem Fehlschlag erneut hinter die Bücher zu hocken. Und wenn es mit dem Examen partout nichts werden will? Nun, dann ist das Leben deshalb auch nicht zu Ende."

    Muss man sich angesichts dieser schwachen Quote nicht Gedankenob der Qualität des Ergänzungsvorbereitungsdienstesmachen? Und ist es nicht erschreckend, dass so viele Menschen endgültig scheitern? Zumal diese doch mit bestandenem ersten Examen gezeigt habe, dass sie allzu unfähig nicht sein können. Die Juristerei ist eine launische und undankbare Geliebte.

    • 13.08.2014 08:25, TK

      Ich bin nicht in die Verlegenheit gekommen, den Ergänzungsvorbereitungsdienst zu benötigen. Was ich aber erfahren habe, ist, dass die dort tätigen Ausbilder sehr engagiert sind und auf jeden Kandidaten individuell eingehen. die Qualität sollte also passen.
      Sicher haben die Kandidaten schon das Erste Examen geschafft, aber wenn diese am zweiten scheitern, war regelmäßig auch das erste schon knapp. und die Anforderungen unterscheiden sich. Sowohl inhaltlich als auch von Anspruch.
      Man darf aber auch nicht übersehen, dass es bei jeder Prüfung immer einen bestimmten Anteil Kandidaten geben wird, die den Anforderungen nicht gerecht werden. Das ist hart für die Betroffenen aber auch ganz klar im Simme der jeweiligen Prüfung und der Allgemeinheit.
      Ganz ärgerlich nur für die im Artiekl genannte erste Gruppe, wenn sie zweimal Pech hatten, bei den so genannten Naiven habe ich kein Mitleid und die Schwachen sind eben genau das.
      Man merkt ja leider auch untern den Kollegen, die das Zweite Examen bestanden haben, dass es darunter auch Schwache und ausgesprochen Schlechte gibt.

    • 13.08.2014 22:12, Astra

      "Ganz ärgerlich nur für die im Artiekl genannte erste Gruppe, wenn sie zweimal Pech hatten, [...]"

      Wobei allerdings schon schlimm genug ist, dass bei einem Staatsexamen der Glücksfaktor eine Rolle spielt. Ganz ausblenden kann man in sicherlich nicht. Ich habe ein paar Fälle dieser Art im Bekanntenkreis erlebt und konnte nur staunen, wie die einen in der mündlichen Prüfung von einer mäßig guten Vornote auf ein "VB" oder sogar auf ein "gut" gehoben wurden und andere beim "ausreichend" gelandet sind. In Einzelfällen mag es dann auch schon mal um das "bestehen" oder "nicht bestehen" gehen. Soweit es um die Note geht, kann man das Glück in einigen Bundesländern inzwischen ja über den Verbesserungsversuch erneut herausfordern.

      "bei den so genannten Naiven habe ich kein Mitleid"

      100%ige Zustimmung

      "und die Schwachen sind eben genau das"

      Ja, leider in der Praxis oft genug zu sehen.

      Was mir fehlt in diesem Artikel sind die Kandidaten, die bestehen. Oder eine bessere Note erreichen, als sie erreichen sollten. Die erlebt man dann in einer größeren Kanzlei, die jährlich 1-2 Berufseinsteiger einstellt, als wirklich schwierige Fälle. Juristische Grundkenntnisse sind ja da. Manchmal liefern sie gute Arbeit, überwiegend aber unbrauchbare Entwürfe. Ständig überlegt man, ob man sie nach der Probezeit behalten soll. Teilweise habe ich es in den letzten Jahren erlebt, dass Kollegen mit mäßigen Examen relativ schnell den Durchbruch geschafft und praktisch verwertbare Entwürfe geliefert haben. Kollegen mit guten Noten haben diesen Spruch teilweise nie geschafft. Bei Besprechungen der Entwürfe kamen dann oft gute Gedanken. Nur auf das Papier haben sie die nicht gebracht.

      Eventuell muss man überlegen, ob die Ausbildung hier nicht einer Reform bedarf. Mal im Ernst: Wer schreibt schon in der Praxis Schriftsätze mit der Hand. Als Hilfsmittel nur ein Palandt und ein Putzo. Sollte man nicht mal darüber nachdenken, Referendare im Examen einen Schriftsatz diktieren zu lassen...?

      Soll nur eine Anregung sein.

      Den Ausbildern will ich keinen Vorwurf machen. Mein Referendariat ist schon ein paar Tage her. Meine Ausbilder waren ohne Ausnahme engagiert, hatten stets für Fragen Zeit und haben mir einige gute Tipps gegeben, die mir beim Berufseinstieg geholfen haben.

  • 08.01.2016 15:13, Der Graf

    Interessant finde ich diese Passage: "Für die Erstellung einer von ihm selbst als gut empfundenen Musterlösung benötige er etwa 15 Stunden."
    Nun frage ich mich Folgendes: Wenn ein "fertig ausgebildeter Jurist" und AG-Leiter 15 Stunden für das Erstellen einer für ihn "gut" empfundenen Musterlösung braucht, wie kann man dann von Studenten und/oder Referendaren verlangen, eine vernünftige Lösung in 5 Stunden abzuliefern?
    Das ist doch blanker Hohn!

    • 04.03.2016 13:32, Pappu

      Genau mein Gedanke! Unverschämtheit!

    • 21.04.2016 12:22, Hartmut Schiller

      Hinzu kommt, dass der Ausbilder bei Anfertigung der Musterlösung zusätzlich auf ganz ander Hilfsmittel zugreifen kann (beck.online etc.).

  • 04.12.2017 20:39, Inga

    Das sehe ich nicht so. Die Stellung einer Klausur bedeutet schließlich nicht, einen Fall einfach durchzulösen, sondern einen Fall zu konzipieren, der von anderen sauber durchgelöst werden kann. Hierbei muss sich der Korrektor andere Fragen stellen, etwa welche Hinweise benötigt werden, um auf die Lösung zu kommen, welche hingegen irreführend sein könnten usw. Beides ist daher nur bedingt vergleichbar.