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Wahlstation in Manhattan: Raub­kunst retten in New York

von Marcel Schneider

23.12.2015

Wer sich seine Wahlstation geschickt aussucht, verbringt einen guten Teil seiner Arbeitszeit außerhalb des Büros. Für seine besondere Tätigkeit in einer Kanzlei in Manhattan war Doktorand Philipp Hardung regelmäßig on the road.

Die Luft in den Katakomben des Nachlassgerichts unter den Straßen von New York ist stickig. Die Hände des jungen Mannes schwitzen etwas in den weißen Stoffhandschuhen, mit denen er das jahrzehntealte, vergilbte Papier anfasst, dreht und wendet. Nach kurzer Begutachtung setzt Ernüchterung ein: Er ist doch noch nicht am Ziel der Reise, die ihn bis hierher geführt hat...

Zugegeben: Nicht alle Tage seiner Wahlstation in New York kamen einem kleinen Abenteuer wie diesem gleich, als er für seine Arbeit in Amerika öffentlich zugängliche Testamente auswertete.  Eine Seltenheit waren sie allerdings auch nicht. Der ehemalige Referendar Philipp Hardung verbrachte im Frühjahr 2015 drei Monate bei der Kanzlei Rowland & Petroff in Midtown Manhattan, einem der bekanntesten Viertel der Weltmetropole New York. Die mit fünf Anwälten eher kleine Kanzlei beschäftigt sich vorwiegend mit der Restitution von Kunstwerken aus ehemals jüdischen Sammlungen, deren Eigentümer von den Nationalsozialisten zwangsenteignet oder zum Kauf weit unter dem Marktpreis gezwungen wurden (sogenannte "Raubkunst").

Da die Herausgabeansprüche der ehemaligen Eigentümer beziehungsweise ihrer Erben fast immer verjährt sind, ist eine Restitution nur noch nach der Washingtoner Erklärung von 1998 möglich. Darin verpflichteten sich viele Nationen, Raubkunst im Besitz der öffentlichen Hand an die Erben herauszugeben und so einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten.

Die Wiederherstellung der ursprünglichen Eigentumsverhältnisse setzt voraus, dass der Eigentümer beziehungsweise seine Erben zweifelsfrei ausgemacht werden können – und genau hier begann für Hardung die Arbeit: "Meine Aufgabe war oftmals die eines Schatz- oder Erbensuchers. So war ich häufig damit beschäftigt, die 'Lebensgeschichte' mutmaßlicher Raubkunst nachzuverfolgen und dafür belastbares Beweismaterial zu erstellen." Um also den aktuellen Standort von Raubkunst oder deren Zugehörigkeit zu bestimmten jüdischen Sammlungen zu ermitteln, recherchierte er in Museen, Archiven und bei Gerichten im gesamten Staat New York, sprach mit Kunsthistorikern überall in den USA und nahm Kontakt zu Botschaften in aller Welt auf. Bevor Hardung allerdings mit seiner Tätigkeit beginnen konnte, musste er einige Nerven lassen.

America, Land of the Free – oder halt auch nicht

Bereits im Februar 2014 begann der mittlerweile fertig ausgebildete Jurist mit der Suche nach interessanten Wahlstationen. Für ihn stand von vornherein fest: "Ich wollte ins Ausland und mich möglichst nach kleineren Kanzleien umsehen." Der Name Rowland & Petroff tauchte bei seinen Recherchen bereits im Vorfeld auf, den Ausschlag aber gab ein Verzeichnis des Kammergerichts Berlin, in dem die amerikanische Kanzlei ausdrücklich als mögliche ausländische Wahlstation gelistet ist.
So bewarb er sich bei den zwei amerikanischen und drei deutschen Anwälten zunächst schriftlich. Dabei kamen ihm die Englischkenntnisse aus seinem Auslandssemester zugute, sodass er nach einem zusätzlichen Telefoninterview die Zusage erhielt.

Dann folgte der, wie sich herausstellen sollte,  weitaus schwierigere Teil. Hardung erinnert sich: "Voraussetzung für die Arbeitsaufnahme in den USA war das sogenannte 'J1-Visum'. Bis ich dieses endlich erhalten habe, sind satte sieben Monate vergangen." Das benötigte Formular stellen nur ausgewählte, vom US-Außenministerium beauftragte Unternehmen bereit. Um es zu erhalten, musste er unter anderem das konkrete "Praktikumsangebot" der Kanzlei nachweisen, gültige Hin- und Rückflugtickets vorzeigen und darlegen können, mit mindestens 1.000 US-Dollar im Monat für sein eigenes Auskommen sorgen zu können.

Allein dieser Verwaltungs- und Organisationsprozess kostete ihn rund 1000 Euro – und eine Menge Nerven: "Mit diesem Formular musste ich beim amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt vorstellig werden. Der Termin fiel ungünstiger Weise auf den letzten Tag vor meinen Examensprüfungen", erzählt der ehemalige Referendar. Aber die Mühe lohnte sich: Im April 2015 flog er, ganz  legal und mit allen nötigen Papieren ausgestattet, nach New York - nachdem sein Reisepass mit dem gültigen Visum saloppe vier Tage vor Abflug mit der Post wieder angekommen war.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Wahlstation in Manhattan: Raubkunst retten in New York . In: Legal Tribune Online, 23.12.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17936/ (abgerufen am: 22.09.2019 )

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