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Universitäts-Repetitorien: An der richtigen Stelle gespart?

von Christian Dülpers/LTO-Redaktion

14.03.2011

Immer mehr juristische Fakultäten bieten eigene Repetitorien an. Wir blicken hinter die Kulissen. Können die Hochschulen das Gleiche leisten wie kommerzielle Anbieter? Was machen sie anders? Und welche Vorteile haben die Angebote der Unis?

"Unsere Inhalte sind lückenlos", stellt Prof. Dr. Urs Kramer fest und meint damit die Examensvorbereitung an der Universität Passau. Er lehrt Öffentliches Recht, seine Kollegen Thomas Kuhn und Holm Putzke decken die Bereiche Zivilrecht und Strafrecht ab. Die Inhalte sprechen sie untereinander ab. So sei eine Examensvorbereitung aus einer Hand gewährleistet, ist Kramer überzeugt.

Die juristische Fakultät der Universität Passau bot erstmals zum Wintersemester 2008/09  ein Universitäts-Repetitorium an. Dafür schuf sie drei Stellen für Lehrprofessuren. Ein Semester später richtete die Hochschule das "Institut für Rechtsdidaktik" ein. Dort liegt seitdem die Verantwortung für das Repetitorium. Finanziert wird die Einrichtung über Studienbeiträge. "Die Studenten sollen etwas von ihrem Geld haben", unterstreicht Urs Kramer, der ab April das Institut koordiniert.

Das Repetitorium ist – wie bei den kommerziellen Vorbildern - als Jahreskurs angelegt. Inhaltlich haben Kramer und seine Kollegen es aber bewusst ein wenig anders ausgerichtet. "Wir verfolgen einen wissenschaftlicheren Anspruch", betont Kramer. Die Studenten sollen nicht unreflektiert auswendig lernen, sondern die Inhalte beim repetieren hinterfragen. Außerdem, und das ist ein zentraler Vorteil aller Universitäts-Repetitorien, sind die Lehrenden gleichzeitig auch Prüfer und damit nah dran am Stoff der Examina. Der Nachteil des wissenschaftlicheren Ansatzes: In Passau kommen die Studierenden ein Jahr lang viermal pro Woche zum Rep. "Kommerzielle Anbieter versuchen, den gleichen Inhalt an drei Tagen anzubieten, wobei das Verständnis für systematische Zusammenhänge oftmals auf der Strecke bleibt", relativiert Kramer. "Wir nehmen uns bewusst mehr Zeit. Dafür gibt es bei uns aber auch mehr Ferien, so dass es insgesamt beim Zeitaufwand kaum einen Unterschied gibt. Außerdem ist die Nacharbeit bei uns nicht so umfangreich nötig."

Vorbereitung als Vorteil: Probeexamina unter Prüfungsbedingungen

Auch in Frankfurt am Main geht die Hochschule neue didaktische Wege. Dr. Marc Sänger,  Koordinator des Repetitoriums an der Goethe-Universität, erklärt: "Wir wollen weg vom Vortragsprinzip, hin zum fallbezogenen Lernen. Wir stellen die Sachverhalte im Vorfeld zur Verfügung und die Lösungen im Nachhinein, jeweils mit vorbereitenden beziehungsweise vertiefenden Literaturhinweisen. Zusätzlich bieten wir die Folien, Präsentationen und Arbeitspapiere aus den jeweiligen Veranstaltungen an." Der behandelte Stoff und begleitende Übungen werden auf einer Lernplattform bereitgestellt.

Dreimal pro Woche wird Stoff vermittelt. Jeden Freitag haben die Studenten Gelegenheit, eine Übungsklausur zu schreiben, die anschließend korrigiert wird – auch in der vorlesungsfreien Zeit. Darüber hinaus können sich die Studenten in der "Klausurklinik"  Feedback holen: Anhand mehrerer Klausuren werden ihnen ihre methodischen Fehler aufgezeigt.

Umfangreiche Kursmaterialien erhalten die Studenten auch in Passau. Besonders hilfreich, so Urs Kramer, seien darüber hinaus die Probeexamina, die zweimal im Jahr mündlich und schriftlich unter Prüfungsbedingungen stattfinden. Hinterher gibt es auf Wunsch ein 90-minütiges Einzelcoaching mit individuellem Feedback: Hat der Probeprüfling zum Beispiel nah genug am Gesetz gearbeitet? Dass dies der entscheidende Vorteil der Hochschul-Angebote ist, unterstreicht auch Marc Sänger: "Die hessischen Unis kooperieren mit dem Prüfungsamt. Wir bekommen in allen Pflichtfachbereichen die Prüfungsklausuren aus der Vergangenheit mit Musterlösungen." Die Studenten haben die Möglichkeit, die Prüfungen unter realistischen Bedingungen zu absolvieren. Anschließend werden Prüfungsleistungen von qualifizierten Korrektoren durchgesehen. Eine mündliche Probeprüfung findet vor dem Auditorium statt. Direkt im Anschluss wird die Leistung mit den Prüfern besprochen. Dabei dürfen auch die Zuhörer im Auditorium mitdiskutieren. Laut Sänger werden durch diese Angebote die Anforderungen an die Examenskandidaten klar und transparent.

Erfolgsvergleich: Belastbare Zahlen liegen noch nicht vor

Er ist überzeugt, dass das Angebot die Lehre stark verbessern kann – nicht nur wegen der Zusammenarbeit mit dem Prüfungsamt, die auch in Bayern möglich ist. Wie sich das Universitäts-Repetitorium im Vergleich mit dem kommerziellen Repetitorium auf die Note auswirkt, darüber gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Das Institut für Rechtsdidaktik will dies aber feststellen und plant dazu eine statistische Erhebung. Das Gefühl und der Eindruck der letzten Semester seien, sagt Kramer jetzt schon, dass man mithalten könne.

Der Zuspruch der Studierenden scheint ihnen bis jetzt Recht zu geben: Aus den 20 Zuhörern beim Start des Angebots vor drei Jahren sind 70 feste Teilnehmer geworden; das entspricht knapp der Hälfte der Examenskandidaten. Dies bedeutet aber auch, dass die andere Hälfte lieber viel Geld an kommerzielle Anbieter zahlt. Warum ist das so? "Viele Studenten sind der Ansicht, was nichts kostet, ist auch nichts", vermutet Urs Kramer. Nicht vergessen werden dürfe dabei aber die Bezahlung für das universitäre Repetitorium in Form der Studienbeiträge. Außerdem sei es "schwer gegen die Tradition und den Gruppenzwang der kommerziellen Repetitorien anzukämpfen, die über  Jahrzehnte gewachsen ist."

Die Passauer Fakultät ist jedenfalls zufrieden mit der Resonanz. Größerer Anklang würde das Institut sogar an die Grenzen der Kapazität führen. "Bei mehr als 100 Teilnehmern bekämen wir langsam Probleme", räumt Kramer ein.

Auch in Frankfurt erfüllt die Teilnehmerquote mit rund einem Drittel der Examenskandidaten die Erwartungen. Und auch hier ist die Resonanz der Teilnehmer sehr gut. Marc Sänger glaubt, dass sich die Qualität des Uni-Repetitoriums herumsprechen wird: "Wir machen vieles besser, als ich es selbst als Student erlebt habe. Inwieweit wir den kommerziellen Repetitorien  den Rang ablaufen können, wird aber erst die Zeit zeigen."

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Zitiervorschlag

Christian Dülpers/LTO-Redaktion, Universitäts-Repetitorien: An der richtigen Stelle gespart? . In: Legal Tribune Online, 14.03.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2757/ (abgerufen am: 19.08.2019 )

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Kommentare
  • 31.07.2011 17:32, Dieter Müller

    Als ich mich 1988/89 auf mein erstes juristisches Staatsexamen in Hannover vorbereitete, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, ein teures Repetitorium außerhalb der juristischen Fakultät zu besuchen. Dies war nicht allein eine Entscheidung mit Blick auf den klammen Geldbeutel, sondern vielmehr der guten Qualität der Examensvorbereitung an der Uni Hannover geschuldet. Deren Wiederholungs- und Vertiefungskurse, Examenskurse und Examensklausurenkurse waren wirklich hilfreich und die Hochschullehrer sehr engagiert. Vor der beginnenden Staatsprüfung fühlte ich mich sicher im Prüfungsstoff. Freilich sollte jeder Student selbst über die Frage entscheiden, ob er besser lernt, wenn er noch einen weiteren finanziellen Betrag an Repetitoren zahlen muss. Für mich stellte sich diese Frage nicht.