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Bucerius nimmt Technologie in Juristenausbildung auf: Cre­dit­po­ints für Zah­len­f­reunde

von Marcel Schneider

25.10.2017

An der Bucerius Law School können Jurastudenten neuerdings ein Technologiezertifikat erwerben. Damit dürften erstmals Leistungen für feste Lehrveranstaltungen etwa zur Informatik oder Statistik in einen juristischen Abschluss einfließen.

Technischer Fortschritt wird die juristische Arbeit immer stärker beeinflussen. Das ist Konsens. Wie der juristische Nachwuchs im Rahmen seiner Ausbildung darauf vorbereitet werden soll, weiß allerdings im Moment niemand so recht. Zwar bieten hier und da einzelne Lehrbeauftragte wie etwa der Münchner Privatdozent Martin Fries oder Prof. Stephan Breidenbach aus Frankfurt (Oder) Seminare zu zukunftsorientierten Legal-Tech-Themen an. Fest auf dem Lehrplan der Hochschulen stehen solche Veranstaltungen aber nicht.

Das hat sich an der Bucerius Law School (BLS) in Hamburg jetzt geändert. Mit Beschluss von vergangener Woche hat der dortige akademische Senat einem sog. Technologiezertifikat den Weg geebnet. Dieses können Studenten ab dem laufenden Trimester erwerben, wenn sie im Rahmen des hochschulinternen Studium generale vier Lehrveranstaltungen wie beispielsweise "Einführung in die Statistik" oder "Ethische Fragen des Technologieeinsatzes" belegen und die anschließende Prüfung bestehen.

Das Besondere: Die Studenten, die das erste Staatsexamen anstreben, absolvieren an der BLS auf dem Weg dorthin parallel dazu ein juristisches Bachelorstudium. Jeder der vier für das Zertifikat benötigten Kurse kann dabei auch einzeln belegt werden, um sich zwei Creditpoints für das Bachelorstudium zu verdienen. Zwar sollen die Kurse nebst ihrer Teilnehmerzahl und Entwicklung in der nächsten Zeit genau beobachtet und evaluiert werden. "Aber sie sind bewusst ad infinitum eingeführt worden - also solange, bis der Rat sie wieder mit Beschluss aufhebt", sagt Dirk Hartung, Executive Director Legal Technology an der BLS. Damit sind sie fester Bestandteil des Lehrplans.

Mehr "Tech" als "Legal"

Das war Hartung, der während des Umsetzungsprozesses diverse Law Schools in den USA besucht und sich dortige Konzepte angesehen hat, besonders wichtig: "Es geht beim Technologiezertifikat nicht nur um ein Angebot für die Studenten, ein technologisches Grundverständnis zu erwerben und nachzuweisen. Ziel war von Anfang an, diese Inhalte an der Hochschule fest zu etablieren, weil wir glauben, dass die Absolventen das später brauchen werden."

Dabei sollen die Kurse den Teilnehmern nicht die für Juristen relevanten Techniken und Entwicklungen, also Legal Tech im weiteren Sinne, häppchenweise vorkauen, so Hartung. "Die vier Veranstaltungen sind technisch sehr allgemein aufgebaut und damit ganz bewusst eher 'Tech' als 'Legal'". So werde etwa bei der Veranstaltung "Einführung in die Programmierung" die Programmiersprache Python unterrichtet und gezeigt, wie man ganz generell Daten sammle, strukturiere und auswerte, anstatt bereits bestehende Legal-Tech-Software im Rückwärtsgang auseinanderzunehmen oder nur auszuprobieren.

"Es geht nicht darum, den letzten Stand der Technologie aufzuwärmen. Die Teilnehmer sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie ihnen Technologie künftig bei der Ausübung ihrer juristischen Arbeit helfen kann", sagt Hartung. "Alles andere ist angesichts der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit auch wenig sinnvoll, da wir unseren Studierenden nicht etwas beibringen wollen, das bei deren Berufseinstieg bereits veraltet ist."

Technologisches: in der Juristenausbildung ein Exot

In dem langwierigen Entwicklungsprozess, der dem Beschluss zum Technologiezertifikat vorausging, stellte sich Hartung häufig die Frage, wie man gleich mehrere Veranstaltungen zu einem Thema rechtfertigt, das in Deutschland im Vergleich beispielsweise zu den USA noch in den Kinderschuhen steckt. Technologisches im Jurastudium?

Für die deutsche Juristenausbildung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich den meisten der größeren Reformvorhaben widersetzt hat, ist das ein Exot. Hartung dazu: "Wir sind uns absolut bewusst, dass Technologiekompetenz und im weiteren Sinne auch Legal Tech definitiv noch nicht zum Mainstream in der juristischen Ausbildung gehören. Als innovative Hochschule wollen wir diese Entwicklungen aber aktiv begleiten und den Studierenden ein Angebot machen, mit dem wir hierzulande die ersten sein dürften. Ob sie dieses dann auch annehmen, wird sich zeigen."

Immerhin: Die Testläufe stießen auf großes Interesse, die vier Veranstaltungen werden nach dem Feedback der Studenten immer wieder angepasst. Und letztlich dürfte auch die Aussicht, durch die Wahl bestimmter Fächer für sowieso benötigte Creditpoints ein zusätzliches Zeugnis einzuheimsen, für Extra-Motivation sorgen. Um vielleicht sogar eine Ausnahme vom Iudex-non-Calculat-Prinzip zu  machen.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Bucerius nimmt Technologie in Juristenausbildung auf: Creditpoints für Zahlenfreunde . In: Legal Tribune Online, 25.10.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/25213/ (abgerufen am: 29.01.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 25.10.2017 10:48, Mazi

    Ein sehr positiver Ansatz Juristen fit für die Arbeitswelt zu machen. Eine anderer Stelle bereits gestellte indirekte Forderung von mir (Nutzung von KI). Juristen, die KI nicht kennen, können sie bekanntlich auch nicht einsetzen.

    Man sollte die qualitative Konsequenzen auf die spätere praktische Arbeit nicht unterschätzen.

  • 25.10.2017 14:49, M.D.

    Als ehemaliger Informatiker finde ich es witzig, dass man nun zusammen mit Jura auch noch Informatik quasi als Nebenfach belegen kann/soll. Vor allem bringt es so wahnsinnig viel, weil man für IT-Projekte Fachleute anheuert und vor Gericht Sachverständige hinzuzieht. Das geht auch gar nicht anders, weil man dafür Profis benötigt, die mehr Expertise vorweisen können, als einen Schein von der Uni. Der einzige reale Effekt solcher Veranstaltungen ist, dass neue Pöstchen für Professoren geschaffen werden, die ansonsten nirgendwo gebraucht werden.

    • 25.10.2017 16:45, Käthe K.

      Naja, der LLB der Bucerius soll ja auch keine Anwendungen entwickeln, sondern ihm soll ein Gespür für die Technik vermittelt werden. Ansonsten passiert ja genau das, was man heute häufig vor Gericht erlebt. Der Richter versteht den technischen Sachverhalt nicht, die Frage an den Sachverständigen ist mitunter unsauber, und die Würdigung dann zweifelhaft.

    • 26.10.2017 08:46, LaForge

      Das ist absoluter Unsinn. Genauso, wie ein Volljurist mit Grundkenntnissen in BWL (siehe der neue Jurastudiengang an der Fernuni Hagen, der einen Wirtschaftsjura LLB mit Staatsexamen kombiniert) keinen Betriebswirt ersetzen soll, geht es dabei darum, dass Juristen eben keine - salopp gesagt - "Fachidioten" sein sollen, denen die Grundkenntnisse fehlen die betriebswirtschaftlichen - oder hier dann eben technologischen - Zusammenhänge und Konsequenzen rechtlicher Regelungen bzw. Sachverhalte zu begreifen. Und schon um sich an einen Fachmann konsularisch zu wenden und in eine mögliche Richtung zu prüfen muss man überhaupt bemerken, dass da etwas ist, in dessen Richtung man prüfen könnte. Ein Betriebswirt oder Informatiker alleine kann das auch nicht abschätzen, da ihm hingegen die juristische Kompetenz fehlt, das juristische "Problembewusstsein", um einschätzen zu können, in welche Richtung eine juristische Prüfung angezeigt sein könnte. Und an diesem Querschnitt setzt solch eine Zusatzausbildung aus.

      Klassische Juristen mit BWL Zusatzausbildung (sei es ein Studiengang wie bei der FU Hagen oder auch in Mannheim oder sei es gar jemand, der zusätzlich zu Jura noch ein paar Semester BWL studiert hat) sind im Wirtschaftsrechtbereich hochgradig nachgefragt und können sich auch ohne Prädikatsexamen auf Stellen bewerben, für die man - ohne diese Zusatzqualifikation - ansonsten schon das Prädikat mitbringen sollte, mithin macht diese Zusatzqualifikation das Prädikat aus.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass das hier ähnlich ist. Die Bucerius bildet bekanntermaßen sehr praxis- und karriereorientiert aus und ist keine Hochschule die im Wolkenkuckucksheim heimisch ist, man darf also davon ausgehen, dass die genau auskundschaftet haben, was der juristische Arbeitsmarkt hier nachfragen würde.

      Mit Verlaub, aber bei solch einem Kommentar frage ich mich unwillkürlich im Hinterkopf, ob da nicht der Wunsch Vater des Gedanken war, also der Wunsch, die eigene Ausbildung, die "nur" aus einer reinen, klassischen Juristenausbildung besteht, möge auch weiterhin das unangefochtene Nonplusultra sein (zumindest wenn man ein Prädikatsexamen hat), also werden juristische Querschnittsqualifikationen in ihrer Bedeutung kleingeredet. "Pfeifen im Walde".

  • 26.10.2017 16:41, Aha!

    Ach, hört man den Schuss in Hamburg auch schon? Oder sind 4 Vorlesungen zu (ehrlicherweise gar nicht mal wirklich technischen Themen) an der BLS so besonders, dass LTO dafür freiwillig Werbeplätze einräumt.
    Für Interessierte gab es schon (viel) früher entsprechende Angebote...an echten Universitäten, mit Zugang zu echten Naturwissenschaftlern, Informatikern oder Ingenieurs-Profs. Man denke z. B. an die technikwissenschaftliche Zusatzausbildung der Bayreuther Juristen (7 echte Vorlesungen an der Fakultät für Ingenieurswissenschaften) oder das, das gesamte Studium begleitende IT-Recht-Angebot an der Uni im Saarland (inkl. Rechtsinformatik).

    ...Solange die BLS für die Werbeplätze zahlt, sei es ihr gegönnt...

  • 30.11.2017 08:08, Martine Rose

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