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Wahlstation am Supreme Court of Israel: Kleines Gericht - ganz groß

von Marcel Schneider

19.11.2015

Referendarin Lena Schenk hat ihre Wahlstation beim Supreme Court of Israel in Jerusalem absolviert. Dass man das oberste Gericht dort zwischenzeitlich "niederwalzen" wollte, war nur eines von vielen aufregenden Erlebnissen.

Lena Schenk verbrachte ihre dreimonatige Wahlstation Anfang des Jahres am Supreme Court of Israel in Jerusalem. Für dieses außergewöhnliche Ziel hat sie sich aufgrund ihrer persönlichen und fachlichen Neigungen entschieden. Weit gereist ist sie nämlich schon immer gerne: mit dem Jugendchor nach Chile, für ein Kolping-Projekt nach Indien und später als Studentin für ein Erasmus-Auslandsjahr nach Istanbul.

Ihr Examensschwerpunkt unter dem Titel "Internationalisierung der Rechtsordnung" verbindet diese Liebe zur großen weiten Welt mit einer weiteren Leidenschaft, die auch für ihre Station als geprüfte Rechtskandidatin bei der Bundestagsverwaltung verantwortlich war: Schenk mag Öffentliches Recht.

"Das Bürger-Staat-Verhältnis hat mich schon immer interessiert, insbesondere an der Schnittstelle zur Politik", sagt die Referendarin und ergänzt: "Für meine Wahlstation wünschte ich mir einen Bezug zum internationalen Recht, vorzugsweise in einem kleineren Land und gerne auch mit einer sprachlichen Herausforderung." Letztendlich wurde es Israel: Im Internet stieß sie bei ihren Recherchen auf das unbezahlte "Foreign Law Clerkship" am Supreme Court of Israel, dem höchsten israelischen Gericht. Vergleichbar ist das Angebot mit einem Praktikum, nur dass man wesentlich selbstständiger und ohne konkrete Vorgaben arbeitet – weder in zeitlicher Hinsicht noch was die Arbeitsweise anbelangt.

Leben in Israel: Religion und Politik überall

Für die Bewerbung hatte Schenk einige Hürden zu nehmen. So brauchte sie etwa das Empfehlungsschreiben eines Professors, musste eine schriftliche Arbeitsprobe einreichen und Fragen zu Personalien und Lebenslauf beantworten. Im April 2014 schickte sie ihre Bewerbung an den Supreme Court – typisch deutsch fast ein halbes Jahr zu früh. Als sie schon gar nicht mehr damit rechnete, erhielt sie im Dezember 2014 die Zusage.

In Jerusalem angekommen, gab es einige Dinge, an die sich die zu dieser Zeit 28-Jährige gewöhnen musste – unter anderem an horrende Mietpreise: "Zugegeben: Mein Zimmer lag in einer guten Wohngegend, aber bei 600 Euro für zehn Quadratmeter musste ich erstmal schlucken", resümiert Schenk. Bezahlt hat sie die drei Monate in Jerusalem von ihrer Unterhaltsbeihilfe für Referendare und Rücklagen.

Auch die religiös-gesellschaftlichen Konventionen in Jerusalem waren für Schenk nicht immer einfach zu durchschauen. So gibt es Viertel, in denen sie trotz großer Hitze vorsichtshalber sehr konservative Kleidung trug, um bei den Gläubigen nicht anzuecken.

Überhaupt sind Religion und Politik die dominierenden Themen im Alltag. Schenk dazu: "Ich hatte immer das Gefühl, meine Worte mit besonderer Vorsicht wählen zu müssen. Die religiösen und politischen Fronten in der Gesellschaft gaben mir das Gefühl, jederzeit unabsichtlich Irritationen auslösen zu können." Im Umgang mit den in Jerusalem lebenden Menschen erfuhr Schenk ein hohes Maß an Offenheit, Neugier und Direktheit: "Man kommt sowohl mit Einheimischen als auch Auswärtigen schnell ins Gespräch. Intensive Diskussionen mit zunächst völlig fremden Leuten sind dort keine Seltenheit. Zur Verständigung im öffentlichen Leben hat ordentliches Englisch vollkommen ausgereicht." Nicht so bei der Arbeit: Dort wäre es ohne fachspezifische Sprachkenntnisse nicht gegangen.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Wahlstation am Supreme Court of Israel: Kleines Gericht - ganz groß . In: Legal Tribune Online, 19.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17599/ (abgerufen am: 19.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 19.11.2015 15:50, Christoph Smets

    Darf man fragen, ob sich die Fachsprachenkenntnisse auf Englisch oder Hebräisch beziehen?

    • 20.11.2015 12:35, LTO-Redaktion

      Hallo Herr Smets,

      natürlich dürfen Sie fragen: Die Fachsprachenkenntnisse beziehen sich auf Englisch.

      Viele Grüße
      Die LTO-Redaktion

    • 20.11.2015 23:08, Christoph Smets

      Dankeschön!

  • 19.11.2015 21:25, Briefbeschwerer

    Hat man sich an dem Gericht auch schon einmal mit der Rechtmäßigkeit der Landnahme durch jüdische Siedler befasst?

  • 20.11.2015 08:56, Arnold Koschorreck

    Das Bewerbungsverfahren bei einem obersten Gerichtshof kann auch anders laufen: Ich habe seinerzeit einen Einzeiler an den Chief Justice des Supreme Court of Namibia gefaxt, ob ich denn meine Wahlstation dort absolvieren dürfte. 15 Minuten später kam die Antwort: "You are most welcome".