Summer Schools der Großkanzleien: Zum Anwalt statt Urlaub

Wer tauscht schon freiwillig Sandstrand gegen Schreibtisch? Immer mehr Jurastudenten. In den sogenannten Summer Schools der Kanzleien lernen sie den Arbeitsalltag eines Anwalts in Theorie und Praxis kennen. Doch wie unterscheiden sich solche Programme vom klassischen Praktikum? Steht am Ende eine Abschlussprüfung? Und lohnt es sich, dafür auf Urlaub zu verzichten?

Auf dem alten, abgewetzten Lederkoffer ist kaum noch Platz für weitere Urlaubsaufkleber. Über den spanischen Nationalfarben prangt bereits das dunkle Blau der neuseeländischen Fahne, daneben ziert der Kölner Dom einen deutschen Sticker. Auch London und Paris hat dieses Gepäckstück schon gesehen. Darauf deuten zumindest das Schild der "Tube", der englischen U-Bahn, und ein Bild des Eiffelturms hin. Der Koffer eines Weltenbummlers? Nein, der Werbeflyer einer Wirtschaftskanzlei.

Mit einem Bild des bunten Gepäckstücks und dem Slogan "Experience the International Flavour of Business" will DLA Piper sein jüngstes Praktikumsprogramm auch urlaubsreifen Jurastudenten schmackhaft machen: die Summer School. "Die Schulbank drücken, während andere Ferien machen? Klar!", heißt es auf der Bewerbungswebsite der Kanzlei. Das Programm, das in den englischen Niederlassungen von DLA Piper schon seit Jahren die klassischen Einzelpraktika ersetzt, soll nun auch in Deutschland Schule machen.

In kürzerer Zeit noch mehr lernen

Matthias Niemeier hat schon vor einigen Jahren an einer Summer School teilgenommen. 2010 ersetzte er damit das nach der Prüfungsordnung erforderliche Pflichtpraktikum. Er arbeitete in der Kanzlei Redeker Sellner Dahs, die schon seit einem knappen Jahrzehnt eine Summer und eine Winter School anbietet. Große Unterschiede zur klassischen Praktikumsvariante stellte der Bonner Examenskandidat erst einmal nicht fest. Aber: "Das Konzept der Summer School unterscheidet sich insofern von einem normalen Praktikum, als dass man in viel kürzerer Zeit mehr lernt, als das bei einem regulären Anwaltspraktikum der Fall wäre."

Ganz wie im klassischen Einzelpraktikum dürfen die Studenten auch in den Schools je nach Ausbildungsstand Fälle bearbeiten, Mandantengesprächen beiwohnen und Gerichtsverhandlungen beobachten. "Wir versprechen uns von den Schools aber deutlich mehr als von den Einzelpraktika. Bei denen lernt jeder Praktikant eben regelmäßig nur sein eigenes kleines Gebiet kennen", erklärt Dr. Lars Klein, der das Programm seit vielen Jahren betreut. Im Vorfeld einer Summer oder Winter School dagegen werden Anwälte aus allen Rechtsgebieten der Kanzlei angehalten, für die Teilnehmer geeignete Aufgaben bereitzustellen. So kann es passieren, dass ein Viertsemester nicht nur einfache Schuldrechtsaufgaben lösen soll, sondern sich auch mal vor einem Arbeitsrechtsfall wiederfindet.

Auf dem Stundenplan: Patentrecht, M&A, Arbeitsrecht

Matthias Niemeier etwa lernte während seines sechswöchigen Praktikums das Glücksspiel- und das Versicherungsrecht kennen und analysierte Fernsehbeiträge des ZDF. "Diese Aufgaben aus dem Medienrecht fand ich sehr spannend. Das kannte ich aus dem Studium noch nicht."

Die Teilnehmer der diesjährigen DLA Piper-Summer School durften sich dagegen schon vor dem ersten Schultag drei Wunschrechtsgebiete aussuchen, in denen sie eingesetzt werden möchten. So kann ein individueller Stundenplan zum Beispiel zwei Wochen Patentrecht, zwei Wochen Mergers and Acquisitions (M&A) und zwei Wochen Arbeitsrecht enthalten.

Dass das Spektrum der bearbeiteten Rechtsgebiete so breit ist, liegt wohl auch an der Zielgruppe der Programme: "Die Summer School eignet sich gut zum ‚Schnuppern’. Wir richten uns damit vor allem an Studierende kurz nach der Zwischenprüfung, die in der Regel ihren Schwerpunkt noch nicht gewählt haben", erklärt die DLA Piper-Verantwortliche Astrid Anacker. Wer sich noch nicht sicher ist, ob ihn das Arbeitsrecht interessiert, muss sich so keine sechs Wochen damit beschäftigen, wenn es ihm nicht gefällt.

"Vor einer Abschlussprüfung muss niemand zittern"

Zur praktischen Arbeit, die auch in einem Einzelpraktikum ansteht, kommt in den Summer Schools noch die Theorie. DLA Piper etwa schickt ihre Praktikanten zu einem Workshop an die Bucerius Law School. In der Wirtschaftskanzlei Sonntag & Partner, die diesen Sommer erstmals eine Summer School veranstaltet, kriegen die Teilnehmer einen richtigen Stundenplan in die Hand. Darauf stehen Lerneinheiten in der hauseigenen S&P-Akademie. Das Wissen aus diesen Kursen wird in der Gruppe aufgearbeitet, am Ende kommt eine Fallstudie auf die Teilnehmer zu. "Vor einer Abschlussprüfung muss aber niemand zittern", beruhigt Dr. Barbara Albrecht, die für das Programm verantwortlich ist.

Auch ohne Klausur sollten die Studenten in den Unterrichtseinheiten gut aufpassen. Aus dem ersten von zwölf Vorträgen der Summer School von Redeker Sellner Dahs etwa nahm Matthias Niemeier ganz neue Erkenntnisse mit: "Das war ein allgemeiner Vortrag dazu, wie zum Beispiel eine Akte aufgebaut ist. Das war hilfreich, denn davon hatten wir Teilnehmer aus dem Studium keine Ahnung." Auch Themen wie das Kostenrecht oder die Feinheiten des Zivilprozessrechts werden den aus der Universität eher im materiellen Recht versierten Studenten in den Vorträgen nahe gelegt – und danach in der nächsten Fallbearbeitung direkt in die Tat umgesetzt.

Rallye durch die Stadt, Abendessen auf der Dachterrasse

Die Summer School fordert ihren Teilnehmern also mehr ab als ein klassisches Praktikum. Ganz wichtig deshalb: "Man sollte Spaß am flexiblen Arbeiten haben", so Matthias Niemeier. Oft musste er sich kurzfristig in völlig neue Rechtsgebiete einarbeiten. Mit dem Steuerrecht etwa war er vorher noch nicht in Berührung gekommen. Bei der Falllösung half ihm die Arbeitsweise in der Summer School: Alle Aufgaben werden in Kleingruppen von zwei bis drei Teilnehmern gelöst. Wusste einer nicht weiter, konnten die anderen einspringen. "Das führt unserer Erfahrung nach zu besseren Ergebnissen und einem höheren Ausbildungserfolg gerade für die Praktikanten", so Klein.

Besonderes verlangen aber auch die Studenten von den Kanzleien: Mit einer Einladung zum Sommerfest der Sozietät als einzigem Freizeit-Programmpunkt lässt sich kaum noch jemand locken. Bei Sonntag & Partner gibt es deshalb eine eigene Abschlussveranstaltung für die Teilnehmer. "Hier hoffen wir natürlich auf gutes Wetter für gemütliche Stunden auf unserer Dachterrasse", sagt Barbara Albrecht. Bei DLA Piper kommen zum Abschlussessen noch eine Stadtrallye in Köln, ein Besuch in Hamburg und ein Kennenlern-Workshop in Frankfurt dazu. Bei Redeker Sellner Dahs werden die Teilnehmer zu den Lauftreffs und den anwaltlichen Fußballspielen eingeladen.

Die Investition in die Nachwuchsförderung lohnt sich für die Kanzleien meistens: Matthias Niemeier zum Beispiel ist nach Schulschluss als studentische Hilfskraft geblieben.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Summer Schools der Großkanzleien: Zum Anwalt statt Urlaub . In: Legal Tribune Online, 20.06.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8970/ (abgerufen am: 15.12.2018 )

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