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Rechtstheoretische Aussteigerliteratur: Arte­fakte aus dem Elfen­bein­turm

von Prof. Dr. Roland Schimmel

22.10.2015

1. Semester, Vorlesung Rechtstheorie, und schon das klassische Problem: Alles viel zu einfach hier. Könnte man das nicht irgendwie komplizierter formulieren? Aber ja doch, meint Roland Schimmel, und präsentiert Literatur für Unterforderte.

Die Sprache der Rechtswissenschaft ist manchmal schwer verständlich. Aber gerade von Lehrbüchern sollte man meinen, dass sie eingängig formuliert seien. Das trifft, so viel der Fairness halber vorneweg, auf die hier besprochenen Exemplare auch zu – jedenfalls, wenn man sie mit vielen der Primärquellen vergleicht.

Erst- oder Zweitsemester, die häufig einen Grundlagenschein in Rechtstheorie erwerben müssen, dürfte ein Teil der verfügbaren Literatur jedoch schreiend in die Flucht jagen. Und nicht nur diese: Bei der Lektüre dreier Werke, die Kollegen mir für die Literaturempfehlungsliste für die Studienanfänger ans Herz gelegt hatten, stieß ich öfter selbst an meine Verständnisgrenzen – manchmal in beiden Bedeutungen des Wortes. Hier ein paar steinige Stationen der literarischen Reise:

Das erste Buch – Zum Auftakt ein steiler Anstieg

Zum Einstieg zunächst ein paar Worte über Motiv und Thema:

Die Rechtstheorie konkurriert mit anderen rechtswissenschaftlichen Disziplinen um adäquate Beschreibungen und Lösungen der "Rechtswirklichkeit", und der Sinn dieses intradisziplinären Wettbewerbs kann darin gesehen werden, eingefahrene Kommunikationsroutinen etwa der Rechtsdogmatik durch Rechtstheorie zu irritieren und Aporien solcher Kommunikationsroutinen aufzuzeigen.

Nun gut, das kann man bei wiederholtem Lesen noch erfassen. Aber der Schwierigkeitsgrad steigert sich schrittweise, sobald wir uns zu einzelnen Mechanismen und Prinzipien vorarbeiten:

Eine solche evolutionäre Interdependenz, eine "Co-Evolution", lässt sich gerade auf dem europäischen Entwicklungspfad der Rechtsevolution nachweisen: Errungenschaften wie philosophisches (epistemisches) Wissen haben im römischen Zivilrecht eine erste große Abweichungsverstärkung ermöglicht, an die die mittelalterliche und neuzeitliche Jurisprudenz anknüpfen konnte – um unter dem Eindruck von Naturphilosophie und Rationalismus eine neue Abweichungsverstärkung zu produzieren.

Das ist jetzt nicht unbedingt nach dem Motto KISS! (keep it short 'n simple, stupid) verfasst. Die Formulierungen sind anspruchsvoll und fordern Konzentration.

Beliebt, bewährt und vielleicht auch unvermeidlich ist hingegen ein anderes Prinzip, das auch einen englischen Namen trägt: Das Namedropping (oder wäre, im Rap-Jargon, vielleicht "Shout-Out" treffender?):

Damit wird zwar die Notwendigkeit der juristischen Deutung eines tatsächlichen Geschehensablaufs als grundsätzlich konstitutiv für die Konstruktion von Rechtsnormen qualifiziert [Fn.], d.h. die Abhängigkeit aller juristischen Regelbildung von der Beobachtung zweiter Ordnung akzeptiert. Aber letztlich ist Kelsens reiner Normativismus nicht viel überzeugender als der Synkretismus der Larenz’schen Methodenlehre.

Beide Auffassungen sind insofern problematisch, als sie die Normativität von Rechtsnormen im Unterschied zu tatsächlichem Verhalten bestimmen, nicht aber – wie es richtig wäre – über die Unterscheidung von (rekursiver) Rechtspraxis und der ihr korrespondierenden vorrechtlichen Infrastruktur aus gesellschaftlichen Regelbeständen und praktisch erprobten Konventionen.

So isses, seufzt man da erleichtert auf. Endlich sagt's mal einer.

Die Kunst der Knappheit

Stellenweise erlangt die Lektüre aber auch eine hypnotisierende Qualität, etwa wenn es heißt:

Auch wenn gesellschaftliche Regelbestände und Konventionen historisch gesehen zunächst nur dann verschriftlicht wurden, wenn diese innerhalb der oralen Kultur unklar oder strittig waren, die Verschriftlichung also Klarheit über den geltenden Regelbestand schaffen sollte [Fn.], kommt es evolutionstheoretisch gesehen doch darauf an, die eigentümliche Paradoxie der Wirkung gegenüber dem Wollen in den Blick zu nehmen: Resultat der Nutzung der Buchstabenschrift für rechtliche Zwecke ist gerade nicht die Eliminierung jeden Streits um Worte, sondern eine neue Differenz, nämlich die Differenz zwischen dem geschriebenen Wort und seiner (authentischen) Interpretation, die später so genannte Unterscheidung zwischen dem "buchstäblichen Sinn" und dem "Geist des Gesetzes". [Fn.]

Fast ein bisschen schade, dass nach kaum 100 Wörtern schon Schluss ist. Das hätte noch ewig so weitergehen können.

Vielleicht, fragt man sich da, ist Rechtstheorie einfach zu anspruchsvoll für eine nebenbei absolvierte zweistündige Vorlesung im ersten Semester? Mir zumindest hat sie vor etwa 50 Semestern einen steinigen Studieneinstieg bereitet. Die Tutoren machten sich einen Spaß daraus, uns Anfängern die Lektüre von Kaufmann/Hassemer (Hrsg.), Einführung in die Rechtstheorie, ans Herz zu legen: ein labyrinthisches Tunnelsystem tiefgrabender Gedankengänge, in dem so manch studierter Philosoph auf Nimmerwiedersehen verloren gehen könnte. So kam es uns zumindest vor.

Doch die moderneren Autoren können das auch. Besonders schön gelingt das beim Thema Systemtheorie:

Der "erste" Satz, der Anfang oder Grund des Systems schrumpft von theoretisch anspruchsvollen Konzepten wie der Konstitution eines Souveräns durch einen (hypothetischen) Gesellschaftsvertrag (Hobbes), einem transzendentalen Subjekt (Kant), einem sich in der Geschichte realisierenden Geist (Hegel) oder einem freien Willen (Rechtspositivismus) auf den Vollzug einer Markierung/Unterscheidung zusammen: Der Anfang des Systems besteht in der Transformation einer Hintergrundsunbestimmtheit in die Bestimmtheit zweier Seiten, von der jede Seite der Form die andere Seite der anderen Seite ist.[Fn.]

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Rechtstheoretische Aussteigerliteratur: Artefakte aus dem Elfenbeinturm . In: Legal Tribune Online, 22.10.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17306/ (abgerufen am: 05.07.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 22.10.2015 17:19, Student

    Früher hieß es: "Die exzessive Akkumulation von Fremdwörtern signalisiert relevante Semiintellektualität." (Ich denke, es ist seinerzeit von Prof. Hans Hattenhauer aus Kiel so beschrieben worden und es lautet übersetzt wohl: Die übermäßige Anhäufung von Fremdwörtern zeugt von einer erheblichen Halbbildung.) Dem muß man eigentlich nichts hinzufügen.

  • 22.10.2015 20:48, Elena Glossoti

    Objektivität in Wissenchaft, Realität und Rechtstheorie ist nicht Holismus, der auch rein Subjektive Erfahrungswerte wiedergibt. Also intellekuelle Worträtsel sind etwas für Menschen die sehr viel Zeit haben und nicht in letzer Secunde bereits schon mehrmals um das "Wollen" Willens um wiederholt an Beträge und wie üblich an Zahlungen kommen wollen die einen im Prinzip garnichts angehen. Mehrmals verplante "Krisen" auf's neue zu lösen "Wollen" denn darum geht es ja an Geld immer wieder ran zu kommen wobei auch die ganze normale und normative Biologische, Wirtschaftstechnische Kette und Reaktionen (einzelner Individuen, Menschen, oder wahlweise Gruppen) dabei bewusst zugrunde geht. Es geht im Prinzip nicht darum unser Gen in's All zu befördern, sondern das Hier und Da und Spiegelung der Realität ist die Lösung. Und je Penetranter die hervorgerufene, erzeugte Realität desto penetranter auch die Holographie oder das Hologramm.

  • 22.10.2015 20:50, Elena Glossoti

    Korrektur: Siehe oben Rechtstheorie.

  • 23.10.2015 00:29, RA

    Dazu fällt mir nur ein: Im überlauten Ticken der Uhr vernehmen wir den Hohn der Lichtjahre über die Spanne des eigenen Daseins.

  • 23.10.2015 02:38, Rechtstheorie

    Schon peinlich dieser kommentar eigentlich.
    Wen der autor offensichtlich sich mit rechtstheorie noch nie beschäftigt hat, dann soll er halt einfach nichts drüber schreiben und als schuster bei seinen leisten bleiben

    • 23.10.2015 06:49, LTO-Leser

      Man kann getrost noch einen Schritt weitergehen: Wenn der Verfasser noch nicht einmal die simpelsten Aussagen in einerm Kurzlehrbuch zur Rechtstheorie versteht - wie hat er dann seine Examina bestanden? Kurz: Gibt's den überhaupt, oder hat die Redaktion sich ihn ausgedacht, sozusagen als dümmsten denkbaren Kollegen?

  • 23.10.2015 10:14, Leser

    Die beiden vorgenannten Kommentare von "Rechtstheorie" und "LTO-Leser" sind doch bezeichnend für die an Universitäten und andernorts grassierende und völlig unangebrachte Arroganz. Wer die Ironie des Textes verwechselt mit mangelndem Verstehen seines Autors (den es gibt und der entgegen der Einlassung von LTO-Leser sicher nicht zu den dümmsten, denkbaren Kollegen zählt (sicher wissen wir aber nun, dass LTO-Leser zu den größten denkbaren Kotzbrocken und Rechtstheorie zu seinen Freunden zählt)), der sollte sich mit Fragen an die Intelligenz anderer doch lieber bedeckt halten. Der Offenbarungseid wird deutlich bei "Rechtstheorie", der verlangt, man möge sich doch gefälligst schon mal mit Rechtstheorie befasst haben, bevor man Bücher dazu liest. Wie widersinnig diese Forderung angesichts der hier zitierten L-e-h-r-Bücher ist (und wie sehr sie zeigt, dass der Artikel nicht verstanden wurde), mag dem werten Vorposter bei geneigter Relektüre seines Beitrags vielleicht auch auffallen.

    • 23.10.2015 13:11, Jesterfield

      Iwie lese ich immer Vollpfosten statt Vorposter... aber auf wundersame Weise ändert das kaum den Aussagegehalt :D

  • 23.10.2015 13:18, Marc Reiß

    Leider sind die Zitate in diesem schönen Text schon kursiv, sonst hätte man so für die etwas begriffsstutzigeren LTO-Leser und natürlich "LTO-Leser" eventuell die Ironie schon mal vormarkieren können? Quasi als Verständnishilfe...

  • 28.10.2015 13:39, Clementia

    "Das ist jetzt nicht unbedingt nach dem Motto KISS! (keep it short 'n simple, stupid) verfasst. Die Formulierungen sind anspruchsvoll und fordern Konzentration."

    Anscheinend wurden diese Lehrbücher nicht zur vergnüglichen Abendlektüre geschrieben. Angesichts dieser geradezu absurden Verfehlung ihres Anspruchs ist es natürlich mehr als angebracht eine ironische Kritik zu verfassen. Danke für diesen wertvollen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs! Ich warte schon sehnlichst auf einen weiteren Beitrag. Vielleicht zur inflationären Abkürzungsverwendung in Kommentaren, die dem steilen Aufstieg auf der Spiegel-Bestsellerliste im Weg steht?

    • 28.10.2015 13:49, LTO-Leser

      Hey, Clementia-Baby, ich glaub' es nicht. Du verschwendest immer noch Deine kostbare Lebenszeit damit, diesen Unsinn zu lesen? Das hast Du doch gar nicht nötig.

    • 28.10.2015 20:41, Roland Schimmel

      Hallo Clementia (neuerTagneuerName),

      das haben Sie wirklich schön gesagt. Pointiert formuliert und, am allerwichtigsten, enorm relevant.
      Schade, daß Sie kaum auf das eigentliche Problem eingehen. Wenn Sie Eier und/oder Grips hätten (ich bezweifle beides, irre mich aber oft), würden Sie mal eine Übersetzung der obigen Texte versuchen. Meinetwegen auch dies:

      "Die veritative Signifikanz eines Satzes beurteilen wir aber nicht nur so, dass wir ihn auf ein außersprachliches Ereignis, sondern manchmal oder in vielen Fällen auch so, dass wir ihn auf einen anderen Satz beziehen, von dessen Wahrheit wir überzeugt sind bzw. dessen Wahrheit wir im Rahmen interpretatorischer Nachsicht unterstellen."

      Ich bin gespannt.

  • 29.10.2015 12:27, RA

    Vielleicht hilft das: "Wenn ich tief im Herzen der Angst eine befremdliche Absurdität wach rufe, öffnet sich in der Mitte meines Schädels ein Auge."

  • 30.10.2015 00:40, Roland Schimmel

    Und noch was, Clementia, bleiben Sie mir bloß mit Ihrem "wissenschaftlichen Diskurs" vom Leib. Wenn ich das schon höre. Rechtstheoretiker, deren Geschreibsel man nicht versteht, sind o.k., wenn sie seit hundert Jahren tot sind. Wenn sie noch leben, sollen sie sich gefälligst so ausdrücken, dass meine Studis aus dem Grundkurs Recht im Bachelor-Studiengang Hauswirtschaftslehre das beim ersten Lesen verstehen, sonst haben sie keine Existenzberechtigung. Also nehmen Sie ihren "wissenschaftlichen Diskurs" und putzen sich in Ihrem Elfenbeinturm den A.... damit ab.

  • 30.10.2015 09:05, Andreas Ruckes

    Was unterscheidet einen guten Autor von einem sehr guten Autor? Der sehr gute Autor kann auch schwierigste Sachverhalte sprachlich stark vereinfachen, ohne dass der Sinn verloren geht. Diese Fähigkeit ist leider nur den wenigsten gegeben. Zugegeben, es ist deutlich anstrengender einen Sachverhalt oder gesetzliche Vorschriften leicht verständlich zu formulieren. Aber Sprache ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Transport von Informationen. Zumindest sollte dies im juristischen Bereich so sein. Ich selbst halte regelmäßig Vorträge, und versuche meine Folien stets so zu gestalten, dass der Sachverhalt auch von meiner Oma verstanden würde. Auch wenn es z.B. um US-Steuerrecht geht. Das ist richtig schwierig, und es gelingt mir auch nicht immer, aber in der Regel gibt einem der Erfolg recht. Denn was gibt es schöneres, wenn die Zuhörer oder Leser danach zu einem kommen und sagen: "danke, jetzt habe ich es endlich verstanden"?
    Die sprachlich verständliche Darstellung komplexer Gedanken sollte das oberste Ziel eines Lehrbuches sein. Anderenfalls hat es den Namen "Lehr"buch nicht verdient.

  • 30.10.2015 10:02, LTO-Redaktion

    Leider waren wir gezwungen, Kommentare zu entfernen. Bitte nehmt Euch zusammen - inhaltlich, aber auch, was die Auswahl Eurer Nicknames angeht. Es ist nicht lustig, sich als ein anderer - in diesem Fall der Autor des Beitrags - auszugeben. VG aus der Redaktion

  • 30.10.2015 18:09, LTO-Leser (orig.)

    Dann sagen Sie doch bitte auch dem Autor dieses Beitrags, der auf LTO gerne unter den Nicks seiner Kritiker (u.a. weiter oben als "LTO-Leser") Scheingefechte mit sich selber austrägt, dass er das lassen soll.

    • 30.10.2015 18:48, Roland Schimmel

      Alter, jetzt sei mal nicht so weinerlich. Von mir aus können wir dieses Spiel noch jahrelang so weiterspielen. Aber erzähl mir nix vom Weihnachtsmann - § 12 BGB kanntest auch Du, Zweitsemester hin oder her.

    • 30.10.2015 19:08, LTO-Leser (orig.)

      Ey Roland, bist Du's jetzt wirklich? Oder lässt Du das gleich wieder wegmachen? Die von Dir oben (unter meinem Nick) gestellte Frage, ob hier eigentlich unter dem Namen RS womöglich irgendein Fake aktiv ist, erlangt so jedenfalls ungeahnte Aktualität, hihi ...

    • 30.10.2015 21:14, Roland Schimmel

      Alter, sei kein schlechter Verlierer. Ich bin sicher, wenn Du höflich zu den anderen bist, sind die anderen auch höflich zu Dir. Keiner mag Trolle. Oder? Probier's halt mal aus, hast ja nichts zu verlieren.