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Meine Juristenausbildung: Spaß machte es erst im Refe­ren­da­riat

Gastkommentar von Maja Mascher

23.08.2018

Rechtswissenschaft ohne Wissenschaft, viel Auswendiglernen und sehr formalistisch: Für Maja Mascher kam die Freude an Jura erst mit dem Referendariat. Dabei habe das Jurastudium Potenzial, meint sie – es werde nur nicht ansatzweise genutzt.

Würden Sie noch einmal Jura studieren? Würden Sie jemand anderem die Ausbildung zum Juristen empfehlen? Wenn ja, warum? Oder eben: warum nicht? Viele Leser schreiben uns, einige Ihrer Erfahrungen werden wir veröffentlichen. Maja Mascher macht den Anfang.

Wer nicht weiß, was er studieren soll, landet häufig entweder bei der BWL oder in der Juristerei. Sich für Rechtswissenschaften einzuschreiben, kann auch opportunistische Gründe haben: Karriere und ein gutes Gehalt. Für das ungefähr fünfjährige Studium mit anschließendem Referendariat kann das eine durchaus erfolgsversprechende Motivation sein, die lange Ausbildung durchzuhalten. Des Weiteren sind unter den Studenten oft junge Menschen anzutreffen, deren Elternteile Juristen sind und die ihre Kinder in eigene Fußstapfen treten sehen wollen. Ein vierter gängiger Grund liegt in dem Interesse an der Gerechtigkeit, dem Justizsystem und den Menschenrechten.

Vor allem die zuletzt genannte Gruppe wird an der Juristerei wahrscheinlich weniger Freude haben. Ich zählte dazu und bin mit Elan und Freude ins Jurastudium gestartet. Dass ich viele Studenten kennen lernte, deren Eltern schon Juristen waren und die einschlägige Praktika und Grundkenntnisse mitbrachten, schreckte mich keineswegs ab. Im Gegenteil: Ich war motiviert, viel zu lernen, das System zu verstehen und zukünftig für Gerechtigkeit einzustehen. Selbstverständlich weiß ein junger Mensch von 18 Jahren noch nicht wirklich, was ihn zu einem solchen Zeitpunkt erwartet. Dass ich jedoch so enttäuscht werden würde, damit hatte ich damals nicht gerechnet.

Studienziel: Klausuren schreiben

Das Jurastudium ist sehr formalistisch und grundsätzlich darauf ausgelegt, juristisches Fachwissen in fünftstündigen Klausuren in Form einer Sachverhaltslösung darzustellen. Um das nicht nur zu erlernen, sondern zu perfektionieren, bedarf es einer ständigen Übung, was sehr viel Fleiß erfordert. Erfolgreichen Juristen – und hierzu können sich meiner Meinung nach alle mit einem Staatsexamen zählen – darf ein hoher Grad an Fleiß und Disziplin unterstellt werden. Denn nur mit Denken und Verstehen ist es wohl nicht möglich, ein juristisches Staatsexamen zu bestehen.

Während ich im ersten Semester noch vergeblich darauf wartete, an interessanten rechtlichen und rechtstheoretischen Diskussionen teilzunehmen, wurde mir ab dem zweiten Semester bewusst, dass es sich um ein reines Lernstudium handelt. Zwar gibt es zu vielen einzelnen Rechtsnormen unterschiedliche rechtstheoretische, rechtsphilosophische oder rechtshistorische Auslegungsmöglichkeiten und demnach Rechtsanwendungsmöglichkeiten. Diese werden jedoch nicht in Form einer Seminararbeit oder eines Kolloquiums erforscht und verstanden, sondern auswendig gelernt, um am Ende beide Staatsexamen zu bestehen. Das ist es, worauf es ankommt: Ein Rechtsstudent muss vor allem auswendig lernen, Streitigkeiten mit einem Argument belegen können und unter Bezugnahme auf die herrschende Meinung in der Klausur weiterschreiten können.

Lernen ja – aber eben nicht nur

Ein solcher Ansatz ist nicht nur negativ: Ein angehender Jurist muss natürlich sehr viel Fachwissen anhäufen. Mit dem bestandenen ersten Examen soll man ja auch davon ausgehen dürfen, dass dieser Absolvent das juristische Handwerkszeug beherrscht.

Allerding fehlt diesen jungen Menschen dann das Verständnis der Zusammenhänge. Nur auswendig lernen? Das bringt den Geist nicht voran und für die angestrebte Befähigung zum Richteramt reicht das auch nicht. Rechtssysteme entwickeln sich dadurch weiter, dass Richter Prinzipien, Grenzen und Argumente herausarbeiten. Das lernen angehende Juristen, die zum Richteramt befähigt werden sollen, im Studium jedoch nicht.

Studenten, die fleißig sind und ein klares Ziel vor Augen haben, werden dieses Studium solide abschließen. Mehr braucht es für einen ordentlichen Abschluss nicht. Die Kandidaten, die Jura hingegen einfach so zu studieren begonnen haben, werden früh hinterfragen, ob sie den Rechtswissenschaften auch die kommenden Jahre widmen werden. Die meisten von ihnen werden sich letztendlich dagegen entscheiden, wie Statistiken zum Studienabbruch zeigen.

Interessengebiete suchen und finden

Aber was ist mit Studenten wie mir, die an rechtstheoretischen und auch völkerrechtlichen Diskursen Interesse hatten, die dachten, über den Tellerrand hinausschauen zu können und Diskussionen, Diskurse und Meinungsaustausche erleben zu können? Einige brechen ab und wenden sich den Geisteswissenschaften zu. Was insofern schade ist, als dass die Juristerei auf eine einzigartige Weise das lehrt, was es in der Wissenschaft braucht: klare Strukturierung, logischer Aufbau und stichhaltige Argumentation.

Wiederum andere verfallen wie ich in eine Sinnkrise und suchen sich ihren Weg, das Studium dennoch zu Ende zu bringen. Ich für meinen Teil habe mich mit dem osteuropäischen Recht befasst und im Rahmen eines Osteuropa-Zertifikats zwei Seminararbeiten geschrieben, in denen ich tatsächlich über den bis dahin vermissten Tellerrand der eigenen Rechtsvorstellung schauen konnte. Diese Veranstaltungen zeigten mir, dass das Interesse an der Rechtswissenschaft immer da war – nur eben nicht in der Form, in der sie für das Staatsexamen gelehrt wird.

Das wirkte sich auch auf mein Privatleben aus. Ich verbrachte meine Freizeit nur ungern mit anderen Juristen. Das war nicht gerade geschickt, entging mir doch der stetige Austausch über das Gelernte, was durchaus Vorteile in der Examensvorbereitung bringt. Über Rechtsgebiete und Theorien diskutieren, was ich im Studium ohnehin schon vermisste, hätte ich auch mit meinen Kommilitonen.

Den fehlenden juristischen Kontakt versuchte ich durch ein einigermaßen effektives Lernen auszubügeln und bestand letztendlich das Erste Staatsexamen.

Die Wende im Referendariat

Bevor ich mit dem Referendariat begann, nahm ich eine Auszeit. Bis ich mich bewusst dazu entschied, das Zweite Staatsexamen in Angriff zu nehmen. Hier kam die Wende meiner juristischen Ausbildung: Ich akzeptierte das Ausbildungssystem der Rechtswissenschaften als eine an die Praxis angelegte Berufsausbildung.

Das Referendariat ist wie ein Praktikum mit wöchentlichem Unterricht. Schön ist, wie die eigenen Fortschritte in der Praxis klar erkennbar werden. War der erste Widerspruchsbescheid noch nicht in der richtigen Form oder fehlerhaft formuliert, wurde der zweite schon besser und der dritte konnte ohne Änderungen versandt werden. An den Klausuren änderte sich indes nichts. Es hieß weiterhin lernen, lernen, lernen. Ein Unterschied bestand darin, dass man nunmehr genau wusste, wofür man das tat – und dass man den zukünftigen Beruf tagtäglich während der Stationen im Blick hatte.

Nach dem Zweiten Staatsexamen entschied ich mich zu promovieren. Deshalb bin ich sehr glücklich darüber, dass ich das Jurastudium "über mich ergehen ließ" und meine Motivation doch noch wiedergefunden habe. Heute kann ich mich mit Themen außerhalb des engen juristischen Blickwinkels beschäftigen und bin erstaunt, wie viel Interessantes ich tagtäglich über das eigene juristische Rechtssystem lerne. Dasselbe trifft auch auf die Arbeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Großkanzlei zu. Ich wünschte, diese Erfahrungen hätte ich schon im Studium gehabt. Besser geplante juristische Praktika und Zeit für juristische Nebenjobs hätten meine Motivation womöglich schon damals gesteigert.

Fünf Jahre alles aufs Examen

In Zeiten des Bachelor-Master-Systems klingen fünf Jahre Studium ziemlich lang. Wegen des immensen Stoffumfangs vergeht die Zeit jedoch schnell. Selbst wenn man den Studenten die Möglichkeit böte, sich mit ihren präferierten Rechts- und Themengebieten auseinanderzusetzen, nimmt das Staatsexamen so viel Zeit und Energie in Anspruch, dass wohl nur die wenigsten diese Angebote nutzen würden. Eventuell wären Sommerseminare in der vorlesungsfreien Zeit eine interessante Variante, die man sich beispielsweise anstelle der Hausarbeiten anrechnen lassen könnte.

Das Jurastudium ist aktuell eigentlich eine Berufsausbildung. Darauf ausgelegt, so viel Wissen wie möglich für die praktische Anwendung aufzunehmen. Wissenschaftliches Arbeiten ist dabei vorwiegend irrelevant. Das ist sehr schade, da die praktische Herangehensweise zu genüge im Referendariat erlernt und erprobt wird. Der Ruf aus der Praxis ist jedoch laut. Wegen der seit Jahren sinkenden Absolventen mit beiden Examina sind Volljuristen wieder stark gefragt und die Kanzleien wollen praktisch ausgebildete Juristen. Dass das Jurastudium wieder wissenschaftlicher wird, darf man also nicht erwarten.

So bleibt in der heutigen Rechtsausbildung jeder Student, Referendar und Jurist selber in der Pflicht, sich über den Tellerrand seiner Ausbildung hinaus weiterzubilden. Die Rechtswissenschaften sind interessant, breit gefächert und vor allem abwechslungsreich – man muss sie sich allerdings selbst zurechtlegen.

Die Autorin Maja Mascha studierte in Passau und München, bevor es sie zum Referendariat nach Rostock verschlug. Zurzeit ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Großkanzlei in Berlin tätig und promoviert an der Universität Regensburg.

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Zitiervorschlag

Meine Juristenausbildung: Spaß machte es erst im Referendariat . In: Legal Tribune Online, 23.08.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/30493/ (abgerufen am: 17.08.2019 )

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