Nach der Reform ist vor der Reform?: Anwaltsorientierung im Jurastudium

von Dr. jur. Denis Basak

30.06.2015

Die Soldan-Tagung trägt die Überschrift "Anwaltsorientierung im Jurastudium". Dass von den knapp 100 Fachleuten gleichwohl mehr Grundlagenorientierung und Methodenkenntnis gefordert wurden, deutet auf einen Mentalitätswandel. Von Denis Basak.

 

Wer zu einer Soldan-Tagung zur Anwaltsorientierung im Jurastudium anreist, erwartet zunächst eine Klage über deren Fehlen und die falschen Impulse, die durch das Ziel – die Befähigung zum Richteramt – gesetzt würden. Die letzte größere Reform der Juristenausbildung 2002 sollte dem Studium unter anderem eine stärkere Anwaltsorientierung verleihen, die aber in der Lehrpraxis weitgehend in die Zusatzveranstaltungen verschoben werden.

Schon deswegen gäbe es genügend Ansatzpunkte, über Änderungen im Studium nachzudenken, die Studenten stärker an die anwaltliche Tätigkeit heranführen. Auch dies wurde natürlich in Bielefeld besprochen, überraschenderweise aber standen andere Begriffe im Vordergrund. Selbst auf dem ausschließlich mit Anwälten besetzten Abschlusspanel herrschte der Tenor vor, dass eine stabile Wertebasis im Studium sowie die Fähigkeit, sich in neue Materien einzuarbeiten, wichtig seien. "Berufsfertige" Anwälte könne dagegen am Ende der Ausbildung niemand sinnvoll erwarten.

Grundlagenorientierung und Methodenverständnis

Prominente Sprecherinnen und Sprecher wie etwa BGH-Richter Thomas Fischer oder Bundesverfassungsrichterin Susanne Baer brachen eine Lanze für eine stärkere Grundlagenorientierung des Studiums, eine Kürzung der Pflichtstoffkataloge und eine Konzentration auf das Erlernen von Methodenkompetenzen. Offenbar hat das Papier des Wissenschaftsrats zur Juristenausbildung hier Früchte getragen: Die Forderung nach einer Stärkung von Fächern wie Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte oder Rechtspsychologie stieß auf allgemeine Zustimmung, obwohl diese weder im anwaltlichen Alltag eine unmittelbare Rolle spielen noch in der vorherigen Staatsprüfung unmittelbar greifbar umzusetzen wären.

Wichtig sind sie aber für eine Juristenschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, die das Recht kritisch anwendet und ihren Verstand und ihr Wissen eigenständig einsetzt, um Konflikte gerecht zu lösen. Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung ließen sich freilich ganze Curricula kritisch nachprüfen – denn ob die derzeitige Form der Ausbildung sich diesem Lernziel tatsächlich verpflichtet fühlt, darf man wohl bezweifeln. Hier wäre eine Stärkung der Grundlagenfächer sicher ein Gedanke.

Lebenslanges Lernen statt umfassenden Wissens

Ein zweiter, ebenso wichtiger wie folgenreicher Aspekt war die vielfach unterstützte Forderung nach einer Abkehr von kanonischen Fächersammlungen, bei denen von den Studierenden umfassendes Wissen zu fordern sei. Besonders deutlich brachte Baer dies auf den Punkt, die unter dem Stichwort des "entgrenzten Wissens" darlegte, warum die exponentiell anwachsenden Mengen an Gesetzen und Rechtsinformationen, die zudem immer schneller veralten, zu einer Verschiebung der Anforderungen an Absolventen weg von präsenten Wissensbergen und hin zu Selbstlernkompetenzen führen muss. Heutige Jurastudenten müssen lebenslang damit rechnen, sich ständig in neue Materien einzuarbeiten, dementsprechend müsste dies auch die Lehre an den Universitäten abbilden.

Gerade deswegen wollte auch die klare Mehrheit der Anwesenden die breite und offene Ausbildung zum "Einheitsjuristen" beibehalten und eine zu frühe Spezialisierung vermeiden. Damit wendeten sich auch die Standesvertreter der Anwaltschaft explizit von Forderungen früherer Jahre nach einer Spartenausbildung für den Anwaltsberuf ab – der kommende demografische Wandel lässt die Angst vor einer Anwaltsschwemme verblassen. Im Gegenteil wurde schon jetzt die Sorge geäußert, in naher Zukunft könne die Nachwuchsrekrutierung schwierig werden.

Änderungen am Staatsexamen?

Nicht einmal die sonst auf vielen Tagungen heilige Kuh des Staatsexamens blieb unangetastet. Fischers in seiner Zeit-Kolumne geäußerte Generalkritik am Staatsexamen als einer praxisfernen und demütigenden Prüfungsform, die reines Auswendiglernen ohne Verständnis fördere, fand nur leisen Widerspruch. Gleiches galt für die Idee, auch in den Klausuren der Ersten Prüfung Kommentare zuzulassen: Vielstimmige Zustimmung traf hier auf die relativ allein stehende Kritik des Leiters des JPA Hamm.

Stärker in Richtung des eigentlichen Tagungsthemas zielte die unter anderem seitens der Veranstalter vom Institut für Anwalts- und Notarrecht der Universität Bielefeld gestellte Frage, ob man nicht auch rechtsberatende oder -gestaltende Aufgabenstellungen in der Ersten Staatsprüfung stellen könnte, um so einen wirksamen Anreiz für Studierende zu schaffen, sich mit diesen Formen der Rechtsanwendung lernend zu beschäftigen.

Die Erwiderung des Leiters des OLG Hamm zeigte hier ein klassisches Henne-Ei-Problem: Die Prüfungsämter würden dies als Klausur nicht stellen wollen, weil die Studierenden es nicht beherrschen würden und daher katastrophale Ergebnisse zu erwarten wären. Dafür sollten solche Fragen eher in mündlichen Prüfungen erörtert werden. Die Auflösung dieses Dilemmas steht noch aus, eine grundsätzliche methodische Öffnung des Examens wurde jedoch von vielen Besuchern der Konferenz als grundsätzlich wünschenswert empfunden.

Anwaltsorientierung in vorhandenen Strukturen

Vorgestellt wurden aber auch eine Reihe von Projekten und Ideen, wie man Studierenden berufliche Rollenbilder schon im bestehenden Studium näher bringen könne. Das Spektrum reichte dabei von prozessualen Planspielen und Legal Clinics bis zu Expertengesprächen mit Anwälten im Rahmen von Schlüsselqualifikationsveranstaltungen. Getragen wurden diese allerdings überwiegend vom akademischen Mittelbau. Und so gehörte es zu den wenigen Klagen der Tagung, dass diese abgesehen von den anwesenden Referenten kaum Hochschullehrer erreichte. Das freilich könnte auch mit der Terminierung mitten im laufenden Semester zusammenhängen.

So oder so: Aus didaktischer Sicht ist es eine ermutigende Entwicklung, wenn die Diskussion um Veränderungen im Jurastudium nicht (mehr) anhand der Frage möglichst effizienter wirtschaftlicher Verwertbarkeit unmittelbar nach Bestehen des 2. Staatsexamens geführt wird, sondern Grundlagen- und Methodenorientierung und eine Erziehung zum eigenständigen Denken gefordert werden.

Der Autor Dr. Denis Basak forscht und lehrt zu deutschem und internationalem Straf- und Strafprozessrecht sowie Rechtsdidaktik in Frankfurt am Main.

Zitiervorschlag

Denis Basak, Nach der Reform ist vor der Reform?: Anwaltsorientierung im Jurastudium. In: Legal Tribune Online, 30.06.2015, https://www.lto.de/persistent/a_id/16029/ (abgerufen am: 26.09.2017)

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Kommentare
  • 01.07.2015 22:30, Jurist

    Ich bin kein Freund von diesen "In-Bayern-ist-alles-besser"-Sprüchen, aber in diesem Fall muss ich dieser Phrase zu 100% zustimmen. Mich wundert es nicht, dass von der bayerischen Justiz kein Referent zugehen war. Denn Bayern hat bereits seit Jahren die Vorgaben umgesetzt, die die werte Gesellschaft der Soldan-Tagung diskutierten.

    I. Methodenverständnis:

    In § 16 Abs.1 Satz 3 JAPO heißt es:
    "Die Bewerber sollen in der Prüfung zeigen, dass sie das Recht mit Verständnis erfassen und anwenden können und über die hierzu erforderlichen Kenntnisse in den Prüfungsfächern verfügen."

    Die "erforderlichen Kenntnisse" sind gerade das Mittel, um das Verständnis für das Recht zu demonstrieren. Es geht nicht um Wissen. Das wird den Studenten seit Jahren in den Repetitorien und geeigneten Examenskursen (Uni) gepredigt.
    Trotzdem pauken sie das letzte Kaufrechts-Problem bis ins Detail durch, um es dann später mit einem pawlowschen Reflex, in einem vermeintlichen "richtigen" Sachverhalt, dem Korrektor vor die Füße zu kotzen! Nur wer ordentlich subsumieren kann, wird mit anständigen Punkten entlohnt. Etwas zu wissen ist doch viel zu einfach! Etwas zu verstehen und dann ansprechend darzustellen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen.

    2.Rechtsberatende oder -gestaltende Aufgabenstellungen in der Ersten Staatsprüfung

    In § 28 Abs 2 Satz 4 JAPO heißt es: "Mindestens eine der Aufgaben soll auch rechtsgestaltende oder rechtsberatende Fragen zum Gegenstand haben."
    Und es bleibt in den meisten Fällen nicht bei einer Aufgabe. Der LJPA hat bereits vor Jahren in den Prüfungsausschüssen die Bedeutung dieser Aufgaben erkannt und sie als erforderlich für die Ausbildung qualifiziert.
    Umso wichtiger sind diese Klausurtypen in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung. Kandidaten (ZJS) anderer Bundesländer wissen nicht einmal, was "Kautelar" überhaupt bedeutet. Sie schlagen es ziemlich verwundert auf wikipedia.de nach.

    3. Grundlagenorientierung
    In § 18 Abs.1 Satz 1 JAPO heißt es:"... Staatsprüfung erstreckt sich auf die Pflichtfächer mit ihren geschichtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, rechtsphilosophischen und europarechtlichen Grundlagen."
    In den Universitäten gehören die Grundlagenfächer zur Zwischenprüfung. Darüber hinaus wird gelegentlich in der Staatsprüfung, ein Aufsatz (20% der Klausur) vom Prüfling aus den o.g. Bereichen verlangt (z. B. Schwächen des Deliktsrechts, Vergleich der Kreditsicherungsmittel, Wettlauf der Sicherungsgeber etc.). Außerdem: Ohne das Verständnis für gesellschaftliche und politische Belange, kann das Recht nicht erfasst werden. Das Recht ist ein Werkzeug für die Politik, um auf veränderte Lebenssachverhalte angemessen zu reagieren. Wer das nur isoliert, ohne diese Bezüge lernt, wird das Recht nicht verstehen.

    4. Fazit:
    Seit Jahren wird auf die bayerische Justiz eingedroschen, weil diese bigott und altgestrig wäre.Dabei ist das paradoxe, dass gerade diese "konservativen", "weißbiersaufenden", "lederhosentragenden" Juristen, eine zeitgemäße und anspruchsvolle Ausbildung anbieten.

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    • 02.07.2015 12:21, Denis Basak

      Dann ist in Bayern ja alles gut. Thomas Fischer, der in Bielefeld wohl deutlichste Kritiker an der fehlenden Grundlagenorientierung, hat zumindest seine Wurzeln in der bayerischen Justiz.

      Ähnliche Formulierungen wie in der bayerrischen JAPO zur Grundlagenorientierung finden Sie überigens auch in anderen Bundesländern. Trotzdem wird das Examen von praktisch allen Beteiligten (auch in Bayern, wie mir zahlreiche Gesprächspartner vermitteln) als keineswegs grundlagenorientiert empfunden - eine Themenfrage zu einer spezifischen Frage macht ja auch keine Grundlagenorientierung aus.

      Was das Methodenverständnis angeht: Offenbar gelingt es Universitäten eben nicht hinreichend, Studierenden in der Breite deutlich zu machen, dass Kompetenzen in diesem Feld eine erfolgversprechende Strategie zur Bewältigung der an sie gerichteten Anforderungen in Prüfungen darstellen. Wenn man sich Lösungshinweise zu Examensklausuren ansieht, weiß man auch schnell, warum dies nicht flächendeckend gelingt. Hierauf ein stärkeres Augenmerk zu richten als auf die umfassend zu bewältigende Stoffmenge, stünde auch den Lehrenden gut an - sicher auch in Bayern.

  • 02.07.2015 12:27, Lionel Hutz

    Naja, das liest sich aber auch besser als es in der Praxis ist. Mein (bayerisches) 2. Staatsexamen ist zwar 15 Jahre her, aber so viel hat sich da wohl auch nicht geändert, wenn ich mit heutigen Absolventen spreche.

    1. Das Methodenverständnis stand damals schon so oder so ähnlich in der JAPO, sinnvoll vermittelt wurde dies nie. Die "Hemmer-Methode" des Stichwort im Sachverhalt suchen und passenden Karteikarteninhalt kontextlos abspulen, ist nämlich gerade keine. Ich habe immer gesagt, dass man vollbefriedigend mit viel Methodenkompetenz und wenig Lernen oder viel Lernen und wenig Methodenkompetenz hinkriegen kann (und gut oder besser die Kombination aus beiden sind). Ich behaupte, dass ich das für mich im ersten Sinne gut hingekriegt habe, bin aber erschreckt wie viele vollbefriedigende Kollegen auf die Welt losgelassen wurden, die das eher mit viel Fleiß und wenig Verständnis gelöst haben.

    2.+3.: Die so genannte Märchenklausur war damals schon unter Komillitonen gefürchtet. Ich fand den Besinnungsaufsatz als Aufgabe aber ganz nett und denen, die nie einen vernünftigen Obersatz zustande brachten, kam das auch entgegen. Die Versuche auch anwaltlicher Fragestellungen sind gut gemeint, aber schwierig umzusetzen. Einmal passt das 5h-Format nicht gut für solche Themen, da man häufig für eine realistische und eexamenswürdige Problemstellung häufig mehr Zeit bräuchte und für Relaitätsnähe insbesondere eine unstruktuerte und elliptische Sachverhaltsdarstellung mit Nachfragenotwendigkeit aufgearbeitet werden müsste. Kautelarische Themen dürften auch die Korrekturpraxis vor große Herausforderungen stellen, da der kreative Kandidat vielleicht ganz andere Vorschläge macht, als der Aufgabensteller in seiner Lösungsskizze vor Augen hatte. Selbst wenn die Korrektoren sich mal von den Lösungsskizzen lösen wollen, dürfte eine einheitliche Beurteilung dennoch schwierig werden.

    4. Dass die bayerische Justizausbildung ziemlich führend ist, ist wohl schwer zu bestreiten. Leider steht aber zu befürchten, dass die bayerische Justiz so eingenommen von sich ist, dass man vor lauter Schulterklopfen nicht mehr zu Verbesserungen kommt. Bekanntlich hat aber auch das Gute einen Feind, nämlich das Bessere.

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    • 02.07.2015 15:21, Leguleius

      Schöne substantiierte Replik auf die bayerische Selbstherrlichkeit.

      Meiner unmaßgeblichen Meinung nach stellt der Prüfungsmodus die größte Hürde dar, um die seit jeher und immer wieder aufs Neue gepriesenen Grundlagen- und Verständniskompetenzen abprüfen zu können. Eine fünfstündige Klausur - ganz gleich, ob mit anwaltlichem, kautelarischem oder prosaischem Einschlag - ist eben nur arg eingeschränkt geeignet, die gefragten Kompetenzen abzuprüfen.
      In wahrscheinlich jeder zweiten Anwaltsklausur im Assessorexamen würde jeder zweite Anwalt mit Sicherheit nicht so vorgehen, wie es der Prüfervermerk vorschlägt. In jeder Anwaltsklausur bleiben Fragen offen, die ein ordentlich arbeitender Anwalt noch in einem persönlichen Gespräch oder sonstwie klären würde - alles in einer Klausursituation nicht darstellbar. Genauso lächerlich und entlarvend sind die Bearbeitervermerke - welcher Praktiker schreibt Hilfsgutachten, wenn er eine Klage für unzulässig hält? Wer prüft in einem strafrechtlichen Revisionsgutachten umfassend (!) die Strafbarkeit aufgrund der getroffenen Feststellungen, natürlich ohne die rechtliche Würdigung des Instanzgerichts zu lesen, die ja in Klausuren geschwärzt ist? Wer setzt sich in Aufsatzform mit einer Problematik auseinander (Schwächen des Deliktsrechts, Wettlauf der Sicherungsgeber), ohne in die Bibliothek zu gehen? Wer gibt nach genau (!) fünf Stunden eine Anklage zur Post, die er nicht hat fertigstellen können? Wer sitzt um punkt 9 Uhr am Schreibtisch und arbeitet - ohne Mittagspause - bis 14 Uhr durch, wenn er ein hungriger Nachtmensch ist? Wer arbeitet, ohne seine erfahrenen Kollegen um Rat fragen zu dürfen?

      Das relativ starre Raster, das eine Klausursituation mit sich bringt, ist sicher erforderlich, um halbwegs gleiche Bewertungsmaßstäbe gewährleisten zu können. Aber der Preis dafür ist eben, dass man in einem solchen Raster nicht alles abprüfen kann. Eine praktische Tätigkeit wird nicht dadurch simuliert, dass man sie so bezeichnet.

      Kreativität im Rahmen des Vertretbaren (was ja bei Juristen ein sehr, sehr weites Feld ist) kann sich kein Student, geschweige denn Referendar im Examen trauen. Wer an den - nur selten genießbaren - ach so unverbindlichen, aber dennoch streng geheimen Prüfervermerken vorbeischreibt, läuft immer Gefahr, eine schlechte Bewertung zu kassieren. Ein guter Lösungsweg, der von der Musterlösung weit weg ist, hat es sehr schwer, und daher werden auch die wirklich guten Studenten und Referendare in den Opportunismus getrieben. Schreibt das, von dem Ihr glaubt, es werde von Euch erwartet - etwas anderes kann kein verantwortungsbewusster Dozent, egal ob Professor, Wiss.-Mit., Repetitor oder Ref-AG-Leiter, seinen Schützlingen raten. Man kann in der Vorlesung, im Seminar oder in der AG wunderbar über vieles diskutieren und merkt dabei ganz gut, ob jemand Verständnis, Interesse und Begabung von, an und für Juristerei hat. In Klausurbewertungen spiegelt sich aber regelmäßig nur wieder, ob jemand der Erwartungshaltung entspricht.

      Die mündliche Prüfung mit samt dem Aktenvortrag ist da schon eher geeignet, die geforderten Kompetenzen abzuprüfen, steht aber natürlich immer unter dem Eindruck der bis dahin bekannten Klausurnoten. Vielleicht wäre eine Entkoppelung ein sinnvoller Ansatz. Dann könnte man die mündliche Prüfung auch zeitnahe nach den Klausuren erbringen und ist nicht nach ein paar Monaten wieder gezwungen, alles "aufzufrischen".

    • 02.07.2015 17:41, Jurist

      Zu 1: Sie scheinen die "hemmer-Methode" nicht verstanden zu haben. Es geht nicht um den Abruf von Wissen an einer Stelle, sondern um die verständliche Darstellung eine Problems in EIGENEN WORTEN. Es ist niemanden geholfen, wenn Sie Hauptkurs-Unterlagen auswendig lernen für das Examen. Das war auch nicht Ziel von hemmer. Sollten Sie in einem Buchladen zufällig sein, dann gehen Sie zum Bereich "Recht" , soweit vorhanden, und nehmen sich ein großes hemmer-Skript. Dann lesen Sie mal die letzten Seiten. Hemmer geht es nicht um Wissensreproduktion.
      Das Sie persönlich den Eindruck, dass Kollegen kein vb verdient hätten, bleibt eine Einschätzung, die nicht überprüft werden kann. Vielleicht ist auch nur der Standard-Überheblichkeit von Juristen geschuldet. ;-)

      Zu 2+3:Zur Zeitnot möchte ich Ihnen sagen, dass es sich um ein allgemeines Problem aller Kandidaten handelt. Leistung ist eben Arbeit / Zeit. Und das es Kandidaten gibt, die auch in diesem Bereich exzellente Ergebnisse erzielen, zeigt mir, dass eine ordentliche Klausur nicht unmöglich ist.
      Kreative Lösungen sind gerade gewollt! In der Kautelarklausur geht es um das antizipieren von Problemen. Sie schreiben ein Gutachten für den Mandaten. Sie müssen nichts mehr nachfragen, da Sie offene Punkte in ihrem Gutachten ausführen und dem Mandanten auf Gefahren hinweisen. Einfaches Beispiel: Ehegatten möchten ein Erbvertrag errichten. Auch wenn die Ehegatten im Gespräch nichts zu Scheidung/Wiederverheiratung gesagt haben, muss dies für eine ordentlich Klausur angesprochen werden. Die Kautelarklausuren korrigieren in Bayern grundsätzlich Notare bzw. Notarassessoren. Diese sind für kreative Lösungen aufgeschlossen. Die Lösungsskizze ist nur ein unverbindlicher Lösungsvorschlag (vgl. oben)

      Zu 4: Die Ausbildung in Bayern ist deswegen so gut, weil gerade die aktuelle Ausbildung fortlaufend überprüft wird. Auch in Bayern erscheint einem nicht der heilige Geist und klärt über Misstände in der Ausbildung auf. Die schärfsten Kritiker der Ausbildung sitzen gerade nicht in diesen Tagungen, sondern in München beim LJPA.

  • 02.07.2015 17:18, Jurist

    @Basak: Es ist natürlich ein Leichtes zu behaupten, dass viel zu wenig für die Grundlagenorientierung getan wird. Substantiiert wäre es gewesen, wenn Sie formuliert hätten, warum die bisherigen Lehrveranstaltungen nicht zielführend sind.
    Eine Zwischenprüfungsklausur aus dem Bereich ist m.E. völlig ausreichend. Mehr braucht es auch nicht, weil die Grundlagenorientierung ein Teil des ganzen Studiums ist. Indem der Kandidat bei der Subsumtion die Norm nach dem Wortlaut und besonders nach dem Sinn und Zweck hinterfragt, betreibt der Prüfling unbeabsichtigt Grundlagenlehre. Der Sinn und Zweck einer Norm korreliert evident mit seiner Verfassungsgeschichte, den gesellschaftlichen Veränderungen und historischen Zusammenhängen.

    Herr Prof. Dr. Fischer ist ein bedeutender Jurist- keine Frage. Er möchte durch Kontroversen einen Veränderungsprozess bewirken. Dies führt dazu, dass er oft mit der Pumpgun auf ein Themengebiet schießt ("Jura ist leicht"), anstatt dezidiert die Missstände zu beleuchten. Dies trifft auch auf die Grundlagenlehre zu.

    Keine Frage, die universitäre Vorbereitung ist mehrheitlich nicht geeignet für eine angemessene Vorbereitung. Oft höre ich Kritik von Absolventen, dass der Gang zum privaten Repetitor eine "Abzocke" sei und man sich mit der Universität ordentlich vorbereiten können. In an allen mir bekannten Fällen, haben "Überflieger" ("sehr gut" und "gut") derartige Ansichten. Verständlich,dass dieser sehr talentierte Prozentsatz der Studierenden keinen Repetitor braucht. Gut für ihn, aber eine böse Schelte gegen die restlichen Studierenden, die um das Bestehen kämpfen oder für ein hart erkämpftes vb.

    Ich kenne die Lösungsskizzen der Prüfungsämter. Sie stellen lediglich einen Lösungsvorschlag dar. Wäre er verbindlich, so würde es gegen das Beurteilungsermessen des Korrektors verstoßen.
    Ich kann Ihnen zahlreiche Beispiele anführen, dass ein unorthodoxer Weg nicht notwendigerweise falsch sein muss. Im Gegenteil. Als Korrektor sind solche Lösungen ein Festmahl. An solche Klausuren erinnert man sich gerne zurück und kennt kein Limit nach oben. Sie haben sicherlich Korrekturerfahrung und können das nachvollziehen. Jura bedingt keinen schematischen Lösungsweg. Es ist ihm sogar zuwider.

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    • 04.07.2015 15:20, Denis Basak

      Mir war nicht bewusst, dass hier Sachvortrag zu substantiieren wäre. Ich könnte dies für die zumindest nicht durchgängig ausreichende Grundlagenorientierung gerne tun, das wäre dann aber ein längerer Text. Fürs Erste sei hier noch einmal auf das Papier des Wissenschaftsrates zu den Perspektiven der Rechtswissenschaft verwiesen: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2558-12.pdf - ganz neu ist der Gedanke an Defizite in diesem Bereich nicht, und eine Vorlesung über römisches Recht samt dazugehöriger Klausur (das genügt an vielen Unis für den "Grundlagenschein" und die Zwischenprüfung) vermittelt eben kein hinreichendes Wissen und vor allem keinen hinreichenden Kontext für eine interdisziplinär abgesicherte und sich ihrer geschichtlichen, philosophischen, soziologischen und psychologischen Grundlagen bewussten Rechtsanwendung. Natürlich wären genau diese für eine reflektierte Auslegung von Normen nach ihrem Sinn und Zweck nötig, aber dass die Mehrzahl der Studierenden dazu in der Lage wäre, halte ich für bestenfalls Wunschdenken. Es geht eben um die tatsächliche Einbeziehung eben dieser Grundlagen auch in die grundständige Lehre der einzelnen Rechtsgebiete. Dass es hier Defizite gibt erscheint mir kaum streitig.

      Hier setzt auch eine der Kritiken an der Staatsprüfung an, denn die Art der Aufgabenstellungen ebenso wie die Lösungshinweise zielen in der Breite auf abfragbares Rechtswissen und nicht auf wissenschaftliche Reflexion. Natürlich sind diese Lösungshinweise immer unverbindlich, aber zumindest meiner Prüfungserfahrung nach ist die Bereitschaft, Abweichungen von einer Lösungsskizze zu akzeptieren, bei Prüfern sehr unterschiedlich stark ausgeprägt, weswegen der Einfluss der vorgegebenen Lösungshinweise auf die tatsächliche Korrektur sehr erheblich ist - auch dies scheint mir nicht sinnvoll in Frage zu stellen zu sein. Natürlich freute ich mich auch über eine wirklich gut begründete Klausur auch dann, wenn sie nicht ganz den vorgeschlagenen Lösungsweg trifft, aber ich habe es auch nicht selten erlebt, dass Korrekturverantwortliche die Anstrengung, einem solchen Weg gedanklich wirklich zu folgen, nicht mitgehen wollen und eher kurzschlüssig verwerfen, was so nicht vorgesehen war. Oder auf das Fehlen von Problemen hinweisen, deren Nichtprüfung zwingende Konsequenz eines alternativen Lösungsweges ist.

      Dass eine universitäre Examensvorbereitung nur etwas für Überflieger sei, ist inzwischen angesichts sehr anspruchsvoller Unirep-Programme an sehr vielen Unis schlicht überholt. Etwa die Uni Passau ist hier en Vorreiter, wo der Unirep sehr erfolgreich auch die Masse der Studierenden begleitet, ohne dass dies zu schlechteren Examensergebnissen geführt hätte. Das Problem solcher Repetitorien bleibt aber, dass sie auf eine extern durch das JPA verantwortete Prüfung vorbereiten und damit Lehre und Prüfung keine Einheit bilden. Viele halten dies für ein Qualitätsmerkmal des Staatsexamens, aus didaktischer Sicht führt es aber zu erheblichen Problemen, die in der von Prof. Baer als "Prüfung als Damoklesschwert" bezeichneten Lage münden, in der Studierende eben der gesamten vorherigen universitären Ausbildung nicht mehr vertrauen (können) und angstbeladen und stoffüberladen versuchen, sich irgendwie auf sechs Klausuren vorzubereiten, deren Ausgang allein über Erfolg oder Misserfolg ihres vier- bis sechsjährigen Studiums entscheiden.

      Fazit: Es ist nicht alles gut in der Juristenausbildung - auch nicht in Bayern.

  • 02.07.2015 19:27, Jurist

    @Leguleius: Sie scheinen hin und her gerissen zu sein, was diese Thematik betrifft. Einerseits sprechen Sie dem ZJS die Praxistauglichkeit ab, aber andererseits halten Sie es doch für erforderlich, um die Kandidaten entsprechend zu selektieren. Kein guter AG-Leiter behauptet im Einführungslehrgang, dass die Klausuren die Realität wiederspiegeln sollen. Darum geht es nicht. Das ZJS ist eine Twitter-Klausur. Sie steht zwischen Praxis und Wissenschaft. Ziel dieser Prüfung ist die Leistungsfähigkeit der Kandidaten einzuschätzen. Natürlich kommt jeder irgendwann nach einigen Stunden oder sogar nach mehreren Tagen zu einer ordentlichen Klausur. Das wissen auch alle Verantwortlichen. Es geht bei der Prüfung, um eine gewisse Arbeitsweise abzuprüfen. Derjenige, der sich schnell in einen Sachverhalt einliest und angemessene Lösung präsentiert, zeigt dass er in guter Jurist ist. Genau diese Arbeitsweise ist in der Justiz oder Großkanzlei gefragt. Auch wenn Sie ein selbständiger oder angestellter Rechtsanwalt in einer mittelgroßen Kanzlei sind, ist es von Vorteil schnell und effizient mit einem Fall fertig werden. Sie können die freie Zeit nutzen um einen weiteren Fall zu bearbeiten oder haben Zeit für Ihre Familie o.Ä.

    Es ist jedoch richtig, dass im ZJS Kreativität (bis auf die Kautelarklausur) eher weniger gefragt ist. Der Spielraum hierfür ist sehr begrenzt. "Verrückte Lösungen" können zwar gut sein, aber werden nicht als praxistauglich erwartet. Hier kann die Justiz schon etwas offener werden.

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    • 03.07.2015 10:42, Leguleius

      Ich bin nicht wirklich zwiegespalten. Ich glaube, man kann im Rahmen einer Klausur gewisse Kompetenzen einfach nicht sinnvoll abprüfen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man über irgendwelche Reformen nachdenkt.

      Eine kritische, halbwegs wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer juristischen Problematik kann man viel besser in Rahmen etwa einer Seminararbeit abprüfen. Das ist natürlich täuschungsanfälliger und korrekturintensiver als eine Klausur. Die dort gestellten Anforderungen kann man auf eine Klausur nicht sinnvoll übertragen. Wenn man in einer Stunde Bearbeitungszeit (20 %) ohne jegliches Hilfsmittel einen kleinen Aufsatz schreiben soll, ist das keine "kleine Seminararbeit", weil mir die erforderlichen Hilfsmittel (Bedenkzeit und Literatur) fehlen.

      In einer Anwaltsklausur kann man - wie schon angesprochen - die erste Aufgabe des Anwalts, nämlich den Sachverhalt durch Filtern und Nachfragen halbwegs zu strukturieren, nicht sinnvoll abprüfen. Im ersten Examen gar nicht, im zweiten Examen nur arg eingeschränkt. Man kann ja keine Rücksprache mit dem Mandanten in einer Klausur simulieren.

      Wenn man also andere Kompetenzen abprüfen will, muss man - wenigstens auch - in Erwägung ziehen, das Prüfungsformat zu ändern. Will man uneingeschränkt an den Klausuren festhalten, weil sie wenig täuschungsanfällig und im Vergleich zu anderen Formaten wenig korrekturintensiv sind, so muss man mit den damit verbundenen Schwächen leben, diese dann aber auch offen kommunizieren: Tiefergehendes Verständnis, Kreativität und starker Praxisbezug lassen sich in einer Klausur kaum abprüfen. Wer das für unbefriedigend hält, der muss dieses Prüfungsformat überdenken, sich aber bewusst sein, dass jedes andere Format teurer und aufwändiger ist.
      Die vorwiegend von (L)JPA-Vertretern verbreitete Illusion, das Examen sei ach so grundlagen- und verständnisorientiert, überdies praxisbezogen und ganz objektiv, halte ich demgegenüber für eine Mischung aus Selbsttäuschung und Rechtfertigungsreflex.

  • 04.07.2015 22:52, Jurist

    @Basak:

    Zunächst danke für Ihre Ausführungen.

    Ich finde es zunächst etwas traurig, dass Sie auch zu diesen "Studenten-Bashern" gehören. Sie ersticken jede Diskussion, wenn Sie behaupten, dass die Studierenden nicht in der Lage sind, die Zusammenhänge bei der Auslegung zu verstehen.
    Es ist auch nicht richtig, dass die Grundlagen (geschichtlichen, philosophischen, soziologischen und psychologischen Grundlagen) nicht Teil der Vorbereitungen sind. In jeder Grundkurs-Vorlesung, in jeder Universität, wird zu Beginn, die Grundlagen erörtert. Das macht keinen Unterschied, ob das im Öffentlich-Recht, Zivilrecht oder Strafrecht ist. Teilweise werden in Abschlussklausuren, neben dem Gutachten, auch ein Frage-Teil eingebaut. Hier bietet sich die Prüfung der Grundlagen an. Wie Sie sehen, gibt es bereits "Häppchen" für die Studierenden, um eine ordentliche Grundlagenlehre zu gestalten. Ob der Student auch "zubeißt" hängt ganz von ihm allein ab.

    Da Sie aus Hessen kommen, kann ich nur von bayerischen Erfahrungen berichten. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu Beginn der 1990er Jahre, ist eine vertretbare Lösung nicht per se falsch, wenn Sie nachvollziehbar dogmatisch belegt ist. Ein Korrektor, der in der Staatsprüfung, eine vertretbare Lösung als falsch bewertet, weil sie von der Standardlösung abweicht, kann hierfür nicht mehr sein Beurteilungsermessen anführen. In irgendwelchen Scheinklausuren mag das noch der Fall sein, aber nicht mehr in der Staatsprüfung. Es wird mittlerweile penibel darauf geachtet, dass die Klausuren "gerichtsfest" korrigiert werden. Das hat auch mit dem Notendruck der heutigen Absolventen zu tun. Es werden schließlich Lebenschancen vergeben.
    Ihre Argumentation ist hier brüchig.

    In Passau mag das der Fall sein. Ich habe das auch schon gehört. Es bildet jedoch eine Ausnahme. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn das Passauer-Modell andere Universitäten übernehmen würden. Dies hängt sicherlich auch mit dem Klientel der Studierenden und dem Selbstbild der Universität zusammen. In der restlichen bayerischen Universitäten ist keine vergleichbare Vorbereitung möglich.
    Richtig aber ist, dass diese innere Zerrissenheit der Ausbildung, ein grundlegendes Problem darstellt. Dieses Thema hat einen Bart, der länger ist als der von Gandalf.
    Dies können Sie bestimmt auf der nächsten Soldan-Tagung ausführlich diskutieren. Der Kommentarbereich geeignet sich hierfür nicht.

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    • 06.07.2015 14:00, Denis Basak

      Eigentlich wollte ich ja Ihrem Rat folgen und diese Debatte nicht in der Kommentarliste weiterführen, aber den Vorwurf des "Studenten-Bashers" kann ich dann doch nicht unkommentiert stehen lassen, weil er auf einem fundamentalen Missverständnis beruht. Wenn ich behaupte, nur viele Studierende seien nicht in der Lage, "eine interdisziplinär abgesicherte und sich ihrer geschichtlichen, philosophischen, soziologischen und psychologischen Grundlagen bewussten Rechtsanwendung" so umzusetzen, dass sie "bei der Subsumtion die Norm nach dem Wortlaut und besonders nach dem Sinn und Zweck hinterfrag[en]" (Zitat von Ihnen), ist das nicht als Vorwurf an die Studierenden gemeint. "Der Sinn und Zweck einer Norm korreliert evident mit seiner Verfassungsgeschichte, den gesellschaftlichen Veränderungen und historischen Zusammenhängen." (ebenfalls Zitat von Ihnen) - einverstanden. Die im Jurastudium jedenfalls ganz überwiegende den Studierenden als erfolgversprechende Strategie zur Bearbeitung speziell von Klausuren verkaufte Lern- und Arbeitsweise korrelliert aber eben nicht mit diesem Anspruch. Vielmehr haben die meisten - meiner Erfahrung nach auch bayerischen - Studierenden das Bild, sie müssten Standardprobleme im Fall wiedererkennen und für diese die herkömmlichen Schlagworte liefern, um erfolgreich zu sein. Genau dafür müssen dann eben immense Wissensberge aufgehäuft werden, um alle Probleme und die dazugehörigen Schlagworte parat zu haben.

      Der Twist ist, dass dieses m.E. falsche Bild einer sinnvollen Arbeitsmethode etwas ist, dass nicht durch Böswilligkeit oder gar Dummheit der Studierenden entsteht, sondern durch eben die universitäre Lehre, die doch eigentlich angeblich ganz andere Ziele hat. Der Vorwurf geht also nicht an die Studierenden, sondern an die Lehrenden. In dieser Hinsicht scheint es zumindest nach Gesprächen mit Kollegen aus Passau, aber auch München, Augsburg, Bayreuth und Würzburg, durchaus auch in Bayern ein wachsendes Problembewusstsein zu geben.

      "Wie Sie sehen, gibt es bereits "Häppchen" für die Studierenden, um eine ordentliche Grundlagenlehre zu gestalten. Ob der Student auch "zubeißt" hängt ganz von ihm allein ab." (Zitat von Ihnen). Mein Bild wäre: Häppchen reichen eben nicht, und wenn der Befund ist, dass die Studierenden nicht etwa nur vereinzelt auf das Zubeißen verzichten, sondern zumindest so flächendeckend, dass wie gesagt neben den Tagungsteilnehmern in Bielefeld auch der Wissenschaftsrat Bedenken anmelden, haben eben nicht die Studierenden versagt, sondern die Lehre.

      Vielleicht liege ich tatsächlich völlig falsch und Bayern ist die gepriesene Insel der Glücksseligen, auf der in Gesetzen formulierte Ansprüche automatisch dazu führen, dass diese auch erfüllt werden und die Studierenden entweder alle viel genialer sind als im Rest der Republik oder eben selbst dran schuld. Vielleicht ist ein "alles ist doch in Ordnung !" aber auch einfach nur der härteste Gegner für jeden, der dies nicht so sieht und deswegen etwas verändern möchte - wie auch eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen auch an bayerischen Hochschulen. 30,88% der Kandidatinnen und Kandidaten der bayerischen Pflichtfachprüfung 2014 (https://www.justiz.bayern.de/media/pdf/ljpa/jahresberichte_mit_statistiken/bericht_2014.pdf) sind im Ergebnis eher nicht der Meinung, alles sei zum Besten gelaufen. Sind die automatisch alle selbst schuld ? Oder ist eine solche Zahl ein Grund, auch die eigene Lehrpraxis auf den Prüfstand zu stellen ? Ich habe dazu eine Meinung, und die besteht nicht in "Studenten-Bashing".

  • 05.07.2015 16:22, metalking77

    @ Jurist
    " Es wird mittlerweile penibel darauf geachtet, dass die Klausuren "gerichtsfest" korrigiert werden. "
    orgabe
    Kann ich nicht bestätigen. In meine 2 Ex habe ich eine Klausur geschrieben, die vom Referenten des Ministers geprüft wurde, der einen entsprechenden Sachverhalt gerade zur Bearbeitung hatte (Papierentsorgung in blauer Tonne). Ich habe gegen die Ministerialvorgabe votiert, was mir 3 Punkte eingebracht hat. 6 Monate später hat das Bundesverwaltungsgericht so entschieden, wie ich votiert hatte. Muss ich schlauer sein als ein Bundesgericht? Nur weil dem Prüfer meine Argumentatiotn (die auch betriebswirtschaftlich und haushaltsrechtlich fundiert war) wurde ich runter gestuft.

    Dann noch etwas zur Grundlagenorientierung. Diese halte ich für sehr wichtigt. Wichtiger wäre aber mehr Lebenserfahrung. Juristen sollte man allesamt ein Jahr in eine Hauptschule, forensische Klinik, Altenheim oder sonstige soziale Einrichtung stecken, bevor man die Polokragenhochklapp- und Perlenkettenträgerfraktion als Richter etc. auf die Menschheit loslässt.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 05.07.2015 19:00, Laser

    @Jurist:
    Schade, daß Sie die Diskussion hier aus dem Kommentarbereich raushalten wollen (zumal Sie sich ja selbst daran beteiligen ...).
    Daß Basak die Studenten bashe, scheint mir ein Mißverständnis. Man tut wohl den Studierenden der Rechtswissenschaft kein schweres unrecht, wenn man feststellt, daß nicht sich alle für philosophische Grundlagen ihres Fachs begeistern. Ist halt für eine Reihe Leute schlicht ein Verlegenheitsstudium.
    Die Mehrzahl der Studierenden mag zu einer (wünschenswerten, sinnvolen und letztendlich auch erforderlichen) vertieften Befassung mit den Grundlagenthemen in der Lage sein (geschenkt!), ist dazu aber eher nicht willens. Was wenn schon nicht ausschließlich, so doch maßgeblich daran liegen dürfte, daß sich das für die Prüfung nicht (oder nur wenig) lohnt. So lange das so ist, kann man an der Hochschule die attraktivsten Angebote machen - sie werden nur von wenigen Leuten wahrgenommen werden.
    Damit sind aber kein bißchen die Studenten gebasht. Das benennt eine Schwäche des gesamten Ausbildungs- und Prüfungskonzepts, die - Bart hin, Gandalf her - trotz jahrhundertelanger Reformdebatte bislang nicht behoben ist. Die eine oder andere Themenfrage am Rande einer Klausur ändert das leider nicht.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 05.07.2015 19:46, Jurist

      Ich habe mich zur Thematik der Staatsprüfung nicht eingelassen. Eine Beteiligung meinerseits liegt nicht vor.

      Ihr Kommentar ist teilweise genauso eigentümlich, wie der von Herrn Basak. Einerseits wird kritisiert, dass zu wenig Grundlagenorientierung von den Universitäten betrieben wird, aber andererseits wird bemängelt, dass die Studierenden keinen Willen haben für derartige Elemente im Studium. Wenn Sie alle meinen, dass die Studierenden nicht geeignet sind bzw. kein Interesse an Grundlagenlehre haben, dann braucht es keine Ausweitung der Grundlagen. Wozu auch, wenn der Studierende nichts darauf gibt? Diskussion erledigt.
      Sie drehen sich alle im Kreis.

    • 05.07.2015 19:52, Laser

      @Jurist:
      Jetzt wird mir das erst klar: Wir drehen uns im Kreis. Seit Jahren. Alle. Diskussion erledigt.
      Danke!
      Wie gut, daß wir den Juristen haben...!

  • 05.07.2015 19:57, Jurist

    @Laser:
    Ja, wenn der Empfänger (Student) nach Ihrem Duktus nicht in der Lage, die Grundlagen zu verstehen, warum soll ich dann das Angebot (Grundlagenlehre) erweitern. Sie haben mit Ihrer eigenen Argumentation, Ihr argumentatives Grab geschaufelt.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 05.07.2015 20:01, Laser

      @Jurist: Wollen Sie die Kommentare vielleicht einfach noch mal lesen? Das Problem ist nicht "nicht fähig", sondern meist "nicht willens". Letzteres kann man ändern. Jedenfalls kann man es versuchen. Oder?
      Grüße ausm Grab!
      Laser

  • 05.07.2015 20:08, Jurist

    Kommentar Basak: "Natürlich wären genau diese für eine reflektierte Auslegung von Normen nach ihrem Sinn und Zweck nötig, aber dass die Mehrzahl der Studierenden dazu in der Lage wäre, halte ich für bestenfalls Wunschdenken."

    Kennen Sie noch die Flüsterpost? Eine mündliche Nachricht wird mehrfach weitergeben und kommt unrichtig beim Empfänger an.
    Sie haben den Post von Herrn Basak schlicht falsch gelesen. Er sagte..."in der Lage..." , nicht willens.
    So genau wie ein Laser sind Sie nicht gerade. ;-)
    Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie es aus dem Grab geschafft haben.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 05.07.2015 20:26, Laser

      Sie haben meinen Post nicht gelesen. Macht nix. Nicht lesen schadt nix.

  • 13.07.2015 11:33, Jurist

    @Basak:
    Sie vollziehen in Ihren Ausführungen einen beachtlichen U-Turn. Ein fundamentales Missverständnis in Ihren Worten vermag auch der kritische Leser nicht zu erkennen, wenn Sie von "in der Lage", also den Fähigkeiten des Studenten sprechen. Dass hier eine Kritik an der Lehre deutlich werden soll, entschließt sich anscheinend nur Ihnen. Ihre Aussage ist auch nicht aus dem Kontext gerissen.
    Sie wollen die universitäre Lehre verbessern. Sie können sogar gestalten als Mitarbeiter einer Universität! Just do it! Dann müssen viele nicht zum besseren Repetitorium zu hemmer & Co. gehen, die die Grundlagen bei vielen erst schaffen müssen.

    Viele Häppchen (Öffentliches Recht, Zivilrecht und Strafrecht) ergeben ein ordentliches Gericht. Ihre Argumentation erinnert mich komischerweise an Umweltschützer. Diese verlangen mehr Umweltschutz, aber können nicht formulieren, welche Maßnahmen geeignet sind bzw. warum im konkreten Fall wir das brauchen. Ist ein bequeme Position, immer zu behaupten, es muss irgendwo mehr getan werden. Genauso verhält sich mit Allgemeinplätzen wie " das muss die Gesellschaft lösen." Ihr Duktus: "Das muss die Lehre lösen."

    Die Lehre und die Prüfungen müssen sich den veränderten Bedingungen ständig anpassen. Ich plädiere nicht für den status quo. Das widerstrebt der Juristerei insgesamt.
    Die angegeben Durchfallquoten sind in der Tat unerfreulich. Aber den Universitäten und Prüfungsämtern eine große Schuld zuzuschieben ist nicht sachgerecht. Das Rechtsstudium ist ein freies Studium. Jeder hat es in der Hand , sein Studium erfolgreich abzuschließen. Es ist gerade keine Schule mehr, wo ich minderjährige Personen zum Lernen und zielorientierten Arbeiten anhalten muss.Ich denke, diese Denkart, zeugt von einem fundamentales Missverständnis.
    Natürlich könnte ich als Universität, die Daumenschrauben zu Beginn des Studiums anziehen und so viel früher selektieren, damit die Durchfallquote am Ende nicht so hoch ist. Das geht aber de facto nur innerhalb der Zwischenprüfung. Alle anderen Prüfungen sind unendlich wiederholbar. Ich halte das aber nicht für geeignet, da im 2./ 3. Semester, die Judiz bei vielen noch nicht ausgeprägt ist, um eine finale Antwort über die juristischen Fähigkeiten zu treffen. Die Judiz ist wie eine Frucht, die erst reifen muss. Nur wenige Studenten verstehen die Zusammenhänge gleich zu Beginn des Studiums. Bei den meisten findet die Vernetzung kurz vor der Examensprüfung statt.

    Hierzu gibt es keine pauschale Antwort. Wenn ich zu scharf am Anfang des Studiums selektiere, zerstöre ich vielleicht ein großes Potential. Wenn ich zu lasch selektiere, dann lass ich zu, dass Studenten wertvolle Lebenszeit vergeuden.
    Das Problem ist die Singularität dieses Studiums. Ich kann am Anfang noch zum Ende des Studiums sicher sagen, ob ein Kandidat für den juristischen Beruf geeignet ist. Ich habe Fälle beobachtet, die mich ungläubig gemacht haben. 4-Punkte-Kandidaten, die ein gutes befriedigend geschafft haben. Ehrgeiz-Junkies mit 9-Punkten-Klausurendurchschnitt, die knapp bestanden haben oder auch im 3.Versuch endgültig gescheitert sind.
    Ich würde tendenziell eher sagen, dass man den Kandidaten lieber gewähren zu lassen, als unnötig höheren Hürden aufzubauen. So ist man auch nicht später dem Vorwurf ausgesetzt, dass man ein Potential zerstört hat.

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