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Themenwoche Semesterbeginn: Alles, was Recht ist

2/2: Gepaukt werden nicht Gesetze, sondern Meinungen

Diese Kommentare fassen die wesentlichen Streitstände übersichtlich zusammen und sind aus der juristischen Arbeitswelt nicht wegzudenken. Dass man sie in den universitären Klausuren nicht einsetzen darf, wird häufig kritisiert und trägt maßgeblich zum Ruf von Jura als "Paukerfach" bei. Aus Sicht der Professoren natürlich völlig zu Unrecht: Von ihnen wird die Losung ausgegeben, dass es für den Prüfungserfolg allein auf das Systemverständnis ankomme. Streitstände müsse man nicht auswendig lernen, da sich die Argumente der diversen Meinungen ja logisch herleiten ließen.

Das ist im Prinzip zwar zutreffend, in der Praxis aber dennoch kaum praktikabel. Die teilweise komplexen und nicht immer naheliegenden Argumente, welche von zahlreichen Rechtswissenschaftlern und Gerichten im jahre- und jahrzehntelangen Diskurs entwickelt wurden, kann man sich als Student in einer Klausur – noch dazu unter erheblichem Zeitdruck – in aller Regel eben nicht einfach so herleiten, zumindest nicht in der gleichen Qualität und Ausführlichkeit, wie wenn man sie auswendig gelernt hätte.

Ums Pauken kommt man also nicht herum, wobei der individuelle Lernaufwand in Abhängigkeit von Talent und Ambition stark schwankt. Wer nicht auf den Kopf gefallen ist und es in den (später sowieso weitgehend irrelevanten) Uni-Klausuren nicht unbedingt auf Bestnoten anlegt, der kann nebenher allemal ein entspanntes und ausuferndes Studentenleben führen.

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht: Der Gutachten-Stil

Unabhängig davon, wie viel Herzblut man in die Vorbereitung steckt: Irgendwann kommt es zur Klausur, in welcher das angehäufte Wissen abgespult werden muss. Die Klausuren sind beinahe immer anhand eines konkreten Sachverhaltes aufgebaut. So kann eine zivilrechtliche Klausur zum Beispiel schildern, dass der A vom B eine Wohnung gemietet hat, an welcher sich mit der Zeit jedoch diverse Mängel offenbaren, was der A aber zunächst nicht anzeigt. In einer öffentlich-rechtlichen Klausur mag es beispielsweise darum gehen, dass die Polizei eine Demonstration auflöst oder eine Behörde öffentlich vor einem bestimmten Produkt warnt. Im Strafrecht geht es stets um die Schilderung irgendwelcher Vergehen oder Verbrechen.

Dieser Sachverhalt ist dann anhand einer Fallfrage ("Welche Ansprüche hat A?", "War die Auflösung der Versammlung rechtswidrig?", "Wonach hat A sich strafbar gemacht?") zu würdigen. Dabei kommt die zweite große Besonderheit des Studiums zu tragen: der Gutachten-Stil. Bei dieser etwas gewöhnungsbedürftigen Form des Aufbaus wird jeder nicht vollkommen unproblematische Gedankenschritt in Form eines Obersatzes, einer Definition und einer anschließenden Subsumtion dargestellt.

Das Staatsexamen

Nach acht Semestern (selten früher, häufig später) folgt dann das Staatsexamen, welches seinerseits aus sechs Klausuren, einer mündlichen Prüfung sowie einem universitären Teil besteht. Anders als in vielen anderen Studiengängen wird in Jura nicht am Anfang, sondern am Ende gesiebt.

Während die Prüfungen an der Uni in aller Regel gut zu bewältigen sind, ist das Staatsexamen ungleich schwerer, was maßgeblich an der Notwendigkeit liegt, nicht nur einzelne Teilbereiche, sondern sämtliche Lehrinhalte aller Rechtsgebiete auf einmal gedanklich parat zu haben. Die Situation wird auch nicht dadurch besser, dass die Examensnote in der juristischen Arbeitswelt überragend wichtig ist und die Korrekturen oftmals weniger gewissenhaft ausfallen, als man sich das wünschen würde.

Nach den Schrecken des ersten Staatsexamens ist die Sache übrigens keineswegs ausgestanden, vielmehr stehen nun zwei Jahre Referendariat und ein weiteres Examen an. Doch darüber kann man sich wirklich auch noch Sorgen machen, wenn es so weit ist.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Themenwoche Semesterbeginn: Alles, was Recht ist . In: Legal Tribune Online, 14.10.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9792/ (abgerufen am: 14.11.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 15.10.2013 09:16, Peter

    Also nach meinem Kenntnisstand beträgt die Regelstudienzeit überall 9 Semester; sprich: Das Studium dauert 4,5 Jahre.

    • 15.10.2013 14:50, Michi

      Falsch! Die Regelstudienzeit beträgt 8 Semester; sprich: 4 Jahr ;)

  • 15.10.2013 16:27, M. Unrath

    Der Aussage des Autors zur Bedeutung der Grundlagenfächer sei folgender Auszug aus dem Bericht des Wissenschaftsrats zu den Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland (November 2012) gegenübergestellt:

    S. 58 f.: "Die durch die Grundlagenfächer vermittelte Reflexion des positiven Norm- und Applikationswissens und seiner dogmatischen Systematisierung muss sich durch das gesamte Studium ziehen, um auf die fortschreitenden Kenntnisse der Studierenden in den verschiedenen Gebieten des positiven Rechts Bezug nehmen zu können. An allen juristischen Fakultäten sollten wieder die notwendigen Fundamente in den Grundlagenfächern gelegt und entsprechendes Orientierungswissen vermittelt werden. (dazu Fußnote 44: Gemeint ist damit etwa für die Rechtsgeschichte ein Überblick über die wesentlichen Rechtsepochen seit der Antike, für die Rechtsphilosophie und Rechtstheorie Kenntnis der zentralen Etappen der Ideengeschichte des Rechts und die Reflexion von Grundbegriffen wie Norm, Geltung oder Gerechtigkeit sowie von Grundfragen wie derjenigen nach dem Verhältnis von Recht und Moral. Für die Rechtssoziologie etwa sind dazu ein Abriss ihrer Wissenschaftsgeschichte und zentrale Themen wie Methoden, Rechtsbegriff, Effektivität von Recht, Justizforschung, Recht und gesellschaftliche Integration oder Genderperspektiven zu zählen.)"

    S. 60:

    "1 − Vertiefung der Grundlagenfächer durch Kooperation mit den Nachbarfakultäten

    Die wissenschaftliche Reflexion des Rechts und der juristischen Praxis ist auch auf Erkenntnisse anderer Fächer angewiesen. In den Nachbardisziplinen, insbesondere der Philosophie, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Kriminologie, werden andere Fragen gestellt, als sie in der Rechtswissenschaft erkenntnisleitend sind. Die angrenzenden Disziplinen können die Jura-Studierenden dazu bringen, sich auf fremde Denkweisen, Methoden und Befunde einzustellen und sich einen fremden Blick auf den eigenen Gegenstand anzueignen. Dadurch wird die Reflexivität in Bezug auf das eigene Fach erhöht und ein besseres Verständnis des geltenden Rechts sowie der Komplexität und Vielschichtigkeit der juristischen Praxis erworben. Zudem sollten Jura-Studierende im Rahmen ihres Studiums ermuntert werden, an anderen Fakultäten zu studieren. Leistungsnachweise, die in den Nachbardisziplinen erworben werden, sollten im rechtswissenschaftlichen Studium angerechnet werden. Die Vertiefung der Grundlagenfächer durch Kooperation mit den Nachbarfakultäten könnte durch doppelte Fakultätsmitgliedschaften und fakultätsübergreifendes Co-Teaching unterstützt werden. Gemeinsam von zwei Fachvertretern aus unterschiedlichen Fakultäten konzipierte Veranstaltungen könnten beispielsweise Themen wie „Grundlagen des modernen Verfassungsstaates“, die „Geschichte des Eigentumsbegriffs“ oder die „Entwicklung der Frauenrechte“ behandeln. Solche Formen der Kooperation erweitern und bereichern das universitäre Angebot."

    http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2558-12.pdf

  • 17.10.2013 10:35, M Comb

    Offenbar ist das mit der sorgsamen Recherche auch unter den Kollegen nicht so weit verbreitet...
    @Michi:
    Ob die Regelstudienzeit (was schon dem Sinn nach anzunehmen ist) bundeseinheitlich geregelt ist, mag jemand anderes prüfen. Sicherlich liegt sie jedoch nicht (einheitlich) bei acht Semestern. Allein in NRW (§ 1 S. 2 JAG NRW) und Niedersachsen (§ 1 Abs. 1 NJAG) beträgt sie neun Semester.

  • 20.10.2013 19:28, Peter

    Da ein Blick ins Gesetz ja bekanntlich die Rechtsfindung erleichtert, habe ich jetzt alle JAG´s bzw. JAPO´s überprüft. Ergebnis: In Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Regelstudienzeit 8 Semester, in allen anderen 15 Bundesländern sind es 9 Semester (4,5 Jahre).

    Peter

  • 10.07.2014 11:10, <a target="_blank" href="http://faq4uni.com" >faq4uni.com</a>

    faq4uni.com verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://faq4uni.com/2014/07/10/%d0%ba%d0%b0%d0%ba%d0%b2%d0%be-%d1%82%d1%80%d1%8f%d0%b1%d0%b2%d0%b0-%d0%b4%d0%b0-%d0%b7%d0%bd%d0%b0%d0%b5%d0%bc-%d0%b7%d0%b0-%d1%81%d0%bf%d0%b5%d1%86%d0%b8%d0%b0%d0%bb%d0%bd%d0%be%d1%81%d1%82-%d0%bf/">тук.</a>