LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Themenwoche Semesterbeginn: Alles, was Recht ist

Von der Immatrikulation bis zum zweiten Staatsexamen vergehen gut und gerne sieben Jahre. Da ist es allemal lohnenswert, sich vorher Klarheit zu verschaffen, worum genau es im Jurastudium eigentlich geht. Die Webseiten der Fakultäten bieten indes oft nur nichtssagende Umschreibungen und Gemeinplätze. Für alle Studieninteressierten versucht dieser Beitrag, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Wenn man Jurastudenten nach ihrem Studium fragt, dann folgt die Erläuterung oft in Form einer Verneinung von Klischees: Jura ist gar nicht trocken, für die Klausuren muss man gar keine Gesetze auswendig lernen, befriedigend ist gar keine miese Note. Mit einer positiven Definition tun sich die (werdenden) Juristen weitaus schwerer, allenfalls erfährt man noch, dass die Auslegung von Recht und Gesetz im Mittelpunkt der Vorlesungen stehe – was sicher stimmt, doch genauso hilfreich ist wie die Angabe, dass es im Mathestudium um Zahlen und in der Anglistik um Sprache geht.

Also einmal ganz von vorne: Das Jurastudium dauert in der Regel vier Jahre, sprich acht Semester und setzt sich aus drei Fachbereichen zusammen: Dem Öffentlichen, dem Zivil- und dem Strafrecht. Daneben gibt es, je nach Lehrangebot der einzelnen Uni, noch "Grundlagenfächer" wie etwa Rechtsphilosophie und -geschichte, die sich keinem Bereich eindeutig zuordnen lassen, allerdings auch keine große Rolle spielen.

Die drei genannten Fachgebiete wiederum unterteilen sich jeweils in einen materiellen Part, in dem es um den eigentlichen Regelungsgehalt der Gesetze geht (Was dürfen deutsche Behörden? Wie funktioniert ein Kaufvertrag? Wann macht man sich strafbar?), und in einen prozessualen, der sich mit der gerichtlichen Geltendmachung von Rechten beschäftigt. Das Jurastudium wird von materiellen Fragestellungen dominiert, wohingegen die prozessualen Probleme im Referendariat in den Vordergrund rücken. Grundlegende prozessrechtliche Kenntnisse werden allerdings auch im Studium schon vermittelt.

Von A wie Allgemeiner Teil bis Z wie Zivilprozessordnung

Innerhalb des materiellen Rechts zergliedern sich die Fachgebiete in Sinneinheiten, die jeweils eine (mal mehr, mal weniger) isolierte Materie betreffen. So gibt es im materiellen Zivilrecht zum Beispiel das Allgemeine Zivilrecht, das Allgemeine und Besondere Schuldrecht, das Deliktsrecht, das Bereicherungsrecht, das Familien- und Erbrecht und das Sachenrecht. Das Öffentliche Recht besteht etwa aus dem Polizei- und Ordnungsrecht, dem Staatsorganisationsrecht und den Grundrechten. Am übersichtlichsten gerät in dieser Hinsicht das Strafrecht, welches lediglich in Allgemeinen und Besonderen Teil zerfällt.

Diese Sinneinheiten korrespondieren in manchen Fällen relativ klar zu einzelnen Gesetzen: So ist etwa das Sachenrecht im dritten "Buch" (eine irreführende Bezeichnung, die nichts anderes als "Kapitel" meint) des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) weitgehend abschließend geregelt. Umgekehrt ist das Arbeitsrecht eine völlig diffuse Materie, die sich aus Vorschriften zahlloser einzelner Gesetze speist. Üblicherweise wird in den Vorlesungen je eine dieser Sinneinheiten über ein Semester hinweg behandelt.

Zumindest zu Anfang gibt es auch durchaus so etwas wie eine notwendige, oder jedenfalls sinnvolle Reihenfolge der Lehrveranstaltungen. "Besonderes Schuldrecht 2" zu hören, wird wenig nützen, wenn man das Allgemeine Schuld- und Zivilrecht noch nicht kennt. Mit fortschreitender Semesterzahl wird diese Abfolge aber unbedeutender: Ob man zuerst Familien-, Erb- oder Handelsrecht (oder alle drei gleichzeitig) hört, dürfte relativ egal sein, was eine gewisse Freiheit bei der Gestaltung des eigenen Vorlesungsplans bedeutet.

Typisch Juristen: Es geht vor allem um Streitigkeiten

Damit ist die Eingangsfrage allerdings noch nicht abschließend beantwortet. Was also macht man in diesen Vorlesungen? Zunächst einmal werden dort die für das jeweilige Rechtsgebiet maßgeblichen Vorschriften vorgestellt und erläutert. Sodann dringt man zu den gängigsten Problemen vor: Situationen, in denen ein Gesetz seinem Wortlaut nach nicht anwendbar ist, obwohl es das dem Sinn nach sein müsste, oder Sachverhalte, die vom Wortlaut einer Norm erfasst werden, obwohl sie eigentlich nicht so recht zu ihr passen wollen.

Hier stellt sich dann regelmäßig die Frage, ob und gegebenenfalls wie der empfundene Widerspruch aufgelöst werden kann: Durch eine sorgsame Auslegung des Gesetzes anhand des Wortlauts, des systematischen Zusammenhangs, der Entstehungsgeschichte und des Zwecks, durch die analoge Anwendung einer eigentlich nicht anwendbaren Vorschrift oder durch die teleologische Reduktion einer eigentlich anwendbaren Vorschrift. Manchmal liefern diese juristischen Instrumente ein klares und eindeutiges Ergebnis. Sehr viel häufiger allerdings lassen sich mehrere Lösungswege finden, woraus dann ein Herzstück der Rechtswissenschaft schlechthin resultiert: der Meinungsstreit.

Dieser ist das zentrale Moment des gesamten Studiums und nicht unbedeutender Teile des Referendariats. Zu jeder Frage, die sich auch nur ansatzweise diskutieren lässt, gibt es einen Blumenstrauß an unterschiedlichen Auffassungen, von denen meist eine oder zwei aus der Rechtsprechung, die übrigen aus der juristischen Literatur stammen. Diese Auffassungen zu verinnerlichen, macht einen erheblichen Anteil des Lernaufwandes insbesondere im Studium aus, wo man – anders als im Referendariat – in den Klausuren nicht auf sogenannte Kommentare zurückgreifen darf.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Themenwoche Semesterbeginn: Alles, was Recht ist . In: Legal Tribune Online, 14.10.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9792/ (abgerufen am: 22.10.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 15.10.2013 09:16, Peter

    Also nach meinem Kenntnisstand beträgt die Regelstudienzeit überall 9 Semester; sprich: Das Studium dauert 4,5 Jahre.

    • 15.10.2013 14:50, Michi

      Falsch! Die Regelstudienzeit beträgt 8 Semester; sprich: 4 Jahr ;)

  • 15.10.2013 16:27, M. Unrath

    Der Aussage des Autors zur Bedeutung der Grundlagenfächer sei folgender Auszug aus dem Bericht des Wissenschaftsrats zu den Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland (November 2012) gegenübergestellt:

    S. 58 f.: "Die durch die Grundlagenfächer vermittelte Reflexion des positiven Norm- und Applikationswissens und seiner dogmatischen Systematisierung muss sich durch das gesamte Studium ziehen, um auf die fortschreitenden Kenntnisse der Studierenden in den verschiedenen Gebieten des positiven Rechts Bezug nehmen zu können. An allen juristischen Fakultäten sollten wieder die notwendigen Fundamente in den Grundlagenfächern gelegt und entsprechendes Orientierungswissen vermittelt werden. (dazu Fußnote 44: Gemeint ist damit etwa für die Rechtsgeschichte ein Überblick über die wesentlichen Rechtsepochen seit der Antike, für die Rechtsphilosophie und Rechtstheorie Kenntnis der zentralen Etappen der Ideengeschichte des Rechts und die Reflexion von Grundbegriffen wie Norm, Geltung oder Gerechtigkeit sowie von Grundfragen wie derjenigen nach dem Verhältnis von Recht und Moral. Für die Rechtssoziologie etwa sind dazu ein Abriss ihrer Wissenschaftsgeschichte und zentrale Themen wie Methoden, Rechtsbegriff, Effektivität von Recht, Justizforschung, Recht und gesellschaftliche Integration oder Genderperspektiven zu zählen.)"

    S. 60:

    "1 − Vertiefung der Grundlagenfächer durch Kooperation mit den Nachbarfakultäten

    Die wissenschaftliche Reflexion des Rechts und der juristischen Praxis ist auch auf Erkenntnisse anderer Fächer angewiesen. In den Nachbardisziplinen, insbesondere der Philosophie, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Kriminologie, werden andere Fragen gestellt, als sie in der Rechtswissenschaft erkenntnisleitend sind. Die angrenzenden Disziplinen können die Jura-Studierenden dazu bringen, sich auf fremde Denkweisen, Methoden und Befunde einzustellen und sich einen fremden Blick auf den eigenen Gegenstand anzueignen. Dadurch wird die Reflexivität in Bezug auf das eigene Fach erhöht und ein besseres Verständnis des geltenden Rechts sowie der Komplexität und Vielschichtigkeit der juristischen Praxis erworben. Zudem sollten Jura-Studierende im Rahmen ihres Studiums ermuntert werden, an anderen Fakultäten zu studieren. Leistungsnachweise, die in den Nachbardisziplinen erworben werden, sollten im rechtswissenschaftlichen Studium angerechnet werden. Die Vertiefung der Grundlagenfächer durch Kooperation mit den Nachbarfakultäten könnte durch doppelte Fakultätsmitgliedschaften und fakultätsübergreifendes Co-Teaching unterstützt werden. Gemeinsam von zwei Fachvertretern aus unterschiedlichen Fakultäten konzipierte Veranstaltungen könnten beispielsweise Themen wie „Grundlagen des modernen Verfassungsstaates“, die „Geschichte des Eigentumsbegriffs“ oder die „Entwicklung der Frauenrechte“ behandeln. Solche Formen der Kooperation erweitern und bereichern das universitäre Angebot."

    http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2558-12.pdf

  • 17.10.2013 10:35, M Comb

    Offenbar ist das mit der sorgsamen Recherche auch unter den Kollegen nicht so weit verbreitet...
    @Michi:
    Ob die Regelstudienzeit (was schon dem Sinn nach anzunehmen ist) bundeseinheitlich geregelt ist, mag jemand anderes prüfen. Sicherlich liegt sie jedoch nicht (einheitlich) bei acht Semestern. Allein in NRW (§ 1 S. 2 JAG NRW) und Niedersachsen (§ 1 Abs. 1 NJAG) beträgt sie neun Semester.

  • 20.10.2013 19:28, Peter

    Da ein Blick ins Gesetz ja bekanntlich die Rechtsfindung erleichtert, habe ich jetzt alle JAG´s bzw. JAPO´s überprüft. Ergebnis: In Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Regelstudienzeit 8 Semester, in allen anderen 15 Bundesländern sind es 9 Semester (4,5 Jahre).

    Peter

  • 10.07.2014 11:10, <a target="_blank" href="http://faq4uni.com" >faq4uni.com</a>

    faq4uni.com verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://faq4uni.com/2014/07/10/%d0%ba%d0%b0%d0%ba%d0%b2%d0%be-%d1%82%d1%80%d1%8f%d0%b1%d0%b2%d0%b0-%d0%b4%d0%b0-%d0%b7%d0%bd%d0%b0%d0%b5%d0%bc-%d0%b7%d0%b0-%d1%81%d0%bf%d0%b5%d1%86%d0%b8%d0%b0%d0%bb%d0%bd%d0%be%d1%81%d1%82-%d0%bf/">тук.</a>