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Rhetorik: "Die Eitel­keit der Juristen"

Gastbeitrag von Sabine Olschner

16.10.2018

Gutachtenstil, Floskeln und jede Menge Passiv: Das Jurastudium versaut angehenden Juristen gehörig die Schreibe. Wenn sie dann auch noch so sprechen, wird es richtig fies. Dabei kann man verständliches Reden schon im Studium trainieren.

Sobald es ans freie Reden geht, merken viele Juristen, dass sie mit ihrem im Studium erlernten Juristendeutsch nicht weit kommen. Lange, verschachtelte Sätze, Substantivierungen ohne Ende und zahlreiche Passivkonstruktionen – das kann erst recht nicht gut gehen, wenn man auch so spricht. "Dabei ist es so wichtig, dass Juristen glasklar argumentieren", sagt Wladislaw Jachtchenko, Leiter der Argumentorik-Akademie in München. Der Volljurist coacht Anwälte, die sich rhetorisch verbessern wollen.

"Den meisten geht es darum, wie sie ihr Publikum begeistern können und wie sie schlagfertig reagieren, auch wenn sie die Antwort selber nicht wissen", sagt Jachtchenko. Dass sie erst einmal ihren Sprachstil überprüfen müssen, um so redegewandt zu werden, sei den wenigsten bewusst. "Oft hat das auch mit der Eitelkeit der Juristen zu tun", glaubt der Rhetorik-Coach. "Sie wollen mit ihrer komplizierten Sprache kompetent wirken: Je unverständlicher etwas klingt, desto mehr Recht hat der Gesagte, glauben viele."

Das führt natürlich nicht immer zum Ziel. Situationen, in denen sich Juristen nämlich auch gegenüber Nicht-Juristen verständlich ausdrücken müssen, gibt es viele: In Unternehmen müssen sie Vorgesetzten ihre Arbeitsergebnisse präsentieren, in Behörden Informationen für Bürger aufbereiten und als Führungskräfte ihre Mitarbeiter leiten. "Und selbst wenn Juristen unter sich sind, ist es für das Gegenüber leichter, das Gesagte zu verstehen, wenn es möglichst einfach formuliert ist", betont Jachtchenko und nennt den Begriff "Verarbeitungsflüssigkeit". Das sei die Leichtigkeit, mit der eine Information verarbeitet werden kann.

Frag' Dich: Mit wem sprichst Du?

Ein guter Jurist bemüht sich deshalb besser, seine Sprache den Zuhörern anzupassen. Richter, Bürger, Mandanten oder Berufseinsteiger haben jeweils anderes rechtliches Vorwissen. "Vielen Juristen fehlt für diese Unterscheidung jedoch schon das Grundverständnis", beobachtet Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schlieffen vom Lehrstuhl für Öffentliches Recht, die Studenten an der Fernuniversität Hagen Rhetorikfähigkeiten vermittelt. "Viele Juristen reden erst einmal so, wie sie für das Schreiben trainiert worden sind", so von Schlieffen.

Auch wenn die meisten meinten, dass ihre Texte gut sind, bezweifelt die Professorin, dass Juristen wirklich mit Sprache umgehen können. Das decke sich mit den Ergebnissen zahlreicher Studien. "Die meisten haben sich das Schreiben durch Imitation und über Routine angeeignet, begreifen aber oft selber nicht, was sie da eigentlich tun – mit dem Ergebnis, dass die Texte von Anfängern oft zu schematisch sind und den entscheidenden Punkt des Falls vernachlässigen", sagt die Professorin.

Nicht umsonst sei die Rhetorik in der Antike ein fester Bestandteil des Jurastudiums gewesen. "Dabei haben die angehenden Juristen gelernt, wie man gliedert, gut argumentiert und stilistisch sicher mit sprachlichen Figuren umgeht." Auch heute noch finde der juristische "Kampf" über den Austausch von Sprache statt. Die meisten Juristen setzten dabei auf Logos, also den Verstand, und vergäßen dabei Pathos und Ethos: das Herz und den Charakter. Dass Inhalte allein eben nicht ausreichten, um sein Gegenüber zu überzeugen, müsse im Studium viel mehr vermittelt werden, ist von Schlieffen überzeugt.

"Reden lernt man nur durch Reden"

An einigen wenigen Rechtsfakultäten ist die Rhetorik bereits Teil des Curriculums. So zum Beispiel an der Universität Greifswald, wo Thilo Tröger als Lehrkraft für Schlüsselkompetenzen den Jurastudenten fortgeschrittener Semester die Grundlagen der Rhetorik näherbringt. "Ganz oft vergessen die Studenten, in ihre Rede eine Struktur hineinzubringen", so Trögers Beobachtung. "Sie steigen direkt ins Thema ein, ohne den Zuhörer darauf vorzubereiten, was ihn erwartet, und hören genauso unvermittelt oder unsicher mit ihrer Rede auf."

In Aktenvorträgen oder visualisierten Sachvorträgen sollen die angehenden Juristen deshalb lernen, in der mündlichen Rede den für sie aus dem Studium noch ungewohnten, aber der Gerichtsrede näher stehenden Urteilstil einzusetzen. Sie üben, eine strittige Aussage in den Raum zu stellen und anschließend argumentativ abzusichern. Zusätzlich trainieren sie, wie sie stimmliche Mittel, Pausen und Körpersprache nutzen können. "Als Abschlussübung müssen die Kursteilnehmer ein Fachthema vor einem gedachten Laienpublikum präsentieren und diesem ein juristisches Problem verständlich erörtern", erklärt Tröger.

Nun gibt es aber nicht an jeder Jurafakultät einen separaten Dozenten für Rhetorik. Doch bieten die meisten Hochschulen in wenigstens einem ihrer Fachbereiche oder im Angebot des Studium generale die Möglichkeit, Rhetorikkurse zu belegen. Von Buchratgebern hält Tröger indes nicht viel, "denn letztlich muss man das Gelesene auch anwenden." Studium und Ausbildung böten hier diverse Möglichkeiten, zum Beispiel eine Ergebnispräsentationen oder unbenotete Referate als Vorübungen für die spätere Präsentation der Schwerpunktarbeit.

"Man sollte jede Gelegenheit nutzen, das Reden zu üben", betont der Dozent. Auch von Schlieffen hat einen Tipp: Sich mit Kommilitonen zusammentun und gegenseitig Fälle und deren Lösungen vortragen und dabei im Wettstreit argumentieren. "Hilfreich ist es, sich bei seinem Vortrag zu filmen und sich das Video später anzuschauen", so die Professorin.

Jachtchenko empfiehlt aus eigener Erfahrung heraus Debattierclubs, die es in vielen Städten gibt – er selber ist über einen solchen sogar zu seiner heutigen Tätigkeit gekommen. Ebenfalls empfehlenswert seien Redeclubs wie etwa die Toastmasters, die in ganz Deutschland vertreten sind. "Man kann sich auch Online-Kurse auf Youtube anschauen, aber ums Üben kommt man nicht herum", so der Rhetorik-Coach. Wie der Anwalt, Schriftsteller und Philosoph Marcus Tullius Cicero schon in der Antike sagte: "Reden lernt man nur durch Reden."

Zitiervorschlag

Rhetorik: "Die Eitelkeit der Juristen" . In: Legal Tribune Online, 16.10.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/31525/ (abgerufen am: 21.11.2019 )

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