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Examen mit oder ohne Repetitor?: (K)eine Frage des Prinzips

von Jens Kahrmann

07.02.2013

"Es kann nicht sein, dass man jahrelang studiert, um sich dann von aufgeblasenen, selbstgefälligen Idioten erklären zu lassen, was man alles nicht kann", wettert die Repetitoriumsgegnerin. Der blinde Befürworter sagt: "Ich habe nie ernsthaft drüber nachgedacht, nicht zum Repetitor zu gehen." Beide Haltungen sind fehl am Platze, glaubt Jens Kahrmann.

Ein Blick in einschlägige Abhandlungen zum Thema verrät, dass die Repetitoren auf eine sehr lange Tradition zurückblicken können. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sammelten geschäftstüchtige Herren die Fragen aus dem in Preußen damals noch rein mündlichen ersten Examen und bereiteten die Prüflinge – zu denen auch Bismarck gehörte - anhand dieser Fragelisten ganz gezielt vor.

Dass die Repetitoren bis heute fest im Sattel sitzen, liegt vor allem in der Struktur des Jurastudiums begründet, die bis in die jüngere Vergangenheit noch viel desaströser war als heute. Zwischenprüfungen sah das Deutsche Richtergesetz erst ab Mitte der achtziger Jahr vor. Früher wurde der angehende Jurist bis zum Ende des Studiums also nicht einmal annähernd mit dem Druck und den Anforderungen konfrontiert, die ihn im Examen erwarteten. Und die Universitäten ließen die Studenten im Regen stehen und verzichteten darauf, eigene Repetitionskurse anzubieten, die einen solchen Namen verdienen würden.

Uni-Reps soweit das Auge reicht

Inzwischen hat sich die Sachlage gewandelt. Nicht nur, dass es mehr oder minder anspruchsvolle Zwischenprüfungen als Examens-Appetizer gibt. Auch universitäre Repetitorien  sind – nicht zuletzt dank der Initialzündung durch die Studiengebühren – wie Pilze aus dem Boden geschossen. Als Beispiel mag der Hamburgische Examenskurs (HEX) der Universität Hamburg dienen.
Dessen Angebot kann sich durchaus sehen lassen: Ein Vollkursprogramm inklusive allem, was das Herz begehrt: Wöchentliche Übungsklausuren, kostenlose Skripten zu jedem Rechtsgebiet, zwei Probeexamina pro Jahr, eine wöchentliche Veranstaltung zur aktuellen Rechtsprechung sowie wöchentliche Prüfungssimulationen. Abgerundet wird das Ganze durch das "HEXamenscoaching", bei der eine Psychologin Fragen zu Lerntechniken, Zeitmanagement und Examensangst beantwortet.

"30 bis 50 Teilnehmer haben wir – je nach Veranstaltung", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Florian Nahrwold, der den HEX betreut. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass in Hamburg vier große Repetitorien ansässig sind, deren Gruppen überwiegend wohl nicht viel kleiner sind.
Der Run auf die Repetitoren ist vielmehr ungebrochen. Das bestätigt auch Rechtsanwalt Frank Hansen, der schon lange als Repetitor für Alpmann-Schmidt in Hamburg und Berlin tätig ist: "Eine spürbare Veränderung in den Teilnehmerzahlen habe ich in den vergangenen Jahren nicht bemerkt."

Examen mit Repetitor

Warum aber gehen auch heute viele Studenten zum kommerziellen Repetitor, obwohl die universitären Angebote besser geworden sind? Christoph Greggersen, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg, sagt, dass ihn die Angst vor einer schlechten Note getrieben habe: "Denn es gibt ja die Horror-Visionen, die über Juristen ohne vollbefriedigendes Examen verbreitet werden." Er ist sich sicher: "Geschafft hätte ich es wohl auch so, aber ich hätte wesentlich schwächer abgeschnitten."

Der Hamburger Referendar Daniel Welss hat sich ebenfalls für das kommerzielle Repetitorium entschieden. Das Universitätsrepetitorium kam für ihn nicht in Betracht – zu seiner Zeit hätten dort viele Professoren im Wesentlichen ihren normalen Lehrstil gepflegt: "Die Universität ist gespickt von Professoren, die sich selbst nicht verändern wollen und zwar gegen kommerzielle Anbieter wettern, aber sich nicht dafür erwärmen können, den Examenskurs anders und spezieller zu gestalten, als ihre jeweilige Veranstaltung im laufenden Studium."

Frank Hansen von Alpmann-Schmidt kennt diese Skepsis von seinen Kursteilnehmern: "Viele Studenten trauen der Uni nicht." Das Vertrauen in den kommerziellen Repetitor hingegen würden oft Bekannte und Verwandte schaffen – "und natürlich die herausragenden Ergebnisse, die mitunter von unseren Kursteilnehmern erzielt werden."

Examen ohne Repetitor

Dass man freilich auch ohne kommerzielles Repetitorium erfolgreich durch das Examen kommen kann, legt eine oft zitierte Studie des Bildungs- und Forschungsministeriums des Bundes aus dem Jahre 1996 nahe. Danach unterscheiden sich die Noten von Kommerz-Rep-Gängern nicht von denen der "Abstinenzler".

Lebender Beweis sind tausende von Absolventen, die sich ohne kommerzielles Repetitorium vorbereitet haben. Assessor Christoph Gerken ist einer ihnen. Ihn hielt vor allem seine  finanzielle Situation vom Besuch des kommerziellen Repetitors ab. Dies bereut er nicht: "Ich bin mir in der Gesamtschau ziemlich sicher, dass die Nicht-Rep-Entscheidung richtig gewesen ist. Auch, dass mein zweites Examen nicht ganz so gut ausgefallen ist wie erhofft, hatte eher nichts mit einem fehlendem Rep zu tun, sondern mit fehlender Klausurschreibepraxis."

Maria Pregartbauer, die an der HU Berlin promoviert, hat sich den Gang zum Kommerz-Rep ebenfalls gespart. Der war für sie nur ein Notfallplan, " falls man merken sollte, dass die beste Lerngruppe der Welt nicht funktioniert bzw. man den Stoff nicht sortiert bekommt. Das war ja mit das größte Problem - das Auffinden passender Literatur." Auch das hat sie gemeistert und ist überzeugt, ihre Entscheidung sei richtig gewesen.

Die Lösung: Ohne Vorurteile sorgfältig abwägen!

Was also sollte man tun? Zunächst einmal: Niemandem glauben, der meint, es gebe nur den einen richtigen Weg der Examensvorbereitung.

Die Frage, ob man sich eines Repetitors bedient, sollte keine ideologische sein. "Sicher lebt der Repetitor davon, dass die Studierenden meinen, sie würden es ohne ihn nicht schaffen", räumt Frank Hansen ein - um gleich hinterherzuschieben: "Aber wir befördern das nicht." Das mag man anders sehen. Festzuhalten bleibt, dass der kommerzielle Repetitor nicht dafür verantwortlich ist, dass zwei Wochen voller Examensklausuren allein über Wohl und Wehe des Nachwuchsjuristen entscheiden.

Kommerzielle Repetitorien sind also nicht die Verkörperung des Bösen und zwingend zu meiden. Insofern kann man es durchaus kritisch sehen, wenn sich Universitäten genötigt fühlen, entsprechende Haus- und Werbeverbote  zu erteilen. Andererseits gilt: Kommerzielle Repetitoren sind auch keine Patentlösung für das Examen. Das beweisen die vielen Durchfaller, von denen statistisch gesehen ebenfalls die meisten beim Repetitor gewesen sein müssen.

Welcher Weg für einen selbst der Richtige ist, erschließt sich vielmehr nur dann, wenn man alle Faktoren berücksichtigt. Wie sieht meine finanzielle Lage aus? Welcher Lerntyp bin ich? Kann ich mich ohne fremde Hilfe disziplinieren? Wie gut ist das Universitätsrepetitorium zum jetzigen Zeitpunkt? Benötige ich die psychologische Sicherheit, die mir das Schwimmen mit dem Strom vermittelt?

Frank Hansen von Alpmann Schmidt rät: "Ein kommerzieller Repetitor kann sicher nicht schaden. Aber wer sich ähnlich vorbereitet, kann es auch ohne ihn schaffen. Man sollte verschiedene Dinge ausprobieren."  Dem ist nichts hinzuzufügen.

Zitiervorschlag

Jens Kahrmann, Examen mit oder ohne Repetitor?: (K)eine Frage des Prinzips . In: Legal Tribune Online, 07.02.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8118/ (abgerufen am: 15.07.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 07.02.2013 16:05, Patric Urbaneck

    Liefert eine objektive Sicht auf die Dinge, wie man sie selten liest. Ich persönlich konnte auch ohne Repetitor das VB schaffen. Meine Meinung: Wenn ich im Studium zufriedenstellende Leistungen erreiche, gibt es gar kein Grund, an meinem Können zweifeln zu müssen. Wenn ich allerdings mit Müh' und Not meine ZwiPrü und die "großen Scheine" bestehe, sollte ich an ein strukturiertes Rep denken, ob nun in der Uni oder bei den kommerziellen. Ob Rep oder nicht: Auf alles(!) ist man nie sicher vorbereitet. Nebem dem Fünkchen Glück zählt vor allem das Strukturwissen.
    Einen Aspekt halte ich aber für besonders wichtig: Studenten müssen sich an die eigene Nase fassen! Schon in Einführungsveranstaltungen bauen die Kommilitonen höherer Semester einen nicht zu verachtenden Druck auf die jungen Erstsemester aus. Dort heißt es: Geht später zum Rep, pfeift auf die Grundlagenveranstaltungen und konzentriert euch auf die Übungen und AGs zum materiellen Recht (und weniger auf die Vorlesungen). Das ist m.E. ein bemerkenswerter Punkt, denn allzu viele Studenten lassen sich von derlei "Ratschlägen" blind leiten!

  • 07.02.2013 16:07, Frank B.

    Ich habe weder ein kommerzielles noch ein universitäres Rep besucht und bin damit "gut" gefahren - dank guter Lerngruppen. Ich glaube, dass eine Lerngruppe deutlich wichter ist als die Entscheidung zwischen kommerziellem oder universitärem Repetitorium. Hinzu kommt, dass die Ausbildungsliteratur, die auf die Examensvorbereitung zugeschnitten ist, deutlich besser geworden ist. Die Angst, man übersehe bestimmte Problem ist daher unbegründet, zumindest wenn man sich regelmäßig die auch im Internt vorhandenen Rechtsprechungsübersichten anschaut.

  • 07.02.2013 18:51, Noah

    Ich hab das universitäre Repetitorium besucht und bin damit "gut" gefahren. Aber der Artikel hat in meinen Augen völlig Recht (sic!). Es ist eine persönliche Frage und jeder muss für sich selbst entscheiden, was ihm am meisten bringt. Man sollte sich einen Überblick verschaffen und dann einfach seine Sache durchziehen. Letztlich ist man selbst für sein Examen verantwortlich und kann bei einer schlechten Note nicht auf den Repetitor zeigen.
    Es stimmt allerdings auch, dass die kommerziellen Repetitorien ein starkes Geschäft mit der Angst betreiben (wozu die Profs ihr übriges tun). Wenn Repetitorien schon zur Zwischenprüfung angeboten werden (wo es nicht mal die Menge Stoff gibt, geschweige denn der Schwierigkeitsgrad so hoch ist), sagt denk ich alles...

    • 08.02.2013 12:07, Frank B.

      So ist es. Hier an der Fakultät wird immerhin versucht, auf einer Info-Veranstaltung für das universitäre Rep. zu werben. Einen viel größeren Einfluss haben aber wohl die Kommilitonen aus den höheren Semestern (siehe obiges Kommentar). Ich selbst habe erst da ernsthaft ein Examen ohne Rep erwogen, als ich mehrere Bekannte kennenlernte, die es so gemacht hatten und erfolgreich damit waren. Nur durch solche Beispiele kann der Angstmacherei der Kommerziellen entgegengewirkt werden.

  • 11.02.2013 14:35, D. Basak

    Ich würde aus eigener Examens-, Lehr, und Prüfererfahrung noch einen Aspekt ergänzen: Die Entscheidung, wie man sich auf das Examen vorbereitet, kann einem niemand abnehmen. Man muss als Studierender aber begrifen, dass man selbst diese Entscheidung verantwortet, ebenso wie die Examensvorbereitung insgesamt auf. Der Herdentrieb ist dabei wohl der schlechteste denkbare Ratgeber. Das Lernen nimmt einem kein kommerzieller oder universitärer Repetitor ab, das muss man selbst tun. Die Materialien gibt es sicher beim Rep - sie stehen aber auch kostenlos und in oft besserer Qualität in der Bibliothek. Bleibt die eigentliche Veranstaltung: Hierzu muss sich jeder eine eigene Meinung bilden und diese möglichst auch immer wieder kritisch hinterfragen: Bringen mir die Sitzungen etwas ? Wenn ich oft höre "Zivilrecht ist echt gut, aber der Typ ind Strafrecht ist ein Vollpfosten", dann frage ich mich, warum letzterer besucht wird. Außerdem wird oft verkannt, dass gerade die zugegebenermaßen anstrengende Tätigkeit des selbst Erkennens und Strukturierens des Lernstoffes schon ungemein intensives Lernen darstellt und vor allem die oft geforderten systematischen zusammenhänge deutlicher macht als die meisten Skripten. Schließlich: Jeder Studierende sollte sich Gedanken über den Prüfungstypus machen, auf den man sich vorbereitet: Wenn ich Klausuren schreiben muss, in denen Fallbearbeitungen erwartet werden, hilft auswendig gelerntes abstraktes Wissen - speziell zu einzelnen Streitständen - wenig bis gar nicht weiter; vielmehr muss ich üben, eng am jeweiligen Sachverhalt Argumente für den einen von mir im Ergebnis vertretenenen Lösungsweg zu finden. Auch dabei sind meiner Erfahrung nach alle Repetitorien nur bedingt hilfreich. Also: Die eigene Verantwortung annehmen und unter diesem Blickwinkel jede Hilfe nutzen, die wirklich hilft - egal ob das ein kommerzieller Repetitor ist oder eben nicht.

  • 11.02.2013 18:16, r. bersin

    Die nachstehende Seite zeigt eindrucksvoll, wie der Stoff bewältigt werden sollte. Würden sämtliche Pflichtfächer eine derartige Vermittlung erfahren, wären sowohl Uni- als auch kommerz. Rep obsolet.

    http://www.stephan-lorenz.de/

  • 11.02.2013 18:26, FF

    Mal etwas anderes: (K)ein Stilmittel finde ich bescheuerter als das in der Überschrift (weil: so gut wie nie ansatzweise sinnvoll)

  • 15.02.2013 16:24, C.

    warum ist jura eigentlich das einzige studium, in dem spätestens ab dem 3. semster für 80 % der studenten feststeht..."ich besuche ein privates rep!"?! ganz klar - weil schon die benotung im ersten semester zu schreien scheint "allein schaffst du es eh nie!!!". wie demotivierend auf studenten diese irrationale punkteskala wirkt, ist der grund, warum den privaten repititoren nicht nur die räumlichkeiten sondern auch die geldbeutel aus allen nähten platzen!
    ich kann mich noch an meine einführungsveranstaltung im ersten semester erinnern, in der uns der professor das punktesystem näher erläuterte "es gibt einen punktebereich von 0-18. bitte streichen sie aber gedanklich die 15-18 - solche punkte werden im studium eigentlich nie vergeben".

    und während ich nach meinem bestandenen examen in familiärer kaffeerunde stolz wie oskar meine 9 punkte verkündete(und das ganz ohne privates rep) und auf tosende anerkennung hoffte, kam von meiner oma "aber geht es nicht sogar bis 18 punkte???"!

    den studenten schon im studium selbstsicherheit und selbstvertrauen zu geben, dass würde nicht nur die lernmotivation steigern, sondern einem auch die angst nehmen, man könne den stoff nicht allein bewältigen.

  • 21.03.2013 14:16, Kein Lemming

    Ich habe den Lemming-Effekt nicht gebraucht. UniRep an der FU Berlin plus Lernen und Verstehen von Strukturen und ausgewählten, schwierigen Problemen hat mir ein "gut" im Examen gebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Examen dadurch besser wird, dass einem ständig Angst gemacht wird.

  • 21.03.2013 20:17, Hans G

    Zwei Lerntypen, zwei verschieden Patentlösungen.

    Ich kenne Uni-Repper mit >12 Punkten, ich kenne auch Privat-Repper mit >12 Punkten. Die Privat-Repper hätten es idR nicht ohne geschafft, aber das Ergebnis ist (leider) Wichtig, darauf kommt es an.

  • 01.04.2013 15:32, Closius

    ja, das ist eben die creme de la creme der Juristenzunft.
    Zu doof um mit eigener Anstrengung den Stoff einigermassen zu beherrschen, werden den Juristen der Prüfungsstoff eingetrichtert.
    Die werden dann u.a. als Richter und Staatsanwalt auf die nichtsahnende Bevölkerung losgelassen.
    Die Brixners ......

  • 12.11.2018 15:49, Thomas Kahn

    Mit diesem Tool hier könnt ihr kostenlos euer Examen ohne Rep planen (nach dem Ansatz, der mir in beiden Examina ein Prädikat eingebracht hat): https://www.basiskarten.de/examen-ohne-rep