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Reform des Jurastudiums: Zurück in die Pro­vinz

von Prof. Dr. Stephan Lorenz

03.01.2017

Das Schwerpunktstudium zu kürzen, ändert wenig, meint Stephan Lorenz. Doch das IPR aus dem Pflichtstoffkatalog zu streichen dafür umso mehr: Diese "skandalöse Provinzialisierung der Juristenausbildung" mache Absolventen praxisuntauglich.

Im November 2016 hat die Justizministerkonferenz (JuMiKo) den Bericht ihres Koordinierungsausschusses (KOA) zur Reform des Jurastudiums abgesegnet. Danach sollen der Zeit- und Prüfungsaufwand für das Schwerpunktstudium auf 16 Semesterwochenstunden (SWS) beziehungsweise drei Prüfungsleistungen reduziert werden. Auch soll die Note nur noch zu 20 anstatt wie bisher mit 30 Prozent in das Ergebnis der ersten juristischen Prüfung zählen. Zudem ist geplant, den Pflichtstoff in beiden Staatsexamen zu reduzieren. Im Herbst 2017 soll der KOA wieder an die JuMiKo berichten und bis dahin Kritik und Anregungen aus Lehre und Praxis berücksichtigen. Genug Zeit, um Experten zu Wort kommen zu lassen.

Prof. Dr. Stephan Lorenz hat den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der LMU München inne und ist Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs. Regelmäßig nimmt er Gastprofessuren in Belgien und Taiwan wahr. Seiner Ansicht nach ist das Schwerpunktstudium entbehrlich, die Streichung bestimmter Rechtsgebiete aus dem Pflichtstoffkatalog hingegen eine Katastrophe:

Zitiervorschlag

Prof. Dr. Stephan Lorenz, Reform des Jurastudiums: Zurück in die Provinz . In: Legal Tribune Online, 03.01.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21647/ (abgerufen am: 17.11.2019 )

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Kommentare
  • 03.01.2017 14:16, Günny

    "Ein Jurist, der über seine gesamte Ausbildung den Kontakt mit diesen Problemen vermeiden kann, ist – ganz abgesehen von seinem engen Horizont - für die Praxis schlicht nicht tauglich"

    Sorry, aber die IPR Basics kann man sich binnen weniger Stunden aneignen. Das kann auch grundsätzlich ein Volljurist. Was hat das bitteschön mit Praxistauglichkeit zu tun?

    • 03.01.2017 14:22, Volljurist

      Den "engen Horizont" hat eher derjenige, der das IPR für den Nabel der Juristerei hält.

    • 04.01.2017 11:31, Günny

      Da kennt wohl jemand Prof. Lorenz nicht....

    • 04.01.2017 15:02, Martin R.

      Im Gegensatz dazu sind die (meisten) Schwerpunktbereiche äußerst praxistauglich. Oder wie sollte man Familien und Sozialrechtler werden, das hatte man im Studium sonst quasi gar nicht. Kriminologie ist eine ordentliche Vorbereitung für den Strafrechtler (sagt mein Kollege) und mein ökonomischer Schwerpunkt eröffnet mir bis heute gute Schnittstellen in das Verständnis der Wirtschaft und damit ein gutes Betätigungsfeld. IPR habe ich nie wieder gebraucht. Aber das ist nur meine Erfahrung.

  • 03.01.2017 14:18, Volljurist

    Ich habe nach dem Lesen der Einleitung überlegt, ob der Autor ironisch sein will. Und dann... herzlich gelacht!
    Dass ich und viele meiner Kollegen und Freunde für die Praxis untauglich sein sollen, weil sie in mehreren Jahren Ausbildung und einigen Jahren Berufs- (bzw. Privat-)leben nie einen Kontakt zum IPR hatten, finde ich fast schon beleidigend.

    Der Beweggrund des Artikels ist nach einem Blick in die Vita des Autors leicht zu erkennen: Hier hat jemand Angst um seine Zukunft.

    • 03.01.2017 15:00, User

      Ich bezweifle ganz stark dass Prof. Lorenz um seine Zukunft bangt... Alleine seine Zivilrechtsvorlesung die als Podcast frei für alle verfügbar sind und dessen überragend positive Resonanz zeigen eindeutig, dass er sich auch bei Streichung des IPR keine Angst um seine Zukunft haben muss.

      Darüber hinaus ist das IPR nunmal wichtig in unserer heutigen Gesellschaft; jedenfalls deren Grundlagen.

  • 03.01.2017 15:15, GrafLukas

    Große Überraschung: Ein IPR-Prof wehrt sich gegen die Streichung seines Fachs. :-D

    Ich habe genau einmal eine IPR-Vorlesung besucht. In dieser Vorlesung sagte der Prof, die interessanten und praxistauglichen Inhalte werde er in seiner freiwilligen IPR-Übung im Anschluss vermitteln, die Vorlesung sei nur dröge. Daraufhin habe ich beides verweigert. Ich komme aus NRW, da ist das sogar Prüfungsstoff, aber alles was man wissen muss, passt auf eine Karteikarte.

    Ein anderer Prof sagte: "IPR ist weder international noch privat noch Recht, sämtliche Probleme können von einem Rechtspfleger oder einer ReNo bearbeitet werden". Das ist vielleicht überspitzt, aber bestimmt "richtiger" als IPR für den Nabel der Welt zu halten.

    Wenn man in der Praxis damit zu tun hat, muss man sich halt den Inhalt der Rom-Verordnungen anlesen, die zwar etwas umständlich formuliert, aber ansonsten selbsterklärend sind. Das dafür nötige Handwerkszeug lernt man nämlich in der Ausbildung.

  • 03.01.2017 15:41, C.Groth

    So sehr ja sicherlich die Diskussion um die Reform der Juristenausbildung notwendig ist, zeigt sich hier indes, woran es häufig krankt: Die zu streichenden Aspekte werden als unabdingbar dargestellt. Die Gegner des eigenen Standpunkts ("Pflichtstoff kürzen? Ja, aber sinnvoll") werden bereits im Voraus ins Abseits gestellt - das ist äußerst bedauerlich.

    Leider scheint niemand der Verantwortlichen für die Reform geneigt, die wirklichen Probleme der Ausbildung anzugehen. Dass der Anspruch, die Kandidaten für die Praxis auszubilden, angesichts der heute extrem komplexen Rechtswelt von vornherein scheitern muss, wenn man eine Qualifikation in sehr vielen Bereichen zum Dogma erhebt, bleibt in der Diskussion ausgeblendet. Ob es für den Zweck des Studiums (siehe nächsten Absatz) wirklich notwendig ist, dass ein Kandidat die Rechtsprechung des BVerwG zu den Facetten des Baurechts (am besten auch noch die Rechtsprechung des "eigenen" OVG), Details der Beweisverwertung im Strafprozess, arbeitsrechtliche Sonderfragen und zivilrechtliche Regelungen über den Schatzfund kennt sowie abschließend eine Verfassungsbeschwerde zur Eurorettung begutachten kann, bedürfte einer Begründung, die sich nicht darauf zurückziehen sollte, es würden "Volljuristen" ausgebildet.
    Die dem Prüfungsmodus inhärenten Probleme (Zweitgutachten in Kenntnis des Erstvotums, stark zurückgenommene gerichtliche Kontrolle) seien dabei noch gar nicht eingestellt.
    Nicht zuletzt erscheint die Praxistauglichkeit der Ausbildung bereits dadurch bemakelt, dass eine Einbindung der heutigen Recherchewerkzeuge in die Prüfung inexistent ist.

    Der von Professoren gern getätigte Ruf, der allenthalben gegen die Repetitoren erschallt, muss den Kandidaten dabei besonders schmerzen. Denn die "Kenntnis spezieller höchstgerichtlicher Entscheidungen oder spezieller Vorlieben der Aufgabensteller" - ein auch hier zurecht attestiertes Problem der Prüfungen - wird auch durch die Professoren zuweilen ausgeblendet oder durch eigene Aufgabenstellungen mitverursacht. Es dürfte doch offensichtlich sein, dass Repetitoren höchstens das Symptom eines Problems aber nicht selbiges sind.
    Wenn der in vielen Bundesländern gesetzte Zweck des Studiums eingehalten wird (beispielsweise § 16 Abs. 2 S. 2 JAPO Bayern: "Überblick über das Recht, juristisches Verständnis und Fähigkeit zu methodischem Arbeiten sollen im Vordergrund von Aufgabenstellung und Leistungsbewertung stehen."), dürfte sich das beschriebene Problem ja nicht zeigen.
    Die Tatsache, dass sich das beschriebene Problem zeigt, sollte zu denken geben; dass dieses Denken lediglich die leidige Diskussion evoziert, was aus dem Prüfungskanon zu streichen ist und was nicht, gebietet im Hinblick auf den Erfolg der Reform Anlass zur Resignation.

  • 03.01.2017 16:06, Sven Ringhof

    Den Kommentatoren ist zwar dahingehend zuzustimmen, dass das IPR weder der Nabel der Juristentätigkeit ist noch täglich vorkommt, aber kompliziert ist es schon. Wenn sich dann der Anwalt (m/w), der Notar (m/w), der Rechtspfleger (m/w) oder die ReNo (m/w) erst mühsam darin einlesen müssen, wird der normale Arbeitsablauf empfindlich gestört.
    Hilfe in solchen Fällen gibt es hier: www.ass-jur-sven-ringhof.de

  • 03.01.2017 21:12, Gast

    Also ich kann dem Prof. Lorenz hier auch in keiner Weise zustimmen. In Hamburg z.B. ist das IPR schon seit Jahren kein Pflichtstoff mehr. Sind da jetzt alle Provinzialjuristen, die dort ihre Ausbildung machen/gemacht haben?

    Mit denselben Argumenten, die hier im Artikel aufgeführt werden, könnte man auch kritisieren, dass man im Studium nichts über Steuerrecht, Sozialrecht, Versicherungsrecht oder Asylrecht ist. Irgendwo muss man halt eine Grenze ziehen. Aber klar, dass ein Prof. für IPR gerade dieses Rechtsgebiet erhalten will.

    Kürzungspotential im Stoff gibt es mMn vor allem im Strafrecht BT und das sage ich als Fan von Strafrecht. Brandstifungs-, Urkunden- und Aussagedelikte könnten gefahrlos gestrichen werden.

    • 04.01.2017 11:32, Günny

      Schonmal Luft in der Praxis geschnuppert? Urkundsdelikte kommen da doch häufiger vor, als man denken mag.

  • 03.01.2017 22:58, Lange

    IPR ist nichts als eine Spielerei für diejenigen, die es interessiert. Bei Vergleich der Fallzahlen zwischen IPR und trivialen Verkehrsunfällen, sollte Letzteres in der Ausbildung eine klare Bevorzugung erfahren. Viele junge Anwälte starten ins Berufsleben und können nicht einmal einen Verkehrsunfall regulieren. Dafür wird der einstweilige Rechtsschutz vor dem EuGH beherrscht. Nur kann davon kaum ein Anwalt leben. Die juristische Ausbildung ist in der jetzigen Gestalt eine Farce, da sie sich nicht daran orientiert, dass der Jurist später einmal seinen Lebensunterhalt eher mit Verkehrsunfallsachen als mit IPR-Streitigkeiten verdienen muss.

    Der universitäre Schwerpunkt muss direkt nach dem Grundstudium angegangen werden, da anderenfalls am Ende der Ausbildung finanzielle Engpässe auftreten können. Der werte Gesetzgeber hat nämlich verpasst die Dauer des BaFöG anzupassen. Soweit bleibt den Studierenden keine Wahl.

    Die Auswahl des Schwerpunktes krankt schon daran, dass vermeintlich einfache und punktebringende Fächer bevorzugt als Schwerpunkt gesetzt werden, ohne dass der Studierende erahnen kann, ob sich das gewählte Rechtsgebiet für ihn in der Praxis als tauglich erweist. Wer in der Theorie gute strafrechtliche Klausuren schreibt, ist später im Berufsleben noch lange kein guter Verteidiger.

    Etliche Junganwälte überstehen die ersten zwei Jahre nicht, weil in der Ausbildung weder Kenntnisse der Kanzleiführung noch Grundlegendes zu in der Praxis verwendeten technischen Möglichkeiten, wie beispielsweise EGVP, vermittelt werden. Statt sich während des Referendariates damit zu befassen wird "getaucht", damit im Examen irgendwelche Einzelentscheidungen dahergebetet werden können.

    Die Ausbildungsinhalte sollten Inhalte umfassen, die verhindern, dass die Juristerei zu brotloser Kunst verkommt. Kein Mensch braucht IPR, Militärrecht oder sonstige abwegige Rechtsgebiete mit oder ohne europarechtlichen Einschlag im Prüfungsstoff. Familienrecht, Erbrecht, Verkehrsrecht und Mietrecht sind die Massenfallrechte, die dem jungen Anwalt die ersten Jahre das Überleben sichern. Die Zeit, die er benötigt, um festzustellen für welches Rechtsgebiet er Talent oder ein vertieftes Interesse hat.

    Repetitorien hin oder her. Würden die Studierenden das nötige Rüstzeug zum Bestehen der Prüfungen innerhalb der Ausbildung vermittelt bekommen, wären die Repetitorien wohl nicht so stark frequentiert. Möglicherweise werden die Nachwuchsjuristen auch einfach aus blanker Angst vor willkürlichen Bewertungen zu den Repetitorien getrieben. Im Ergebnis wird man damit umgehen müssen, dass die Nachwuchsjuristen sich offensichtlich nicht gut auf die Prüfungen vorbereitet fühlen.

    • 03.01.2017 23:42, Eric

      Ich drücke den Nutzen von IPR im Studium mal so aus - man hat viele aufschlussreiche "Aha"-Momente wenn man neben dem deutschen Privatrecht auch einmal eine ganz andere Herangehensweise kennenlernt. Damit lernt man en passant auch viel über das deutsche Privatrecht, wie man das sonst nicht könnte. Ich meine, das macht einen zum besseren Juristen.

      Auch will man ja nicht nur zum prozessorientierten Dienstleister gedrillt werden, sondern einen akademischen Mindestanspruch hinaus pflegen, ohne, dass jede Vorlesung "Berufsrelevanz" hat. Ansonsten kann man klassisches Jura gleich an die Verwaltungshochschule schieben, wo es aufgrund des Hauptzwecks, Nachwuchs für die Justiz auszubilden, eigentlich auch hingehört.

      Wer einen höheren akademischen Anspruch hat bleibt an der Uni und erwirbt einen akademischen Grad. Bis zur Öffnung des geschützen Berufs, wie schon fast überall in Europa geschehen, macht man gezwungenermaßen zusätzlich das Staatsexamen. Das wäre die ehrlicher Jura-Reform.

    • 04.01.2017 09:50, Franz

      @Eric: Was wäre das denn, was man so lernen kann?

    • 04.01.2017 10:44, Lange

      @ Eric:
      Akademischer Mindeststandart kann auch im Wege eines Philosophiestudiums verwirklicht werden. Anschließend kann man dann mittellos in einem Fass leben.

      Die akademische Selbstbeweihräucherung dieser Art führt in der Praxis dazu, dass sich die Herrschaften Referendare weigern für eine Woche den ReFas und ReNos über die Schulter zu schauen, um dort die Basics der Aktenführung/Aktenanlage zu lernen. Man hat ja schließlich nicht studiert um Tippsenarbeit zu verrichten. Dass der Richter dann im ersten Berufsjahr tobt und alles vom Gericht zurück kommt, weil Formalia nicht eingehalten sind ist ja auch nicht so wichtig.

    • 04.01.2017 11:27, Reibert

      Na Eric,
      das ist aber hart am Rande des weltfremden Traumtänzertums. Ein Studium ist kein Selbstzweck. Und die Akademiker die ich kenne, haben studiert, um mit dem Abschluss in einem bestimmten Beruf arbeiten zu können und nicht um sich an der Uni intellektuell selbst zu befriedigen.
      Andere Leute gibts natürlich auch, die studieren dann meist im 35. Semester...

    • 04.01.2017 20:10, Sasha

      @Reibert

      Kontext!
      So wie ich ihn verstehe hat sich Eric gegen die Lobhudelei bzgl des Status Quo im Jurastudium gewendet, Reformbedarf aufgezeigt und bemängelt, dass wir Juristen uns unheimlich viel auf die harte Auslese des Stex einbilden (bzw dass wir diese Auslese persönlich überstanden haben), ein akademischer Abschluss aber durchaus anspruchsvoller sein kann.

      Und das ist natürlich nicht nur akademische Liebhaberei. Mein Partner hat zB dadurch einen äußerst attraktiven Einstieg als Wirtschaftsingenieur erhalten, weil der Gegenstand seiner Bachelorarbeit passgenau mit dem Profil der offenen Stelle übereinstimmte und sein neuer Vorgesetzter ganz begeistert von seiner Bachelorthesis war, die er seiner Bewerbung beifügte. Und das, obwohl eigentlich ein Master als Anforderung in der Ausschreibung der Stelle genannt wurde. Durch seine detaillierte Fachkenntnis, die er mit seiner Thesis nachweisen konnte, hat er Bewerber mit dem "höheren" Master aber ohne das spezielle Fachwissen ausgestochen.

      So kann es selbstverständlich mit der Thesis eines LLB/LLM auch laufen.

      Mir erscheint vieles, was hier gegen Reformen geäußert wird, dem Motto "das haben wir schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen" zu folgen.

  • 03.01.2017 23:25, Eric

    Das ist nur ein weiterer Sargnagel für das klassische Jurastudium, dessen Absolventenzahl recht unbemerkt seit Jahren sinkt.

    Die Sturheit, mit der Bologna bisher von deutschen Juristen aus dem "Volljuristen-Berufsmonopol" herausgehalten wird, wird klassisches Jura zerstören.

    Beispiel FU Hagen: dort ist seit Jahren Internationales Privat- und Verfahrensrecht Pflichtstoff, aber auch wirtschaftliche Kompetenzen wie das Rechnungswesen. Die FU ermöglicht neben dem Master auch ein Ergänzungsstudiengang zum 1. Staatsexamen.

    So kommt man sowohl in den geschützen Beruf wie auch an zusätzliche, zeitgemäßere Studieninhalte. Und die Absolventen klassischer, "reiner" Jura-Studiengänge, die sich auf den Pflichtstoff beschränken und auch keinen akademischen Grade verleihen, werden das berufliche Nachsehen haben.

    Ob Bucerius, Mannheim, FU Hagen und andere. Immer mehr Fakultäten warten nicht mehr auf die Reformbereitschaft und ergänzen das, was klassischem Jura fehlt, einfach selbst.

    Der Einheitsjurist ist damit endgültig Geschichten. Und das ist auch gut so, denn Lorenz hat recht. Dieses Jurastudium ist nicht mehr zeitgemäß und geht am Bedarf vorbei.

  • 04.01.2017 09:14, Sebastian

    Ich kann weder dem Lobgesang meines Vorredners auf Bologna, noch den Einwand von Herrn Lorenz nachvollziehen:

    Ersteres hört man immer wieder. Besonders beliebt: der Generalangriff auf das Staatsexamen in dem, zumindest in den meisten Ländern der Stoff aufs Mal abgefragt wird. Ich gebe zu, es ist für den Kandidaten eine Tortur, die ich selbst gehasst habe, solange sie andauerte. Zugleich ist aber die Umstellung auf den Bachelor, wie man an zahlreichen anderen Fächern sieht, mit einer fehlenden Vergleichbarkeit verbunden. Zudem sinkt nach m.E. der Schwierigkeitsgrad und damit im Allgemeinen das Niveau der Absolventen. Ohnehin wäre die Abkehr vom Einheitsjurist der Tod für den obligatorischen Laufbahnwechsel, wie er im Staatsdienst in den meisten Bundesländern zwingend vorgeschrieben ist (und der auch trotz aller Kritik sinnvoll ist, um Seilschaften zu vermeiden).

    Zu Letzterem: die Eingrenzung des Pflichtstoffs auf praxisnahe Gebiete mag dem Grundsatz nach durchaus wünschenswert sein. Leider wird diese Diskussion - unvermeidbar - durch Interessentenvertreter geführt. Herr Lorenz mag Recht haben: Das IPR ist sicherlich kein völlig zu vernachlässigendes Feld. Doch trotz meiner offenbaren Praxisuntauglichkeit (beide Examina in Bayern, wo IPR nicht in den Pflichtstoff fällt) ist es mir als Assessor dann doch noch gelungen, mir diese Grundlagen in kurzer Zeit zu erarbeiten. Die gleiche Argumentationslinie hat aber dazu geführt, dass in Bayern im zweiten Examen bis heute Wasserrecht als Pflichtstoff (!) geprüft wird. An der praktischen Bedeutung gemessen, ist das kaum zu erklären. Der Grund liegt darin, dass die einzelnen Ministerien ihren Proporz am Assessorexamen mit aller Macht verteidigen. Zugleich ist das Arbeitsrecht in vielen Bundesländern gar nicht im Pflichtprogramm und fristet in anderen nur ein Nischendasein.
    Bemisst man die Praxistauglichkeit nun am Arbeitsmarkt, stellt sich die Situation gerade in diesen beiden Gebieten doch ganz und gar umgekehrt dar.

    Auch wenn ich in diesem Bereich nicht arbeite, hat mir doch die viel bejammerte Steuerrechtklausur im zweiten Examen zumindest ein grundlegendes Verständnis mit auf den Weg gegeben, von dem man auch in anderen Rechtsgebieten profitieren kann. Man könnte die Liste nun beliebig fortsetzen...

    • 04.01.2017 10:15, Eric

      Schon jetzt ist weder das Staatsexamen in den 16 Ländern identisch, noch die Studieninhalte (nicht nur bei den Schwerpunktsbereichen!). Der Einheitsjurist ist eine Chimäre.

      Dieses Niveau an Einheitlichkeit, das jetzt vorhanden ist, lässt sich selbstverständlich auch durch entsprechende Regelung der Akkreditierung der Studiengänge lösen. Die Mediziner und Lehrer haben es genauso gemacht, die Juristen in anderen Ländern ebenso. Es ist ja nicht so, als wir da "Neuland" betreten würden. In Dänemark erhält man schon seit über 20 Jahren mit einem Master of Law Zugang zum geschützten Beruf.

      Der wichtigste Unterschied ist, dass das Examen einfach keinen akademischen sondern einen schulischen Abschluss bringt. Das Staatsexamen ist eine Vergleichsarbeit wie das Zentralabitur. Eine eigenständige, akademische Abschlussarbeit, die auch "verteidigt" werden muss, um das "Studium der Rechtswissenschaften", wie es immerhin heißt, zu krönen, ist keinesfalls einfacher. Eher ganz im Gegenteil. Eben der Unterschied Schule Vs. Hochschule.

      Und wie gesagt, derzeit läuft es ohnehin darauf hinaus, was ich beschrieb. Das ist die Entwicklung der Absolventenzahlen von klassischem Jura:

      http://www.lto.de/jura/studium-zahlen/zahl-der-absolventen-eines-jurastudiums-1959-2012/

      (hat sich nach 2012 so im Trend fortgesetzt)

      total entgegen dem allgemeinen Trend, der immer mehr junge Leute an die Hochschulen brachte und die Absolventenzahlen anderer Fächer in immer neue Höhen trieb.

      So auch die von "Wirtschaftsjura". Exemplarisch dafür nannte ich die weithin anerkannte Fernuni Hagen. Dort kann man mit dem Bachelor of Law Wirtschaftsrecht studieren und dazu noch einen EJP Ergänzungsstudiengang, um zum Staatsexamen zu kommen. Die FU Hagen Absolventen sind damit AUCH "klassische Volljuristen" aber ZUSÄTZLICH haben sie noch Kompetenzen in Betriebswirtschaft, aber auch z. B. in IPR oder über die Wahlfächer z. B. in Immaterialgüterrecht. ZUSÄTZLICH zu dem Pflichtprogramm des klassischen Jura (auch der olle Schwerpunktbereich usw. ist Gegenstand des EJP Ergänzungsstudiengangs an der FU Hagen).

      Das sind einfach die besser qualifizierten Juristen. "Volljuristen+" sozusagen. Und damit ist der Einheitsjurist faktisch einfach schon jetzt am Ende. Ob man das eingestehen möchte oder nicht. Die Statistik lässt da auch nicht mit sich diskutieren und gibt ein klares Bild ab.

    • 05.01.2017 09:04, Sebastian

      Mag sein, dass die Absolventenzahl stagniert, bzw sinkt. Ob man das aber isoliert auf die Studienbedingungen oder womöglich auf die sinkende Bereitschaft von immer jüngeren Studenten zurückführen kann, sich einem derart WENIG verschulten Studium zu stellen, möchte ich in Frage stellen.

      Ich habe selbst 6 Semester lang an der Hochschule doziert. Das fiel in Bayern exakt auf die Phase der Umstellung zwischen G8 und G9 Abitur. Durch das fehlende Jahr oder auch den stärker verschulten Lehrplan sind die Studienanfänger heute weitaus unselbständiger, zeigen weniger Bereitschaft zur Eigeninitiative und neigen immer stärker zum Auswendiglernen. Dieser Eindruck war im Kollegium nahezu Konsens.

      Mag sein: das Staatsexamen ist eine Vergleichsprüfung, dass darf man nicht leugnen. Dennoch kann ich nicht nachvollziehen, wieso ein stärker verschulter Studiengang wie der Bachelor irgend etwas für die Qualität beitragen sollte. Kennzeichnend für das Examen ist es doch gerade, dass die Prüfung derart breit aufgestellt wird, dass zuvor regelmäßig eine umfassende Vorbereitung durchgeführt werden muss, die den Kandidaten zur Auseinandersetzung mit ihm meist unbekannten Materien zwingt. Im besseren Fall ist diese Vorbereitung (zumindest überwiegend) selbständig. Im schlimmsten Fall geht der Kandidat zum Privatrepetitor mit Vollprogramm.

      Meine Erfahrung und auch die meiner Kollegen, die ihrem Examen den Bachelor Wirtschaftsjurist vorschalteten war es, dass diese Phase sie juristisch weitaus am meisten vorangebracht hat. Den Umgang mit dem Recht erlernt man m.E. nicht durch das Lernen auf eine Semesterabschlussklausur, noch auf eine Modulprüfung und zahllose Praktika, in denen man ohnehin nur ausgebeutet wird.

      Für mich überwiegen die Vorteile des Staatsexamens klar denen des Bachelor. Nicht umsonst ist die deutsche Juristenausbildung auch im Ausland (bspw. anglo-amerikanischer Raum) hoch angesehen.

    • 05.01.2017 09:07, Sebastian

      Ich bitte den peinlichen "das-dass-Fehler" zu ignorieren. Da hat mir die Autovervollständigung nach dem Komma einen Streich gespielt.

    • 05.01.2017 12:55, Eric

      Ich denke, man kann schnell Einigkeit erzielen, wenn es darum geht, dass es letztlich v. a. auf den Inhalt ankommt, weniger auf die Form. Auch unter der vergleichsweise großen Vereinheitlichung beim klassischen Jurastudium gibt es ja riesige Niveau-Unterschiede zwischen den deutschen Jura-Fakultäten, sowohl bei der Qualität der Lehre, wie auch beim Abschneiden der Prüflinge, die an Fakultät X studiert haben. Das heißt, zunächst sollte man sicherlich an den Fakultäten, an denen es offenbar mit der Lehre nicht so weit her ist, nacharbeiten.

      Es gibt übrigens auch an vielen Fakultäten, die klassisches Jura auf das Stex hin lehren, schon längst Modularisierungen, sogar ECTS werden vergeben (meinem Eindruck nach bei der Mehrzahl der Fakultäten). Bologna schleicht sich sowieso ein.

      Es geht mir hier letztlich v. a. um den Abschluss und darum, dass über die Note im Stex die beruflichen Weihen - im Grunde für eine gesamte Karriere - vorgeprägt werden. Und dazu halte ich das Stex einfach nicht für qualitativ aussagekräftig genug. Wir alle kennen anekdotisch gute Juristen, die in der Examensphase vielleicht eine schlechte "Form" hatten oder generell Prüfungsangst haben usw., die aber richtig gute Juristen sind. Und wer hat nicht schon "Prädikatsjuristen" getroffen, bei denen man innerlich die Augenbrauen hochziehen musste, ob fachlicher Fehler. Anekdotische Einzelfälle? Möglicherweise. Aber zumindest widerlegt dies schon die oft gehörte Aussage, die Endnote im Stex gebe zuverlässig Aufschluss über die fachliche Eignung, fast mit der Präzision eines Messwerkzeugs.

      Nur deswegen hat diese Note am juristischen Arbeitsmarkt ja diese Bedeutung, in allen anderen Fachschaften ist die Abschlussnote nur beim Berufseinstieg von großer Bedeutung, danach zählen v. a. berufliche Resultate, wohingegen immer wieder Geschichten von Juristen kursieren, die Partner werden sollten, als dann aber herauskam, dass derjenige nur ein 4 Punkte Examen hatte, vor Jahrzehnten, wurde daraus dann doch nichts - obwohl man ihn ja offenkundig für fachlich so kompetent hielt, dass er eines Partners würdig wäre. Um das Stex wird unter deutschen Juristen ein IMHO ungesunder "Kult" veranstaltet.

      Es ist wesentlich einfacher, in einer mehrstündigen, punktuellen, Vergleichsprüfung durch "Pauken" und Rep usw. zu glänzen, als in einer individuellen Thesis, die "from scratch" auf den Umfang eines Büchleins aufgebaut werden muss. Inklusive wissenschaftlichem Apparat usw., da hilft einem nicht einfach ein gutes Gedächtnis, ein gutes Rep und Glück, mit der Auswahl der Fälle, die man als besonders "examensrelevant" im Vorfeld eingepaukt hat. Nein, da ist man ganz mit sich und seinen erlernten Kompetenzen und muss substantiell überzeugen. Sozusagen auf Langstrecke, im Marathon, statt nur bei einem kurzen Sprint.

      IMHO trennt das Blender deutlich besser von Leuten mit Substanz, als eine punktuelle Vergleichsprüfung, bei der es soviel mehr auf Glück, Tagesform usw. ankommt.

  • 05.01.2017 13:16, Eric

    PS: bezüglich dem Ansehen im Ausland - naja. Wir zehren da vom Ruhm früherer Zeiten scheint mir. Alle Neuerungen der jüngeren Vergangenheit kamen von den Angelsachsen nach Deutschland, nicht umgekehrt. Mediation, Harvard-Prinzip, Moot-Court und vieles mehr, was kam aber umgekehrt aus der deutschen Juristenausbildung in andere Länder? Mir fällt spontan nichts ein. Ähnlich ja auch in der Rechtspraxis. Ganz neue Vertragstypen wie das Leasing kamen aus dem Ausland zu uns, nicht umgekehrt. Vielleicht bringt das Stex eben doch nicht die Bestenauslese hervor, sondern sortiert v. a. an den Status Quo bestangepasste Kandidaten heraus (durchschnittlich begabt, maximal angepasst) und belohnt diese mit Bestnoten? Das würde auch erklären, warum die Jurisprudenz in Deutschland schwachbrüstig geworden ist, wenn es um Innovationen geht. Ist nur eine These, würde aber einiges erklären.

    • 05.01.2017 13:16, Eric

      (dieser Kommentar war an Sebastian gerichtet, s. o.)

  • 09.01.2017 17:10, Larissa

    Der Artikel ist ein schönes Beispiel für die Pflege des jeweils eigenen Schrebergartens. Man hält sein Lieblingsfach für wichtig und unersetzlich, und wehe, jemand anders sieht das anders.

  • 29.03.2017 22:50, anno

    Die Problemstellung liegt anders. Volljuristen können und müssen sich auf komplexe Veränderungen, Reformen und Neuem aus Absurdistan einstellen. Dafür nimmt man sich soviel Zeit, wie erforderlich ist und kalkuliert, ab wann man diese Leistung anbietet; läuft ein Fall mal ohne RBS ist Kaffee und Flexibilität gefragt. Aber - Studierende sind dem Druck der Prüfung und der Note ausgesetzt, das ist eine ganz andere Situation.

  • 05.12.2017 03:27, Espelkamper

    Wäre das Abmahnwesen eine deutsche Erfindung oder hätte es angelsächsischen Ursprung?