Wahlstation in Lilongwe, Malawi: Into the Wild

von Karola Rosenberg

03.09.2014

Eigentlich war die Bewerbungsfrist für die Wahlstation beim Auswärtigen Amt schon abgelaufen, aber Karola Rosenberg versuchte es trotzdem – und landete in der Deutschen Botschaft in Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt. Fürs Examen hat sie dort nichts gelernt, aber die Vorzüge von Supermärkten, Stromversorgung und sogar der deutschen Pünktlichkeit weiß sie seitdem sehr viel mehr zu schätzen.

Die Entscheidung, für die Wahlstation ins Ausland zu gehen, fiel spät – zu spät, eigentlich. Doch nach der reichlich stressigen Vorbereitung auf die Klausuren des 2. Staatsexamens erwachte plötzlich der Wunsch, noch einmal "raus" zu kommen. Obwohl die Frist schon abgelaufen war, schrieb ich also der Sachbearbeiterin beim Auswärtigen Amt eine E-Mail und fragte, ob es eventuell möglich wäre, kurzfristig nachzurücken, falls jemand ausfällt oder eine Stelle frei bleibt. War es. Ich hatte sogar die Wahl zwischen der Schweiz, Luxemburg, Nicosia und Lilongwe. Manchmal zahlt es sich doch aus, spontan und flexibel zu sein.

Aber Moment mal: "Lilongwe"? Wer oder was ist das, und wenn ja, wie viele? Ungefähr so fiel meine erste Reaktion auf das Angebot aus. Gefolgt von dem Gedanken: Kenn ich nicht – muss ich hin.

Gesagt, getan. Die Vorbereitung auf Malawi war jedoch etwas komplizierter als gedacht. Der örtliche Reisemediziner teilte jedenfalls meine geographischen Bildungslücken und erklärte mit leicht verzweifeltem Blick, dass Malawi nirgendwo "in der Liste der kleinen asiatischen Staaten" zu finden sei. Letztlich haben wir uns darauf verständigt, dass es nicht dort liegt, sondern in Südostafrika, und ich konnte frisch geimpft und mit Malariaprophylaxe versorgt in den Flieger steigen, der mich über Addis Abeba in die malawische Hauptstadt Lilongwe brachte.

Alltag in Afrika: "The blonde with the bike"

Nein, ich musste nicht in einer Hütte auf einer Bambusmatte schlafen, auch wenn das für die Mehrheit der Malawier die übliche Unterkunft ist. Gewohnt habe ich in einem ganz normalen Haus in einem Zimmer zur Untermiete.

Wesentlich gewöhnungsbedürftiger war der Weg zur Arbeit. In den ersten Tagen bin ich von Kollegen mit dem Auto abgeholt worden. Dann bekam ich ein Fahrrad geliehen und war fortan auf mich gestellt. Der Arbeitsweg betrug rund 3 Kilometer, bergauf und bergab. Die Außentemperatur lag bei etwa 35 Grad, die Luftfeuchtigkeit gefühlt bei 99,9 Prozent. Das Fahrrad war ein großes Herren-Mountainbike. Nach kurzer Zeit wurde ich von wildfremden Menschen angesprochen, die mir fröhlich mitteilten, sie würden mich kennen, ich sei doch "the blonde with the bike", und sie wüssten auch, in welchem Distrikt ich wohne. Super. Genau das, was man als allein reisende Frau – mit Fahrrad – am anderen Ende der Welt in einem völlig fremden Kulturkreis in einem der ärmsten Länder der Welt hören möchte, während man gleichzeitig Berichte über die aktuelle Gefährdungslage schreibt.

Mein Unwohlsein legte sich allerdings bald wieder. Die Menschen begegneten mir mit nichts als Freundlichkeit und Fröhlichkeit, die mich sprachlosen machten angesichts der bitteren Armut, des Hungers und der allgegenwärtigen Not.

Arbeit in Afrika: Zu spät ist das neue pünktlich

Die Aufgaben der Referendare in der Botschaft sind ganz unterschiedlich. Die Botschaft ist sehr klein und man springt ein, wo man gerade gebraucht wird. Den einen Tag arbeitet man an der Aktualisierung der Website, den nächsten vertritt man den Botschafter bei einem Meeting. Thematisch geht es meist um Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik. Typisch juristisch ist eigentlich überhaupt nichts. Man ist gut beraten, sich im Vorfeld schon einmal mit den Aufgaben von BMZ, GIZ, Kfw und Co auseinander zu setzen.

Hat man das getan, muss man vor allem eines mitbringen: Geduld. Einer meiner ersten Vertretungstermine war ein Kongress, bei dem auch die Präsidentin auftreten sollte. Die Einladung lautete auf acht Uhr, Programmbeginn um neun. Ich genoss den Luxus, mit dem Auto zu dem Termin gefahren zu werden. Typisch deutsch hatte ich geplant, kurz vor acht vor Ort zu sein. Der Fahrer schaute mich mit großen Augen an. Daraufhin überdachte ich meine Entscheidung und beschloss, erst kurz vor neun, also pünktlich zum Programmbeginn, anzukommen. Die Augenbrauen blieben oben, aber ich wollte nicht riskieren, zu spät zu kommen. Leider. Ich war pünktlich. Oder nach meinem Empfinden eine Stunde zu spät. Die Mehrzahl der anderen kam um elf. Programmbeginn war schließlich um halb eins. Dafür dauerte das Programm dann aber doppelt so lange und zum Ausgleich trat die Präsidentin doch nicht auf. Business as usual.

Zitiervorschlag

Karola Rosenberg, Wahlstation in Lilongwe, Malawi: Into the Wild . In: Legal Tribune Online, 03.09.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13074/ (abgerufen am: 20.01.2019 )

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Kommentare
  • 04.09.2014 11:58, Dirk

    Netter Bericht, vielen Dank! Endlich mal wieder etwas abseits der etablierten Stationen - LTO, bitte mehr davon. Danke und Grüsse, D

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  • 05.09.2014 09:15, Mike M.

    Schöner Bericht! Freilich wird sich mancher Steuerzahler fragen, warum er so etwas finanziert. "Rein bezogen auf Examenswissen habe ich in meiner Wahlstation nichts gelernt" sollte man deshalb nicht so laut sagen. Jedenfalls erbringt der Referendar auch Arbeitsleistungen.

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  • 06.09.2014 09:03, Bernd

    Lieber Mike M.,

    Leider ein völlig unqualifizierter Kommentar. Der Nutznießer der Arbeitsleistungen eines Referendars im Ausland, das Auswärtige Amt, und damit der "Steuerzahler" zahlt genau 0 €. Referendare müssen daher ihren Auslandsaufenthalt (Flug, Unterkunft d.h. doppelte Haushaltsführung) komplett selbst bezahlen. Zu meiner Zeit musste ich sogar den Druck von Botschafts-Visitenkarten selbst finanzieren, weil das AA dafür keinen Etat habe.
    Damit kostet eine Auslandsstation in der Regel mehrere tausend Euro, die der Referendar selbst aufbringt.

    Richtig ist allerdings, dass das jeweilige Land die Bezüge weiterzahlt. Diese sind allerdings Hartz 4 Niveau, also so als ob man überhaupt nicht arbeitet (berücksichtigt man die Mietzahlung durch die Arge). Einen Schaden hat der Steuerzahler sogesehen nicht.

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    • 08.09.2014 12:04, Mike M.

      Sie haben im Prinzip recht. Das würde nur erwähnen, dass man auch gewisse Arbeitsleistungen erbringt. Bei Auslandsstationen beim Rechtsanwalt, profitiert der Staat natürlich weniger.

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