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Juristische Examina: Wie man dem Prü­fungs­druck stand­hält

von Daniela Dihsmaier

14.12.2017

2/2: Zeit für einen Perspektivwechsel

Schreiben Sie Ihre selbstkritischen Gedanken auf. Notieren sie diese zeitnah, bevor Sie sie vergessen. Mögliche Beispiele:

  • "Was denken die anderen von mir (Freunde und Umfeld), wenn ich das nicht schaffe?"
  • "Alles eh scheißegal, ich krieg das eh wieder nicht hin, ob ich nun lerne oder nicht."

Stellen Sie sich anschließend die folgenden Fragen zu jedem Ihrer selbstkritischen Gedanken. Falls Sie einen entspannten Freund oder Partner haben, dann binden Sie ihn ein. Machen Sie doch ein Quiz daraus: Entwickeln Sie gemeinsam Alternativen zu ihren selbstkritischen Gedanken.

Die Fragen, an denen Sie die negativen Gedanken messen:

- Gibt es Indizien, die diesen widersprechen?

- Ist Ihre Sichtweise die einzig mögliche? Oder würde ein erfolgreicher Mensch das ganz anders sehen? Welche Meinung ist vermutlich langfristig leistungsfördernder?

- Fixieren Sie sich gerade bloß auf das Negative und übersehen womöglich das Positive?

- Was könnten Sie tun, um wieder nach vorne zu schauen? Gibt es etwas oder jemand, das/der Sie auf andere Gedanken bringen kann?

Vorsicht vor sozialen Vergleichen

In sozialen Medien und gemeinsamen Lerngruppen wird ab und an geblendet, was den Druck zusätzlich erhöht. Sind Sie sicher, dass die anderen wirklich viel mehr machen als Sie? Sind die vielen Lernstunden und -inhalte, über die da gesprochen wird, überhaupt realistisch und sinnvoll?

Sie wissen es nicht. Müssen Sie aber auch nicht, denn das einzige, was zählt, sind Sie selbst. Sie sind für ihr eigenes Prüfungsergebnis verantwortlich, dafür, dass Sie Qualität liefern, dass Sie so lernen, dass es Ihnen gut tut. Jeder lernt individuell: Der eine hat gute Assoziationstechniken und lernt schnell, der andere sucht noch die richtige Technik. Vernetzen Sie sich mit Absolventen, die erfolgreich waren. Welche Lerntechniken wendeten diese an?

Natürlich ist es schön, sich mitreißen und motivieren zu lassen. Doch beobachten Sie sich genau, ob es Sie nicht eher runterzieht. Sonst bekommen Sie schiefe Maßstäbe und sind womöglich unfair zu sich selbst. Fragen Sie sich lieber: Wann hatte ich das letzte Erfolgserlebnis? Was zeichnete mich dabei aus? Erinnern Sie sich an ihre Stärken, die ihnen in der Prüfung helfen können.

Ein Kaffee könnte helfen

Mittlerweile ist die sogenannte zustandsabhängige Erinnerung von der Gedächtnisforschung wiederholt bestätigt worden. Sie hängt damit zusammen, dass unser Gehirn in Assoziationen lernt und daher beim Memorieren der Prüfungsinhalte eben auch die aktuelle Stimmung dazu abspeichert. Demnach können wir uns an das Gelernte besser erinnern, wenn wir in der Prüfung eine ähnliche Stimmung schaffen wie beim Lernen.

Das können schon Kleinigkeiten sein. Ein Beispiel: Wenn Sie immer eine Tasse Kaffee trinken, ehe Sie anfangen zu lernen, wird das Abrufen des Gelernten besser funktionieren, wenn Sie direkt vor der Prüfung auch einen Kaffee schlürfen.

An Druck kann man sich gewöhnen

Lähmende Angst lässt sich verkleinern, indem man Drucksituationen simuliert, um sich daran zu gewöhnen – Stichwort Prognosetraining. Dabei ahmt man eine Prüfungssituation in der Vorbereitung nach. Nehmen Sie sich alleine oder im Lernkreis bestimmte Fälle vor, die Sie in einer bestimmten Zeit zu lösen haben. Nach Ablauf der Zeit klingelt die Stoppuhr, anschließend werten Sie das Ergebnis aus. Unter diesem Gesichtspunkt kann auch die Teilnahme am Examen im Rahmen der "Freischuss-Regelung" sinnvoll sein.

Generell gilt: Wer trainiert, sich an Drucksituationen zu gewöhnen, vermindert das Risiko von Blackouts. Nichts anderes ist übrigens ein Freundschaftsspiel beim Fußball.

Bewusst entspannte Phasen einplanen

Integrieren Sie in ihr Leben freiwillige körperliche Bewegung, ausreichend Schlaf, Meditation oder Achtsamkeitstraining. Diese lassen die Menge an BDNF (brain derived neurophic factor) ansteigen. Dieses Protein kurbelt die synaptische Plastizität an. Es bewirkt im Gehirn das Wachstum neuer Zellen und das Entstehen neuer Verbindungen – genau das, was man zum Umprogrammieren (nicht nur hinsichtlich des Examens) braucht.

Daniela Dihsmaier arbeitet als Performance Coach mit Managern, Angestellten, Selbstständigen und Athleten. Sie unterstützt Menschen in Leistungssituationen und Drucksituationen. Ihre Coaching-Praxis ist in München, sie arbeitet aber auch via Skype und Facetime mit Menschen in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz.

Zitiervorschlag

Daniela Dihsmaier, Juristische Examina: Wie man dem Prüfungsdruck standhält . In: Legal Tribune Online, 14.12.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26027/ (abgerufen am: 14.11.2019 )

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Kommentare
  • 14.12.2017 14:59, Maximus Pontifex

    "Performance Coach"

    Aha.

    • 14.12.2017 16:03, M.D.

      Zu meiner Studienzeit nannten wir das Ritalin-Dealer. Tempus fugit.

  • 14.12.2017 15:57, @Topic

    Wer damit nicht klar kommt... Soll halt BWL studieren

    • 14.12.2017 21:18, Skafloc

      Klar dass jetzt gleich wieder die Sprüche der "harten" Absolventen kommen...

  • 14.12.2017 17:42, FinalJustice

    Es wäre mal interessant eine medizinisch-wissenschaftliche Erhebung über die Folgen der psychischen Belastung während des Staatsexamens zu machen. Ich habe mich inzwischen mit drei mit bekannten Psychiatern und Neurologen unterhalten und jeder von denen meinte unabhängig voneinander, dass sie eine überraschend hohe Anzahl von Juristen in Behandlung haben, meist wegen (therapieresistenter) Depression. Bei nahezu allen steht der Stress während den Staatsprüfungen wohl in einem direkten Zusammenhang dazu. Einer der drei ist auch der Überzeugung, dass die Mehrzahl Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen würden.
    Würde mich sehr interessieren, ob diese Erfahrung empirisch belegbar ist.

    • 16.12.2017 09:27, Alumni

      Die Erfahrungen aus meinem persönlichen Umfeld legen das zumindest nahe. Wenn man sich mit Freunden bei ein zwei Gläsern Wein über die Examenszeit unterhält, dann wird klar, dass kaum einer ohne mehr oder weniger schwere psychische oder physische Beeinträchtigungen da durch gegangen ist.

      Trotzdem sollte man das Staatsexamen jedenfalls grundsätzlich nicht ändern, zumal das nach mM - zumindest wenn man am Volljuristen festhalten will - auch garnicht möglich wäre. Stattdessen könnte man über eine stärkere, mentale Betreuung oder Sensibilisierung im Studium nachdenken, damit sich das Leben eben nicht nur auf das Examen verengt.

  • 16.12.2017 18:29, @topic

    Es gilt - wie bei Fisherman's Friends - ist das Examen zu stark, bist Du zu schwach.

    • 16.12.2017 19:02, @ @topic

      ... oder nicht in Bremen oder dem Saarland

    • 18.12.2017 17:48, @@@topic

      Zugegeben, dort kann man mit einer Hausarbeit (Ghostwriter), zwei Klausuren, einer schönen Häkeldecke und einem Ausdruckstanz sein Vollbefriedigend bekommen. Und dennoch gibt es offenbar Leute, die es nicht mal dort hinbekommen. Die werden dann nach dem dritten Versuch mit gaaaaaaanz knapp 4,0 Punkten Strafverteidiger. Oder Familienrechtlerin. Und gehen echten Juristen mit ihrer Unfähigkeit auf den Sack. Traurig.

  • 17.12.2017 07:59, Rechtsbelehrung

    Meine Meinung: Jede Absenkung der Standards der beiden juristischen Examenina ist vom Übel. Die Ausbildung junger Juristen ist wie das Prägen von Münzen: Es muss tüchtig draufgeschlagen werden, damit am Ende alles sitzt, Gerade das Unzulänglichkeitserlebnis ist entscheidend für die spätere Verwendbarkeit.

  • 18.12.2017 14:01, WP StB RA CPA CFA Winkler

    Zum schmunzeln wie sich Juristen selbst bemitleiden können. Klar sind die Examen nicht ohne, dafür winken für die Besten unwirtschaftlich hohe Gehälter. Wenn man aber mal bedenkt, dass die komplette Vorbereitung in Vollzeit erfolgt und an vielen Stellen im Ref noch getaucht werden kann, muss man sich mal Fragen wie es den Examenskandidaten in der WP und StB geht, die das alles nebenberuflich (i.d.R. Wochenende) machen. Traurig diese Entwicklung bei den Juristen, vor allem wenn man bedenkt, dass die Generationen Y und Z noch nicht durch das 1. Examen sind ... manche meinen wohl die Matrikelnummer auswendig zu wissen muss für einen Abschluss reichen.

    • 18.12.2017 17:03, Commander Comment

      Hat nix mit Selbstmitleid zu tun, auch wenn selbst viele Jura-Profs solches Geschwafel von sich geben. Aber dass nur die harten in den Garten kommen, ist eine überholte Weisheit zur Überwindung von militärisch anmutenden Drucksituationen...liegt wohl am abgeschafften Grundwehrdienst, dass die Studis heute nichts mehr aushalten? Unwirtschaftlich hohe Gehälter für die Besten? Sagen wir mal für die mit den meisten Punkten (vielleicht sind auch einige der Besten darunter), abgesehen davon dass unklar ist was unwirtschaftlich sein soll. Klar, Schlupflöcher in der Ausbildung noch und nöcher und das harte Brot eines WP StB RA CPA CFA...Opferrolle vorwärts oder rückwärts gedacht uns selbst was rückbehalten? Seiens froh, dasse duarch sin und lassens ma machen, mei?

  • 02.01.2018 12:26, Ri

    Ich hab Examen bei einem Ri mit Namen "Der Hammer " gemacht. Nur EBV und Bereicherungsrecht doppelt analog!! Alle anderen sind Weicheier! Pfui deibel.

  • 29.01.2018 08:57, Carsten Dams

    Die Examina sind - für Trekkies - nunmal teilweise als Kobayashi-Maru-Test ausgelegt. Da mussten Kollegen vor uns durch, da mussten wir durch und da werden weitere Generationen durch müssen. Ist ganz gut für's spätere Durchhaltevermögen, denn statistisch ist es wahrscheinlich, dass man irgendwann mal einen Fall krachend verliert.